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Banater Post

Die Malariabekämpfung / Das Fleckfieber - Aus der Geschichte der Seuchen und Krankheiten im Banat (Teil 3)

Die Anophelesmücke überträgt die Malaria. Quelle: Wikipedia

Die Grafik zeigt die Zahl der Opfer der Seuchenjahre 1771-1772 in einigen Orten des Banats (nach Petri, Heilwesen im Banat, S. 59).

Dr. Erich Lammert (1912-1997) Quelle: Erich Lammert, Banater deutsche Lebensformen, 2012

Vom 23. Oktober 1769 liegt ein Bericht des Schöndorfer Chirurgen Andreas Götzer vor, in dem er mitteilt, „dass die neu angekommenen Collonisten Familien unter wehrender von vielen Nebel und Feuchtigkeiten angeschwängerter Luft sowohl auf Böden als offenen Kammern logieren, daher so viele gantze Familien nicht allein in die gefährlichsten Wechselfieber, sondern auch Desentieren verfallen“ (Nikolaus Engelmann, Heimatbuch der deutschen Gemeinde Schöndorf, 1989, S. 58).

Am 28. Oktober 1786 berichtete der in Temeswar wirkende Administrationsassessor Johann Georg Wallbrunn an die Ungarische Staatskanzlei auch von der Visitation des Banater Kameralchirurgen Paul Otto (1743-1795) in der neubesiedelten Gemeinde Niczkydorf, der in seinem erstatteten Rapport anzeigt, „daß eine grosse Anzahl dieser neuen Ansiedlern an verschiedenen mit besonderen Anfällen Verflochtenen Fiebern krank darnieder liege“ (Petri, Heilwesen im Banat, 1988, S. 74).

Noch 1859 berichtete der Nitzkydorfer Amtsarzt Dr. Josef Winkler, „dass unter den Krankheiten bei den Ortsbewohnern und jener der Umgebung unstreitig die Wechselfieber obenan stehen“.

Am 20. Januar 1788 meldete der Orzydorfer Richter dem Monosturer Rentamt, dass viele Kolonisten krank seien und fast täglich zwei, auch drei Personen sterben. Von der Temeswarer Kameraladministration wurde hierauf der Kameralchirurg Paul Otto nach Orzydorf geschickt, um den Stand der Krankheit zu untersuchen. Dieser berichtete, dass die herrschende Krankheit nur ein Überbleibsel „von hierländig so gewöhnlichen Banatischen Fiebern“ sei.

Trockenlegung der Sümpfe – Kampf gegen Malaria

Ein erster Schritt zur Verbesserung der Gesundheitslage war die Trockenlegung der Sümpfe und der Bau des Bega-Kanals. 1757 wurde der wallonische Hydrauliker Maximilian Emmanuel de Fremaut (1725-1768) von Maria Theresia ins Banat berufen, um die weiten Sumpfgebiete trockenzulegen und Bega und Temesch zu regulieren. Erst dadurch wurde die Besiedlung der Banater Heide ermöglicht. Das letzte große Aufflackern des Fiebers war in den sogenannten Wasserjahren 1870-1880.

Die Entwässerungsarbeiten konnten die Malaria aber nur ungenügend beeinflussen und nicht gänzlich ausmerzen. Ohne die Ausrottung der malariaübertragenden Stechmücke konnte auch die Heilbehandlung mit Chinin nicht viel ausrichten. Im Banat wurde die Chinarinde vom Militärarzt Johann Georg Heinrich Kramer eingeführt, so Dr. Erich Lammert. „Sulfas“ war die vom Volke gebrauchte Benennung für Chininum sulfuricum, damals eines der wenigen, wenn nicht gar das einzige wirksame Mittel gegen das Fieber. Am hohen Preis der Chinarinde scheiterte allerdings die allgemeine Verwendung. Erst als 1820 Joseph Caventou und Joseph Pelletier die Isolierung des Chinins, des eigentlichen Wirkstoffs der Chinarinde, glückte, kam das nunmehr billig herzustellende Präparat allen zugute.

Was die Malaria betrifft, schreibt Dr. Peter Pink in der Ortsmonografie „Die Heidegemeinde Ostern“ (1935), dass die Krankheit Jahrzehnte hindurch viele Opfer gefordert hat. Da weit und breit kein Arzt zu finden war, behalfen sich die Leute mit Hausmitteln. Über einige dieser Hausmittel berichtet Dr. Erich Lammert in seinem Beitrag „Banater Volksmedizin und Krankheitsaberglaube“, erschienen in „Schwäbischer Jahreslauf“, herausgegeben von Hans Gehl (Temeswar 1978, S. 215). Noch Ende des 19. Jahrhunderts teilten in vielen schwäbischen Familien die Mütter Chinintabletten zur Vorbeugung des Wechselfiebers aus. Auf der Heide gebrauchte man Wermut und gab „Bibergalle“ und Zündholzköpfchen dazu. Als wirksam gepriesen wurde auch in Wein oder Schnaps genossener Paprika oder Pfeffer. Zur Mückenabwehr versuchte man es mit Petroleumeinreibungen.

Wohl mit keiner anderen chemischen Substanz haben sich so viele Hoffnungen in der Malariabekämpfung verbunden wie mit Dichlordiphenyltrichlorethan, kurz DDT genannt. Für die Entwicklungsländer Afrikas, Asiens und Südamerikas war die Entdeckung des Schweizer Chemikers Paul Müller (1899-1965) wie ein Geschenk des Himmels. Und DDT war billig und leicht anzuwenden. Auch im Banat war DDT, das wir damals bedenkenlos benutzten, ein geeignetes Mittel zur Bekämpfung der Flöhe und des schädlichen Colorado-Kartoffelkäfers. Das ehrgeizige Projekt, die Malaria mit Hilfe von DDT auszurotten, erwies sich jedoch bald als beispielloser Flop, denn fast überall waren innerhalb kürzester Zeit die Anophelesmücken resistent gegen das Wundermittel geworden. Heute wird DDT schon aus ökologischen Gründen kaum noch verwendet.

Auch gegenwärtig sterben weltweit noch viele Menschen an Malaria. 2015 ging der Nobelpreis für Medizin an drei Forscher, darunter an die Chinesin Youyou Tu. Sie entdeckte den zur Behandlung der Malaria eingesetzte Pflanzenstoff Artemisinin.

Das Fleckfieber – Thyphus exanthematicus

Das Fleckfieber ist eine akute, meist epidemisch auftretende bakterielle Infektionskrankheit. Der Erreger ist „Rickettsia prowazekii“, benannt nach den beiden Forschern Howard Taylor Ricketts (1871-1910) und Stanislaus Prowazek (1875-1915). Die alte Bezeichnung für Flecktyphus war „febris petechialis“, Petechialfieber (ital. petechie = Fleck). Die „Historia Domus“ von Triebswetter berichtet, dass das Jahr 1809 ein ungesundes Jahr mit einer großen Sterblichkeit war. Viele Menschen erlagen einem bösartigen Fieber, von manchen „Petechiales“ genannt.

In alten Matrikelbüchern ist häufig „Phrenesis“ als Todesursache eingetragen. Phrenesis ist im 18. Jahrhundert identisch mit dem Fleckfieber. Auch unter „febris maligna“ verstanden die Ärzte den Typhus exanthematicus. Weshalb aber wurde die Krankheit auch als „Morbus hungaricus“ bezeichnet? Als die Söldnerheere Karls V. Mitte des 16. Jahrhunderts nach Ungarn zogen, um gegen die Truppen des Sultans Suleiman II. zu kämpfen, wurden die Soldaten vom Fleckfieber befallen, das fortan in seinem Reich als „Ungarische Krankheit“ bezeichnet wurde.

Der Erreger des Flecktyphus wird durch Läuse, besonders Kleiderläuse, daher auch Lausfieber, übertragen. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist nicht möglich. Das Wort „Typhus“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Rauch, Nebel“. Man bezeichnete damit die Umnebelung der Sinne, die sowohl bei Flecktyphus als auch bei Bauchtyphus („Typhus abdominalis“), zwei typhöse Fieberkrankheiten, auftrat. Beide Krankheiten konnte man im 17. und 18. Jahrhundert noch nicht unterscheiden und sie wurden deshalb lange Zeit miteinander verwechselt. Der Unterleibstyphus ist eine Salmonelleninfektion und wurde auch noch Nervenfieber („Febris nervosa“) genannt.

Die Häufigkeit des Flecktyphus ist ein Indiz für die ungünstigen hygienischen Verhältnisse der Dorf- und Stadtbewohner in der Ansiedlungszeit. Aber auch die Unterernährung trägt Schuld am Ausbruch und der Verbreitung dieser „Elendskrankheit“.

Der Provinzial-Kontagionsmedikus Johann Joachim Groß übte im Banat eine erfolgreiche Tätigkeit aus. Am 11. März 1767 meldete er, dass in Mercydorf Leute an „febris petechialis“, also an Fleckfieber erkrankt seien. Die massenhafte Einquartierung von französischen Lothringern in Mercydorf führte zu Flecktyphuserkrankungen.

Freudenthal wurde 1786 angesiedelt und bereits ein Jahr danach brach das Fleckfieber (Phrenesis) aus. 1809 verließen die Freudenthaler den Ort und haben sich in Großscham niedergelassen. Mit dem Abschluss der Ansiedlung erlosch auch das Fleckfieber, die Malaria aber ebbte erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts ab.

Der Typhus exanthematicus und der Typhus abdominalis waren typische Kriegskrankheiten, denn die stehenden Heere („Lagerfieber“) und die oft langanhaltenden Kriege förderten diese Übel gewaltig. Häufiger Stellungswechsel und schlechte hygienische Verhältnisse der Truppen, vor allem im Winter, boten den Läusen außerordentlich gute Entwicklungsmöglichkeiten. In beiden Weltkriegen tauchten die Krankheiten auf vielen Schlachtfeldern immer wieder auf. Im Verlauf des Ersten Weltkriegs spielte an der deutschen Ostfront vor allem das Fleckfieber eine verhängnisvolle Rolle.

Die Seuchenjahre 1770-1771

Unter den vielen Seuchenjahren, die im Banat des 18. Jahrhunderts festzustellen sind, ragen 1770 und 1771 leidvoll heraus. „Es hat sich damals im Banat ein höchst tragisches Geschehen abgespielt. Zu keiner Zeit der deutschen Kolonisationsgeschichte und an keiner Stelle des Südostens forderte der Tod so große Opfer unter den Ansiedlern, wie in den Jahren 1770-1771 im Banat“, so der Historiker Friedrich Lotz (1890- 1980) im „Donauschwaben-Kalender 1975“.

Auch Dr. Konrad Schünemann (1900-1940) berichtet über die Katastrophenjahre 1770-1771. Der Historiker war von 1922 bis 1928 Assistent des Berliner Ungarischen Instituts und hat sich intensiv mit der Ansiedlung der Donauschwaben beschäftigt. Er schreibt: „Da erfolgte im Jahr 1770 ein nie da gewesener Menschenzustrom, der alle Pläne über den Haufen warf und die ohnehin in Verwirrung geratene Banat- Impopulation von neuem in die größte Unordnung brachte. Es war ein Katastrophenjahr, das über weite Teile Mittel- und Westeuropas schwere Hungersnot brachte, die bald auch auf einzelne Teile der Monarchie selbst hinübergriff.“

Der Zustrom der Ansiedler war gewaltig, aber es fehlten die Häuser für die Neuankömmlinge. „Bis zum Ende des Jahres 1770 waren rund 2500 Familien in den ‚alten‘ Ortschaften eingepfercht, es kam nicht selten vor, dass drei Familien unter einem Dach weilen und auskommen mussten. Die Wirte waren verständlicherweise über diese Zwangseinweisungen nicht erfreut, ebenso wenig die unwillkommenen ‚Gäste‘. Letztere waren für die vielen Krankheiten sehr anfällig; in unserer Medizingeschichte sind die Jahre 1770-1771 als ‚Seuchenjahre‘ eingestuft“. (Petri, Heilwesen im Banat, 1988, S. 63)

1766 brach in Mercydorf eine Flecktyphusepidemie aus, es starben 88 Menschen. Im Jahre 1767 gab es 173 Todesfälle im Ort, ihren Höhepunkt aber erreichte die Epidemie in den Jahren 1770-1771 mit 223 beziehungsweise 182 Toten. In diesen Jahren war das Dorf vollgestopft mit französischen Kolonisten aus Lothringen, die in Triebswetter, Sankt Hubert, Charleville und Soltur ansässig werden sollten.

In den beiden Hunger- und Seuchenjahren 1770-1771 starben in Neuarad 721, in Hatzfeld 553, in Billed 474, in Sackelhausen 409, in Mercydorf 405, in Guttenbrunn 334, in Neubeschenowa 304, in Großjetscha 288, in Apfeldorf 265, in Gra-batz 256, in Tschatad 239, in Bruckenau 235, in Engelsbrunn 227, in Schöndorf 217 und in Bogarosch 156 Menschen. (Petri, Heilwesen im Banat, 1988, S. 59).

Im „Ortssippenbuch der katholischen Gemeinde Jahrmarkt im Banat“ (1985) von Stefan Stader wird über die prekäre Lage der darniederliegenden Kranken im Seuchenjahr 1770 in der Gemeinde berichtet. Im Juli 1769 wird Pfarrer Josef Wohlfahrt (geb. 1739 Neusiedl/See – gest. 1811 Temeswar) von Schöndorf nach Gyarmath versetzt. Im Sommer 1770 gibt es viele Kranke im Ort. Da Pfarrer Wohlfahrt in dieser Zeit zu Besuch bei seinen greisen Eltern weilt, bleibt Kaplan Ignaz Hubert allein in der Gemeinde. Er wird häufig zu Kranken gerufen, es sind jeden Tag drei-vier Begräbnisse. Die Kranken klagten allgemein über das „ungarische Fieber“. Sie fühlten sich matt, Hände und Füße sind schwer und sie sind gleichgültig und teilnahmslos gegen alles. Sie glühen in Fieberhitze, verlieren die Besinnung und nur nach Wasser schmachtend liegen sie auf ihren ärmlichen Lagern und siechen dem Tod entgegen. Nur die Säuglinge und Greise scheint das Übel zu meiden.

Kaplan Hubert verständigt die Behörden und ruft in einem Eilbrief den Pfarrer nach Hause. Dieser findet die Gemeinde in einem desolaten Zustande, in fast jedem Haus Kranke, als ob da ein großes Spital wäre! Mitte Juli 1770 sind es täglich 5-6 Begräbnisse, im August steigt ihre Zahl auf 6-8 täglich und im September erreichen dieselben den Höhepunkt: Es sind jeden Tag 10-13 Begräbnisse! Pfarrer und Kaplan sind unablässig unterwegs, aber weder sie noch die hierher gesandten Militärärzte können dem typhösen Fieber Einhalt gebieten. Am ärgsten herrscht das Übel unter den Luxemburgern.

Verzweifelt schreibt Pfarrer Wohlfahrt auf das Vorblatt des Sterbeprotokolls folgende Worte in Latein, die ins Deutsche übersetzt lauten: „Im Jahre 1770 am 23. Juli ist hier in Jahrmarkt unter den einquartierten Neukolonisten das schreckliche Sterben ausgebrochen, in dem Maße, dass der alte Friedhof nicht geräumig genug ist, die Kadaver der Verstorbenen aufzunehmen“. Und er fragt sich: Was soll aus der Gemeinde werden?

Im Staders Ortssippenbuch heißt es: „Ja, der Friedhof um den alten Kirchplatz war voll geworden. Von Mitte des Jahres 1770 bis Mitte des Jahres 1771 wurden in Gyar-math/Jahrmarkt 711 Menschen beerdigt“. Bei der Überzahl der Erkrankungen handelte es sich um das „Ungarische Fieber“, dem Petetschenfieber/Petechialtyphus, auch Blutfleckenkrankheit genannt.

Auch Franz Liebhard („Banater Mosaik“, 1976, S. 122-123) und Dr. Anton Peter Petri („Heilwesen im Banat“, 1988, S. 57-61) berichten über das große Sterben der Neuansiedler in Jahrmarkt in den Jahren 1770-1771.