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Banater Post

Wiedersehen nach gut siebzig Jahren

Auf diesem Anwesen der Familie Datzberger in Amstetten (Aufnahme von 1943) war Johann Philipp mit seinen drei Geschwistern, Mutter und Großmutter nach der Flucht von September 1944 bis Juli 1945 untergebracht.

Registrierschein der Flüchtlingsfamilie Becker/Filipp (Großmutter Elisabeth Becker, geb. Karl, Mutter Elisabeth Filip, geb. Becker, und wir vier Kinder Elisabeth, Johann, Nikolaus und Franz) in Amstetten: zugezogen am 17. Oktober, wohnhaft bei Datzberg, Pittersberg 12, fortgezogen am 11. Juli 1945.

Johann Philipp und Johann Datzberger (von links) stoßen auf das Wiedersehen nach 71 Jahren und auf die Gesundheit an. Foto: Melitta Lismann

Johann Philipp besuchte Amstetten, wo seine Familie 1944/1945 Zuflucht fand. Die letzten Jahre erzählte uns unser Vater Johann Philipp oft von früher, von der Zeit vor dem Krieg, der Flucht von Großsanktnikolaus nach Amstetten in Österreich im Herbst 1944 wie auch von der Zeit danach. Da kam mir die Idee, mal in Amstetten anzurufen. Ich schilderte der netten Dame von der Stadtverwaltung mein Anliegen hinsichtlich der Erforschung der eigenen Familiengeschichte und teilte ihr die bekannten Daten auch per E-Mail mit. Kurze Zeit später erhielt ich Antwort: „Eine gute Nachricht aus Amstetten“, schrieb da ein Herr vom Stadtarchiv. Und wie der Zufall es will, kenne er die Familie sogar persönlich, bei der mein Papa mit Geschwistern, Mutter und Oma untergebracht war. So kam es, dass Papa eine Einladung zu seinem damaligen Freund Johann Datzberger nach Amstetten bekam.
2016 bin ich dann mit Papa und meinem Bruder nach Amstetten gefahren. Wir wurden von der Familie herzlich empfangen, auch der Stadtarchivar, der Freund der Familie, war zugegen. Wir wurden durch das Anwesen geführt und dabei kamen bei meinem Vater und unserem Gastgeber wieder Erinnerungen hoch: „Weißt du noch?“, „Kannst du dich noch erinnern?“ Es wurde viel erzählt, so, als wären gar nicht 71 Jahre vergangen. Jeder hat von der Zeit nach dem Krieg erzählt, von den Kindern und davon, was das Leben so alles für sie bereitgehalten hat. Die Zeit verging wie im Flug und wir mussten uns verabschieden. Dankbar, dass es die Möglichkeit gab, sich bei guter Gesundheit nochmal zu sehen.
Der eigenen Familiengeschichte nachzuspüren kann spannend sein und, wie in diesem Fall, Menschen nach Jahrzehnten zusammenführen. Damit diese Geschichte nicht in Vergessenheit gerät, habe ich die Schilderung meines Vaters über die Flucht und den zeitweiligen Aufenthalt in Amstetten aufgezeichnet.

Melitta Lismann

Die Flucht aus Großsanktnikolaus 1944

Ende September 1944, es war ein warmer Herbsttag, spielten wir Kinder am Ortsrand der Deutschgemeinde auf der Hutweide, als drei deutsche Soldaten von Bschenowa aus in den Ort kamen, mit ihren Gewehren in die Luft schossen und verkündeten, dass die Russen im Vormarsch seien. Alle Deutschen, die flüchten möchten, sollten das Nötigste packen und sich in der Altgasse einfinden, verkündeten sie. Erschrocken liefen wir durch die Gärten nach Hause. Die Aufforderung zur Flucht hat sich schnell herumgesprochen. Bauern, die Pferdewagen oder Traktoren besitzen, mögen selbst fahren und eventuell noch Familien mitnehmen, hieß es. Für alle anderen würde die Wehrmacht LKWs bereitstellen. Sollen wir oder sollen wir nicht? Wer geht, wer bleibt? Das war das Thema der nächsten Tage.

Da mein Vater schon im Januar 1942 zur Wehrmacht gegangen war, packten meine Oma mütterlicherseits und meine Mutter ein paar Kleidungsstücke und etwas Proviant ein. Oma wickelte noch wichtige Personenurkunden in ein Kopftuch und verbrannte alle anderen Papiere und Bilder. Den Haustieren stellte sie Futter in den Hof, sie öffnete die Stalltüren, damit sie sich frei im Hof bewegen konnten. Ein letzter Blick noch aufs Haus, dann machten wir uns auf dem Weg zum Treffpunkt: Oma, Mutter mit vier Kindern im Alter von sieben, sechs und drei Jahren sowie das jüngste mit sechs Monaten, noch im Kissen eingebunden.

Die Wehrmachtsoldaten mit ihren planenüberdeckten LKWs standen schon bereit, die Leute wurden eingeteilt und man fuhr uns nach Szeged zum Bahnhof. Von hier aus sollten wir per Waren-/Viehwaggon nach Österreich gebracht werden, hieß es. Auf dieser beschwerlichen und gefährlichen Reise hielt der Zug oft wegen Fliegeralarm und wir mussten alle raus und uns flach ins Maisfeld legen, bis die Gefahr vorbei war. Tiefflieger der Alliierten beschossen den Zug während der Fahrt, sie trachteten, Lokführer und Lokomotive außer Gefecht zu setzen, um so die Weiterfahrt zu verhindern. Das Rattern der Geschosse kann ich heute noch hören. Einen dieser Flieger habe ich beobachtet, wie er im Tiefflug ein Wärterhäuschen mit einem Flügel gestreift und den Lokführer erschossen hat. Bei einer Bombardierung fing ein Waggon an zu brennen, der Zug hielt abrupt, ich sprang erschrocken raus und lief panisch auf eine Baumgruppe zu, um mich zu verstecken. Nachdem das Feuer gelöscht war, gab der Lokführer mit der Trillerpfeife das Zeichen zur Weiterfahrt und der Zug begann auch schon zu rollen. Mutter stand in der Waggontür und rief verzweifelt nach mir. Ich lief so schnell ich konnte, zum Glück konnte sie meine Hand erwischen und mich auf den fahrenden Zug heben. Mir war, als ob mein Herz genauso laut schlug wie draußen die Geschosse ratterten.

In Amstetten eine Bleibe gefunden

In Amstetten, Österreich, angekommen, warteten am Bahnhof Leute mit Pferdewagen, denen die Flüchtlinge zugeteilt wurden. Wir kamen auf den Hof einer Bäuerin, die selbst fünf Mädchen und einen Jungen ungefähr in meinem Alter hatte. Da ihr Ehemann Kriegsdienst leisten musste, half ein Knecht bei der Bewirtschaftung des Hofes. (Später erfuhren wir, dass dieser Mann ein französischer Kriegsgefangener war, der zur landwirtschaftlichen Arbeit hier zugewiesen worden war.) Landsleute aus Semiklosch waren in der Nachbarschaft untergebracht.

Wir wohnten in einem Zimmer im Bauernhaus, die Bäuerin hat gekocht und gegessen wurde gemeinsam in der Stube. Meine Mutter wurde, wie alle anderen Flüchtlingsfrauen, frühmorgens mit dem LKW abgeholt und abends zurückgebracht. Sie erzählte uns nur, dass sie Bombenlöcher zuschütten musste. Oma passte auf die kleinen Kinder auf, wir größeren spielten oder gingen an den nahegelegenen Bach angeln. Einmal beobachteten wir einen Soldaten, der wahrscheinlich hier auf Rundgang war und die Aufsicht hatte, denn er kam öfters am Hof vorbei. Als er im gegenüberliegenden Feld ein Reh entdeckte, legte er sein Gewehr an und wollte schießen, sein Gewehr klemmte aber. Vor Wut schlug er damit gegen den großen Apfelbaum, der vor dem Haus stand. Das Gewehr brach entzwei und der Soldat ging weg. Wir beiden Jungs liefen dahin, denn wir wollten unbedingt den Lederriemen des Gewehres haben. Da keiner nachgeben wollte, haben wir uns gezankt.

Als später die Russen ins Gebiet kamen, musste sich Mutter, wie alle jungen Frauen, verstecken. Manchmal diente der doppelte Boden im Heuschuppen als Versteck. Die Russen durchsuchten meistens das Haus, fragten nach Frauen und Getränken. Wenn sie nichts vorfanden, verlangten sie rohe Eier, die sie körbchenweise austranken. Eines Abends kam ein betrunkener russischer Soldat. Da er keine jungen Mädchen im Hause fand und auch nichts zu trinken da war, wurde er der Bäuerin gegenüber aufdringlich, obwohl wir Kinder mit in der Stube waren. Der Knecht, ein großer stattlicher Mann, stellte sich schützend vor sie. Da packte der Russe wütend seine Feldflasche und schlug sie dem Knecht derart fest ins Gesicht, dass dessen Auge aus der Augenhöhle trat. Entsetzt liefen wir Kinder alle weg, um uns zu verstecken.

Bei Fliegeralarm rief uns die Bäuerin alle zusammen, um im Keller Schutz zu suchen. Hier sprach sie ständig ein Gebet, dass ich nie vergessen kann:
Maria, breit dein Mantel aus,
mach ein Schirm und Schild daraus.
Lass uns drunter sicher stehn,
bis alle Feind’ vorübergehn.

Bei Besuchen in Amstetten-Stadt bei der Schwester meiner Mutter liefen wir bei Fliegeralarm in einen riesigen Bunker, wo wir manchmal stundenlang hocken mussten. Das Wasser, das stetig von der Decke tropfte, haben die Leute in Becher oder sogar in ihren Hüten aufgefangen, um den Durst zu stillen.
Die Bäuerin und ihre Familie waren sehr anständige und hilfsbereite Menschen. Wir waren den Umständen entsprechend gut versorgt und sie wollte sogar, dass wir dortbleiben sollen. Sie würde sogar ein Grundstück zur Verfügung stellen, damit wir uns ein Haus bauen können, versicherte sie uns.

Rückkehr in die Heimat nach Kriegsende

Nach Kriegsende saßen die erwachsenen Landsleute, die in der Nachbarschaft untergebracht waren, abends unter dem Apfelbaum und sprachen vom „Heimgehen“ und davon, dass bald der Schnitt beginne und die Ernte unter Dach und Fach gebracht werden müsse. Oma und Mutter ließen sich überreden und so traten wir die Heimreise am 11. Juli 1945 an per Bahn bis nach Szeged, von da an im Fußmarsch bis nach Hause. Unser Elternhaus konnten wir erst nach einem halben Jahr wieder beziehen, da andere Leute dort gewohnt haben.

Mutter pflegte noch den Briefkontakt zur Bäuerin bis zu deren Tod ein Jahr nach unserer Rückkehr.

Johann Philipp