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Banater Post

Zur Geschichte einer zähen Publikation

Nachdem im Rahmen des Projekts „Wörterbuch der Banater deutschen Mundarten“, das seit sechs Jahrzehnten stagnierte, 2013 ein erster Band (A-C) erschienen ist, brachte der Verlag des Münchner Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas (IKGS) Anfang April 2020 den zweiten Band (D-F) heraus. Unterstützt wird das Forschungsprojekt der West-Universität Temeswar, Fachbereich Germanistik, von Prof. Hermann Scheuringer, Leiter des Forschungszentrums Deutsch in Mittel-, Ost- und Südosteuropa der Universität Regensburg. Falls in diesem Rhythmus weitergearbeitet würde, könnte der letzte von sechs geplanten Bänden etwa 2050 erscheinen und eine wichtige Banater Publikationsreihe abschließen, auch wenn die meisten von uns dieses Ereignis nicht mehr erleben werden. Doch solche Werke werden in Bibliotheken sicher aufbewahrt und stehen der Forschung unbegrenzt zur Verfügung. Wörterbucharbeit ist berechtigt und langatmig angelegt.

Mundart als kostbarer Sprachschatz

Die Temeswarer Journalistin Raluca Nelepcu berichtete über das Erscheinen des zweiten Wörterbuchbandes am 11. April 2020 in der ADZ und erläuterte, dass dieses Projekt des Temeswarer Germanistik-Lehrstuhls, an dem die Germanistinnen Alwine Ivănescu (aus Perjamosch), Mihaela Şandor und Ileana Irimescu (beide aus Billed) gearbeitet haben, das Ziel verfolge, den deutschen Sprachschatz des Banats zu erforschen. Sie alle kennen die deutsche Mundart ihrer Geburtsgemeinde und haben ein Interesse an ihrer Bearbeitung und Bewahrung. Nelepcu schreibt zum Banater deutschen Wörterbuch: „Es unterscheidet sich von den meisten anderen Mundartwörterbüchern dadurch, dass es verschiedene Dialekttypen, wie sie im Banat bis heute nebeneinander bestehen, gemeinsam behandelt. Es gibt Aufschluss über Mundartmischungs- und Ausgleichsprozesse und deren Ergebnisse sowie über die vielfältigen Kontakte der deutschen Bevölkerung zu den anderen Banater Sprachgemeinschaften, die in den deutschen Mundarten ihre Spuren hinterlassen haben“.

Das vielsprachige Umfeld der verschiedenen deutschen Dialekte des Banats, das zu gegenseitigen Bereicherungen führte, ist ein wichtiges Merkmal dieses Bandes. Als isoliertes Mundartgebiet bewahrten hier die Mundarten altes Wortgut der Herkunftsgebiete in Südwestdeutschland, Österreich, Lothringen, Luxemburg – daher auch französisches Wortgut und Merkmale der österreichischen Verwaltungssprache aus der ersten Siedlungsperiode im 18. Jahrhundert; es folgten die ungarische und rumänische Verwaltung im 19. und 20. Jahrhundert, die den Wortschatz ebenfalls beeinflussten. Zugleich übernahmen die Banater Mundarten Sprachgut aus der rumänischen, ungarischen und serbischen Nachbarsprache und über diese auch anderes Lehngut aus weiter entfernten Sprachen.

Ortsmundarten und Brauchtum sind ein schützenswertes Kulturgut und sollten gepflegt und erhalten werden. Fehlende Sprecher können durch wissenschaftliche Darstellungen bzw. Sammlungen ersetzt werden. Für uns haben solche Wörterbücher und Sammlungen eine praktische Bedeutung als Kulturträger. Sie ermöglichen eine Erinnerung an unsere Kindheit und Jugend mit allen wertvollen und – kriegsbedingt – unangenehmen und traurigen Erfahrungen, die in dieses Wörterbuch eingingen und auch – als historischer Wert – die Abschlussperiode der 250-jährigen deutschen Präsenz im Banat dokumentieren. Deshalb kann ein Banater deutsches Wörterbuch die örtlichen Wörtersammlungen unserer Heimatortsgemeinschaften zusammenfassen.

Wörterbuch mit langer Entstehungsgeschichte

Eben deshalb legte der 1956 gegründete Germanistiklehrstuhl der Temeswarer Universität ein Banater Wörterbuch und eine Banater deutsche Literaturgeschichte als vorrangige Forschungsziele fest. Der erste Lehrstuhlleiter, Prof. Stefan Binder, förderte diese Ziele. Dr. Johann Wolf verfasste einen lokalspezifischen Fragebogen: In einem Brief vom 1. Februar 1959 bedankt er sich bei einer Gewährsperson für die Beantwortung der Fragen. Bereits 1957 begann die Sammlung von Mundartmaterial, um eine Mundartgliederung vorzunehmen (an der auch Dr. Erich Lammert und andere Laienforscher mitarbeiteten). Das ergab eine Karte mit 158 deutschen Mundarten im rumänischen Banat und eine Gliederung des Mundartengemischs in fünf Mundarttypen: rheinfränkische, alemannische, süd- und ostfränkische, bairische und fränkisch-bairische Mischmundarten, die in den Wortartikeln des zweiten Bandes auf 447 Seiten dargestellt werden. Deutsche Mundartwörterbücher beschreiben gewöhnlich nur einen Mundarttyp, doch die vier Bände der Tübinger donauschwäbischen Wörterbücher (1995-2005) erfassen 383 Ortsdialekte aus allen sechs neuzeitlichen Siedlungsgebieten in Südosteuropa, wobei dem gesamten, vortrianonischen Banat der meiste Platz eingeräumt wird. Aus dem Banater Bergland kommen bekanntlich „die sieben Sprachen, aber alle deutsch“ bzw. die bairisch-österreichischen Lokalmundarten der Ansiedler aus verschiedenen Gebieten Altösterreichs, die auch in das Wörterbuch eingeflossen sind.

Dr. Hans Weresch hielt mit uns damaligen Studenten ab 1958 einen „Mundartkreis“, da es noch kein Seminar gab. Dr. Maria Pechtol hatte ab 1961 eine Vorlesung über Mundartenkunde, die später von Peter Kottler übernommen wurde. Von 1957 bis 1980 systematisch und danach sporadisch erfolgte Mundartaufnahmen ergaben eine Materialgrundlage von 330000 Zetteln (mit zumeist phonetischen, weniger Satzbelegen). Diese Aufnahmen wurden durch 203 Diplomarbeiten zu sprachlichen Themen ergänzt. Fast alle Lehrkräfte des Lehrstuhls beteiligten sich an den Mundartaufnahmen in Banater Ortschaften und an den Belegeinträgen in den Zettelkasten (aus den transkribierten Tonbändern und auch aus der Mundartliteratur, was diskutabel ist). Führend war dabei Peter Kottler, aber auch Cristina Stanciu und später die Autorinnen dieses Bandes. Doch keine zahlungskräftige Institution förderte eine Publikation des erarbeiteten Materials, bis nach 2000 Hilfe aus Deutschland (Regensburg und München) kam.

Erster Band ist 2013 erschienen

In der Einleitung des ersten Wörterbuchbandes (2013) gehen die Autoren Peter Kottler, Ileana Irimescu, Alwine Ivănescu, Mihaela Şandor und Eveline Hâncu auf die Erforschung der Banater deutschen Mundarten und auf die Entstehung des Wörterbuchs (einschließlich der vielseitigen sporadischen Förderung) ein. Doch Zielstrebigkeit und die nötigen Fördermittel für eine Publikation fehlten immer. Dazu kam die Fluktuation der Angestellten, das Verbot des Gebrauchs deutscher Ortsnamen und fehlendes Verständnis für Banater Mundartforschung. Nach dem plötzlichen Tod Kottlers im Sommer 2013 hat Alwine Ivănescu, die über die Wörterbuchgestaltung promoviert hatte, die Anleitung des Teams übernommen. Und Mihaela Şandor, die über Mundartgrammatik promovierte, versicherte mir 2007, als Stipendiatin am Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde Tübingen, dass sie gerne am Wörterbuch weiterarbeiten würde. Auf einer wissenschaftlichen Tagung in Linz präsentierte sie zusammen mit Alwine Ivănescu mehrere Wortkarten aufgrund des Temeswarer Mundartmaterials. Für einen Wortatlas ist es freilich unvollständig, doch für das totgeglaubte Wörterbuch ließen diese Ansätze hoffen.

Struktur und Merkmale der Wörterbuchbände

Die Konstellation verbesserte sich durch die ideelle und finanzielle Hilfe aus Deutschland: 2013 konnte der erste und nun der zweite Band erscheinen. Der Umfang stieg von 348 auf 447 Seiten. Die Mundartformen erscheinen in populärer Schreibweise, in lateinischem Alphabet (leicht ergänzt), nur gelegentlich steht das Wort zur Erläuterung auch in phonetischer Umschrift daneben. Auf mein Anraten wurden die ausufernden phonetischen Belege auf die fünf Mundarttypen reduziert und systematisiert: R rheinfränkische Mischmundarten, A die alemannische Mundart von Saderlach, O ost- und südfränkische Mischmundarten, B bairische Mischmundarten, B-F bairisch-fränkische Mischmundarten. Nach dieser übersichtlichen Gliederung wurden in die Wortartikel zum besseren Verständnis Satzbeispiele eingeführt – auch aus meinen Wörterbüchern, wenn sie den erfassten Banater Mundarten entsprachen. Alle verwendeten Kürzel der Ortsnamen werden in der Einleitung aufgelistet, die Orte werden einem der fünf Mundarttypen zugeordnet. Die tabellarische Übersicht der Ortschaften umfasst sowohl die deutschen Ortsnamen als auch die offiziellen rumänischen Bezeichnungen. Ebenso gibt es ein Verzeichnis der abgekürzt zitierten Quellen und der in Wortartikeln herangezogenen Wörterbücher. (Die 203 unveröffentlichten Diplomarbeiten von Temeswarer Germanistikabsolventen über deutsche Mundarten des Banats, nach den erfassten Ortschaften und alphabetisch geordnet, sowie eine äußerst genau zusammengetragene Literatur zu den Banater deutschen Mundarten finden sich im ersten Band.) Alles ist akribisch und verständlich erarbeitet und in alphabetischer Reihenfolge gut lesbar dargestellt.

Wortbedeutungen werden gegebenenfalls alle erfasst. Wichtig und interessant, wenngleich schwerer zu erfassen, sind fallweise etymologische Angaben zum besprochenen Stichwort. Sie sind entweder einfach: alimentară 'Lebensmittelladen' oder stammen auch aus mehreren Sprachen: akkarwas < ung. akár 'egal' und 'was', auch rum. acarce. Weiterführend für interessierte Leser sind die Verweise auf deutsche Dialektwörterbücher und auch auf Fachliteratur und Lexika, schließlich auch auf alle erfassten Synonyme. Das Abschlusswort zum Beispiel ist Futtigel 'gemeine Stechmücke' (Culex pipiens), Lowrin Gelse, Schnake, auch im Pfälzischen und in anderen Wörterbüchern. Das Nachschlagewerk erfasst auch seltene und bloß lokale Wortformen wie Dickanton (Dickantoni), ein Spottname (eigentlich Spitzname einer Sippe) in Glogowatz.

Von „D“ bis „Futtigel“: Wortartikel auf 447 Seiten

Eröffnet wird der Band durch den Buchstaben D 'vierter Buchstabe des Alphabets', mit dem Belegsatz: „Er kann nit der Unnerschied mache zwische em harte un em wååche Tee“ [richtig wäre Dee]. Dieser eigentlich unwichtige Wortartikel kommt aber in sechs Ortsbelegen des „Zettelkastens“ vor und zudem wird auf die Behandlung des D als Lemma in acht verwandten Mundartwörterbüchern verwiesen. Also wurde der Buchstabe auch hier als Stichwort behandelt. Natürlich wären banatspezifische Wörter an seiner Stelle eher angebracht gewesen. Überraschen mag auch das vierte Stichwort dabalaj. Man spitzt dabei die Ohren, bis man erfährt, dass es ein serbisches Lehnwort (von serb. da 'fast' und bolan 'krank') ist und 'sehr müde' bedeutet. Es wurde für Sanktanna aus der NBZ-Pipatsch vom 20.08.1983 festgehalten und hoffentlich von mehr als einem Sprecher gebraucht. Gut zu wissen wäre, ob für Sanktanna typische Wörter wie "abedrehe" (fotografieren [abdrehen]) aufgenommen wurden. Richtig, da erscheint es im ersten Band (A-C) unter abdrehen, als Wortbedeutung 6 (von 9): 'fotografieren', in Sanktanna. Lobenswert ist die Erfassung aller erreichbaren Synonyme zu dabalaj z. B.: fertig, hundemüde, kaputt, lepsch, matt, molak(ig), marod(ig), matsch, müde, schlapp, totmüde. Allerdings sind im Material viele Lücken geblieben, die heute nicht mehr auszufüllen sind und künftige Wörterbuchbände belasten werden.

Als ich mit der Forschergruppe des Germanistik-Lehrstuhls nach 1972 zu Mundartinterviews auf Banater Dörfer fahren wollte, wurde mir das als Angestellter am Polytechnikum nicht erlaubt, da ich kein Mittagessen erhalten könnte (als ob es mir darum gegangen wäre). Doch als die Philologen nach 1980 dreierlei leisten mussten, um ihr Brot zu verdienen, nämlich lehren, forschen und gewinnbringend praktisch arbeiten, durfte ich an der Wörterbucharbeit der Universität teilnehmen, um „zu forschen“. So habe ich 1985, vor meiner Aussiedlung, zusammen mit Cristina Stanciu, Doina Munteanu und Peter Kottler aus dem Mundartmaterial den Buchstaben D im Hinblick auf eine künftige Publikation bearbeitet. 

Beispiel: Wortfamilie „deutsch“

Zu meinem Arbeitsteil gehörte die Wortfamilie deutsch, die ich später auch in meinem vierten donauschwäbischen Wörterbuchband ausführlich beschrieben habe. Im Banat wurden diese Wortartikel dargestellt: deutsch, Deutsch, Deutschamerikaner, deutsch-böhmisch, Deutsche, Deutschland, Deutschländer, deutschländ(er)isch, Deutschprofessor, deutschsprachig. Bemerkenswert dabei ist folgendes, für die Banater Redeweise Spezifisches, was richtig erkannt und in den Text eingebracht wurde. Zum Beispiel deutsch hat drei Bedeutungen: 1. in der Art der Deutschen, 2. zur deutschen Minderheit (in Rumänien) gehörend, diese betreffend, 3. zu Deutschland gehörig, Deutschland betreffend. Deutsch (das) bedeutet: 1. die Sprache der Deutschen, 2. die deutsche Sprache und Literatur als Unterrichtsfach. Deutschamerikaner ist jemand, der in Amerika geboren wurde, aber deutscher Abstammung ist. Deutschböhmisch bedeutet: die Deutschen aus Böhmen betreffend. Deutsche (der): ist jemand, der nach Abstammung und Muttersprache dem deutschen Volk angehört. Deutschland ist ein mitteleuropäischer Staat. Deutschländer ist: 1. Staatsangehöriger Deutschlands, 2. ausgewanderter und in Deutschland lebender Banater Deutscher. Eine ähnliche zweite Bedeutung hat das Wort "Amerikaner", also 'ausgewanderter Banater, der aus Amerika zu Besuch kommt'. Deutschsprachig, auch deutschsprachige Ortschaft bedeutet: mit deutscher Muttersprache. Kurios ist die übertriebene – doch hier nicht erfasste – Verwendung von "deutschstämmig" statt deutsch. Auch "deutschsprachige Ortschaft" ist eigentlich unlogisch, denn: Spricht die Ortschaft? Auch gibt es keinen "rumänischsprachigen Rumänen", sondern nur Rumänen; also auch Deutsche (mit deutschem Pass) und nicht "deutschstämmige Deutsche". Wozu sollen sie sich schamhaft verstecken und ihre "Stämmigkeit" statt ihrer "Nationalität" voranstellen? Ein kürzlich anerkannter Asylant wird stolz auf seine Zugehörigkeit zu den Deutschen sein, auch ohne deren "Stämmigkeit". Weiterhin: Deutschländerisch bedeutet: Deutschland betreffend. Schließlich ist Deutschprofessor, wie in Österreich, eine Lehrkraft, welche die deutsche Sprache (an allen Klassen) unterrichtet; also in Deutschland ein Deutschlehrer, jedoch Hochschulprofessor.

Insgesamt viele nützliche und gut behandelte Ansätze für ein regionales Banater Wörterbuch.

Unter meinen „Donauschwäbischen Lebensformen“ behandelte ich in dieser Wortfamilie noch weitere Stichwörter: deutsche Schrift, nämlich: 'die deutsche Schreibschrift bzw. Sütterlinschrift', die wir noch in den ersten Schuljahren bis zur Unterrichtsreform 1948 lernten, österreichisch bekannt als Kurrentschrift. Deutscher: 'jemand, der nach seiner Ethnie und Muttersprache zu den Deutschen (nicht Deutschstämmigen!) gehört'. Weiterhin Deutsches Theater: 'deutsche Schaubühne in Temeswar und in Szekszárd (Tolnau)', wichtige Institutionen zur Pflege und zum Erhalt der deutschen Sprache in ihrem Wirkungsbereich. Die Temeswarer Bühne feiert 2023 ihr 70-jähriges Bestehen und der Germanistik-Lehrstuhl wird am 1. Oktober 2020 bereits 64 Jahre alt. Möge er noch viele Abschlussarbeiten von Studenten und Publikationen von Lehrkräften hervorbringen.

 

West-Universität Temeswar, Fachbereich Germanistik: Wörterbuch der Banater deutschen Mundarten. Band II (D-F). Begründet vom Temeswarer Lehrstuhl für Germanistik. Bearbeitet von Alwine Ivănescu, Mihaela Șandor und Ileana Irimescu. München: IKGS Verlag 2020. L, 447 S. ISBN 978-3-9820382-1-6. Der Band kann als gedrucktes Nachschlagewerk bestellt oder als OpenBook im PDF-Format kostenlos auf der Website des IKGS www.ikgs.de heruntergeladen werden. Der gedruckte Band kostet 32,99 Euro.