Landsmannschaft der Banater Schwaben e.V.

Mit der Luftkissen-Technologie bis zur Weltspitze

Dr. Ing. Hartwig Michels (10.11.1941 − 05.02.2020) Foto: privat

Luftgleitkissen-Transportsystem für Schienenfahrzeuge (100 Tonnen) Fotos: DELU

Transport des ersten Airbus A321 auf Luftkissen-Transportsystem durch Dr. Hartwig Michels

In memoriam Dr. Ing. Hartwig Michels - In Nürnberg ist Anfang Februar der Maschinenbau-Ingenieur, Erfinder und Unternehmer Dr. Ing. Hartwig Michels an einer unerbittlichen, unheilbaren Krankheit gestorben. Der gebürtige Temeswarer wurde 78 Jahre alt. Seinen Landsleuten, insbesondere den Lesern der „Banater Post“, war er bekannt. So besuchten etwa im Juni 1997 mehr als hundert Mitglieder der Landsmannschaft der
Banater Schwaben aus Nürnberg und Umgebung seine Firma DELU – „Deutsche Luftkissen-Transportgerätetechnik“, um sich die Luftkissen an der Quelle erklären zu lassen. Im Rahmen der Kulturtagung der Landsmannschaft 1998 in Sindelfingen stellte der Unternehmer selbst die Leistungen der Firma vor, wobei auch ein Film gezeigt wurde. Im Dezember desselben Jahres veröffentlichte die „Banater Post“ eine Reportage über den außergewöhnlichen Betrieb und seine Erfolge. Ein Beitrag vom August 2017, der die Verdienste des vielseitigen Temeswarer Ingenieurs Josef Michels (1910-1987) um den Kranbau in Rumänien würdigte, ging auch auf die glänzende Karriere seines Sohnes ein.

Mit seiner Frau Gerlinde und seinen Töchtern Karin und Astrid ist Dr. Hartwig Michels 1981 unter
Lebensgefahr geflüchtet, um seine Familie in ein Leben in Freiheit zu führen und dann mit unerhörtem Einsatz ein Leben in Wohlstand möglich zu machen. Damals war die Luftkissen-Technologie in den Kreisen der hiesigen Konstrukteure noch kein Begriff. Er stellte fest, dass 99 Prozent der Ingenieure nicht wissen, was ein Luftkissen ist. Dank seines Engagements und seiner unternehmerischen Weitsicht hat inzwischen eine Revolution stattgefunden.

Ursprünglich setzte Dr. Michels die Tätigkeit seines Vaters als Kranbauer fort, er arbeitete in einer Abteilung des Forschungsinstituts für Hebemaschinen und innerbetriebliche Transportmaschinen, das dem Temeswarer Maschinenbaubetrieb UMT angegliedert war, zuletzt als Abteilungsleiter. Dort hat er unter anderem eine Vorrichtung entwickelt, die es verhindert, dass ein Kran umkippt. Aber dann kam ein Auftrag von ganz oben, nachdem Diktator Ceauşescu während einer Amerika-Reise in Houston ein Luftkissen-Transportgerät gesehen hatte, das ihn faszinierte. Also begann Dr. Michels, sich mit diesem Thema zu beschäftigen.

DELU – eine gute Adresse

Dem Laien kommt ein Luftkissen, wenn man es ihm zeigt und erklärt, sehr einfach vor. Ein Gummibalg mit einer Trägerplatte, auf dem die Last ruht, begrenzt auf dem unbedingt waagerechten, spiegelglatten Boden der Halle eine Auftriebskammer, in die Druckluft geblasen wird. Sobald der Druck im Luftkissen größer wird als die Last auf der Trägerplatte, entweicht zwischen dem Balg und dem Hallenboden ein Luftfilm, der nur einige Hundertstel Millimeter dick ist. Dieser Umstand bewirkt, dass die Reibung nahezu aufgehoben wird. Aufgrund des hauchdünnen Luftfilms ist ein spiegelglatter Fußboden unabdingbar.

Ein statisch stabiles Transportsystem besteht aus mindestens drei Luftkissenelementen. Geringste Neigungen des Fußbodens bewirken, dass die Last immer ins „Tal“ gleitet – meistens nicht dahin, wo sie soll. Um die Last kontrollieren zu können, müssen Luftkissen-Transportgeräte mit Antrieben ausgestattet werden. Diese tragen keine Last, sondern übernehmen die Fahr-, Brems- und Lenkbewegungen. Gesteuert werden die Geräte in der Regel von einem Bediener über ein Funksteuerpult.

Die allermeisten Produkte der Firma DELU sind Sonderanfertigungen – für besondere Umstände entworfen, ob Flugzeugrumpf, Turbine, Lokomotive, Transformator, Schmelzofen, Orgel oder Teleskop. Prinzipiell lautet die Devise: „Je schwerer und größer, desto besser“.

Eine Stärke der Firma DELU ist es nicht nur, Insellösungen anzubieten, sondern in Zusammenarbeit mit dem Kunden den kompletten Fertigungsablauf zu analysieren und Vorschläge zu erarbeiten, um diesen zu optimieren. Durch die Luftkissen-Technologie erübrigen sich riesige Kräne, Förder- und Montageaufbauten. Sie verringert den Transportaufwand, senkt den Lager- und Flächenbedarf und steigert die Produktivität.

Gegründet wurde die DELU 1983 von Dr. Michels und seinem ehemaligen Schulfreund von der Temeswarer Lenau-Schule, dem Kaufmann Dr. Knud Klingler. Ihr Sitz befindet sich im Norden der Stadt, im Stadtteil Schafhof. Bereits nach drei Jahren gelang ihr der kommerzielle Durchbruch in einem Werk für Schienenfahrzeuge. Dank der neuen Technologie konnten in Weiden in der Oberpfalz Eisenbahnwaggons umgerüstet werden, ohne hierfür auch nur eine einzige Schiene zu benötigen. Infolgedessen war es möglich, die Fertigungshalle auf die Hälfte zu verkleinern und die Produktivität zu steigern, wodurch der Weidener Betrieb zur modernsten Waggonfabrik Europas aufrückte. Ihm folgten bald andere, bis 2018 waren es weltweit über 35 Werke.

Der größte Durchbruch der Luftkissentechnik wurde dank der Tatsache erreicht, dass die Firma DELU etwa acht Jahre auf dem Grundstück der Siemens Trafo-Union ansässig war. Dies ermöglichte dem Erfinder, Entwicklungen unter Realbedingungen zu testen. Aufgrund der nachbarschaftlichen Beziehungen wurden die Fertigungsplaner von Siemens auf die Luftkissentechnik aufmerksam und Dr. Michels auf das Anwendungspotential der Luftkissentechnik im Transformatorenbau. Gemeinsam wurden Probleme und Lösungen entwickelt und getestet. Heute ist die Luftkissentechnik im Transformatorenbau nicht mehr wegzudenken.

Seit 1982 hat DELU über 500 Transportgeräte für Gesamttragfähigkeiten bis 1800 Tonnen geliefert. Insgesamt wurden 86 Hersteller in 40 Ländern beliefert. Vertretungen von DELU gibt es heute in China, Finnland, Indien, Israel, Italien, Japan, Norwegen, Rumänien, Russland, Saudi-Arabien, Singapur, Südkorea, Thailand, Ungarn und in den USA.

Die Ernte eines rastlosen Lebens

1988 ging die Nachricht durch die Presse, dass die Jury der internationalen Nürnberger Ausstellung „Ideen – Erfindungen – Neuheiten“, der größten Erfindermesse der Welt, den „Luftkissensystemen“ die Goldmedaille verliehen hatte. Zehn Jahre später verlieh die Nürnberger Industrie- und Handelskammer dem Exponat „Roboterfahrzeuge auf Luftgleitkissen“ einen Sonderpreis.

Bereits in Rumänien hat Dr. Hartwig Michels 18 Patente für seine Erfindungen erhalten. Inzwischen sind ihm in Deutschland und vielen anderen Ländern wie Australien, Österreich, Brasilien, Belgien, Kanada, Frankreich, den Niederlanden, der Schweiz, in Schweden, den USA, in Südafrika Patente erteilt worden, die dazu beigetragen haben, dass die Firma DELU weltweit technisch marktführend auf dem Gebiet der Luftgleit-Fördertechnik wurde. Zu den Patenten treten zahlreiche auf Erfindermessen verliehene Preise.

Aber die Begeisterung für die moderne Technik war nur eine Schiene im Leben von Dr. Hartwig Michels. Die Verwandten sowie die Freunde der Familie erlebten ihn als Natur- und Tierfreund, Bergwanderer, Skifahrer und Globetrotter. In den vielen von ihm erstellten Fotoalben und Filmen sind Landschaften, Menschen und Tiere anderer Länder und Kontinente einfühlsam und professionell dargestellt. Er war mit vielen Menschen befreundet, etliche seiner Landsleute in Rumänien hat er materiell unterstützt.