Landsmannschaft der Banater Schwaben e.V.

Aus der Geschichte der Seuchen und Krankheiten im Banat (Teil 4)

Alexandre Yersin – Entdecker des Pestbazillus Quelle: commons.wikimedia.org

Pestschutzkleidung: „Der Doctor Schnabel von Rom“, kolorierter Kupferstich eines Pestdoktors von Paul Fürst, ca. 1656. Quelle: https://de.wikipedia.org

Daniel Defoes Buch „A Journal of the Plague Year“ (Die Pest zu London), Erstausgabe 1722. Quelle: www.gutenberg.org

Jahrhundertelang war die Pest für die Länder Europas eine Geißel und riss binnen kurzer Zeit große Teile der Bevölkerung ins Grab. Gegen die Pest hatten die Menschen keine Chance und wo sie in ein Haus einzog, da regte sich in ihm bald kein Leben mehr. Ganze Orte und Familien sind in Pestzeiten ausgestorben. Ein Grabstein aus dem Jahr 1533 auf dem Johannisfriedhof in Nürnberg trägt folgende Inschrift: „Ist das nicht ein jämmerlich und sehnlich Klag, Ich Hans Tuchmacher, mit 14 Kinder starb auf einen Tag“.

Auch im Banat kamen durch die Pest persönliches Leid und Tod über die Menschen.

Was ist die Pest? Ursache und Herkunft

Martina Martin verbrachte ihre Kindheit und Jugend im Banat. In ihrem Roman „Banat“ (1990) beschreibt sie die schwierige Anfangszeit der deutschen Ansiedler im Südosten Europas: „Doch ganz so glatt verlief das Leben damals noch nicht. Der stinkende, noch vorhandene Sumpf hatte wieder einmal die Pest geboren und sie wie einen Feind (…) über die Menschen geworfen, die gerade anfingen, befreit aufzuatmen, die aber jetzt zu Hunderten hinweggerafft wurden.“ Doch hat die Banater Sumpflandschaft tatsächlich die Pest „geboren?“ Diese Frage ist eindeutig mit Nein zu beantworten. Die Sümpfe generierten das Sumpffieber, die Malaria, aber keineswegs die Pest.
Was ist die Pest und woher kommt sie? Lange Zeit kannten die Menschen Herkunft und Ursachen der Krankheit nicht. Für die Pest machte man häufig die Gestirne verantwortlich. Sie galt auch als Strafgericht Gottes und als Vorbote des Weltuntergangs. Die Deutung von Seuchen als Folge der Sünde findet sich in fast allen Kulturen.

Nicht alle Menschen glauben an einen Gott, der ihnen Krankheit und Tod bringt. Stattdessen suchten sie einen menschlichen Sündenbock, strickten Intrigen und verbreiteten Lügen. Sogar Untote wie Vampire wurden als Schuldige für die Pest gehalten. In Teil 4 der ZDF-Serie „Die Deutschen“ (in der Mediathek unter www.zdf.de/dokumentation/die-deutschen/karl-iv-und-der-schwarze-tod-100.html, verfügbar bis 23. November 2020) wird dokumentiert, wie Juden beschuldigt wurden, Brunnen vergiftet zu haben und daraus auch Pogrome entstanden.

Nicht alles, was in alten Chroniken als „Pest“ bezeichnet wurde, war es auch im heutigen bakteriologischen Sinn, denn fast jedes Massensterben wurde so genannt. Der Begriff „Pest“ (lat. pestis, pestilentia = Seuche) wurde erst im 14. Jahrhundert auf den „Schwarzen Tod“ beschränkt. Die Pest ist eine bei wilden Nagetieren verbreitete ansteckende Krankheit, eine Zoonose, die durch Ratten über bestimmte Parasiten, primär durch Flöhe, auf Menschen übertragen wird.

Avicenna (11. Jahrhundert) erwähnt als wichtiges Symptom der Pest die Beulen (Lymphdrüsenschwellungen). Er beobachtete das ungewöhnliche Verhalten der Ratten vor einer Epidemie, die sich „wie betrunken gebärden“. Die Hindus in Bombay (heute Mumbai) nannten die kranken Ratten „Pestwetterhähne“.

Erst 1894 gelang Alexandre Yersin (1863-1943) der wissenschaftliche Nachweis der Krankheit. In Hongkong hat der aus der Schweiz stammende Tropenarzt den Pesterreger entdeckt, der nach ihm „Yersinia pestis“ benannt wurde: kleine, gramnegative, sporenlose, unbewegliche Stäbchen. Yersin konnte auch nachweisen, dass die der menschlichen Pest vorausgehende Rattenpest vom gleichen Erreger verursacht wird.

Paul-Louis Simond (1858-1947) hat 1898 in Karatschi (heute Pakistan) den Beweis erbracht, dass der Rattenfloh, der sich auf der pestkranken Ratte infizierte, den Keim auf den Menschen übertrug. Er fand mit dem Rattenfloh das noch fehlende Glied in der Infektionskette Ratte-Floh-Mensch. Neuesten Erkenntnissen zufolge spielen dabei nicht nur Rattenflöhe, sondern auch der Menschenfloh eine gewichtige Rolle. Vieles an der Pest und den Pestepidemien ist jedoch noch ungeklärt, der „Schwarze Tod“ gibt auch heute noch Rätsel auf.

Die Pest tritt, von ein und demselben Erreger verursacht, unter zwei historisch und medizinisch wichtigen Erscheinungsformen auf: als Beulen- oder Bubonenpest und als Lungenpest. Die weitaus häufigere Erscheinungsform ist die Beulenpest. Bei der Beulenpest bekommen die Kranken am Körper (Achselhöhle, Leistengegend) eitrige Beulen (Lymphknotenschwellungen); sie haben teilweise hohes Fieber und starke Schmerzen. Die Lungenpest kann Folge der Beulenpest sein, sie kann aber auch von Mensch zu Mensch durch Tröpfcheninfektion übertragen werden. Die Inkubationszeit beträgt nur wenige Stunden und sie endet fast immer tödlich.

Gegen die Pest gab es keine Heilmittel

Ohne die Ursachen der Seuche zu kennen, waren die Maßnahmen und Heilmittel gegen die Krankheit eher bescheiden und wirkungslos. Sowohl die Volksmedizin als auch die Schulmedizin hatten gegen die großen Seuchen keine wirkungsvolle Behandlung zur Verfügung.

Im Mittelalter betrachtete man das Gebet als die wirksamste Hilfe gegen die Seuchen. Da sowohl die ärztliche Kunst (gegen die Pest war kein Kraut gewachsen!) als auch die behördlichen Schutzmaßnahmen meistens versagten, wandten sich die verzweifelten Menschen an Fürbitter und Pestheilige, die sie vor dem göttlichen Zorn bewahren sollten. Die Geißler (Flagellanten) zogen in Westeuropa durch die Lande, um durch Selbstzüchtigung das Schicksal zu bewegen und durch Bußprozessionen die Pest abzuwenden.

Die Volksmedizin griff auf die Empfehlungen alter Kräuterbücher, auf traditionelle Praktiken und Sprüche zurück. In seinem Beitrag „Banater Volksmedizin und Krankheitsaberglaube“ (in: Schwäbischer Jahreslauf, 1978, S. 212) schreibt Dr. Erich Lammert: „Über die Pestbehandlung gibt es einige Informationen aus der Gemeinde Guttenbrunn-Zabrani: es wurden Engelwurz und Wacholderbeeren empfohlen, auf die Pestwunden sollte man Brot binden, denn ‚es zieht das Gift heraus‘. Gleichfalls aus Guttenbrunn stammt ein alter, verstümmelter Spruch gegen die Pest, in dem es heißt: ‚Esst Knobelauch und Biwenell, dass ihr nicht sterbt so schnell‘. Biwenell ist die Pestwurz oder Bibernelle.“

Auch der Glaube an das schützende Pesthemd war einst im Banat lebendig. Die empfohlenen Mittel gegen die Pest waren nicht nur wirkungslos, sondern manchmal sogar schädlich und zuweilen grotesk. So wurden Klistiere und Aderlässe empfohlen, die den kranken Körper aber nur noch mehr schwächten.
In der Regel befiel die Krankheit die Menschen ganz unvermittelt und bei bester Gesundheit. Die Pest raffte unterschiedslos jeden dahin. Um dem Übel zu entgehen, half meistens nur die Flucht. Selbst Ärzte, die ihre Ohnmacht erkannten, suchten das Weite. Auch der berühmte Galen (2. Jahrhundert), Leibarzt des Kaisers Marc Aurel, der behauptete, er habe durch Aderlässe in Asien die Pest von sich gewandt, floh vor dieser Seuche Hals über Kopf aus Rom.

Die Pestepidemien schufen eine tragische Atmosphäre. In einer Psychose kollektiven Schreckens wurde jegliche Vernunft ausgelöscht. Kein Wunder, dass die Menschen jedem noch so absurden Therapievorschlag folgten. Je prekärer die Lage, um so unsinniger wurden die Ratschläge. Die Geschichte scheint sich heute, in Zeiten von Corona, zu wiederholen. Fake News und Verschwörungstheorien machen aktuell die Runde und verunsichern die Menschen umso mehr.
Da es kein Heilmittel gegen die Pest gab, hat man, um wenigstens die Ausbreitung der Seuche zu verhindern, ganze Regionen und Orte isoliert (von ital. isola = Insel). Zur Abschottung der verseuchten Gebiete wurden militärische Kordone, Kontumazstationen (Quarantänestellen) und Sondersiechenhäuser (Pestlazarette) eingerichtet. Sanitätskommissionen wurden ins Leben gerufen. 1485 gründete der Senat von Venedig die „Magistratura della Sanitá“, die erste Gesundheitsbehörde weltweit. Die Krankheit war meldepflichtig.

Eine rasche Leichenbestattung und radikale Kadaverbeseitigung war Gebot der Stunde. Viele Opfer der Seuche wurden verbrannt und auf Friedhöfen wurden die Pestleichen mit gelöschtem Kalk bedeckt.
Therapeutisch stehen in der Pestbehandlung heute Antibiotika wie Streptomycin, Tetracyclin und Chloramphenicol zur Verfügung. Inzwischen werden aber zunehmend Resistenzen beobachtet.

Die Pest, die „Geißel der Menschheit“, in Europa

Im Laufe der Geschichte hat die Pest immer wieder ganze Landstriche und Erdteile heimgesucht und verwüstet. Bereits das Alte Testament enthält zahlreiche Anspielungen auf die Pest, über dreißigmal wird darin die Pestilenz als Gottesstrafe bezeichnet.

Auch in der „Ilias“ (8. Jh. v. Chr.) wird die Seuche erwähnt. Homer schildert in wenigen Zeilen die Pest während der Belagerung Trojas. Bekannt ist auch die sogenannte „Pest des Thukydides“ („Attische Pest“) zu Beginn des Peloponnesischen Krieges (431 - 404 v. Chr.) in dem von den Spartanern belagerten Athen. Ob es sich dabei wirklich um die Pest handelte, konnte bislang nicht nachgewiesen werden.

Das Römische Reich wurde etliche Male von der Pest heimgesucht, so auch in der Regierungszeit des Kaisers Marc Aurel im 2. Jahrhundert. Der Kaiser selbst fiel im Jahr 180 bei Vindobona (Wien) der Seuche zum Opfer.

Die Epidemie, die der Historiker Prokop von Caesarea als Augenzeuge in seinen „Perserkriegen“ schildert, ist als „Justinianische Pest“ (6. Jahrhundert) bekannt, benannt nach dem oströmischen Kaiser Justinian I. Sie nahm in der Hauptstadt Konstantinopel ihren Anfang und breitete sich danach im ganzen Byzantinischen Reich aus. Sie gilt als die erste dokumentierte Pandemie.

Die erste große Pest-Pandemie erreichte Mitte des 14. Jahrhunderts Europa. In China herrschte von 1325 bis 1351 eine Pestepidemie, die etwa 13 Millionen Opfer forderte. Eine Abzweigung dieser ostasiatischen Pestepidemie gelangte mit der Belagerung der Stadt Caffa auf der Krim durch die Tataren 1347 an die Küsten des Schwarzen Meeres. Von hier wurde die Seuche durch genuesische Handelsschiffe nach Sizilien eingeschleppt. Von 1347 bis 1348 wütete in Italien eine schwere Pestepidemie, von wo sich die Seuche über fast ganz Europa ausbreitete. Schätzungsweise sollen dieser großen Pestpandemie etwa 20 bis 25 Millionen Menschen, etwa ein Viertel bis ein Drittel der europäischen Bevölkerung, zum Opfer gefallen sein.

Nach der großen Pestepidemie im 14. Jahrhundert tauchte in der Kunst des Abendlandes zum ersten Mal das Motiv des Totentanzes auf. 1348 erschien Francesco Petrarcas „Triumph des Todes“ und Giovanni Boccaccio schrieb unter dem Eindruck der Pest in Florenz seinen berühmten „Dekameron“. Später schuf der Maler Hans Holbein d. J., der 1543 in London selbst Opfer der Pest wurde, seine „Bilder des Todes“.

Einige europäische Großstädte, vor allem die Hafenstädte, waren Pestherde erster Ordnung. Die Pest von Venedig 1575-1577 kostete die Stadt weit mehr als ein Viertel ihrer Bewohner. Ernst Rodewaldt beziffert die Verluste mit 46000 Toten aus einer Bevölkerung von 16000. Unter den Opfern befand sich auch der greise Maler Tizian, der am 27. August 1576 starb.

Im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) war die Pest auch stets präsent. Anno 1634 wurde aus Oberitalien die Seuche nach Tirol und Bayern eingeschleppt. Die Oberammergauer Festspiele sind eine Reminiszenz der Pest aus dieser Zeit, ebenso der Münchner „Schäfflertanz“.

Im Jahre 1656 wütete die Pest in Rom. Aus dieser Zeit stammt die Schutzkleidung für Pestärzte. Sie trugen einen langen wachsgetränkten Mantel und eine schnabelförmige Maske, in der sich ein mit Heilkräutern und duftenden Essenzen getränkter Schwamm befand. „Doktor Schnabel“ oder „Cigogna“ (Storch) wurden sie scherzhalber genannt.

Berühmt-berüchtigt ist die Pest zu London (1665-1667). Daniel Defoe, der Autor von „Robinson Crusoe“, veröffentlichte 1722 sein Buch „A Journal of the Plague Year“ („Die Pest zu London“), das ein großer Erfolg wurde. Auch Albert Camus (1913-1960) hat sich mit der Seuchen-Thematik befasst und 1947 den Roman „Die Pest“ geschrieben, der in Corona-Zeiten wieder sehr aktuell und lesenswert geworden ist.

Zu Beginn des Jahres 1679 wurde die Pest aus Ungarn nach Wien eingeschleppt. In Wien wurde eine Pestkommission gebildet, an deren Spitze Ferdinand von Schwarzenberg stand. Die Leute verehrten ihn sehr und seine aufopferungsvolle Tätigkeit brachte ihm den Namen Pestkönig ein.

Zu Weihnachten hielt der wortgewaltige Hofprediger Abraham a Santa Clara eine seiner berühmten Predigten „Wie bist du denn gewest, du berühmte kaiserliche Residenzstadt Wien anno Christi 1679?“ Während dieser Zeit lebte in Wien der Volkssänger Marx Augustin. Er überlebte die Pest und von ihm stammt der noch heute bekannte Gassenhauer „O du lieber Augustin“. Wieviel dabei Wahrheit oder Legende ist, bleibt dahingestellt.

Die Bilanz am Ende des Seuchenjahres 1679 zeigte, dass Wien niemals mehr Menschen innerhalb eines einzigen Jahres verloren hatte. Eine Schätzung von 12000 Toten dieser Pestepidemie könnte realistisch sein (Manfred Vasold, Pest, Not und schwere Plagen, 1991, S. 165). Eine riesengroße barocke Pestsäule auf Die dem Graben in Wien erinnert noch heute an das furchtbare Seuchenjahr.
Über das Verschwinden der Pest in Europa wurden viele Erklärungen angeboten, keine einzige jedoch vermag den Rückzug der Seuche – für sich genommen – befriedigend zu begründen.