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Banater Post

Mit dem Fahrrad durch das Baltikum

Albert Müller mit seinem Fahrrad auf dem Soldatenfriedhof in Narwa. Einsender des Fotos: Albert Müller

Bereits vor zehn Jahren fasste ich den Entschluss, eine Fahrradtour durch das Baltikum zu machen, um das Grab meines Schwiegervaters auf dem Soldatenfriedhof in Narwa aufzusuchen. Aus verschiedenen Gründen musste ich die geplante Tour immer wieder verschieben. Bevor ich eine Radtour solchen Ausmaßes aus Altersgründen – immerhin bin ich schon 72 Jahre alt – nicht mehr bewältigen kann, wagte ich dann endlich die Unternehmung im Juni dieses Jahres. Bestens vorbereitet, startete ich voller Erwartung auf die Erlebnisse und Eindrücke, die auf mich einstürmen werden, in der litauischen Hauptstadt Wilna. Hier hatte ich zunächst einen Besichtigungstag eingelegt, denn Land und Leute kennenzulernen, aber auch die  Sehenswürdigkeiten zu besichtigen, die das Baltikum bietet,  waren mir ein besonderes An- liegen. Bereits am ersten Tag  meiner Tour wurde ich angenehm überrascht: Litauen ist – wie Lettland und Estland übrigens auch – mittlerweile in der Europäischen Union angekommen. Die Jugend ist selbstbewusst, gebildet – man trifft kaum jemand, der nicht englisch oder deutsch spricht –, gut gekleidet und aufgeschlossen freundlich. Ebenso war ich über die Sauberkeit der Städte erstaunt und darüber, dass ich kaum Bettler oder verwahrloste Menschen zu sehen bekam. In Reval, dem heutigen Tallinn, begegnete ich dann doch noch solchen am Rande der Gesellschaft lebenden Menschen. Die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählende Altstadt von Wilna mit ihren verwinkelten Gassen und den zwei Dutzend barocken Kirchen war für mich eine heraus- ragende Sehenswürdigkeit, die von der wechselhaften Geschichte der Stadt erzählt und von ihrem  früheren Reichtum kündet.

Ab Kaunas radelte ich dann an den Ufern des einstigen deutschen Grenzflusses – der Memel – entlang bis zu deren Mündung in das Kurische Haff. Der Plan, die 44  Kilometer auf der Kurischen  Nehrung – einem das Kurische Haff von der Ostsee trennenden Landstreifen – zu radeln, scheiterte an den überzogenen Preisen, die für das Übersetzen mit dem Boot verlangt wurden. Meine  Tagesetappen beliefen sich auf  80 bis 147 Kilometer. Sie waren so ausgelegt, dass ich am Ende des Tages eine Pension, ein Gästehaus oder ein Hotel in einem größeren Ort beziehen konnte.

Die Natur scheint im Baltikum weitgehend noch intakt zu sein. Weite Sandstrände, dahinter schattige Kiefern, ausgedehnte Wälder, eine Vielzahl von Seen, gewundene Wasserläufe und  geheimnisvolle Moorgebiete mit vielen Störchen verleihen der Landschaft ein bezauberndes Flair. Hinzu kommt noch, dass die Straßen gut bis sehr gut, außerhalb der städtischen Einzugs- gebiete aber nur schwach befahren sind. Solche Bedingungen lassen jedes Radlerherz höher schlagen.

Die lettische Hauptstadt Riga stellte einen weiteren Höhepunkt meiner Reise dar. Auch der alte,  restaurierte Stadtkern dieser ehemaligen Hansestadt mit seinen  Jugendstilhäusern und dem Kopfsteinpflaster steht auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes. An der Küste des Rigaer Meerbusens entlang radelte ich zunächst bis über die estnische Grenze und weiter landeinwärts über Tartu, dem  Peipsi-See entlang bis Jöhvi im Nordosten des Landes, und von hier bis Narwa an der russischen Grenze, meinem eigentlichen Ziel. In Narwa, einer wichtigen Industriestadt mit über 66000 Einwohnern, besuchte ich den vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge angelegten Soldatenfriedhof. Auch viele im Zweiten Weltkrieg an der Narwa-Front gefallene Banater Schwaben haben hier, nach Jahrzehnten der Vergessenheit, ihre letzte würdige Ruhe gefunden. Hunderte gleichförmige, mit Namen versehene Grabsteine geben den hinterbliebenen Angehörigen die Gewissheit, hier  einen Ort des Erinnerns und des Gedenkens vorzufinden. In meinem Notizblock hatte ich eine  Reihe von in Narwa gefallenen Traunauer und Guttenbrunner Landsleuten notiert, die ich auffinden wollte. Ein besonderes An- liegen war mir aber, die letzte  Ruhestätte meines Schwiegervaters Peter Bomans (1919–1944) ausfindig zu machen. Nach Auskunft des Volksbundes wurde er in Block 6 beerdigt. Seinen Namen konnte ich jedoch auf keinem der Pultsteine entdecken, auf denen viele Namen unbekannter Gefallener eingraviert sind. Dies hängt  damit zusammen, dass die Anbringung der Namen noch nicht abgeschlossen ist. Die Kriegsgräberfürsorge beabsichtigt, die Namen aller unbekannten Soldaten, die auf dem Friedhof ruhen, auf Granitplatten einzumeißeln. So verweilte ich bei den fünf Reihen von Kreuzen, die in Zweier-,  Dreier- und Vierergruppen für die hier bereits ruhenden unbekannten deutschen Soldaten in Block 6  aufgestellt wurden. Bei einem  der Kreuze blieb ich stehen und zündete eine Grableuchte an, im Glauben daran, dass an dieser Stelle mein Schwiegervater seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Obwohl es ein windiger Tag war, brannte die Kerze auch noch am Nachmittag, als ich den Friedhof nochmals aufsuchte. Bei meinem Suchen nach den hier beigesetzten Landsleuten, die auf meiner  Liste standen, stieß ich auf den Namen von Franz Binschedler, den Vater meines Schwagers, der am 6. März 1944 gefallen ist. Auch hier zündete ich eine Grableuchte an. Der große Soldatenfriedhof in  Narwa ist schön am Ufer des gleichnamigen Flusses gelegen und macht einen gepflegten Eindruck. Meine uneingeschränkte Anerkennung und mein Dank gilt dem Wirken des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge und dessen Mitarbeitern. Um diese Arbeit getreu dem Motto „Versöhnung über den Gräbern –  Arbeit für den Frieden“ weiterhin leisten zu können, ist die Organisation auf Spenden angewiesen. Ich kann es bezeugen: Das Geld findet sinnvolle und nachhaltige Verwendung. Nach einem Tag Aufenthalt in Narwa radelte ich am Ufer des finnischen Meerbusens entlang der estnischen Hauptstadt Tallinn zu. Auch diese alte Hansestadt, das frühere Reval, wurde ebenso wie Wilna und Riga unter dem Einfluss deutscher Kaufleute reich und berühmt. Die sehenswerte Altstadt zählt heute auch zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Von den drei Wochen, die ich für diese Tour eingeplant hatte, blieb mir noch genug Zeit für einen  Abstecher mit dem Schiff nach Helsinki, in die finnische Hauptstadt. Sie beeindruckte mich mit all ihren Sehenswürdigkeiten, aber auch durch die Sauberkeit und den Wohlstand der Menschen. Außer dem hinteren Reifen haben Rad und Radler die 1600 Kilometer  lange Tour gut bewältigt. Der Reifen ist wegen Materialermüdung von der Felge abgesprungen. Diese Panne hat mich in einer abgelegenen Gegend, 15 Kilometer von Jöhvi entfernt, überrascht, und so war ich auf fremde Hilfe angewiesen. Ein Autofahrer – es war ein in Estland lebender Russe – hat mich bis vor die Tür einer Fahrradwerkstatt in Jöhvi gefahren, wo ich bestens bedient wurde: Ich erhielt einen neuen Reifen, eine gebrochene Speiche wurde ausgewechselt, Vorder- und Hinterrad wurden neu zentriert, Gangschaltung und Bremsen neu eingestellt. Die Fahrt konnte weitergehen, und ich erreichte mein angepeiltes Tagesziel. Mit dieser Radtour bekam ich abermals die Bestätigung: Der Wille, das Ziel zu erreichen, die körperliche und geistige Fitness und  eine positive Einstellung zu den  jeweiligen Gegebenheiten sind maßgebend für das Gelingen einer längeren Radtour in ferne Länder.

 

Der 1940 in Traunau geborene und heute in Schwäbisch Hall  lebende Hobby-Radsportler und Buchautor Albert Müller erfüllte sich seinen Traum, die Welt zu  sehen und zu erkunden, auf zahlreichen Radtouren und Wanderungen. Einige seiner Reise- berichte sind in den zurückliegenden Jahren in der Banater Post erschienen. Seine Erlebnisse auf Fahrradtouren durch dreißig Länder auf vier Kontinenten schildert er in dem Buch „Radspuren“ (2003), jene auf dem  Jakobusweg, den er zu Fuß zurückgelegt hat, in dem Buch „Perlen auf dem Jakobusweg. Drei Millionen Schritte nach  Santiago“ (2006). Mit seinem dritten Buch „Entlang eines  bewegten Lebens“ (2008) legte der Weltenbummler und Tausendsassa seine Lebenserinnerungen vor.