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Banater Post

Auch vor Morden an Deutschen nicht zurückgeschreckt

In diesem Gebäude war die „Vereinigte Rekascher Sparkassa und Volksbank A.-G.“ untergebracht. Quelle: Fotoarchiv Stefan Lehretter

Eine schokatzische Gruppe trieb 1945 in Rekasch und in den Nachbarorten ihr Unwesen. Das Jahr 1945 war für die Deutschen in Rekasch ein besonderes Schicksalsjahr. Es brachte nicht nur die
Deportation der jungen Deutschen zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion und die Enteignung der deutschen Landwirte, sondern auch Angst und Schrecken sowie brutale Morde, die zum Entsetzen aller Dorfbewohner durch eine kleine Gruppe schokatzischer Mitbewohner verbreitet beziehungsweise verübt wurden.

Grundsätzlich gab es mit den Schokatzen (eine südslawische Bevölkerungsgruppe, die dem katholischen Glauben angehört und heute hauptsächlich in Kroatien lebt), die zusammen mit den Deutschen im Jahre 1740 den heutigen Ort Rekasch gründeten, stets ein friedliches Zusammenleben. Nach dem Frontwechsel Rumäniens im August 1944 und die Besetzung des Landes durch sowjetische Truppen führte sich aber eine kleine schokatzische Gruppe, die sich aufgrund der slawischen Sprachverwandtschaft mit den Besatzern verständigen konnte, plötzlich als „Herrscher“ auf. Mit Überfällen und Rauben versuchten sie zu Reichtum zu gelangen, wobei sie auch vor Mord nicht zurückschreckten.

Ein Mittel, zu Geld zu kommen, war auch das Versprechen, dass sich Deutsche gegen hohe Beträge von der Deportation freikaufen könnten. Es ist bekannt, dass ihnen mehrere Leute dafür Geld gezahlt haben. Tatsächlich sind dann auch einige junge Leute vom Transport zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschont geblieben – ob aufgrund dieser Zahlungen oder aufgrund von Beziehungen ist nicht bekannt.

Am 11. Januar 1945, also drei Tage vor der Festnahme der jungen deutschen Frauen und Männer zur Deportation, fand der erste Mord an einem 45 Jahre alten deutschen Seilermeister statt, der auch Feuerwehrkommandant in Rekasch war. Am späten Abend hörte er verdächtige Geräusche auf seinem Anwesen und vermutete gleich einen Übergriff durch die schokatzische Gruppe. Um der Gefahr zu entgehen, versuchte er zu flüchten, wobei ihn einer der Gruppe verfolgte und mit einem Schuss tötete.

Nach diesem schrecklichen Vorfall und der anschließenden Deportation haben sich ältere daheimgebliebene deutsche Männer entschlossen, zur Sicherheit ihrer Mitbürger in den einzelnen Straßen nachts von 20 bis 6 Uhr Wache zu halten. In der Nacht des 2. Februar waren in der Straße mit dem artesischen Brunnen vier Männer im Alter von 41 bis 47 Jahren als Wachen unterwegs, wobei sie jeweils in Zweier-Gruppen auf den beiden Straßenseiten in entgegengesetzter Richtung patrouillierten. Als sie sich wieder einmal an der Ecke zur Hauptstraße trafen, bemerkten sie eine Gruppe Männer in sowjetischer Uniform, die auf sie zukam und ihnen in rumänischer Sprache befahl, sich ihr anzuschließen. Ein Widerstand schien angesichts der Bewaffnung der Gruppe aussichtslos.

Der Weg führte zum Haus eines wohlhabenden 47 Jahre alten deutschen Landwirts. Nachdem dieser die Haustür geöffnet hatte, mussten sich die vier Wachleute in dessen Wohnzimmer in einer Reihe aufstellen und dabei erkannten sie die schokatzischen Männer. Der Anführer der Gruppe verlangte von dem Landwirt 1000000 Lei. Dieser beteuerte, nicht so viel Geld zu besitzen, versprach aber, ihnen alles zu geben, was er zuhause habe. Als seine Ehefrau das Geld brachte, schien das dem Anführer zu wenig. Er schlug dem Landwirt mit dem Revolver ins Gesicht, sodass Blut spritzte. Danach schoss er ihm in den Kopf und der Landwirt brach schwerstverletzt zusammen. Außer dem Landwirtsehepaar befand sich auch noch die 22 Monate alte Enkelin, deren Mutter deportiert war, in dem Raum. Da das Kind ängstlich schrie, feuerte der Anführer sechs Schüsse gegen dessen Bett, wobei das Kind ebenfalls verletzt wurde. Damit war die Schießwut des Anführers aber noch nicht befriedigt. Nun nahm er sich die Frau des Landwirts vor, schoss auf sie und traf sie an der Lunge, sodass sie neben ihrem Mann auf dem Boden zum Liegen kam. Danach befahl die schokatzische Gruppe den Wachmännern, mit ihr das Haus zu verlassen.

Die drei Verletzten blieben bis zum frühen Morgen des nächsten Tages hilflos zurück. Erst dann traute sich einer der Wachmänner, Verwandte der Familie über die Geschehnisse zu benachrichtigen. Mit den verständigten Polizisten gingen diese zum Haus und fanden die Verletzten hilflos vor, vor Angst, Schmerzen und Kälte zitternd. Der herbeigerufene Arzt versorgte die Verletzten und veranlasste, dass der schwerverletzte Mann sofort mit dem Pferdeschlitten in ein Krankenhaus nach Temeswar gebracht wurde. Dort ist er zwei Tage später seinen schweren Verletzungen erlegen. Die Frau des Landwirts und das Enkelkind konnten wieder gesund gepflegt werden.

Damit war das Morden dieser schokatzischen Gruppe in jener Nacht noch nicht zu Ende. Direkt nach dem Verlassen des Hauses des Landwirts mussten die Wachleute die Gruppe zum Haus eines langjährigen deutschen Bürgermeisters begleiten, der damals 60 Jahre alt war. Auf dem Weg dorthin kam ihnen ein junger rumänischer Mann (ein Flüchtling aus Bessarabien) entgegen, der ebenfalls gezwungen wurde, mitzugehen. Im Haus des ehemaligen Bürgermeisters forderten die Schokatzen wieder Geld. Der Anführer hielt dem Mann die Pistole an den Kopf und forderte die Herausgabe seines Barvermögens. Nachdem dieser ihm 20000 Lei auf den Tisch gelegt hatte, schoss ihm der Anführer mitten ins Herz, sodass der Mann sofort tot war. Dann schlug er der Frau die Pistole auf den Kopf, die sofort bewusstlos zusammenbrach. Auf die scheinbar tote Frau warf er noch eine Marmorplatte, die er sich im Zimmer geschnappt hatte. Als er danach seine Pistole überprüfte, reagierte der Rumäne und schlug auf die Petroleumlampe, die sogleich erlosch. Diese Gelegenheit nutzten die vier deutschen Wachmänner, um nach draußen zu flüchten. Der Anführer schoss aber in der Dunkelheit noch um sich und traf dabei den Rumänen tödlich. Dessen Frau blieb als Witwe mit fünf kleinen Kindern zurück. Die Frau des ehemaligen Bürgermeisters erlangte nach einigen Stunden wieder das Bewusstsein und schleppte sich in einem unbeschreiblichen Zustand zum Nachbarhaus, um Hilfe zu holen.

Das verhängnisvolle Treiben nahm auch in den folgenden Monaten kein Ende. So geschah am 28. August ein weiterer Mord an einem deutschen 42-jährigen Landwirt, der bei Feldarbeiten war. Als die Pferde ohne ihren Herrn zuhause ankamen, begaben sich seine Angehörigen auf die Suche und fanden ihn ermordet auf dem Feld. Die Tat wurde wiederum dem Anführer der schokatzischen Gruppe zugeschrieben.

Dieser Anführer versuchte auch einmal, die grüne Grenze nach Ungarn zu überqueren. Dabei wurde er von Grenzsoldaten bemerkt, denen auch ein aus Rekasch stammender Ungar angehörte. Dieser erkannte ihn und sprach ihn mit seinem Namen an, woraufhin der Anführer sofort die Pistole zog und den Soldaten erschoss. Danach gelang ihm die Flucht.

Die schokatzische Gruppe trieb ihr Unwesen aber auch in verschiedenen Nachbarortschaften. So ist bekannt, dass sie auch in Deutschbentschek zahlreiche deutsche Dorfbewohner misshandelte und ausraubte. Eines Tages hat sie den dortigen ehemaligen deutschen Ortsgruppenleiter verhaftet und nach Rekasch mitgenommen. Von den betrunkenen Mitgliedern der Gruppe mit der Pistole bedroht und ständig geschlagen, sah der Mann seinem Ende entgegen. Nachdem ihm die auf den Rücken gebundenen Hände gelöst wurden, gelang ihm dann in einem unbemerkten Augenblick die Flucht. Aus Angst traute er sich wochenlang nicht nach Hause und versteckte sich in den umliegenden Wäldern und Weingärten.

Nach etwa dreieinhalb Jahren wurde der Anführer und sein zur Gruppe gehörende Vater verhaftet und vor das Temeswarer Strafgericht gestellt. Eingeschüchtert und in großer Angst waren weder die bei den Morden anwesenden Deutschen noch andere deutsche Augenzeugen bereit, vor Gericht auszusagen. Die Frau des ermordeten Rumänen wie auch Rumänen aus benachbarten Ortschaften, die auch beraubt worden waren, hatten aber den Mut, als Zeuge der Anklage aufzutreten. Der Anführer wurde zu dreimal lebenslänglicher Haft verurteilt.

Nach zwanzig Jahren wurde er wieder freigelassen und hat sich dann in Lugosch niedergelassen. Nach kurzer Zeit wurde er dort eines Abends auf der Straße erschlagen aufgefunden. Sein Vater beging Selbstmord.