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Banater Post

Nicht alles ist abgesagt… Kirchliches Leben in Corona-Zeiten

Auferstehung Jesu Christi. Foto: Diözese Temeswar

Sonne ist nicht abgesagt.
Frühling ist nicht abgesagt.
Beziehungen sind nicht abgesagt.
Liebe ist nicht abgesagt.
Lesen ist nicht abgesagt.
Zuwendung ist nicht abgesagt.
Musik ist nicht abgesagt.
Fantasie ist nicht abgesagt.
Freundlichkeit ist nicht abgesagt.
Gespräche sind nicht abgesagt.
Hoffnung ist nicht abgesagt.
Beten ist nicht abgesagt.

Wir erleben gerade eine ganz schwierige Zeit. Die Corona-Pamdemie führt zu Einschränkungen im privaten und öffentlichen Leben in einem bisher nicht gekannten Ausmaß. Wir stehen vor Herausforderungen, die es seit Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr gegeben hat.

Auch das kirchliche Leben in unseren Gemeinden wurde massiv eingeschränkt. Wir haben die Kar- und Ostertage, der Höhepunkt unseres Kirchenjahres, in einer bisher nie dagewesenen Weise erlebt. Öffentliche Gottesdienste konnten nicht gefeiert werden. Auch der Papst hat die Liturgie der Kar- und Ostertage ohne Anwesenheit der Pilger und Gläubigen gefeiert. Aber unser religiöses Leben ist trotzdem nicht zum Erliegen gekommen. Das konnten wir in den letzten Wochen in vielfältiger Weise erleben. Wir sind froh und dankbar, dass die Technik uns viele Möglichkeiten bietet, miteinander in Verbindung zu kommen und in Verbindung zu bleiben über alle räumlichen Entfernungen hinweg. Übers Fernsehen, Radio und Internet konnten viele Menschen Gottesdienste erleben und mitfeiern. Jedes Bistum in Deutschland hat die Übertragung der Gottesdienste, die an den Österlichen Tagen von den Bischöfen gefeiert wurden, ermöglicht. Unser Heimatbischof Josef Csaba Pál hat die Liturgie der Kar- und Ostertage in der Kapelle des Bischöflichen Ordinariats zelebriert, die live auf der Facebook-Seite der Diözese Temeswar übertragen wurde. Darüber hinaus wurden auch viele andere Gottesdienste in Fernsehen, Radio und Internet übertragen. Zusammen mit meinen evangelischen Kollegen aus Ginsheim und Gustavsburg haben wir hier bei uns in der Mainspitze einen Ökumenischen Ostergottesdienst vorbereitet, den man übers Internet mitfeiern konnte.

Wir denken aber auch an die Menschen, die nicht im Internet unterwegs sind und die wir auch mit unserer Osterbotschaft erreichen wollen. In vielen Gemeinden wurden Osterbriefe mit den Predigten und Texten für Hausgottesdienste zum Gründonnerstag, Karfreitag und zur Osternacht verteilt. Vielerorts sind Gebetsketten entstanden, die Menschen, die räumlich getrennt sind, einander nahebringen und im Gebet vereinen. Bei uns in der Mainspitze läuten abends um 19.30 Uhr die Glocken der evangelischen und katholischen Kirchen und die Menschen sind eingeladen, ihre Kerze, die sie ans Fenster gestellt haben, anzuzünden und ein stilles Gebet zu sprechen. Für mich sind das ermutigende Zeichen der Hoffnung in dieser unsicheren und schwierigen Zeit.

Eine besondere Verbundenheit mit unseren Gläubigen, die ich so vorher nicht erlebt habe, entsteht durch die Gottesdienste, die wir Priester stellvertretend für unsere Gemeinden feiern. Wir haben diesen Auftrag von unserem Bischof erhalten. Wir sollen also die heilige Messe, die Eucharistie alleine, stellvertretend für die Gemeinde, feiern. „Wo es angezeigt ist, können maximal ein oder zwei gleichbleibende Personen unter Wahrung der Hygieneregeln mitfeiern“, hieß es in der Dienstanweisung unseres Generalvikars. Für die Feier der drei Österlichen Tage darf der Kreis der Mitfeiernden etwas erweitert werden (5-6 Personen).

Die Gläubigen sind informiert, wann diese Gottesdienste gefeiert werden und sind eingeladen, zu Hause durch ihr persönliches Gebet in diesen Lob Gottes einzustimmen.

Der Gedanke der Stellvertretung spielt in der christlichen und katholischen Tradition eine große Rolle. Zum Beispiel bei der Taufe eines Kleinkindes bekennen Eltern und Paten ihren Glauben stellvertretend für ihr Kind.

Jesus hat sein Leben für uns hingegeben. Für uns, an unserer Stelle, und das bedeutet: An Stelle einer Menschheit, die zu Gott „Nein“ sagt, sagt Er „Ja“ und macht dadurch den Weg frei, ihm nachzugehen. Für uns, an unserer statt, nimmt er die Sünde auf sich, um endlich den Kreislauf des Bösen zu unterbrechen. Für uns durchbricht er die Grenze des Todes, auf dass wir ihm in das neue Leben Gottes folgen können. Dieses stellvertretende „Für euch“, das Jesus im Abendmahlssaal als Summe und Zusammenfassung seines Lebens erklärt, steht in der Mitte jeder Eucharistiefeier.  

Eucharistie feiern bedeutet ganz wesentlich, sie nicht für sich privat, zwecks Pflege persönlicher Frömmigkeit zu begehen, sondern sich durch Christus hineinziehen zu lassen in den Prozess der Stellvertretung für andere. Hier gilt das Prinzip: „Einer für alle, die wenigen für die vielen“.

Der Gedanke der Stellvertretung ist für mich ein sehr tröstlicher Gedanke. Er ermöglicht eine Verbundenheit über alle Grenzen hinweg. Er lässt eine unsichtbare Gemeinschaft entstehen, wo uns die Umstände zwingen, zueinander Abstand zu halten und physische Präsenz beim Gottesdienst für die Gläubigen nicht möglich ist.

Bei diesen stillen Eucharistiefeiern bringen wir alle uns anvertrauen Menschen und Gemeinden vor Gott. Wir legen sie mit ihren Sorgen und Anliegen in Seine guten Hände, in der Zuversicht, dass Gott auch Wege und Mittel weiß, damit alle, die jetzt vertreten werden, letztendlich auch wieder in physischer Anwesenheit Gott loben und preisen können in der großen Gemeinschaft der Gläubigen.
Das ist eine ganz neue Erfahrung für mich und ich erlebe diese Gottesdienste sehr intensiv. Auch wenn ich dabei allein bin, bin ich nicht einsam. Es entsteht eine innere Verbundenheit mit den Menschen, für die ich stellvertretend den Gottesdienst feiere, eine Verbundenheit, die ich in dieser Weise bisher nicht erlebt habe. Gewiss ist der Verzicht auf die gemeinschaftliche Feier der Eucharistie für viele Christen sehr schmerzlich. Wer hätte je gedacht, dass wir einmal Ostern feiern müssen ohne Osterkommunion. Es wurde uns doch immer wieder gesagt, dass Sakramente für unser Glaubensleben wichtige Gnadenmittel und Kraftquellen sind und jetzt müssen wir ganz darauf verzichten. Ich kann unsere Gläubigen gut verstehen, wenn sie die Eucharistiefeier und besonders den Empfang der Kommunion schmerzlich vermissen. Ich hoffe sehr, dass dieser Zustand nicht länger als einige Wochen dauert und in absehbarer Zeit zu Ende geht.

Doch unabhängig davon, wie lange dieser Zustand ohne heilige Messe, ohne Sakramente andauert, gilt jetzt schon: Auf die innere Gnade, die uns die Sakramente vermitteln, müssen wir auch jetzt nicht verzichten. Mit dieser inneren Gnade meine ich die innige Verbindung mit Jesus Christus. Jesus kann uns seine Nähe schenken, auch wenn wir auf die sakramentalen Zeichen dieser Nähe verzichten müssen.

Wir erleben in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen zur Zeit doch etwas Ähnliches. Auf räumliche Nähe, auf Zeichen der Verbundenheit wie Händeschütteln und Umarmungen müssen wir verzichten, und doch bleibt die innere Verbundenheit mit den Menschen, die wir lieben. Und wir suchen und entdecken andere Formen der Nähe und der Zuwendung.

So wichtig die Sakramente für unseren Glauben auch sind: Gott ist größer als die Kirche und die Sakramente. Ich möchte an dieser Stelle von einer Erfahrung während meiner Militärzeit in der rumänischen Armee (1978-1979) berichten. Im kommunistisch beherrschten Rumänien waren Soldaten vom sakramentalen Leben der Kirche ausgeschlossen. Äußerlich gesehen war ich also – gegen meinen Willen – weit weg von der Kirche und ihren Sakramenten. Und dennoch habe ich gerade in dieser Zeit Gottes Nähe ganz intensiv gespürt und erfahren.

Ich möchte es aber nicht nur bei der Feststellung belassen, dass Nähe zu Christus möglich ist auch ohne die sakramentalen Zeichen dieser Nähe. Ich möchte noch einen Schritt weitergehen, indem ich darauf aufmerksam mache, dass wir selber auch etwas tun können, um die Verbundenheit zu Christus zu vertiefen. Es gibt eine alte Tradition, die fast schon in Vergessenheit geraten ist und die es heute wert ist, wiederentdeckt zu werden. Ich meine die „geistliche Kommunion“. Gläubige, die in einer bestimmten Situation keine Eucharistie feiern können, müssen nicht auf die Gnade verzichten, die mit der Kommunion einhergeht. Das, was die Kommunion bewirken will – nämlich die gnadenhafte Begegnung mit Christus –, ist auch möglich, wenn sich die Gläubigen zuhause bei der Mitfeier eines Gottesdienstes im Fernsehen, Radio oder Internet beziehungsweise bei einem Hausgottesdienst ganz auf Christus ausrichten und sich im Gebet ihm ganz und gar ganz gar zuwenden. Das nennt man „geistliche Kommunion“. Die Kirche will damit zum Ausdruck bringen, dass auch Gläubige, die aus äußeren Gründen nicht den Leib Christi empfangen können – wie in der gegenwärtigen Zeit durch das Corona-Virus –, innerlich dennoch die Gnade dieses Sakraments empfangen können.

Um diese Form zu praktizieren, hilft es, in dem Moment, wenn man sich – zum Beispiel beim Schauen des Fernsehgottesdienstes – nach dem Empfang der heiligen Kommunion sehnt, ein entsprechendes Gebet zu sprechen, etwa: „Komm, Herr Jesus!“ (Offb 22,20). Im Gotteslob finden Sie einige Texte, die sich für die geistliche Kommunion eignen: GL 5,2-6, 6,4-8, 8,1-4, 9,4-6, 17,4, 557, 561, 562, 675,6-9, 676, 1-3.

Ein sehr schönes Gebet zur „geistlichen Kommunion“ für alle, die in diesen Tagen nicht kommunizieren können, habe ich vor einiger Zeit entdeckt. Es stammt von Teresa Berg. Ich möchte es gerne weitergeben:

Herr Jesus Christus,
du bist das Brot des Lebens und der einzig wahre Weinstock.
Ich glaube, dass du wirklich anwesend bist
im heiligsten Sakrament der Eucharistie.
Ich suche dich.
Ich preise dich und bete dich an.
Da ich dich nicht empfangen kann im eucharistischen Brot und Wein,
bete ich, dass du in mein Herz und meine Seele kommst,
damit ich mit dir vereint sein kann
durch deinen allmächtigen und allgegenwärtigen Heiligen Geist.
Lass mich dich empfangen und von dir genährt werden.
Werde für mich das Manna in meiner Wüste,
das Brot der Engel für meine sehr menschliche Reise durch die Zeit,
ein Vorgeschmack auf das himmlische Festmahl
und Trost in der Stunde meines Todes.
Ich erbitte all dies im Vertrauen darauf, dass du selbst
unser Leben, unser Friede und unsere immerwährende Freude bist.
Amen.

Wie lange die Corona-Krise noch anhält, wissen wir nicht. Was alles noch auf uns zukommt durch diese Krise, wissen wir auch nicht. Aber eines ist gewiss: Der Herr ist in unserer Mitte – auch wenn die Angst, die Krankheit, der Tod stärker zu sein scheinen als das Licht und das Leben. Ostern ist in einzigartiger Weise die Ermutigung zum Leben.

Wir Christen sind nicht nur Menschen, die daran glauben, dass es schon irgendwie gut gehen wird nach dem Motto: „Immer, wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her“. Unsere Hoffnung hat einen Namen: Jesus Christus, der Auferstandene. Weil wir an ihn glauben, der sagt, „ich lebe und auch ihr werdet leben“ (vgl. Joh 14,19), rechnen wir nicht nur mit dem Menschenmöglichen, sondern nehmen auch die Möglichkeiten Gottes in den Blick.

Mit solcher Kraft ausgestattet, können wir – auch jetzt während der Corona-Krise – das Leben annehmen, trotz aller Brüche und Verluste, trotz aller Leiden und Krankheiten, trotz aller Misserfolge und Enttäuschungen, und das Beste daraus machen. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ – sagen wir gewöhnlich angesichts auswegloser Situationen. Seit Ostern gilt für uns Christen: „Die Hoffnung stirbt nicht mehr!“