zur Druckansicht

private Anzeige schalten

Media-Center

Banater Post

Heide und Hecke. Was sagen uns Banater Etymologien (Teil 2)

Banater Landschaft: Reifes Ährenfeld, Ölgemälde von Stefan Jäger. Quelle: Stefan Jäger Archiv (https://jaeger.banater-archiv.de), WK 1349

Die Etymologie erfragt die Herkunft, die Grundbedeutung und Entwicklung einzelner Wörter sowie ihre Verwandtschaft mit Wörtern gleichen Ursprungs in anderen Sprachen. Die historisch-vergleichende Sprachwissenschaft des 18. und 19. Jahrhunderts benutzte die Erforschung etymologischer Zusammenhänge zur Rekonstruktion einer gemeinsamen indoeuropäischen Grundsprache oder als Beleg für einzelsprachliche Verwandtschaftsbeziehungen. Die Wortgeografie stellt gerade im deutschen Sprachbereich erhebliche Unterschiede in der Benennung desselben Dinges nach Regionen und sprachlichen Varietäten fest, wie sie im Deutschen Wortatlas festgehalten sind. Dabei handelt es sich meistens um konkrete Bezeichnungen von landwirtschaftlichen und handwerklichen Produkten, also um Dinge der Sachkultur, die oft aus anderen Sprachen entlehnt werden. So genannte Wanderwörter wie Kukuruz oder Palatschinke können in zahlreichen Sprachen einer ganzen Region vertreten sein und dadurch den Wanderweg der Sache und ihrer Bezeichnung in einem längeren Zeitraum anzeigen.
Der rumänische Germanist Vasile Arvinte stellte vor allem Entlehnungen im Bereich der Sachkultur fest, während Ausdrücke des geistigen Lebens weniger vertreten sind. Arvinte untersuchte 1960 bis 1962 die deutschen Entlehnungen in den rumänischen Dialekten aufgrund des Rumänischen Sprachatlasses. Die Entlehnungen nach dem 18. Jahrhundert betreffen „schwäbische“ Elemente im Banat und deutsche Elemente in der Bukowina. Der österreichische Einfluss machte sich in diesen Gebieten bemerkbar. Es gibt aber auch Entlehnungen aus der früheren türkischen Besatzungszeit im alten Ungarn, die sich parallel mit den späteren massiven deutschen Entlehnungen erhalten haben (etwa Hambar, Tschardak und Tepsi 'Bratblech'). Die sprachlichen Entlehnungen im lexikalisch-semantischen Bereich sind nicht immer geradlinig und eindeutig bestimmbar, häufig kommt es auch zu Mehrfach- und Rückentlehnungen (wie Tschurak: ung. und serb., Leckwar: deutsch → ung. → deutsch), die auf die Komplexität der sprachlichen Interferenzen deuten.

Die in den folgenden Abschnitten analysierten Wortbedeutungen, Wortentlehnungen und Wanderwörter zeigen die sprachlich-kulturellen Auswirkungen der Jahrhunderte langen Herrschaft des Osmanischen Reichs und des österreichisch-ungarischen Kaiserreichs auf die untersuchte Region, die Auswirkungen des Kulturkreislaufs von Westeuropa auf Mittelosteuropa und den Balkan sowie andererseits von Südosteuropa in die nördlichen und östlichen Teile des Kontinents.

2.1 Wortbedeutungen im Bereich Heimatgebiet und Bauernhof

Im Folgenden werden Wörter aus meiner Beschäftigung mit den donauschwäbischen Fachwortschätzen (vier Bände: Bekleidungsgewerbe,  Baugewerbe, Landwirtschaft und Lebensformen, 1997 bis 2005) analysiert, die ein besonderes etymologisches und kulturhistorisches Interesse aufweisen. Sie werden auf ihre deutschen beziehungsweise anderssprachigen Wurzeln zurückgeführt und in ihre gesamteuropäischen Zusammenhänge gestellt, wodurch sich zeitlich und räumlich ausgedehnte Kulturbeziehungen erschließen.

2.1.1 Die Begriffe Heide und Hecke

Während die Bezeichnung des Siedlungsgebietes Schwäbische Türkei (in Südungarn) eine Neuschöpfung ist und sich auf die im 18. Jahrhundert auf vormals türkischem Gebiet angesiedelten Schwaben bezieht, stammt die Gebietsbezeichnung Batschka aus dem Ortsnamen Batsch, in den Wortgruppen Bačka medja, Bačka županija 'Batscher Komitat'. Eine andere Bezeichnung, Banat, entspricht dem Verwaltungsgebiet eines Bans. Der Name Ban (Banus) bedeutet 'Fürst, Herzog, Herr'. Die Bane von Severin, später die von Lugosch und Karansebesch bekleideten ein Amt, das etwa dem eines deutschen Markgrafen entspricht; demnach würde das Banat 'Markgrafschaft' bedeuten. Zur Zeit der Gründung der ungarischen Monarchie durch Stephan I., dem Heiligen (997-1033) war der Kern des heutigen Banats das Fürstentum Csanád unter dem Fürsten Achtum. Im Mittelalter gab es kein Banat unter diesem Namen, auch kein einziger Graf von Temesch nannte sich Ban. Vor der Türkenherrschaft in Ungarn zerfiel das Banat in die Komitate Temesch, Csanád und Severin.

Der Historiker Johann Heinrich Schwicker erklärt den Namen Banat in seinem 1861 in Großbetschkerek erschienenen Werk „Geschichte des Temeser Banats. BHistorische Bilder und Skizzen“ folgendermaßen: „Während der Türkenherrschaft hatten die Fürsten von Siebenbürgen jenen gebirgigen Teil des Severiner banats, das sich zeitweise bis in die kleine Walachei erstreckte, für kurze Zeit besetzt. Eine genaue Bestimmung der Grenzen dieser Verwaltungseinheiten ist infolge des Fehlens entsprechender Quellengrundlagen in allen Einzelheiten heute nicht mehr möglich. Die Verwalter in diesem Gebiet regierten im Namen des Fürsten und hatten ihren Sitz in Karansebes. Der letzte dieser Verwalter, Paul Nagy, der im Jahre 1642 noch lebte, hatte den Titel Ban. Von hier aus soll sich der Name auf das Gebiet bis zur Theiß und Marosch ausgedehnt haben.“

Nach der endgültigen Vertreibung der Türken und dem Friedensschluss von Passarowitz 1718 wurde die Landschaft zwischen Donau, Theiß, Marosch und Karpaten in ihrer Gesamtheit zu ärarischem Besitz erklärt und als kaiserliche Provinz verwaltet. Für dieses Gebiet wurde zum ersten Mal der amtliche Name Temeser Banat eingeführt. Der Zeitgenosse Kaiser Karl VI., Luigi Ferdinando Marsigli, nannte das Banat Banatus Temesvariensis, und am Ende der Türkenherrschaft bekam es den Namen Temesi Bánság (Temescher Banat). Verwaltungsmäßig besteht die historische Provinz Banat heute aus den Kreisen Temesch/Timiş, Arad und Karasch-Severin/Caraş-Severin. Volkstümliche, sprachlich und ethnographisch relevante Bezeichnungen bei den Donauschwaben und Banatern sind Heide und Hecke.

Bedeutungen des Wortes HEIDE

1. Flurenbezeichnung für Ackerfelder. Beleg: „Uff de Hååd worn die Håådkette gwest, des wor net so gudes Feld.“ [Glogowatz]

2. In der Banater Ebene gelegenes, fruchtbares Ackerland. Beleg: „Dort wu dr Bauer frih un spot / Mit seine Leit is viel geplot (geplagt), / Un wu die Arweit niemols steht, / Des is die Heed!“ [Bogarosch]

Als Erläuterung zu Bedeutung 2 ist folgendes anzuführen: Die Begriffe Heide und Hecke besitzen einen so hohen Stellenwert für die Volkskunde und Kulturgeschichte der Banater Schwaben, dass sie als Titel für den Eröffnungsband der vom Verfasser dieses Beitrags herausgegebenen volkskundlichen Reihe „Beiträge zur Volkskunde der Banater Schwaben“ (Temeswar, fünf Bände, 1973-1984) verwendet wurden. Zugleich eröffnete dieser Titel des ersten Bandes die Beitragsreihe. Aus dem Aufsatz von Erich Lammert stammt die folgende Erläuterung:

„Das Banat gliedert sich in drei Landschaftstypen: das Bergland (im Süden), das Hügelland (im Osten) und die Ebene (im zentralen und westlichen Teil). Die Heide genannte Ebene war im Naturzustand ein Wechsel von Wald, Gestrüpp, Weide und Sumpf, fast nur von Wanderhirten und Fischern bewohnt. Im Verlauf der Geschichte wurde sie zum Schauplatz der Völkerwanderung, stand 164 Jahre lang (von 1552 bis 1716) unter Türkenherrschaft und wurde im 18. Jahrhundert als Kameralprovinz ‚Temeswarer Banat‘ von der Habsburgermonarchie hauptsächlich mit Deutschen aus den südwestlichen Reichsprovinzen besiedelt, zu denen später auch Serben, Rumänen, Ungarn, Slowaken, Juden und Roma kamen. Im 19. und 20. Jahrhundert war die Heide das reichste Gebiet des Banats und stand unter der Ausstrahlung der Provinzhauptstadt Temeswar. Reisende bezeichneten die Banater Ebene als Produkt der Zivilisation und der menschlichen Willenskraft. Ihre augenfälligsten Merkmale sind neben den gepflegten Ackerfluren große geometrische Dorfanlagen, die Höfe von langen Bretterzäunen eingefasst, mit Dachziegeln gedeckte Häuser, im Gegensatz zu den alten Siedlungen des Hügellandes mit Heckenzäunen (siehe Hecke, Anm. H.G.), Holzbauten und Schindeldächern, mit einem dichten Straßen- und Schienennetz, mit Hang zu weitflächigen Monokulturen und Rassevieh, regem Handel und Gewerbe.“

Allerdings sind die Begriffe Heide und Hecke nur den Banater Deutschen geläufige Sammelbegriffe. Geografisch umfasst die Banater Heide ein diluviales Lössplateau, das sich etwa zwischen den Überschwemmungsgebieten der Theiß im Westen, der Bega im Süden und dem Alluvialstreifen des Yer-Grabens im Osten erstreckt; danach beginnt ein welliges Hügelland. Pflanzengeografisch gesehen ist eine Heide vorrangig ein wasserarmer, ärmlicher, stellenweise auch mooriger Boden, mit Zwergsträuchern, Gräsern und dem Heidekraut (Calluna vulgaris) als vorherrschendem Pflanzenwuchs. Diese Merkmale treffen auf die Banater Heide nicht zu. Schon eher der weitere Begriff, der in der Heide ein urwüchsiges Land im Gegensatz zur bebauten und bewohnten Landschaft sieht. Dazu gehört der mit Gräsern und Heidekraut bewachsene Boden, ja selbst der Wald. Im engeren Sinn wurde das Wort nur auf die unbebauten, jedoch waldlosen Gebiete eingeschränkt. Dieses Bild trifft auf die Banater Heide zu.

Auf ein Grasland deutet der Umstand hin, dass hier im Mittelalter das Steppenvolk der Petschenegen siedelte, an die der Ortsname Beschenowa beziehungsweise Neubeschenowa erinnert. Bis zum Türkeneinfall im 16. Jahrhundert wurden aus der Pannonischen Tiefebene – unsere Heide miteingeschlossen – große Viehherden auf die Märkte nach Augsburg, Wien und Norditalien getrieben. Der Jahrhunderte lange Hirtenbetrieb gestaltete die ursprüngliche Waldsteppenlandschaft zur künstlichen Steppe. Im österreichischen Beamtendeutsch hießen unbebaute Gebiete Prädien, Einöden, häufig auch Heide. Die extensive Weidewirtschaft wurde nach der Besiedlung des Banats durch intensiven Ackerbau abgelöst, doch der Gebietsname „Heide“ hat sich bis heute erhalten.

Bedeutungen des Wortes HECKE

Auch das von mhd. hecke, hege stammende Wort Hecke weist in großräumigen Dialektwörterbüchern mehrere Bedeutungen auf: Pfälzisches Wörterbuch: 1.a 'lebender Zaun', b. 'einzeln stehendes Gebüsch, Gestrüpp', 2. 'Buschwald, Jungwald' (In de Hecke wuhne), 6. 'Flurnamen': d'Hääg, die Wolfsborner Heck. Die südwestdeutschen Wörterbücher (Südhessisch, Rheinisch und Badisch) haben die meisten Bezüge zu den donauschwäbischen Dialekten. Hier hat das Wort wiederum zwei Bedeutungen:

1. Ackerfelder, die auf dem Platz früherer Hecken in einem Waldgebiet angelegt worden waren; auch die Hecken selbst. Beleg: „Die Hecke ware gleich am Unnerwald (Unterwald). Wahrscheinlich ware ach do amol Wald un Hecke, weil noch immer gutes Feld war.“ [Bruckenau]

2. im östlichen Hügelland gelegener Teil des Banates. Beleg: „Hecke nennt mer e Teel vum Banat, zwische Radna un Temeschwar, do senn viel Hiwwl (Hügel) un aa Wälder.“ [Bruckenau]

Hecke als Abgrenzung für hügliges, eher waldiges Gebiet findet sich auch in Siedlungsnamen der Südwestpfalz: Heckenaschbach und Heckendalheim.

Zur zweiten Wortbedeutung gibt es folgende Erläuterungen von Erich Lammert: „Die Bezeichnung Hecke scheint als Antithese zur Heide geschaffen worden zu sein, und auch die Abgrenzung dieses Gebietes ist schwieriger. Im Westen beginnt die Hecke dort, wo die Tiefebene hügelig zu werden beginnt und ostwärts erstreckt sie sich so weit, wie die rheinfränkischen Mundarten der deutschen Bewohner reichen. Hecke bedeutet 'Gestrüpp, Gebüsch'. In der welligen Landschaft, wo unter dem Gouverneur des Banats Claudius Florimund Mercy die älteren deutschen Siedlungen (ab 1720) entstanden, gab es früher ausgedehnte Wälder, Hecken und Gestrüpp. Aus dieser Zeit wird immer wieder von Waldrodung, Buschbrennen und Ausstockung von Wurzelwerk berichtet. Viele Flurnamen verweisen auf Gemarkungen, die mit dichtem Gestrüpp und Wald bewachsen sind. Natürlich war der Ackerboden in der ‚Hecke‘ schwerer zu bearbeiten als in der Ebene und war auch nicht so ertragreich, so dass es später zu einem Wohlstandsgefälle zwischen den Siedlungen in beiden Gebieten kam. Wiesenhaid soll wegen den vielen Hecken von den Ansiedlern Heckendorf genannt worden sein. Im Norden erstreckt sich die Banater Hecke bis zur Marosch (rum. Mureş), doch das Arader Gebiet umfasst auch am rechten Flusslauf deutsche Siedlungen, in denen zum Unterschied von den mitteldeutsch-pfälzischen Dialekten südlich der Maroschlinie zum Großteil oberdeutsch (süd- und ostfränkisch) sowie alemannisch gesprochen wird. Das frühere Komitat Arad reichte von Norden nur bis zur Marosch, während der Kreis Arad bis heute auch Dörfer am linken Maroschufer umfasst. Dieses Gebiet ist auch zur Hecke zu zählen, die sich durch Garten-, Tabak- und Obstbau sowie Milchwirtschaft auszeichnet. Die Heide verlegte sich nicht nur auf intensiven Ackerbau, sondern auch auf Weinbau, Viehzucht und Viehhandel. Aus beiden Gebieten kamen bekannte Dichter und Schriftsteller.“

Der Laubengang des schwäbischen Bauernhauses

Die Banater Siedlungsgebiete sind kulturgeschichtlich und auch durch architektonische Ausprägung mit westlichen Gebieten verbunden und strahlen weiter nach Osten aus. Dafür spricht zum Beispiel der Laubengang. Er ist keine lokale Bauform, sondern auf einer weiten Fläche, von Niederösterreich bis Osteuropa und Litauen anzutreffen. Laubengänge besitzen die Häuser der Slowaken, Ungarn, Slowenen, Kroaten, Serben und Rumänen; aber auch in Oberfranken gibt es Giebelhäuser mit Laubengängen. Im Burgenland heißt die Stiege des Laubengangs am Langhaus Gradm, Gred, aus lat. gradus über mhd. grede, grete 'Stufe an einem Haus', woraus ung. grádics 'Treppe' entlehnt und zu grádicsos tornác 'Hausflur mit Treppe' gebildet wurde. Das ung. tornác 'Flur, Gang' erscheint in gleicher Bedeutung auch in rum. târnaţ neben rum. prispă, dieses aus ukrainisch prîspa.

Für das schwäbische Bauernhaus ist der Laubengang auf der Hofseite charakteristisch. Er hieß kurz Gang und wurde samt der Bezeichnung von den hier zusammenlebenden Ethnien übernommen: vgl. rum. gang (im Banat) 'durchgehend vorgelagerter Hausflur auf Holzpfeilern', ung. gáng, serbokr. gan(a)k, konk, slowen. gank. Es ist zwischen dem Säulen- oder Laubengang, der häufig von Weinreben zugesponnen ist, und dem Glasgang zu unterscheiden. Als Bautypen des Laubengangs gibt es den offenen, mit Holzsäulen gestützten Längslaubengang, den mit einer Brustwehr geschlossenen Längslaubengang und den unter Renaissanceeinfluss entstandenen gemauerten, offenen oder geschlossenen Arkadengang. (Vgl. Interferenzen in den Sprachen und Dialekten Südosteuropas, herausgegeben von Hans Gehl und Maria Purdela Sitaru, Tübingen 1994)