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Banater Post

Alles ringsumher ist so öd und leer (Teil 2)

Zwangsarbeit in der Sowjetunion, Zeichnung von Lorenz Klugesherz (geb. 1919 in Mercydorf, gest. 2006 in Seelbach) Quelle: Heimatbrief Sanktanna, Nr. 7/1995

Tatsachenbericht von Josef Marksteiner aus Sanktanna (1928-2010), aufgezeichnet von seiner Tochter Katharina Emeneth - In Kischinew mussten wir uns die Zeit vertreiben bis zum Abend, da nur einmal am Tag ein Zug nach Ungheni fuhr. Nach einigem Hin und Her fanden wir ein windgeschütztes Plätzchen. Hier saßen wir gute drei Stunden, bis wir erkannten, dass nur 20 bis 30 Meter weiter der Zaun eines Gefangenenlagers verlief. Dem Bahnhof näherten wir uns wie immer über lange Umwege. Mit dem Postwaggon eines Schnellzuges ging es weiter. Der Zug wimmelte von Menschen. Unsere Plätze waren wie schon des Öfteren die Außenstufen. Mitten in der Steppe wurde der Zug angehalten und alle Mitfahrenden mussten auf das Dach des Zuges steigen. Auch hier hoch kam der Schaffner zum Kassieren. Wir verließen schleunigst unsere Plätze, doch auch auf den Treppen wurden wir von der Polizei überrascht. Jetzt blieb uns keine andere Wahl als den Zug zu verlassen. Bei vollem Tempo des Schnellzuges sprangen wir in den meterhohen Schnee. Unfreiwillig gelandet waren wir in der Nähe von Pîrliţa. Bis zur rumänischen Grenze waren es noch etwa 50 Kilometer.

Rumänische Grenze rückt in greifbare Nähe

Mittlerweile war es Anfang März geworden. Inzwischen waren wir schon zehn Tage unterwegs, ohne eine einzige Nacht ruhigen Schlafes in einem warmen Unterschlupf, immer voller Anspannung, die ungewisse Gefahr vor Augen. Nachdem wir es bis hierher geschafft hatten, wollten wir äußerst vorsichtig sein, um ja keinen Fehler in letzter Minute zu machen. Unsere Entschlossenheit war ungebrochen. Wir waren uns sicher, es zu schaffen und bald die Freiheit zu erlangen. Aus lauter Vorsicht wollten wir den vor uns liegenden Ort umgehen, um ja nicht gesehen zu werden. Dabei landeten wir in einem Sumpfgebiet und unsere Kleidung war in kurzer Zeit triefend nass. Danach gingen wir den Bahngleisen entlang, bis wir urplötzlich angehalten wurden. Es war später Abend, als einer von uns gefasst wurde von einem aus dem Nichts aufgetauchten Russen. Obwohl er mit geladenem Gewehr vor uns stand, waren wir zu allem entschlossen und drohten, ihn hier kaltzumachen. Unsere Handlungsabsicht war wohl so überzeugend, dass er uns tatsächlich laufen ließ.
Den Ort verlassend, sahen wir in einiger Entfernung ein einzelnes Licht. Dort wollten wir unsere Sachen trocknen, uns aufwärmen und zu Kräften kommen. Ein alleinstehender Mann ließ uns für 100 Rubel ins Haus. An einem Strohofen trockneten wir unsere durchnässten Kleider. Hier, in der Wärme des Hauses, spürten wir zum ersten Mal unsere Erschöpfung. Obwohl wir diesen Mann nicht aus den Augen lassen wollten, sind wir dennoch eingeschlafen. Nach etwa vierstündiger Rast fehlten meine Socken. Wohl oder übel musste ich ohne weiter. Zu unserer Orientierung gingen wir wieder in den Ort zurück, um uns bei Einheimischen durchzufragen. Auf einem Basar sahen wir in diesen frühen Morgenstunden eine junge Mutter mit zwei kleinen Kindern, eines auf dem Arm, das andere am Rockzipfel. Die Frau teilte das gekaufte Essen in drei Teile, danach ihren Anteil unter Tränen erneut an die beiden hungrigen Kinder. Ein herzzerreißendes Bild, das ich bis heute nicht vergessen konnte. Zu Stalins Zeit herrschte große Armut im Land.

Unser Ziel war jetzt die Ortschaft Vasilica. Über einen Hügel plagten wir uns durch matschiges Gelände 15 Kilometer zu Fuß. Dafür wendeten wir unsere letzte Kraft auf. Für diese letzten Kilometer brauchten wir von morgens 6 Uhr bis abends 18 Uhr. Wir waren alle drei restlos erschöpft. Dies war der elfte Tag unserer Flucht, dabei hatten wir 1500 Kilometer zurückgelegt. Endlich sahen wir den Ort Vasilica vor uns. An einem Brunnen außerhalb des Dorfes machten wir Rast und ich ging zum Auskundschaften allein weiter. Als erste begegnete mir eine etwa 30-jährige Frau. Voller Optimismus gewann ich schnell Zutrauen und bat um ihre Mithilfe. Ihre Aufforderung, schnell im Haus zu verschwinden, deutete ich als positiv und verständigte daraufhin meine zwei Fluchtgenossen.

Die Ortschaft war zweigeteilt durch den Fluss Pruth: Die eine Hälfte war russisch, die andere rumänisch. Dieser hilfsbereiten rumänischen Frau wollten wir unser restliches Geld geben bei geglückter Grenzüberschreitung. Sie machte uns sehr große Hoffnungen, da sie die Anhöhe am Ende ihres Gartens als Flussdamm bezeichnete. Wir sollten nur noch eine Stunde warten, bis ihr Sohn von der Arbeit komme, der könne uns bestimmt weiterhelfen, ließ sie uns wissen. Im Haus duftete es wunderbar nach frisch gebackenem Brot. Unser Hunger musste aber warten, schließlich wollten wir jetzt nicht unvorsichtig sein und ließen die Frau nicht aus den Augen. Inzwischen war sie am Brunnen im Hof zum Wasserholen. Der Brunnen stand zwischen zwei Häusern. Obwohl es etwas länger dauerte, bis sie wieder ins Haus kam, konnten wir nichts Verdächtiges beobachten.

Kurz vor dem Ziel verraten und verhaftet

Nach einiger Zeit kam der Sohn. Ihm sollten wir unsere Geschichte nochmal erzählen. Er wolle für uns die Grenze ausspionieren und uns zu geeigneter Zeit holen, versicherte er uns. Während wir mit ihm vielleicht eine Viertelstunde redeten, gingen draußen Warnschüsse los. Voller Entsetzen mussten wir erkennen, dass man uns verraten hatte. Der vermeintliche Sohn entpuppte sich als Geheimagent der Polizei. Im Handumdrehen richtete er eine geladene Waffe auf uns mit der Aufforderung, uns widerstandslos zu übergeben. Er machte uns klar, dass das Haus umstellt sei und wir keinerlei Chance hätten zu entkommen. Eine Gruppe von ca. zehn berittenen Grenzsoldaten hatte das Haus umzingelt und deutlich gemacht, dass es jetzt kein Entrinnen mehr gab. Der Agent wies sich aus, notierte die Daten der Frau und sicherte ihr zu, dass sie pro Person 300 Rubel Kopfgeld zu erwarten habe.

Während wir von der Grenzpolizei gefesselt wurden, sahen wir noch den zwölfjährigen Nachbarbuben, der uns verraten hatte. Auch ihm wurde Kopfgeld versprochen. Jetzt begriffen wir, was die Frau so lange am Brunnen zu tun hatte. In diesen Sekunden stürzte unsere hoffnungsvolle Welt ein. Alle Entbehrungen, alle Strapazen dieser Flucht, alles war umsonst. Unsere verzweifelten Rufe zu Gott blieben ungehört. Vergessen konnten wir ein Wiedersehen mit unseren Eltern, vergessen ein Leben in Freiheit und Würde. Bevor man uns aus dem Haus trieb, riefen wir der Frau noch zu: „Mincinoasă!“ (Lügnerin)

An den Handschellen, die man uns angelegt hatte, wurden wir aneinandergekettet und bis zur Grenzwache getrieben. Hier sollten wir die Absichten unserer Flucht darlegen und uns ausweisen. Um an unser Geld zu kommen, mussten wir uns nackt ausziehen. Neun Soldaten suchten jeden Zentimeter unserer Kleidung ab, bis sie auch den letzten Rubel gefunden haben. Mittlerweile war es drei Uhr nachts geworden. Unter der Aufsicht von sieben Soldaten wurden wir am Damm des Pruth entlang über vereiste, spiegelglatte Wege getrieben. Dabei ist immer wieder einer von uns ausgerutscht, so wurden die Handschellen immer enger um unsere Handgelenke.

Ohne Nahrung und Wasser im Gefängnis

Nach sieben Kilometern Fußmarsch landeten wir in einem Gefängnisbunker in Ungheni. Die Tür bestand aus Eisenstäben und im Inneren gab es eine kleine Bank und eine Talglampe. An dieser wollten wir unsere Schuhlumpen trocknen, was uns sofort verboten wurde, da es dem Wachposten zu gefährlich erschien. Abwechselnd hat einer von uns kurz auf der Bank geschlafen, während der andere ihn dann wachrütteln musste, um ihn vor dem Erfrieren zu bewahren. Wir mussten uns zur Bewegung zwingen, um die eindringende Kälte zu vertreiben. Hier hat man uns drei Tage und drei Nächte ohne Nahrung und Wasser bewacht. Jeder Posten versprach, nach seiner Ablösung käme Hilfe, doch es bleib bei dem Versprechen.

Am dritten Tag rüttelten wir mit vereinten Kräften an den Gitterstäben der Tür und verlangten lautstark nach Essen. Andernfalls sollte man uns am besten gleich erschießen. Erst jetzt sah sich der Posten veranlasst, einen Warnschuss abzugeben. Sein Vorgesetzter wollte erst jetzt von unserer Anwesenheit erfahren haben. Endlich bekamen wir ein Stück Brot, Wasser und ein Päckchen rohe Gerste. Nachdem wir uns an einem Wasserhahn im Freien flüchtig gewaschen hatten, holte uns ein Lkw ab und fuhr uns zum Bahnhof. Dort wurden wir in einen Strafwaggon des Zuges nach Bălţi verfrachtet.

In Bălţi wurden wir ins Gefängnis gesteckt. Hinter schweren Stahltüren und dickem Riegel waren wir mit noch vier Insassen in einer Gefängniszelle eingeschlossen. Für diese sieben Personen gab es eine aus Brettern gezimmerte Liegestätte. Hier trafen wir auf zwei deutsche Offiziere, sie waren Kriegsgefangene. Vetter Kaspar, aus einem Dorf im Banat stammend, war der dritte Insasse und ein gewisser Szabó aus Temeswar der vierte. Die beiden waren wie wir aus einem Internierungslager geflohen. Für einen Monat gab es hier regelmäßig Brot und Wasser und einmal am Tag eine Suppe. Abwechselnd schliefen wir zu zweit auf dieser einen Pritsche, wobei die anderen im Raum auf- und abgingen. Als Toilette diente ein Kübel in der Ecke, der alle drei Tage geleert wurde. In diesem Drecksloch wurden wir fast aufgefressen von Läusen. Um uns und auf uns wimmelte es von diesem Ungeziefer. Unser sehnlichster Wunsch war ein Bad oder genügend Wasser, um uns zu säubern.

Splitternackt bei eisiger Kälte ausgeharrt

Am letzten Tag unseres Aufenthalts in dieser Behausung mussten wir unsere Kleider und Schuhe abgeben zur Entlausung. Danach hat man uns ein Bad versprochen. Die Wirklichkeit sah dann so aus: Splitternackt warteten wir von 7 Uhr morgens. Es wurde Mittag und es tat sich nichts. Sogar das Essen fiel aus. Am Nachmittag das gleiche Bild. Es wurde langsam dunkel und nichts geschah. Unsere Körperfarbe war inzwischen dunkelblau vor Kälte. Wir zitterten am ganzen Körper. Unsere ausgemergelten Leiber aneinandergedrängt, trippelten wir um unser Leben. Wir hatten den bangen Verdacht, dass man uns hier verrecken lassen wollte. Mit dem Fingernagel habe ich meinen Namen in die Wand gekratzt, um nicht ohne Spur aus dem Leben zu verschwinden, mit meinen damals 19 Jahren.
Durch die Gitterstäbe des Fensters pfiff uns der Winter den Abschiedsmarsch in die gottverlassene Gefängniszelle. Es war bereits nach Mitternacht, als wir ganz schnell unsere Kleider abholen sollten. Wir hofften auf warme Kleider und liefen erwartungsvoll hinaus in den 70 Zentimeter hohen Schnee unserer Kleidung entgegen. Was ich zu sehen bekam, war unfassbar. Auf einem Pferdewagen lag unter einer Schneedecke ein zu einem Eisklumpen erstarrter Haufen. Daraus sollten wir unsere Kleider fischen. Am Boden schleiften wir den Haufen hinter uns her in die Zelle. Wir kämpften alle mit den Tränen. Zwei Soldaten, die uns abholen sollten, zerstampften mit ihren Stiefeln den erstarrten Haufen. Nun erkannten wir, dass viele der Kleidungsstücke zerfetzt waren. Die Lumpen mussten wir anziehen und mit unserer Körperwärme trocknen. Mir fehlte ein Ärmel, meinem Bruder ein Rückenteil und dem Hans ein Hosenbein. Trotz allem hofften wir auf Besserung.

Jetzt sollten wir auf ein Lastauto steigen. An der einen Hand waren wir aneinandergefesselt, mit der anderen mussten wir die Hose, die herunterrutschte, festhalten. Obendrein fehlten die Schnürsenkel an den Schuhen. Von unten geschoben und von oben hochgezogen gelangten wir schließlich auf den Lastwagen. Dort sollten wir uns auf die schneebedeckte Ladefläche legen, damit wir nicht gesehen werden. So fuhren wir eine halbe Stunde. Bei der Ankunft am Bahnhof riefen die Wachposten in die Menge: „Macht Platz für die Mörder!“ So wie wir aussahen, gab es wohl keinen Zweifel daran.
In Ungheni wurden wir in einen Sträflingswaggon verfrachtet. Wir nahmen auf den Sitzbänken Platz. Nachdem wir es wagten, nach Essen zu fragen, wurden wir mit Fußtritten traktiert und mit dem Gewehrkolben unter die Bank gejagt. Wir sahen nicht mehr aus den Augen vor lauter Hunger, doch Essen haben wir keines bekommen.

Dem  Tod nochmals von der Schippe gesprungen

Von Bălţi ging es mit der Bahn nach Kischinew ins Kriegsgefangenenlager, vor dessen Zaun wir schon mal während unserer Flucht saßen. Von vormittags 11 Uhr bis nachmittags 15 Uhr mussten wir auf die Klärung unserer Situation warten. Man wollte uns hier nicht übernehmen, weil Kaspars Frau dabei war. Inzwischen versagten uns die Glieder. Plötzlich konnte ich nichts mehr hören, einer neben mir ist zusammengebrochen. Kaspar war für längere Zeit bewusstlos. Angesichts dieser Lage schlugen die Wachposten des Lagers Alarm. Ihrem Eingreifen verdankten wir einen gefrorenen Fisch. Obwohl ich keinen Fisch riechen konnte, überzeugte mich mein Bruder, davon abzubeißen. Ich verspürte keinen Hunger mehr und mir war eigentlich alles egal. Nach dem ersten Bissen regte sich mein Magen wieder und ich verschlang den Fischkopf samt Gräten.

Nachdem die Frau abgeschoben worden war, wurden wir in diesem Kriegsgefangenenlager aufgenommen. Zuallererst kamen wir in ein Bad. Von der wohligen Wärme hier drinnen konnten wir nicht genug bekommen. Der Bademeister musste öfter nach uns schauen, weil er es nicht für möglich hielt, dass wir diese hohen Temperaturen so lange aushalten konnten. Wir bekamen Unterwäsche, neue Kleidung und einen Strohsack zum Befüllen. Die Stockbetten befanden sich in einem wohlig warmen Zimmer. Wir gehörten hier zum Strafbataillon. Nachdem der Lagerkommandant namens Erich
jedem von uns eine große Portion warme Suppe zukommen ließ, schliefen wir 24 Stunden ohne Unterbrechung. Während Szabó danach mit hohem Fieber im Spital landete, ist Vetter Kaspar aus diesem Schlaf nie wieder erwacht. Wir hingegen sind dem Tod nochmals von der Schippe gesprungen.