Jede Erinnerung bringt die im Inneren abgelagerte Vergangenheit wieder hervor. Um aus den Fragmenten nach einem Dreivierteljahrhundert einen roten Faden zu ziehen, bedarf es großer Anstrengung. Ich möchte hier eine vaterlose Kindheit in der Kriegs- und Kriegsfolgezeit aufzeigen, die sicher anders war als die in einer vollständigen Familie. Für mich gab es nur diese Kindheit, die ich dennoch als eine schöne Kindheit empfinde. Zu schön, um sie mitnehmen zu können.
Krieg und danach im Heidedorf
Kriege sind schrecklich, aber historisch gesehen enden sie doch mit einem längeren Frieden. Nach dem Ersten Weltkrieg dauerte es allerdings nur 20 Jahre, bis er sich im Zweiten Weltkrieg mit viel größerem Leid fortsetzte. Im Gegensatz zu früher blieb das Kriegsgeschehen den Augen der Bevölkerung nicht mehr weitgehend entzogen, auch unbeteiligte Zivilisten waren zunehmend betroffen.
Meine beiden Großväter waren im Ersten Weltkrieg Soldaten der Armee Österreich-Ungarns. Als sie heimkehrten, gehörte ihr Heimatdorf zum Königreich Rumänien. Mein Vater absolvierte in der Vorkriegszeit des Zweiten Weltkriegs endlose Wehrübungen, bei Kriegsbeginn rief ihn das Königreich Rumänien zu den Waffen. Als sich die Niederlage Rumäniens abzeichnete, zog man meinen Vater zur Deutschen Wehrmacht ein. Aus dem Königreich Rumänien wurde eine Volksrepublik, aus dem Deutschen Reich wurden besetzte Länder – die Bunderepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik – andere Landesteile wurden in andere Staaten eingegliedert. Um nicht für Kriegsniederlagen mit verantwortlich gemacht zu werden, hat unsere Familie nach dem Zweiten Weltkrieg entschieden, dass die männlichen Nachkommen alle Armeen der Welt meiden würden.
Nach Kriegsende überstürzten sich die Ereignisse in Marienfeld. Die Panik war vor allem das Resultat der Furcht vor der Roten Armee und einer gesellschaftlichen Radikaltransformation nach dem Modell der UdSSR mit Verstaatlichung der Produktionsmittel mit einer zentralen Kommandowirtschaft. Ich wurde 1942 geboren. Einige Ereignisse haften mir im Gedächtnis, weil sie in der Familie immer wieder erzählt wurden, andere sind Teil meiner kindlichen Erinnerung.
Rote Armee, Enteignung und Deportationen
Meine Eltern zogen bei Kriegsbeginn 1939 in das Haus in der Mokriner Straße, in dem mein Vater wegen der Wehrübungen, Soldatenpflichten, der Kriegsgefangenschaft und der verwehrten Heimkehr kaum lebte. 1943 war mein Vater letztmalig in Fronturlaub, da war ich eineinviertel Jahre alt. Erst 18 Jahre später sah ich ihn in Bad Reichenhall in Bayern wieder. Da unsere Familie nicht flüchtete, kam im Oktober 1944 ein Sowjetsoldat ans Tor (meine Mutter drückte mich zitternd in ihren Arm) und wollte ein Pferd (Konya). Doch wir hatten keins. Im Januar 1945, wie einige Male vorher, suchte ich in der Nachbarschaft nach den Nuss-Stangen, die dort immer im Wandschrank des Vorhauses zu finden waren, aber jetzt fehlten. Deshalb fragte ich nach der „lieben Zuckerbäckerin“. Ich erfuhr, dass sie kurz zuvor in die Sowjetunion verschleppt worden war. Mutter und Vater der Verschleppten weinten bitterlich.
Ich habe auch vage Erinnerung an die Enteignung: Im Sommer 1948 wurden die Felderträge nicht geerntet. Da schickte mich Oma auf ein nahes Feld Mohnköpfe schneiden. Unvergessen bleibt für mich die Bărăgan-Deportation am Sonntag, dem 17. Juni 1951: Da Mutter und die Großeltern nicht wussten, ob auch die Familie der Schwester meiner Mutter verschleppt wird, lief ich morgens allein von der Mokriner Straße, mit einer Milchkanne als Tarnung in der Hand, durch die Vordergasse zur Tante, wechselte die Straßenseite, wich dem vor einem Hause wachenden Soldaten aus. In der Kikindaer Straße schliefen noch alle, als ich am Schlafzimmerfenster der Tante klopfte. Überraschung und große Freude: Unsere Familie wurde nicht deportiert! Mit dieser Nachricht eilte ich nach Hause. Als Opa Anfang der 1950er Jahre sein Feld unter Zwang in die Kollektivwirtschaft einbringen musste, war er für immer verbittert. Als „Agrarproletarier“ musste er nun wie ein Taglöhner mit der Hacke auf fremde Anweisung Feld bearbeiten. Der Slogan: „Ihr werdet nichts haben und glücklich sein“, stimmte damals schon nicht.
Das häusliche Umfeld
In meinem Lebensweg sind die dörfliche Herkunft und das Banat zentrale Pfeiler der Sozialisation. Familie und Gemeinschaft, Religion und Kultur prägten meine Identität, die auch abseits der Heimat fortlebt.
Das häusliche Umfeld und die Tüchtigkeit meiner Familie und Nachbarschaft prägen meine Erinnerung. Vor unserem einfachen Haus gab es einen schönen, durch Buchsbaum gegliederten Rosengarten, in dem meine Mutter die Rosen veredelte. Im Trennzaun zwischen dem Rosengarten und dem Obstvorhof mit Quitten- und Aprikosenbäumen standen zwei Fliederbäume in lila und weiß. An unsere Aprikosenbäume erinnert sich einer meiner Schulkollegen noch nach 70 Jahren. In den Ställen im Tierhof hielten wir Nutztiere: Hühner, Ziegen, Kaninchen und Schweine. Das Tierwohl war kein Thema: Für alle Tiere gab es Plätze in Ställen mit Türen zum jeweils abgegrenzten Auslaufbereich an die frische Luft.
Ganz hinten auf dem Grundstück befand sich ein Kleingarten für Tomaten, Suppengemüse und Kaninchenklee. In diesem Garten überwinterten unsere Kartoffeln frostfrei in einer tiefen Spezialgrube. Im Gartenzaun zwischen Tierhof und Kleingarten standen je ein Apfel- und Birnbaum. Trinkwasser holten wir vom Artesibrunnen am Straßeneck, zum Bewässern nutzten wir Tiefbrunnenwasser.
Der uns von Nachbarn geschenkte Hund Dundi, die zugelaufene Katze Mina und zwei namenlose Wildtauben im Käfig lebten mit uns. Es ist schön, an die Gespräche mit den Tieren zu denken, die ich als Kind führte und bei denen ich mir ihre Antworten ausdenken musste.
Gemeinschaft im dörflichen Umfeld
Ab dem Kindergartenalter wurde mein Radius größer, er reichte jetzt bis in die Klosterschule, wo ich die Kindergarten- und Schulzeit verbrachte. Die Jausenbrote waren in eine bunte Blechdose gepackt. Ich erinnere mich aber an eine gewisse Einförmigkeit im Kindergarten, die Rutsche durfte nur selten genutzt werden. Doch es gab keine andere Möglichkeit, denn meine Mutter musste arbeiten. Rund zehn Jahre lang war der Weg zur Klosterschule meine tägliche Pflicht, während der Schulzeit manchmal noch nachmittags. Die Schule machte mir Freude. Mein Schulranzen bestand aus filigranem Holz. Schiefertafel und Schwamm waren darin – sinnvolle Arbeitsmittel, die jedoch beim Laufen Lärm machten. Im Rückblick war die Schule sehr gut für meinen weiteren Lebensweg. Anlässlich eines Besuchs in Marienfeld lobte ich meine Schulzeit und meine Lehrer bei einem Lehrertreffen.
Obwohl das Regime Kirchgänge behinderte, waren Katechismus-Unterricht und Messdienen möglich. In Erinnerung geblieben ist mir das Anzünden des Weihrauchkessels auf der Außentreppe der Sakristei. Da die Oma eines Schulkollegen Mesnerin war, durften wir oft die drei Glocken läuten und uns an deren Seilen die Bubenhände heiß reiben. Gleich daneben stand die mächtige Kirchturmuhr, in deren Nähe fühlte man das Zittern des Glockenturms unter den Schlägen des Stundenhammers.
Zusammen mit dem Nachbarfreund erkundete ich am Bahnhof die Waggons und deren Bremsen, die Schienen, Weichen und den tickenden Morseapparat. Wir fanden heraus, dass die Radform das Entgleisen verhinderte. Den Weichenwart Motica beobachteten wir beim Weichenstellen. Bei nahenden Zügen legten wir das Ohr auf die Schienen und verglichen, wann wir das Geräusch jeweils in der Schiene und in der Luft hörten. Wir erkannten den Unterschied, denn die Fortpflanzung des Schalls im Stahl ist um mehr als das Zehnfache schneller als in der Luft. Fasziniert waren wir vom Morseapparat für die Übermittlung von Schriftzeichen: Punkt (.) Strich (_) und Pause ( ). In der ersten Szene des Films „Spiel mir das Lied vom Tod“ mit Charles Bronson erinnerte mich der Morseapparat an meine Kindheit.
Die Menschen fühlten sich in der Gemeinschaft verbunden und solidarisch. Selbstverständlich half jeder jedem: Arme wurden unterstützt, körperlich Eingeschränkten Arbeit vermittelt, Werkzeuge an die verliehen, die sie gerade brauchten (z. B. der Fleischwolf für Schweineschlachten). Wer etwas Bestimmtes konnte (z. B. Veredelmesser schärfen), half den weniger Begabten. Für Hilfe gab es keine Begründung und keine Verpflichtung zur Gegenleistung.
Weil jeder die Augen offen hatte, gab es in Marienfeld viele aufmerksame Schutzengel. Bei Beginn der Kindergartenzeit kam ich einmal heim und erschrak, denn meine Mutter war nicht da. Ich weinte laut vor dem Tor. Da kam Hilfe von einem Schutzengel: Gegenüber auf der Bank saß Hunyar-Oma, die mich tröstete und rief: „Geh zur Großmutter, die wartet auf dich.“
Durch das Sandloch (die von Artesibrunnen gespeiste frühere Baustoffgrube wurde zum naturbelassenen Teich) lief ich ungezählte Male. Tag für Tag ging ich mehrmals denselben Weg, den niemand pflegte, vorbei an Maier Jakob, Fassl, Eberle und weiter, überquerte die Straße, lief eng am Nordufer des Teichs hinter Niculescus Zaun vorbei zur Oma, die immer daheim war. Ich kannte jeden Baum, jedes Unkraut und jeden Müll am Wegrand. Zwischen Niculescu und dem Großelternhaus stand eine schöne Pappel, der später Blitz und Sturm zusetzten. Einmal sah ich, wie eine Kröte mit der Klapperzunge ein Insekt wegfing. Manchmal flogen flinke Schwalben über den Teich. Wenn die kurzen Schnäbel knappten, bedeutete das jedes Mal den Tod eines Insekts. Den Sonnenuntergang über dem Sandloch genoss Oma, wenn sie im Sommer vor ihrem Haus saß. Ich mochte sie sehr und gönnte ihr die Entspannung. Sie brauchte keine Uhr, erkannte die Tageszeit am wandernden Schatten.
Das Sandloch änderte mit den Jahreszeiten sein Gesicht: Dem freudig ergrünenden Frühjahr folgte ein wunderschöner warmer Sommer, dann das gelassene Sterben des Herbstes nach Einbringen der Ernte bis zum ungemütlichen Winter mit Sturm und Kälte. Aber auch Frost und Eis bescherten Kindern schöne Stunden auf Schlittschuhen. Heute steht kein Wasser in der Senke, denn der sie früher speisende Artesibrunnen ist längst versiegt.
Erich Leitner durfte mit seiner Mutter im Sommer 1961 mit Hilfe des Roten Kreuzes ausreisen. Er gehörte damit zu den Nutznießern des Abkommens zur „Familienzusammenführung“ nach dem Tod Stalins 1953 und dem Ungarnaufstand 1956. Für die Abwicklung war die Französische Botschaft in Bukarest zuständig, denn zur Bundesrepublik Deutschland gab es noch keine diplomatischen Beziehungen. Bis zum Erfolg des Antrags dauerte es sechs Jahre, zweimal war er abgelehnt worden. Erich Leitner erinnert sich noch an eine Handvoll weitere Fälle in seiner näheren Umgebung, die aufgrund dieses Abkommens zu ihren abwesenden Familienvätern ausreisen durften: In die Bundesrepublik Deutschland und USA, nach Argentinien und Australien.












