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Banater Post

Aus der Geschichte der Seuchen und Krankheiten im Banat (Teil 1)

Girolamo Fracastoro (1478-1553), Seuchenforscher. Quelle: wikimedia.org

Julius Stürmer: Anfang und Aufbau, Ausschnitt aus der Komposition „Die Geschichte der Banater Schwaben“

Die Ersten fanden den Tod…

„Großstädte sind Krankheitsherde… Die Behörde zögert zunächst zuzugeben, dass es sich tatsächlich um eine schwere Krankheit handelt. Das ist üblich so, denn die Behörden möchten Unruhen vermeiden, daher spielen sie das Übel zunächst herunter. … In Krankheitszeiten erlahmte das gesamte öffentliche Leben der Stadt. … Die Schulen sind geschlossen. Vieles wird durch Gebote und Verbote geregelt.“

„Jede Gemeinde, in der die (Krankheit) ausgebrochen ist, sollte abgesperrt und jeder Verkehr mit der Nachbargemeinde abgebrochen werden. […] Die Geistlichkeit bekam den strengen Befehl, den Sterbenden die heiligen Sakramente nur mittels eines Stäbchens zu reichen. […] Ja, furchtbar war der Anblick, den das noch vor einigen Jahren so freundliche Land bot; überall Trauer, Furcht, Niedergeschlagenheit. Der Freund mied den Freund, der Verwandte den Verwandten, um nicht durch irgendwelche Berührung oder einen Händedruck die Krankheit zu erben.“

Bestimmt erkennen die Leserinnen und Leser der „Banater Post“, dass diese beiden Zitate, die viele aktuelle Problemlagen aufzeigen, sich auf die Corona-Pandemie der Gegenwart beziehen könnten, sie stammen jedoch aus früheren Zeiten.

Das erste Zitat bezieht sich auf die Pest in Venedig in den Jahren 1575-1577. In seinem Buch „Pest, Not und schwere Plagen“ (1991) beschreibt Manfred Vasold, dass Venedig in Laufe der Jahrhunderte mehr als zwanzig Mal Pestepidemien durchzustehen hatte. Das zweite Zitat ist ein Bericht über das Banat im Cholerajahr 1831. Karl Kraushaar schreibt 1923: „Diese noch gänzlich unbekannte Krankheit verbreitete überall ungemein Schrecken. Die polizeilichen und ärztlichen Maßnahmen, um der Seuche Einhalt zu gebieten, waren dieselben, die früher gegen die Pest erlassen wurden“.

Und heute, mitten in der Corona-Pandemie, klingen die Aussagen ähnlich, gibt es ähnliche Maßnahmen.
Der Name der aktuellen Pandemie kommt mit Sicherheit nicht von der heiligen Corona. Der Name des Virus ist von seiner Form, seinem Aussehen abzuleiten. Die heilige Corona, die Schutzpatronin der Schatzgräber und Metzger, ist seltsamerweise auch die Schutzpatronin gegen Seuchen!

Mit dieser Beitragsreihe wollen die Verfasser die Leserinnen und Leser der „Banater Post“ mit auf eine historische Reise nehmen und die Geschichte der Seuchen im Banat beleuchten, jedoch mit dem Anspruch, diese in die europäische Geschichte einzubinden. Nach einer kurzen Einführung und Klärung der Begriffe soll in diesem ersten Teil der Blick auf die Situation im Banat der Ansiedlungszeit gerichtet werden. Sumpffieber/ Malaria, Pest, Cholera, Kinderkrankheiten, Tuberkulose, Grippe usw. werden in weiteren Folgen mit ihren Auswirkungen im Banat behandelt. Um die Lesbarkeit des Textes zu erleichtern, werden nur die Hauptquellen angegeben. Die konkreten Zahlen entstammen den Heimatbüchern der jeweiligen Ortschaften.  

Was bedeutet eigentlich? – Begriffsklärung

Die jahrtausendealte Geschichte des Menschen ist untrennbar mit der Geschichte seiner Krankheiten verknüpft. Wir wissen recht wenig über die Infektionskrankheiten des vor-geschichtlichen Menschen. Es besteht aber kein Zweifel, dass das Auftreten von Seuchen jedes Mal das individuelle, soziale, psychologische und religiöse Weltbild der betreffenden Generationen änderte.

Unter Seuche versteht man eine plötzliche Erkrankung zahlreicher Menschen an einer ansteckenden, sich schnell ausbreitenden gefährlichen Infektionskrankheit.

Unter Epidemie versteht man ein gehäuftes Auftreten von bestimmten Infektionskrankheiten in örtlicher und zeitlicher Begrenzung. Sind nur kleinere örtliche Bezirke betroffen, spricht man von Endemie, bei der Verbreitung über größere Gebiete über Länder und Erdteile von Pandemie, wie zurzeit die Corona-Pandemie.

Die Infektionskrankheiten werden von belebten Organismen hervorgerufen, die in einem parasitären Verhältnis zu Menschen stehen. Diese krankmachenden Organismen können Bakterien, Viren, Pilze, Würmer usw. sein. Überträger vieler Infektionskrankheiten auf den Menschen sind zum Beispiel Flöhe, Kopf- und Kleiderläuse, Stechfliegen, Wanzen, Schaben, Zecken etc.

Die Infektionskrankheiten sind in den letzten 200 Jahren zurückgegangen. Seuchen treten heute weitaus seltener auf als in früheren Zeiten, es treten jedoch immer neue Infektionskrankheiten auf, wie zum Beispiel HIV/AIDS, SARS, Ebola und jetzt Corona.

Quarantäne: In Venedig und in den anderen Hafenstätten des Mittelmeeres hatte man während der Seuchenzeiten strenge Einreiseverbote für Menschen aus verseuchten Gebieten erlassen. Einlass begehrende Fremde wurden in eigens eingerichteten Beobachtungshäusern 40 Tage lang (ital. quaranta = 40) festgehalten; sie befanden sich in „Quarantäne“.

Forscher und Chronisten der Seuchen

Zunächst wird das Augenmerk auf Persönlichkeiten gerichtet, die sich um die Erforschung der Seuchen verdient gemacht haben. Der erste bedeutende Erforscher der Seuchen war der Arzt Girolamo Fracastoro (1478-1553) aus Verona. Sein Hauptverdienst liegt vor allem in der sehr genauen Darstellung des Begriffs der „Ansteckung“. Er war davon überzeugt, dass eine Ansteckung mit einem „contagium“ nicht nur direkt, von Mensch zu Mensch, sondern auch indirekt zustande kommen könne. Diese Erkenntnis begründet seinen Nachruhm. Heute wissen wir, dass das „contagium“ kein toter Ansteckungsstoff ist, sondern, dass es sich dabei um kleinste Lebewesen handelt, was Fracastoro in einer Zeit, in der das Mikroskop noch unbekannt war, nicht wissen konnte.

Unsere Dokumentation beginnt mit der Ansiedlung unserer Vorfahren im Banat, wohlwissend, dass es in der historischen Zeit davor bereits große Seuchen gab.

Francesco Griselini (1717-1783) war einer der ersten, in dessen Buch „Versuch einer politischen und natürlichen Geschichte des Temesvarer Banats“, erschienen in Wien 1780, Nachrichten über unsere Heimat in Briefform erhalten geblieben sind. Griselini hat während seines vierjährigen Aufenthalts im Banat von 1774 bis 1777 in mühseligen Fahrten und Wanderungen das Land erforscht und uns wertvolle Informationen über das ungesunde Klima im Banat jener Zeit gegeben.

Was das Banat betrifft, haben sich nur wenige Ärzte und Wissenschaftler mit der medizinischen Vergangenheit unserer Heimat beschäftigt.

Einer dieser wenigen Ärzte war der Medizinhistoriker Dr. Josef Stitzl (1892-1965), Landarzt in Rekasch. Mit Fleiß und Ausdauer durchstöberte er Archive und hat wertvolles Material zusammengetragen. 1937 ist in Hermannstadt seine Dokumentation „Der Morbus Hungaricus im Banat“ erschienen.

Der Perjamoscher Arzt Dr. Erich Lammert (1912-1997 Siegen) hegte ebenfalls reges Interesse an der Medizingeschichte des Banats. Er hat zahlreiche Beiträge in medizinischen Zeitschriften und in der Presse veröffentlicht, so auch in den deutschsprachigen Zeitungen „Neuer Weg“ und „Die Wahrheit“ bzw. „Neue Banater Zeitung“.

Dr. med. Atila Stoiacovici (1915- 2008), Universitätsdozent, Medizinsoziologe, von 1959 bis 1980 Leiter des Temeswarer Instituts für Medizingeschichte, hat zahlreiche Beiträge über die Entwicklung der medizinischen Forschung veröffentlicht.

Luzian Geier, Thomas Breier und Dr. Ferdinand Nistor-Gallo haben in den Tageszeitungen „Neue Banater Zeitung“ und „Neuer Weg“ medizinhistorische Beiträge publiziert. Thomas Breier veröffentlichte 2003 sein Werk „Die Medizingeschichte Temeswars 1718-1990“. Dr. Ferdinand Nistor-Gallo (1931-1995), Direktor des Temeswarer Kreiskrankenhauses, langjährige Lehrkraft an der Medizinhochschule in Temeswar, war ein Förderer des Gesundheitswesens im Banat.  

Bleibende Verdienste um das Banat hat sich Dr. Anton Peter Petri (1923-  1995), Pädagoge, Historiker, Volkskundler erworben. Seine medizingeschichtlichen Veröffentlichungen gipfelten in dem 1988 erschienenen Monumentalwerk „Beiträge zur Geschichte des Heilwesens im Banat“. Das Buch ist eine bedeutende Quelle für alle am Banat interessierten Heimatforscher. Auch wir haben sie für unsere vorliegende Dokumentation mehrfach genutzt.

„Die Ersten fanden den Tod“.  Die Ansiedlungszeit  

„Das Leben unserer Vorfahren war gekennzeichnet von Mut und Mühsal, von Arbeit und Krankheit. Die Siedler waren oft einer unvorstellbar feindlichen Umwelt umgeben, waren oft bis auf den letzten Bestand bedroht […] Viele kamen um, viele hielten durch!“ So schreibt Apotheker Nikolaus Merle (1910-1995) im Vorwort zu Petris Werk 1988, S. 7.

Die Bezeichnung „Grab der Deutschen“ für das Banat bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts war durchaus berechtigt. Den Ansiedlern sagte das Banater Klima nicht zu, es bedingte zum Teil die hohe Sterblichkeit. Die Hauptursache des Massensterbens unter den Neuankömmlingen ist aber in den unhygienischen Verhältnissen zu suchen, unter denen die Kolonisten anfangs leben mussten. Nicht bloß das Sumpffieber/Malaria und andere fieberhafte Erkrankungen (zum Beispiel das Gelbfieber und das Fleckfieber) forderten zahlreiche Opfer, sondern sehr viele Menschen wurden auch von Darmerkrankungen (Ruhr-Epidemien, Bauchtyphus) und Tuberkulose dahingerafft. Dazu gesellten sich die gefürchteten Pest- und Choleraepidemien. Die Kindersterblichkeit war erschreckend groß (Diphtherie/Bräune, Scharlach, Masern etc.). Doch die Lücken, die Pest, Cholera und andere Krankheiten in die Reihen der Ansiedler gerissen haben, wurden durch die hohe Geburtenzahl immer wieder ausgefüllt. Der reiche Kindersegen machte es möglich, dass „die deutsche Bevölkerung des Banats sich von 1790 – 1890 versiebenfacht“ hat. (Hans Diplich/Hans Wolfram Hockl: Wir Donauschwaben. Heimat im Herzen, 1950, S. 57)

Franz Liebhard (eigentlich Robert Reiter, 1899-1989) schreibt in „Banater Mosaik. Beiträge zur Kulturgeschichte“ (1976): „Unserer schwäbischen Bevölkerung ist als Ausdruck Jahrzehnte hindurch überstandener Fährnisse aus der Ansiedlungszeit ein inhaltsschwerer Spruch geläufig: ‚Der erste hat den Tod, der zweite die Not und erst der dritte das Brot‘. (…) Uns kommt es darauf an zu zeigen, mit welcher Ausdauer die Ansiedler im ersten Abschnitt des Kolonistendaseins den Gefahren die Stirne geboten haben, dass schon in dieser ersten Periode im Schatten der schwarzen Würgengel von Pest und Cholera ein neues, ein Banater Heimatgefühl in den Menschen entstanden war, das sie befähigte, tapfer auszuharren und das Feld vor dem Tod nicht zu räumen.“ (Schwäbischer Kolonist – sozialistischer Patriot, S. 122-124)

Der Arzt und Botaniker Johann Georg Heinrich Kramer  (1684-1744), der von 1716 bis 1721 als Vertreter der österreichischen Sanitätsbehörde (Protomedicus) für das Banat in Temeswar wirkte, schreibt unter anderem: „[…] die Luft ist voller lnsecten, Fliegen und Goelsen […] Zu dieser Hitze schlagen noch producta putrida effluvia (stinkende Ausdünstungen) aus denen haeufigen beschriebenen Morasten wovon […] muthmassentlich malignae febres castrenses, so andere morbum Hungaricum nennen, herrühren.“ (Petri, Heilwesen, S. 28-30)

Oberstleutnant Philipp Freiherr von Elmpt (1724-1795), der ab 1768/69 mit einer Gruppe kaiserlicher Offiziere die Mappierung des Banats durchführte, schrieb, dass „[…] alle aus anderen Landern neu angekommen (werden) daßelbst ohne Ausnahme mit dem Fiber befallen“.

Franz Griselini machte unter anderem folgende Bemerkungen über das Banat: „[…] die anstekenden Ausduenstungen, welche von soviel stinkenden faulenden Wassern sich erheben, machten es zum traurigsten Aufenthalt […] Statt der dichterischen Stimme der Nachtigal und des frohen Gesangs der Lerche, hoerte man nur das Kraechzen der Raben und Aelstern, vor dem naechtliche Trauerliede der Uhus und Eulen abgewechselt.“

1831 berichtete Major Hentzi über den Gesundheitszustand der Soldaten in der Temeswarer „Siebenbürger Kaserne“: „Der Soldat ist hier auf der Wache oder im Spital.“ Temeswar, so Hentzi, ist in der Tat „eine Grabstätte der Garnison, ein wahrer Friedhof der Armee“. (Petri, Heilwesen, S. 82)  

Gerda von Kries thematisiert in ihrem Roman „Verena Enderlin“ (1996) die Auswanderung der Hauensteiner aus dem Schwarzwald ins Banat. Verena Enderlin besucht im Sommer 1766 Theres, eine Bekannte, die den Entschluss gefasst hat, mit ihrer Familie ins Banat auszuwandern und Angst davor hat: „Denk doch, Vren, was das heißen will, mit acht Kindern in ein fremdes Land. Schon allein die Reise, fünf bis sechs Wochen werden wir unterwegs sein auf der Donau. Und dort in Ungarn soll das Sumpffieber sein und die Pest, Räuber und wilde Tiere. Wir werden die Heimat nicht wiedersehen.“