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Banater Post

„Die Kolonisten kommen!“ Erinnerungen an Zeiten, als das Unrecht zum Himmel schrie

„Der Äpplmoj“, Ölgemälde von Helmuth Petendra

Seit jenen Tagen vor 74 Jahren, an die ich in diesem Beitrag erinnern möchte, ist über vieles Gras gewachsen. Die jüngeren Jahrgänge wissen von den Ereignissen, die sich in den Nachkriegsjahren in unserer alten Heimat Banat zugetragen haben, so gut wie nichts oder nur Beiläufiges. In keinem Geschichtsbuch ist darüber nachzulesen. Deshalb ist es wichtig, die Erinnerung an diese schlimme Zeit wachzuhalten. Dies zu tun ist Aufgabe der Erlebnisgeneration, deren Reihen sich immer mehr lichten. Hiermit will ich meinen Beitrag dazu leisten. Auch in meinem 2008 erschienenen Buch „Entlang eines bewegten Lebens“ habe ich darüber im Abschnitt „Schatten über dem Dorf“ geschrieben.

In jener Zeit war meine Mutter nach Russland verschleppt, während sich mein Vater in französischer Gefangenschaft befand.

Die Entrechtung und Enteignung der deutschen Bevölkerung gingen auch an uns Kindern nicht spurlos vorbei. Die sorglosen Kindheitsjahre wurden abrupt beendet und die tiefgreifenden Veränderungen haben sich in mein damals kindliches Gedächtnis eingebrannt. Mit der Ankunft der Kolonisten verbreiteten sich Angst und Schrecken im Dorf. Fremde Menschen aus der Walachei, mit fast allen Rechten, aber ohne nennenswerte Pflichten von staatlicher Seite ausgestattet, machten auch das sonst friedliche Dorf Traunau unsicher.

Wir Kinder spielten im zweiten Nachkriegssommer wie eh und je sorglos in den Dorfgassen. Einer sagte so nebenbei: „Morgen kommen die Kolonisten. Mein Vetter Hans war im Gemeindehaus und hat’s vom Richter gehört.“ Was damit gemeint war, verstanden wir Kinder wohl nicht, spürten aber, dass es sich um etwas Unheimliches handeln musste. Ich erinnere mich noch, dass meine Großeltern an jenem Abend sehr beschäftigt waren. Die landwirtschaftlichen Geräte wurden auf den Pferdewagen geladen und mein Großvater ließ die Bemerkung fallen: „Damit sie bald draußen sind.“ Gemeint waren die Kolonisten. Als es dunkel wurde, ging das emsige Schaffen weiter. Viel später erfuhr ich, dass meine Großeltern die Weinrebenspritze, die Dezimalwaage und das gute Pferdegeschirr versteckt hatten.

Am nächsten Tag war es dann soweit. Das ganze Dorf war in Aufregung, und die übertrug sich auch auf uns Kinder. Einer der großen Buben kam und sagte, dass man mit der Enteignung in der Hauptgasse angefangen habe. Barfuß plantschten wir Kinder im Gassengraben, in dem noch Wasser vom letzten Regen stand, bis dann in der Untergasse ein Haufen weiß gekleideter Männer vom „Hohleck“ her auftauchte. Aufgeregt rannten wir Kinder nach Hause und riefen: „Die Kolonisten kommen!“ Als die vielen Männer näherkamen, dachte ich mir: Das sind ja alles „Äpplmoj“. Die trugen nämlich auch solche breiten weißen Hosen und Hemden und Opanken an den Füßen. Diese rumänischen Gebirgsbauern aus den Westkarpaten, die im Herbst mit ihren Planwagen in die Banater Dörfer kamen und Äpfel feilboten, hatte ich immer als freundliche Leute erlebt. Oft bekam ich von ihnen zusätzlich einen saftigen Maschanzker-Apfel geschenkt. Diese Leute können doch nicht böse sein, dachte ich. Erst als die fremden Menschen unseren Hof betraten, verspürte ich Unbehagen. Laut und gar nicht freundlich waren diese Leute, als sie durch das weit geöffnete Tor in den Hof strömten. Ich bekam Angst und wollte bei meiner Großmutter Schutz suchen. Man schubste mich hin und her, bis mich ein junger Mann am Arm fasste und in einer mir fremden Sprache anschrie. Ich begann zu weinen; ich hatte Angst. Die Sicherheit und Geborgenheit, die mir der Hof immer bot, hatte auf einmal keine Gültigkeit mehr.

Der Anführer der Enteignungskommission erklärte, dass ein rechtlicher Anspruch auf alle Geräte bestünde und alles herauszugeben sei. Haus und Hof wurden durchsucht und überall wurde genau nachgeschaut. Die versteckten Geräte fanden sie nicht. Der neue Eigentümer des gesamten landwirtschaftlichen Inventars wurde benannt und schickte sich auch gleich an, die Pferde vor den vollbeladenen Wagen zu spannen. Das gutmütige alte Pferd Latzi musste zuerst dran glauben. Es wurde von seinem langjährigen Stammplatz losgebunden und zum letzten Mal aus dem Stall geführt. Widerstandslos ließ es sich das Sielzeug auflegen und einspannen.

Nun war noch der junge Hengst Reinhardt im Stall. Er war sehr temperamentvoll und wegen der vielen fremden Menschen um ihn herum unruhig. Der neue Eigentümer wollte auch ihn losbinden, scheiterte aber, da Reinhardt sich mit lautem Wiehern und Ausschlagen dagegen wehrte. Ein anderer Bursche wollte den Hengst mit einem dicken Prügel bändigen, falls er auch bei ihm widerspenstig werden sollte. In einem weiten Bogen gelangte er zur Futterkrippe und streckte seine Hand nach Reinhardt aus. Das genügte. Der Hengst sprang mit den Vorderbeinen in die Holzkrippe und schlug mit den Hinterhufen seitlich aus. Der junge Mann lag nach diesem Huftritt gegen seine Brust am Boden und wimmerte vor Schmerzen. Er raffte sich aber nach ein paar Minuten wieder auf und schlug mit der Holzstange erbarmungslos auf den Hengst ein, bis ihn der Kommissar mit einem ermahnenden Zuruf davon abhielt.
Nachdem sich die Herren ratlos angeschaut hatten, befahl der Anführer meinem Großvater, den Hengst vor den Wagen zu spannen. Der alte Besitzer weigerte sich aber. Daraufhin drohte ihm der Anführer und nach eindringlichem Zureden der Großmutter führte er den jungen, schönen Hengst zum letzten Mal aus dem Stall. Auf dem Weg zum Wagen redete er auf ihn ein: „Zeig’s ihnen nur, lass dich nicht unterkriegen!“ Es war noch der letzte Sielenstrick an das Sielscheit zu binden. Der neue Eigentümer saß schon auf dem Wagen mit der Peitsche in der Hand. Die Kuh war bereits aus dem Stall geführt und an den Schragen angebunden worden. Reinhardt und Latzi waren fertig eingespannt. Mit einem „Adje Reinhardt“ und einem Handschlag aufs Hinterteil verabschiedete sich mein Großvater von seinem schwer erwirtschafteten kleinen Eigentum. Durch den Handschlag sprang der Hengst in die Sielen und mit einem Galopp durch das offene Tor. Die Kuh hatte sich bereits beim Anspringen losgerissen. Die Brücke vor dem Haus über den Straßengraben wurde durch das ungeschickte Ziehen der Zügel verfehlt und das Hinterrad schlug in den Graben. Der Wagen drohte auseinanderzubrechen. Die Egge und der Pflug flogen vom Wagen herunter. Den Akteuren war der Schreck ins Gesicht geschrieben. In Sekunden war das Pferdegespann samt Wagen um die nächste Straßenecke verschwunden. Reinhardt hatte es nicht mehr schön in seinem kurzen Pferdeleben. Nach wenigen Monaten war er zu Tode geprügelt worden. Der alte Latzi zog noch einige Zeit Wagen und Pflug des neuen Besitzers hinter sich her. Es kam auch vor, dass er vor dem Tor seines früheren Besitzers stand und wieherte, wenn sein neuer Herr eingenickt war oder nicht aufgepasst hatte.

Mein Elternhaus wurde einem Kolonisten zugeteilt. Auch dieser junge Mann war bei dem Enteignungsstreifzug durch das Dorf dabei. Er bekam den Schlüssel der vorderen zwei Zimmer ausgehändigt und legte seine „Straiţa“ (Tornister) dort ab. Er suchte das Gespräch mit meiner Großmutter, die gut rumänisch sprach. Dabei sagte er, dass es ihm leidtue, was hier geschehe und dass man ihnen von offizieller Seite versichert habe, dass die Häuser in den deutschen Dörfern im Banat leer stünden. Beim Abschied sagte der gutmütige Rumäne: „Das alles muss ich mit meiner Familie noch besprechen und mir noch überlegen. Wenn ich nicht mehr komme, wünsche ich den Segen und die Vergebung Gottes.“ Dieser Mann kam nicht wieder.

Ein anderer Kolonist wurde der neue Herr in unserem Haus. Dieser etwa 50-jährige Rumäne namens
Tiron und seine Frau Mariţa waren alles andere als gute Menschen. Sie waren nun die Hausherren und spielten dieses Recht bis zur Verzweiflung der eigentlichen Eigentümer aus. In jeder Hinsicht rechtlos, lebten nun die Großeltern mit mir und den fremden Leuten im Haus. Sie ahnten nicht, mit welchen Schikanen sie konfrontiert werden sollten. Laut amtlicher Vorgabe durften sie das dritte Zimmer und das danebenliegende Kellerzimmer bewohnen. Der Stall wurde fast gänzlich von dem neuen Hausherrn in Besitz genommen, lediglich eine Ecke für die neu angeschaffte Kuh mussten sich die Großeltern erstreiten. Tiron maßte sich an, den Keller für sich in Anspruch zu nehmen, obwohl dieser nur vom Zimmer der Großeltern zugänglich war. Er bohrte zwei Löcher und verschloss die Kellertür mit
einer Kette und einem Vorhängeschloss in der Zeit, als mein Großvater bei der Arbeit war. Als dieser wieder heimkam und sah, was in seiner Abwesenheit vorgefallen war, holte er voller Entschlossenheit Hammer und Beißzange, entfernte die Kette und warf sie vor Tirons Zimmertür.

Die Auseinandersetzung begann ihren Lauf zu nehmen. Die Spannung wuchs, als Tiron mit dem Pferdewagen zum Tor hereinfuhr. Dieser sah sofort die Kette mit Schloss vor seiner Tür liegen. Meine Großeltern beobachteten ihn, wie er voller Wut beim Ausspannen der Pferde gestikulierte und böse Flüche von sich stieß. Die Szene entwickelte sich zum Finale. Tiron lenkte seine Schritte zum Kellerzimmer. Mit lauten Schreien riss er die Tür auf. In letzter Sekunde schob meine Großmutter ihren Mann in die Kammer und stellte sich davor, um den Zutritt zu versperren. Vor Angst suchte ich Schutz bei meiner Großmutter. Wir standen wie angewurzelt und rührten uns trotz allen Drohgebärden nicht vom Platz, obwohl Tiron mit der Kette vor unseren Nasen herumfuchtelte und immer wieder nach dem Alten schrie. Meine Großmutter sagte ihm in aller Entschlossenheit in rumänischer Sprache, dass er kein Recht habe, den Keller abzuschließen. Es verstrichen bange Minuten, die nicht enden wollten, erfüllt von entsetzlichen Flüchen und Schreien. Dieser Tyrann wollte meinen Großvater schlagen. Mit Drohungen, dass er sich bei Großvater doch noch rächen werde, dass er ihn mal draußen bei Dunkelheit erwische und ihn zusammenschlage, verließ er endlich das Zimmer. Auch mein Großvater fasste in seinem Versteck bei diesem Tumult einen Entschluss, den er sogleich seiner Frau mitteilte. Er sagte: „Ich werde diesem Unmenschen bei Nacht auflauern und ihn erschlagen. Ich bin ein alter Mann, was können sie mir schon machen, als mich einsperren, aber ihr habt eure Ruhe.“ In der Folgezeit beschattete meine Großmutter ihren Mann bei Dunkelheit zwölf Jahre lang.

Es war Allerheiligenabend 1947, als ich mit meiner Großmutter zum Friedhof ging. Mein Großvater wollte noch die Kuh und das Mastschwein versorgen und dann auch zum Friedhof kommen. Kerzen brannten tausendfach auf den Gräbern und am großen Kreuz wurde der Rosenkranz für alle Verstorbenen gebetet. Ein Schrei aus der Ferne durchbrach die Stille der Andacht. Die Leute wurden unruhig. Der Pfarrer beruhigte die Gläubigen mit den Worten: „Das sind wahrscheinlich die Kolonisten, die uns von der Andacht abbringen wollen.“ Kurze Zeit später kam ein Mann, der die Nachricht verbreitete: „Dem Vetter Franz haben die Kolonisten den Arm durchgeschlagen.“ Es war mein Großvater. Mehr im Laufen als im Gehen erreichten wir unser Haus. Mein Großvater saß auf einem Stuhl und zwei Nachbarn versorgten seinen Arm notdürftig. Dabei erzählte er unter Schmerzen, was passiert war: Auf dem Weg zum Friedhof ein Pferdewagen auf dem Gehweg gestanden und drei Kolonisten hätten Maisstroh abgeladen. Er sei dem Wagen ausgewichen, aber einer der jungen Männer habe sich ihm in den Weg gestellt. Auch diesem sei er ausgewichen, doch der Bursche habe sich ihm abermals in den Weg gestellt. Er habe ihn daraufhin mit der Hand beiseitegeschoben, um seinen Weg fortzusetzen. Der Kolonist habe vom Wagen das Sielscheit geholt und auf ihn eingeschlagen. Mit dem Arm habe er den gezielten Schlag auf den Kopf abgewehrt.

Am nächsten Tag wurde der gebrochene Arm im Krankenhaus in Arad in Gips gelegt. Die Miliz schaltete sich in den Zwischenfall ein und es gab eine Gerichtsverhandlung. Der Rumäne hatte Zeugen, die vor Gericht einen Meineid schworen. Es ist anzunehmen, dass der Vorfall auch von deutschen Einwohnern beobachtet worden war, aber aus lauter Angst hatte sich niemand getraut, sich als Zeuge zu meldeten. Der Richterspruch lautete: Der Geschädigte sei schuldig, er habe arbeitsame Menschen behindert und habe die Gerichtskosten zu tragen. Das war die haarsträubende Gerechtigkeit der damaligen Klassenjustiz.

Das Unrecht schrie zum Himmel. Mit derartiger Rechtsprechung wurde die deutsche Bevölkerung im Banat noch mehr eingeschüchtert. Die Angst saß tief. Ähnliche Vorkommnisse spielten sich im Dorf und im Banat vielfach ab. Als dann immer mehr Männer aus der Kriegsgefangenschaft und der Russlandverschleppung heimkamen, schlossen sich ganze Gruppen zusammen, um dem Frevel Einhalt zu gebieten, weil von staatlicher Seite keine Ordnung zu erwarten war. Der Einzelne konnte kaum oder nichts dagegen ausrichten.  In späteren Jahren gab es auch Männer, die den Mut aufbrachten, das in der rumänischen Verfassung verbriefte Recht auf Gleichbehandlung, auch der deutschen Bevölkerung, einzufordern.  

Dieser Beitrag soll keine Anklage sein. In den Folgejahren entspannte sich das Zusammenleben mit den Kolonisten und ein friedliches Nebeneinander wurde selbstverständlich. Mein Vorhaben, mich bei dem Tyrannen Tiron als junger Spund zu rächen, wandelte sich mit der Zeit in Verzeihen. Dabei sollte man aber die tragischen Ereignisse von damals, aber auch die guten und schönen Dinge, die das Leben säumten, nicht vergessen.