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»Zentrum zur Erforschung deutscher Geschichte und Kultur in Südosteuropa an der Universität Tübingen« (Teil II)

Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde Tübingen

Im Rahmen einer politisch und wissenschaftlich hochrangig besetzten Feierstunde wurde am 6. Juli das neugegründete „Zentrum zur Erforschung deutscher Geschichte und Kultur in Südosteuropa an der Universität Tübingen“ in den Räumen der Alten Aula der Universität Tübingen feierlich er-öffnet. Der Stellenwert des neuen Zentrums wurde unterstrichen durch die Anwesenheit des Innenministers des Landes Baden-Württemberg, Reinhold Gall, der Ministerialdirektorin beim Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), Dr. Ingeborg Berggreen-Merkel, sowie der Prorektorin der Universität Tübingen, Professor Dr. Stefanie Gropper.

Die Fäden für ein faszinierendes Forschungsgebiet werden in Tübingen zusammengeführt

In seinem Beitrag erläuterte der Direktor des Ludwig-Uhland-Instituts und zugleich wissenschaftlicher Leiter des IdGL, Prof. Reinhard Johler, die Voraussetzungen, Ziele und Struktur des „Tübinger Zentrums“. Die Gründung des Zentrums sei gut durchdacht, interdisziplinär und inter-national ausgerichtet und gründe auf der Verbindung von außer- und inneruniversitärer Forschung. Darüber hinaus ziele das Zentrum auf die bessere Sichtbarmachung der Forschung zu dieser faszinierenden Region und seinen Menschen sowohl in akademischen Kreisen als auch in der Öffentlichkeit. Das Zentrum habe, so Prof. Johler, eine offene Struktur, die allen Forschungseinrichtungen der Universität Tübingen, Baden-Württembergs, der Bundesrepublik und den Ländern Südosteuropas eine Plattform biete. Das Zentrum habe sowohl die Geschichte als auch die Gegenwart und Zukunfts-gestaltung Südosteuropas im Blick. Als Beispiel dafür nannte Prof. Johler die EU-Donauraum-Strategie, in die sich das Zentrum einbringen werde. Das Zentrum werde Südosteuropa, den wiederentdeckten Raum in unmittelbarer Nachbarschaft, und insbesondere seine ethnische und kulturelle Vielfalt wieder stärker in das öffentliche Bewusstsein einführen.

Im Festvortrag der Eröffnungsfeier nahm Prof. Dr. Joachim von Puttkamer von der Friedrich-Schiller-Universität Jena unter dem Titel „Südosteuropa und seine Deutschen. Grundlagen und Perspektiven der kulturhistorischen Forschung“ eine kritische Be-standsaufnahme der einschlägigen Forschung vor. Er warnte vor zwei Tendenzen: den gesamten südosteuropäischen Raum und seine Geschichte bloß auf inner-ethnische Probleme zu reduzieren, oder aber die Erfahrungen und Handlungen der Habsburger-monarchie in Südosteuropa zu verklären. Von der Gegenwart ausgehend, skizzierte er drei zentrale Forschungsfelder, die für die Arbeit des neuen Zentrums richtung-weisend sein könnten: die Er-forschung der Zeit des Kommu-nismus, der Diktaturen und Ver-treibungsprozesse sowie die der Nationalitätenfragen des 19. Jahrhunderts. Ziel sollte es nach Prof. von Puttkamer bei der Erforschung der jüngsten Vergangenheit sein, die Situation der deutschen Minder-heiten in Südosteuropa nicht nur auf die interethnische Problematik zu reduzieren, sondern auch ihr Handeln als Teil gesamtstaatlicher Interaktionen zu sehen. Als Beispiel führte er den siebenbür-gischen Lyriker Oskar Pastior an, dessen Leben geprägt war von den Erfahrungen mit den kommunis-tischen Diktaturen in Rumänien und der Sowjetunion. Sein von Herta Müller in ihrem Werk „Atemschaukel“ festgehaltenes Schick-sal als Zwangsarbeiter in einem sowjetischen Arbeitslager und seine Erfahrungen mit der rumä-nischen Securitate stehen nach Prof. von Puttkamer exemplarisch für die Doppelrolle vieler Ange-höriger der deutschen Minderheiten. Beim Forschungsfeld „Dikta-turen und Vertreibungen“ verwies Prof. von Puttkamer auf die Vielzahl interethnischer Auseinandersetzungen in Südosteuropa, die zum Teil bis in die Gegenwart nachwirken und auch heute noch zwischenstaatliche Beziehungen beeinflussen. Gerade die hieraus resultierenden Vertreibungen großer Teile der Deutschen, aber auch anderer ethnischer Minderheiten, sollten nach Puttkamer als kultureller Verlust für die Heimat-regionen gesehen werden. So könne einer Ethnisierung der Vertreibungen entgegengewirkt werden.

Bei den Nationalitätenfragen des 19. Jahrhunderts legte von Putt-kamer den Fokus auf die Frage, wie nationale Kulturen entstanden, ob und wann sich ein deutsches Nationalbewusstsein in den Ländern Südosteuropas herausbildete. Er ging hier explizit auf die unterschiedliche Wahrnehmung deutscher Identität in den Regionen Südosteuropas ein. Letztlich machte der Festredner anhand der drei Bereiche des Vortrags deutlich, dass die Geschichte Süd-osteuropas nur bedingt als Geschichte einzelner Völker gesehen werden kann. Vielmehr sieht er das Ziel kulturhistorischer Forschung zu Südosteuropa und seinen Deutschen in der historisch-kritischen Befragung ganzer Gesellschaften. Hierfür biete das neue „Tübinger Zentrum“ beste Voraussetzungen, indem es fächerübergreifend und international historische und kulturwissenschaftliche Forschung verknüpft. Mit dem Festakt wurde, wie Dr. Mathias Beer abschließend betonte, der Grundstein für das „Zentrum für die Erforschung deutscher Geschichte und Kultur in Südosteuropa an der Universität Tübingen“ gelegt. Es liege nun an allen Forschungseinrichtungen des In- und Auslandes, ob universitär oder außeruniversitär, die neue Plattform so auszubauen und zu nutzen, damit die Sichtbarkeit deutscher Geschichte und Kultur in Südosteuropa erhöht wird.