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Banater Post

Aus der Geschichte der Seuchen und Krankheiten im Banat (Teil 6)

John Snow (1813-1858), Pionier bei der epidemiologischen Erforschung der Cholera. Quelle: Wikipedia

Robert Koch (1843-1910), Pionier der Infektionsmedizin, Entdecker des Choleraerregers. Quelle: Wikimedia

Auszug aus der Sterbematrikel Lenauheim – Choleratote August 1831. Quelle: Institut für Auslandsbeziehungen Stuttgart

Eine neue Seuche verwüstet Europa: die Cholera

Verglichen mit der Pest ist die Cholera eine relativ junge Krankheit, die auch heute noch Millionen Menschen, besonders in den Entwicklungsländern, betrifft. Cholera asiatica nannte man diese neue Infektionskrankheit, die erstmals 1830/31 nach Europa kam, um sie von der längst bekannten Gallenruhr (Cholera nostras), auch Brechruhr genannt, zu unterscheiden.

Die Cholerapandemie, die zu Beginn der 1830er Jahre nach Europa kam, nahm ihren Anfang 1816/17 in Indien. Seit alters her ist Indien, besonders das Ganges- und Brahmaputra-Delta, die Heimat der Cholera, die im 19. Jahrhundert in mehreren pandemischen Seuchenzügen auch Europa heimgesucht hat, wobei ihr viele Millionen Menschen zum Opfer fielen. Sie verbreitete sich meist entlang der Wasserwege, um von Zeit zu Zeit in den durchquerten Städten wild aufzulodern.

Was ist die Cholera? Das Krankheitsbild

Der Name der Krankheit kommt aus dem griechischen „choléra“ und bedeutet Gallenfluss. Von den orientalischen Völkern wurde sie als „gelber Wind“ bezeichnet. Die Beschreibung der Cholera durch Galen (2. Jahrhundert) hat bis heute nichts an Richtigkeit verloren. Sie tritt meist plötzlich auf und ist eine ansteckende, akute Bakterieninfektion. Die Krankheit äußert sich durch starken Durchfall, verknüpft mit heftigem Erbrechen, durch bläuliche Körperflecken und schnelle Gewichtsabnahme. Als Symptome gelten auch Wadenkrämpfe und ein besonderer Gesichtsausdruck, die Facies cholerica.

Die Cholera wurde zu allen Zeiten als besonders unheimliche Krankheit empfunden, weil sie einen bisher gesunden Menschen innerhalb kürzester Zeit dahinraffen kann. Dabei entwickeln drei Viertel der mit Cholera infizierten Menschen keine Symptome, sind aber trotzdem infektiös und können andere anstecken. Wenn der Choleraerreger im Magen durch die Magensäfte nicht zerstört wird und den Dünndarm erreicht, führt er innerhalb von wenigen Stunden zu einer heftigen Erkrankung, die in kurzer Zeit zum Tode führen kann. So starb laut Matrikeleintragung des Tschatader Pfarrers Josef Buchwald vom 5. September 1831 Jacobus Peitz, 29, eines schnellen Todes an Cholera, ohne mit den Sterbesakramenten versehen worden zu sein: „cholera mors repens improvisus“.

Die Cholerabakterien sind nur für Menschen pathogen, das heißt krankheitserregend, Tiere stellen keine Gefahr dar. Außer den Kontakt- bzw. Schmierinfektionen können Trinkwasser- und Lebensmittelverunreinigungen zu explosionsartigen Massenerkrankungen führen. John Snow (1813-1858) wirkte als Arzt im Londoner Armenviertel Soho und hat den Nachweis erbracht, dass die Cholera über fäkalienverseuchtes Trinkwasser verbreitet wurde. Snow war auch einer der ersten Befürworter der Narkose während der Geburt, und Königin Victoria erhob ihn nach der schmerzlosen Geburt ihres siebten Kindes dafür in den Adelsstand.

Bereits 1854 wurde der Verursacher der Cholera von Filippo Pacini beschrieben, was aber von der Öffentlichkeit unbeachtet blieb. Erst 1883 entdeckte Robert Koch den Erreger der Cholera, die Choleravibrionen („Vibrio cholerae“), wegen ihrer wenig gekrümmten Form auch „Kommabazillen“ genannt. Aus Kalkutta berichtete Koch am 7. Januar 1884 nach Berlin, dass es ihm gelungen sei, denselben Keim, den er bereits 1883 in Ägypten als Choleraerreger vermutete, aus dem Darminhalt einwandfreier Cholerafälle in Reinkultur zu züchten. Ein weiterer Bericht vom 2. Februar 1884 enthielt die klassische Beschreibung der Eigenschaften des Choleraerregers. Die Inkubationszeit der Cholera ist kurz und der Erreger kann nicht lange außerhalb des menschlichen Körpers überleben.

„Schnaps ist gut für Cholera“. Heilmittel und Behandlung

Die Behandlung der Cholera war primitiv und wenig wirksam, da man lange Zeit weder den Erreger noch die Übertragungsweise kannte. Massenweise gab es beim Ausbruch der Cholera in Europa Empfehlungen, wie man sich gegen die Krankheit schützen könne – sie zeugen vom niederen Stand der Medizin in jener Zeit. Beliebt waren traditionelle Mittel wie Knoblauch, Leibbinden und … warme Suppen. Der „Brockhaus“ von 1837 nannte „Furchtlosigkeit“ das beste Mittel gegen die Seuche.
Dr. Erich Lammert erwähnt in seinem Beitrag „Volksmedizin und die großen Seuchen“ (in „Schwäbischer Jahreslauf“, 1978, S. 239) auch die Reklame für das Impfen mit Quassiatinktur (aus einem heilkräftigen Baum – Quassia amara). Es handelte sich um die Methode des Kronstädter Arztes und Apothekers Johann Martin Honigberger (1795-1869), die er in Indien praktiziert hatte. Zur persönlichen Vorbeugung empfahl man amtlicherseits aromatischen Essig und mit Chlorkalk gefüllte „Cholerasäckchen“.

In Modosch und in anderen Banater Dörfern fand 1873 der „Cholerawein“ Verwendung. Alkohol, besonders Schnaps, wurde gern gegen die Cholera empfohlen. Dr. Anton Peter Petri schreibt in „Heilwesen im Banat“ (1988, S. 307): „Beliebt war das weitverbreitete Studentenlied bzw. dessen Refrain: ‚Juppheidi und juppheida, Schnaps ist gut für Cholera‘“.

Stefan Winkle berichtet diesbezüglich in seinem Monumentalwerk „Geißeln der Menschheit. Kultur-
geschichte der Seuchen“ (1997), dass dieser heute noch bekannte Gassenhauer „Juppheidi, Juppheida, Schnaps ist gut `gen Cholera“ aus der Zeit der Choleraepidemie von 1892 in Hamburg stammt und es sich eigentlich um ein Inserat handelt. Die Angst der Menschen vor der Ansteckung nutzten einige Kaufleute aus und haben durch Zeitungsinserate das Volk in dem Irrglauben bestärkt, dass gegen die Cholera nichts besser schützt als Alkohol.

Bereits 1831 hatte man in Russland und England die Beobachtung gemacht, dass bei Cholera Trinker besonders gefährdet sind, zumal Alkohol nicht nur die Widerstandskraft, sondern auch die Achtsamkeit vor der Ansteckungsgefahr herabsetzt, so Winkle.

Der Lovriner Pfarrer Kaspar Zahn (1798-1884), von 1821 bis 1884 Seelsorger im Ort, teilte diese Meinung nicht. In der „Historia Domus“ berichtet Zahn folgendes: „Ueberhaupt von der Cholera habe ich zu bemerken: 1-stens dass sie nicht ansteckend sei und 2.tens, dass sie nicht wie alle Zeitungen und Medizinischen Facultaeten berichten, ihre Arme nur nach den Unmäßigen, besonders dem Trunk ergebenen, ausstrecke, denn in meiner Pfarre geschah gerade das Gegenteil: die Mäßigen sind gestorben, und die Trunkenbolde sind geblieben, ja auch nicht einer ist gestorben“. Wenn das die Auffassung des damaligen Pfarrers war, fragt sich der Lovriner Arzt und Autor der Dorfmonografie, Dr. Nikolaus Koch, wie das Volk darüber wohl gedacht haben mag?

Erst die Entdeckung des Choleraerregers durch Koch ermöglichte eine wirksame Bekämpfung der Krankheit, wodurch der Cholera in epidemischer Form in Europa ein Ende bereitet wurde. Da der Flüssigkeits- und Mineralienverlust durch das häufige Erbrechen und die Durchfälle groß ist, muss bei der Behandlung der Cholera eine Infusionstherapie möglichst frühzeitig einsetzen. Empfehlenswert ist auch eine medikamentöse Behandlung mit Tetrazykline. Die ersten Impfstoffe gegen Cholera wurden Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt.

Die Choleraepidemien in Europa

Näher auf die einzelnen Choleraepidemien in Europa einzugehen, würde zu weit führen; an dieser Stelle nur einige wichtige Hinweise und Daten. Lange Zeit galt die Cholera als eine für ferne exotische Länder typische Krankheit. Durch die Intensivierung der Handelsaktivitäten zu Anfang des 19. Jahrhunderts hat sich das Infektionsgeschehen aus dem angestammten Kerngebiet in Asien rasch ausgebreitet und weltweite Pandemien ausgelöst.

Was die Zahl der großen Cholerapandemien betrifft, sind sich die Forscher nicht einig. Stefan Winkle (1911-2006), ein deutscher Mediziner, Universitätsprofessor und Seuchenhygieniker am Robert-Koch-
Institut in Berlin, nennt in seiner Kulturgeschichte der Seuchen fünf große Cholerapandemien: 1817-1823, 1826-1837, 1841-1862, 1864-1875 und 1882-1896.

1816/17 flammte die Cholera erneut in Bengalen auf und sie überschritt zum ersten Mal in pandemischer Form ihr Heimatgebiet und breitete sich in großen Teilen Asiens aus. Die erste Choleraepidemie erlosch glücklicherweise an der russischen Grenze im Winter 1823/24.

Die zweite Pandemie hat Europa jedoch schwerwiegend heimgesucht. Aus dem Ganges-Delta erreichte die Seuche über Afghanistan und Persien im Juni 1830 die Küsten des Kaspischen Meeres und Astrachan im Mündungsgebiet der Wolga. Die Stadt galt als das gefährlichste Einfallstor der asiatischen Cholera bei ihrem Vordringen nach Mitteleuropa.

Russische Truppen schleppten 1831 die Cholera in Polen ein. Bereits Ende August 1831 hat sie Berlin und im Oktober Hamburg erreicht. In Berlin verstarben über 1400 Personen an der Seuche, unter ihnen laut offizieller Diagnose der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Arthur Schopenhauer soll die Stadt fluchtartig verlassen haben. Insgesamt hatte Preußen in dieser ersten Choleraepidemie rund 41000 Tote zu beklagen, unter ihnen der Generalfeldmarschall Neithardt von Gneisenau (gest. in Posen) und der Militärhistoriker General Carl von Clausewitz (gest. in Breslau).

Von August 1831 bis März 1832 wütete die Cholera auch in Wien, wo sie fast 2200 Todesopfer forderte. In England kostete die Seuche 32000 Menschen das Leben. Von London gelangte die Cholera zur Karnevalszeit im März 1832 nach Paris, wo rund 19000 Todesopfer zu beklagen waren. Unter den Choleratoten von Paris befand sich auch der berühmte Ägyptologe Jean-François Champollion, der die Hieroglyphen entzifferte. Anfangs hatte man der Krankheit nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt und man hatte sie sogar verspottet.

Gleich zweimal wurde die Cholera in der Seine-Metropole literarisch beschrieben: von Victor Hugo in seinem Roman „Les Misérables“ („Die Elenden“) und von Heinrich Heine in „Französische Zustände“. Heine, der in Paris lebte, berichtete für die „Augsburger Allgemeine Zeitung“ über das Cholerageschehen aus der französischen Hauptstadt. Er schreibt: „Da man in der ersten Bestürzung an Ansteckung glaubte, (…) sind jene Toten, wie man sagt, so schnell beerdigt worden, dass man ihnen nicht einmal die buntscheckigen Narrenkleider auszog, und lustig, wie sie gelebt haben, liegen sie auch lustig im Grabe. (…) Wo man nur hinsah auf den Straßen, erblickte man Leichenzüge oder, was noch melancholischer aussieht, Leichenwagen, denen niemand folgte. (...) Die Nähe eines Kirchhofs, wo die Leichenzüge zusammentrafen, gewährte erst recht den trostlosesten Anblick“ (in: Medizin in Literatur und Kunst, 1994).

Die dritte Choleraepidemie von 1841-1862 wurde durch den „Opiumkrieg“ in China ins Rollen gebracht. Mit den englischen Truppen, die man von Kalkutta nach China verlegt hatte, wurde die Cholera 1841 dorthin verschleppt. Ende 1842 trat die Cholera aus China ihren „langen Marsch“ nach Westen an. Im September 1847 erreicht sie Moskau, im Mai 1848 St. Petersburg. Danach breitete sich die Seuche in dem von Russland beherrschten Teil Polens aus und von hier zog sie weiter nach Deutschland, Frankreich, Österreich, Ungarn usw. Im Jahr der europäischen Revolutionen wütete die Seuche besonders heftig in den Hauptstädten Paris, Berlin, Wien und Budapest. So zum Beispiel kostete die Revolution Berlin 100 Menschenleben, die Choleraepidemie von 1848/49 aber mehr als 5000 (in: Damals 11/93, S. 24).

Die vierte große Choleraepidemie 1864-1875 fiel in die Zeit des preußisch-österreichischen Krieges. Die Zahl der Choleratoten in den Heeren der Kriegsführenden war höher als die auf dem Schlachtfeld erlittenen Verluste. 1872 erreichte die Cholera aus dem schwer betroffenen Russland kommend Galizien, das damals zur k.u.k. Monarchie gehörte, und von hier 1873 auch das Banat.

Die fünfte große Choleraepidemie 1882-1896 hat das Banat nicht mehr erreicht. Die Seuche wütete aber, wieder mal aus Indien kommend, in Asien und Ägypten und bedrohte Europa. In Hamburg brach 1892 die letzte Choleraepidemie in Deutschland aus. Sie wurde von Auswanderern aus Russland, vor allem von verfolgten Ostjuden, deren Ziel die „Überfahrt in die Neue Welt“ gewesen war, in die Hansestadt verschleppt. Robert Koch sah sich in der Stadt um und war entsetzt von den von ihm vorgefundenen ungesunden Wohnungen und miserablen hygienischen Verhältnissen. Er schrieb: „Ich vergesse, dass ich mich in Europa befinde“.

Russland wurde fürchterlich von der Seuche heimgesucht und der Komponist Peter Tschaikowski soll 1893 mit 57 Jahren eines der vielen Opfer gewesen sein. Ob der Tondichter aber tatsächlich an der Cholera gestorben ist oder ein weiterer Selbstmordversuch dahintersteckte, darüber zerbrechen sich die Tschaikowski-Biografen bis heute vergeblich die Köpfe.

Die Cholera kehrte 1898 an ihren historischen Brutherd in Indien zurück, „von dem sie einst ihre für dreißig oder vierzig Millionen Menschen aller Breitengrade tödliche Wanderung angetreten hatte“ (Jacques Ruffié/Jean-Charles Sournia, Die Seuchen in der Geschichte der Menschheit, 1993, S. 76).