Es sollte eine außergewöhnliche Veranstaltung werden, mit der wir nicht nur unsere Banater Schwaben erreichen, sondern auch Außenstehende. Sie ist es geworden. Am 28. Mai 2025 trafen sich unsere Landsleute, aber auch Vertreter der Siebenbürger Sachsen, der Deutsch-Ungarischen Gesellschaft, der Deutsch-Rumänischen Gesellschaft und Freunde des ungarischen Kulturinstituts Collegium Hungaricum Berlin (CHB) in dem repräsentativen Veranstaltungssaal des CHB zu einem Musikvortrag und einem anschließenden Konzert. In dem Vortrag ging es um den Komponisten Jakob Pazeller, den Schöpfer des einstigen Welthits „Souvenir de Herkulesbad“. Den Vortrag mit sehr vielen Bildern und Musikbeispielen hielt dessen Enkel Friedrich Pazeller. Seit dreieinhalb Jahrzehnten arbeitet er daran, das Werk seines in Vergessenheit geratenen Großvaters wieder bekannt zu machen. Danach gab Friedrich Pazeller auf dem Blüthner-Flügel des CHB ein Konzert mit eigenen Kompositionen. Wie sein Großvater ist auch Friedrich Pazeller Pianist, Komponist und Dirigent. Nachdem er vierzig Jahre lang in Deutschland gearbeitet hatte, ist er voriges Jahr nach Ungarn zurückgekehrt. Sehr gefreut hat uns, dass auch unser Bundesvorsitzender Peter-Dietmar Leber zu unserer Veranstaltung nach Berlin gekommen ist, ebenso der stellvertretende Botschafter Rumäniens Michael Fernbach sowie der Leiter des Rumänischen Kulturinstituts in Berlin Cristian Niculescu. Ungarn war durch die Botschaftsrätin Dr. Márta Nagy vertreten, die Direktorin des Collegium Hungaricum Berlin, sowie durch ihre Stellvertreterin Boglárka Cziglényi. Im letzten Halbjahr hat Frau Cziglényi unendlich viel Zeit und Energie in diese Gemeinschaftsveranstaltung investiert, wofür wir ihr von Herzen danken. Dr. Márta Nagy umriss in ihrer Eröffnungsansprache kurz, aber sehr präzise, wer die Banater Schwaben in Berlin und den neuen Bundesländern sind und welche Aufgaben sie sich selbst gestellt haben. Friedrich Pazeller berichtete sehr viel Interessantes über seinen Großvater. Er studierte sein Erbe und wertete auch Archive aus.
Militärkapellmeister in Arad und Herkulesbad
Jakob Pazeller wurde am 2. Januar 1869 in Baden bei Wien geboren. Am Wiener Konservatorium studierte er Violine und Kompositionslehre. Nach Abschluss seines Studiums wurde er 1888 Konzertmeister im Orchester von Eduard Strauß. In einem Brief, den er kurz vor seinem Tod 1957 in Budapest selbst schrieb, fasste er zusammen, wo er überall Orchester dirigierte: in Baden bei Wien, in Krems an der Donau und am Carl-Theater in Wien, in Iglau und in Teplitz im heutigen Tschechien, in Trentschin in der heutigen Slowakei, in Marburg im heutigen Slowenien sowie in Hermannstadt und in Kronstadt in Siebenbürgen. 1896 wurde er für zehn Jahre Militärkapellmeister in Arad und Herkulesbad. In dieser Banater Zeit, genauer 1903, hat er auch den Walzer „Souvenir de Herkulesbad“ komponiert, der ein Welthit wurde. Der Walzer gehört heute noch zum Standardprogramm der Kur- und Salonorchester sowie vieler Blasmusikkapellen. 1906 wurde Pazeller als Militärkapellmeister nach Budapest versetzt.
Unter Zensur im kommunistischen Ungarn
Politische Probleme bekam er erstmals, als Ungarn im März 1919 für einige Monate zu einer sozialistischen Räterepublik wurde. Da hieß es „Wir wollen diesen deutschen Dirigenten nicht mehr.“ Pazeller versteckte sich in Székesfehérvár (Stuhlweißenburg). Nach dem Ende der Räterepublik durfte er wieder auftreten. In der kommunistischen Zeit in Ungarn wurde er „unter Zensur gestellt“, was bedeutet, dass seine Kompositionen weder gedruckt noch gespielt werden durften. Eine Ausnahme war der „Herkulesbad“-Walzer, bei dem aber der Name des Komponisten verschwiegen wurde. Bis zu seinem Tod am 24. September 1957 in Budapest komponierte Jakob Pazeller mehr als 200 Werke, darunter eine Oper, drei Operetten sowie zahlreiche Walzer, Lieder, Romanzen, Märsche und andere Orchester- und Tanzstücke.
Friedrich Pazeller war erst ein halbes Jahr alt, als sein Opa starb, und hat keine persönlichen Erinnerungen an ihn. Mit etwa fünfzehn Jahren öffnete er zu Hause einen Schrank, in dem sich sämtliche Noten seines Großvaters befanden. Er setzte sich ans Klavier und fing an zu spielen. Als seine Eltern das hörten, kamen sie hereingestürzt und fragten entsetzt „Was machst du da?“. Von da an war ihm klar, dass er dafür sorgen musste, das vergessene Werk seines Großvaters dem musikliebenden Publikum bekanntzumachen. Nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft in Ungarn sah er die Zeit dafür gekommen. Im Jahr 2000 gründete er in Baden-Baden den Verein für Musikforschung und Konzerte, 2002 das Jakob-Pazeller-Orchester. Es folgten mehrere CD-Einspielungen mit Werken von Jakob Pazeller, darunter 2013 in Ungarn die CD „Liebestanz“. Hier dirigierte Friedrich Pazeller das Budapester Donau-Sinfonieorchester (Duna Szimfonikus Zenekar).
Das Vermächtnis des Großvaters
Friedrich Pazeller wurde am 5. März 1957 in Budapest geboren. Er studierte am Béla-Bartok-Konservatorium, dann auf der Franz-Liszt-Musikakademie Kompositionslehre, das Lesen von Partituren, Musikwissenschaft, Dirigieren und Klavier.
Nach dem Vortrag über seinen Großvater spielte Friedrich Pazeller sieben sehr schöne Lieder, die er selbst komponiert hat, darunter das Lied „Nie mehr allein“, das er für Marc Marshall geschrieben hat, sowie das Lied „Weihnachtsglocken“, das er für Hans Siebeneichers beliebte Fernsehsendung „Fröhlicher Alltag“ komponiert hat. Das Publikum war vom Vortrag und von dem Konzert begeistert. „Das ist nicht mehr zu übertreffen“, schrieb ein Landsmann.
Jakob Pazellers Klavier nach Herkulesbad
Den Flügel, auf dem Jakob Pazeller sein Leben lang komponierte, möchte Friedrich Pazeller sehr gern der Stadt Herkulesbad schenken. Das geht aber erst, wenn dort die „Sissy-Villa“ renoviert ist und ein Pazeller-Raum eingerichtet wird. Die österreichische Kaiserin Elisabeth reiste mehrmals nach Herkulesbad. Für sie war es „der schönste Kurort auf dem Kontinent“.
Nach dem Vortrag und Konzert waren alle Gäste zu einem Umtrunk eingeladen. Bei einem Glas guten ungarischen Weins konnten sie sich in kleiner Runde austauschen und neue Kontakte knüpfen.
Die Idee zu dem Thema unserer 70-Jahr-Feier kam von unserem ältesten und langjährigsten Mitglied Richard Fasching, der 2019 auf einem Treffen in Berlin über Jakob Pazeller und seinen „Herkulesbad“-Walzer erzählte. Das war die Initialzündung. Bis es zur Veranstaltung kam, gingen sechs Jahre Organisation ins Land. Sehr dankbar sind wir dem Collegium Hungaricum, der ungarischen Kultur- und Wissenschaftsstätte in Berlin, dass es zu dieser Gemeinschaftsveranstaltung mit uns bereit war. So wie wir in Berlin seit 70 Jahren bestehen, besteht das CHB dort seit 100 Jahren. Wir sind zuversichtlich, dass es nach diesem schönen Erfolg weitere gemeinsame Projekte geben wird. Sehr dankbar sind wir Friedrich Pazeller, dass er zusammen mit seiner charmanten Partnerin Szilvia Steiber aus Ungarn zu unserer Jubiläumsveranstaltung gekommen ist. Er ist gern bereit, zu einer ähnlichen Veranstaltung auch in eine andere Stadt zu kommen.










