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Banater Post

Neupanater gedenken der Gründung ihres Heimatortes vor 225 Jahren

Neupanater und Sanktmartiner Landsleute in historischen Trachten mit den Ehrengästen vor dem Auswandererdenkmal in Ulm Foto:Walter Tonţa

Die Gedenktafel der HOG Neupanat am Donauschwabenufer.

An Bord der Ulmer Schachtel: Die »Auswanderer« nehmen Abschied. Fotos: Katharina Spick

Auch damals, vor 225 Jahren, als die Vorfahren von Ulm aus aufgebrochen sind, um im Arader  Komitat, im damaligen Ungarn,  eine neue Heimat zu finden, dürfte der Wettergott den Auswanderungswilligen nicht immer hold  gewesen sein – genauso wie am Sonntag, dem 1. Juli, als ein Starkregen die Feierstunde am Ulmer Donauufer beeinträchtigte. Diese war der Ortsgründung von Neupanat vor 225 Jahren gewidmet und mit der Enthüllung einer von der Heimatortsgemeinschaft Neupanat gestifteten Gedenktafel am Donauschwabenufer verbunden. Im Anschluss daran startete die diesjährige Schachtelfahrt der  Gesellschaft der Donaufreunde Ulm, die in Zusammenarbeit mit der Landsmannschaft der Banater Schwaben stattfand. Trotz schlechter Wetterprognosen fanden sich am Morgen des 1. Juli rund dreißig Nachfahren jener Auswanderer des 18. Jahrhunderts in historischen Trachten am Auswandererdenkmal ein. Sie stammten aus den beiden nördlich der Marosch liegenden Gemeinden Neupanat und Sanktmartin. Der Feierstunde wohnten weitere Landsleute aus den genannten und aus anderen Banater Orten bei. Für die musikalische Umrahmung der Feier sorgten ein Bläserquartett unter der Leitung von Jakob Baumann und Michael Kessel sowie der Neupanater Chor unter der Leitung von  Anna Putschler.

Mit der Ulmer Schachtel unterwegs auf der Donau

Richard Jäger begrüßte seitens des Bundesvorstands der Landsmannschaft der Banater Schwaben und des Vorstands der HOG Neupanat alle Mitwirkenden und die der Gedenkfeier beiwohnenden Landsleute. Als Ehrengäste hieß  er willkommen: Ivo Gönner (Oberbürgermeister der Stadt Ulm), Hans Supritz (Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Donauschwaben), Michael Theurer (Abgeordneter des Europäischen  Parlaments), Martin Grimmeiß (Vorsitzender der Gesellschaft der Donaufreunde Ulm), Dr. Manfred Eisenmann (stellvertretender Vorsitzender) sowie Pfarrer Peter  Zillich und Bernhard Fackelmann (Vorsitzender des Kreisverbandes München der Landsmannschaft der Banater Schwaben). Nach den Grußbotschaften der Ehrengäste ergriff Richard Jäger, der Vorsitzende der HOG Neupanat, das Wort. Für die Banater Schwaben sei Ulm ein Teil ihrer Identität. Hier habe ihre Geschichte ihren Ausgang genommen, hier sei die  Geburtsstunde ihrer Gemeinschaft und hier schließe sich für sie  wieder der Kreis der Geschichte, so Jäger. Er erinnerte daran, dass im April und Mai des Jahres 1785  288 Familien – dem Ruf des  Kaisers Joseph II. folgend – von Ulm aus voller Gottvertrauen und Hoffnung auf eine bessere Zukunft ins Arader Komitat auswanderten. Von den 1489 Auswanderern  starben bereits 42 auf der Reise und weitere 429 während der  Ankunftsjahre 1785/86 in den einquartierten Ortschaften. Nach eineinhalb Jahren war somit ein Drittel der Menschen, die in Ulm die Schiffe betreten hatten, nicht mehr am Leben. Die verbliebenen 242  Familien gründeten 1787 die Ortschaften Neupanat (150 Familien), Neupankota (56) und Neupaulisch (36). Lebten 1940 in Neupanat noch rund 2000 Deutsche, nahm deren Zahl danach durch die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs und vor allem durch die Aussiedlung kontinuierlich ab. Zwischen 1959 und 1990 hätten 1567  Deutsche Neupanat verlassen und  hier in Deutschland eine neue  Heimat gefunden, sagte Richard  Jäger.

In Erinnerung an die Geburtsstunde und das Schicksal ihrer  Gemeinschaft enthüllte die HOG Neupanat eine Gedenktafel. Die  an der Stadtmauer am Donauschwabenufer angebrachte Tafel, die stellvertretend für die deutschen Orte nördlich der Marosch steht, wurde von Pfarrer Peter  Zillich gesegnet. Mit einer Kranzniederlegung am Auswandererdenkmal endete die Gedenkfeier. In der Nähe des Denkmals startete dann die diesjährige Jahresfahrt der Gesellschaft der Donaufreunde mit der Ulmer Schachtel. Die in historische Trachten gekleidete „Auswanderergruppe“  begab sich an Bord der „Ulm“. Mit von der Partie waren auch  der Europa-Abgeordnete Michael Theurer und selbstverständlich die beiden Vorstände der Gesellschaft der Donaufreunde. Die Abfahrt am Donauufer war für die „Auswanderer“ sehr bewegend, auch wenn sie wetterbedingt gleich den Schutz der Hütte auf der Ulmer Schachtel suchen mussten. Zunächst galt es jedoch, sich von den Zurückbleibenden zu verabschieden. Die „Auswanderer“ sangen die alten Volksweisen „Jetzt ziehen wir zum Tor hinaus“ und „Nach meiner Heimat zieht’s mich wieder“ und winkten mit ihren Dreispitzhüten und Taschen-tüchern den am Ufer Stehenden zu. Solche Szenen dürften sich  immer wieder im Verlauf des 18. Jahrhunderts abgespielt haben.

In der Hütte machte es sich die Reisegesellschaft gemütlich. Jeder hatte in seinem „Bingl“ Wegzehrung dabei: Schinken, Speck und Wurst, einiges sogar von  der eigenen Schlachtung, Brot,  Tomaten und Paprika. Der in Tonkrügen mitgebrachte Schnaps und Wein wurde immer wieder reihum gereicht. Um die Mittagszeit fand auf der Schachtel eine Gedenkfeier statt, bei der Pfarrer Peter  Zillich bewegende Worte sprach und an die Umstände der Auswanderung sowie an das große Gottvertrauen unserer Ahnen erinnerte. Während Ildikó Hajtman das „Ave Maria“ sang, übergaben die Reisenden in Erinnerung an die Vorfahren der Donau einen Kranz und Blumen. Anschließend ging  es wieder fröhlich weiter. Pfarrer Zillich spielte auf dem Akkordeon alte Volkslieder, es wurde gesungen und sogar getanzt. Leider ging die Fahrt nicht wie geplant bis Dillingen, sondern nur bis Oberelchingen. Dennoch versuchten die vier Schiffsleute den Aufenthalt  ihrer Gäste auf der Ulmer Schachtel so angenehm wie möglich zu gestalten. Die Fahrt endete in Ulm gegen 16 Uhr, wieder bei Regen. Auch wenn sie von der Dauer und den Bedingungen her mit dem, was die Auswanderer im 18. Jahrhundert erlebten, kaum zu vergleichen ist, bot sie dennoch  einen Einblick in die damalige Zeit und eine Vorstellung davon, mit welchen Strapazen eine solche Reise donauabwärts verbunden war. Für die Vorfahren der Neupanater und Sanktmartiner war es alles andere als eine Vergnügungsfahrt, sondern eine Reise in eine unbekannte Gegend und eine ungewisse Zukunft.