Landsmannschaft der Banater Schwaben e.V.

Alles ringsumher ist so öd und leer (Teil 1)

Ein zerknittertes Foto im Familienalbum erinnert an die Deportationsjahre in der Sowjetunion: Josef Marksteiner (Mitte), sein Bruder Franz (links) und ein weiterer Leidensgenosse Einsenderin der Fotos: Katharina Emeneth

Die vier Marksteiner-Geschwister (von links): Barbara, Rufname Wawi (1931-2008), Franz (1926-2015), Magdalena, Rufname Lentschi (1933-2018) und Josef, Rufname Sepp (1928-2010)

Tatsachenbericht von Josef Marksteiner aus Sanktanna (1928-2010), aufgezeichnet von seiner Tochter Katharina Emeneth

Es begann im Winter 1944/1945 in meiner Heimatgemeinde Sanktanna. Seit Monaten versteckten wir unsere Habseligkeiten vor den bewaffneten russischen Soldaten. Unsere Pferde, für die Landwirtschaft unentbehrlich, haben wir in einer Strohtriste „eingemauert“. Sobald die Russen in die Nähe unseres Hauses kamen, mussten wir die Pferde beruhigen, damit niemand von ihrer Existenz erfährt. Von oben bin ich mit einer langen Leiter durch eine kleine Öffnung zu ihnen hinabgestiegen, nachdem mein Bruder Franz mit einem Seil die Eimer mit dem Tränkwasser heruntergelassen hatte. Wie ein Pferdeflüsterer redete ich auf die Pferde ein, streichelte besänftigend über ihren Rücken, damit sie sich ruhig verhalten, bis die Gefahr vorüber war. Für meine knapp 17 Jahre abenteuerlicher Ernst des Lebens.

Mitten in der Nacht hämmerten drei Russen an unsere Wohnungstür und suchten nach Frauen. Meine Mutter und meine beiden Schwestern Wawi und Lentschi waren aber zum Glück durchs Fenster entkommen. Nach Minuten höchster Anspannung erleichterndes Aufatmen. Die Gerüchte über Vergewaltigungen und Missbrauchsfälle waren den russischen Invasoren vorausgeeilt.

Unsere Besorgnis und Unruhe wurde noch verstärkt, als wir am Freitagnachmittag (es war am 12. Januar 1945) beobachten konnten, wie die Fenster der Mühlbachschule mit Brettern zugenagelt wurden und die Schule von Wachtposten umstellt wurde. Es wimmelte an allen Ecken von bewaffneten Soldaten. Die Bedrohung war spürbar nahe. Eine undefinierbare Spannung lag in der Luft und uns allen in den Gliedern.

Als die Angst durch die Straßen lief: die Aushebung

Es war am Morgen des 14. Januar, an einem Sonntag, als uns Trommelwirbel aus dem Schlaf riss. Die vierte Stunde des neuen Tages verhieß nichts Gutes. Innerlich zitterte wohl jeder, noch bevor er die Botschaft des Trommlers vernahm, die durch die Winternacht hallte. Die Angst lief durch die Straßen, durch die Häuser, durch die Familien.

Mein Bruder Franz und ich gehörten zu dem gesuchten Personenkreis. Alle deutschen Männer zwischen
17 und 45 Jahren sowie Frauen von 18 bis 30 Jahren waren aufgefordert worden, sich auf dem Dorfplatz zu versammeln. Diese Nachricht hat wie eine Bombe eingeschlagen, um uns fortan an den Fersen haften zu bleiben. Freiwillig wollte sich keiner ausliefern. In Windeseile, wie von Zauberhand gelenkt, zimmerten wir gemeinsam mit unserem Vater an einem passenden Versteck außerhalb des Hauses. Das Versteck war in einem Kukuruzkorb innerhalb eines Bretterrahmens. Zwischen Maiskolben lagen wir, mit warmen Decken ausgestattet, auf der Lauer und harrten der Dinge, die da kommen sollten. Zusammen mit zwei Nachbarmädchen, die in derselben Lage waren, suchten wir vergebens nach Auswegen aus dieser verzwickten Lage.

Mit Hustenzeichen informierte uns irgendwann unser Großvater Karl Sauer, dass die Russen da seien. Es war kaum 8.30 Uhr und schon wurden wir gesucht. Vor Angst blieb uns fast das Herz stehen bis die Russen weg waren. Doch die Freude über unser Entkommen währte nur kurz, denn von unserem Großvater erfuhren wir, dass sie unsere beiden Eltern mitgenommen hatten. Im Handumdrehen erkannten wir, dass die Verantwortung für die im Elternhaus lebenden Angehörigen (die Großeltern, die minderjährigen Schwestern und ein Onkel) für uns zu groß war. Bereitwillig ließen wir uns zum letzten Mal vom Großvater die Haare schneiden und aßen das letzte Mittagmahl gemeinsam mit ihm. Danach stellten wir uns den Russen im Austausch gegen unsere Eltern. Man ließ sie sofort wieder heim und am nächsten Tag brachten sie uns zu essen und zu trinken.

Am Montag wurden wir in die Bürgerschule von Neusanktanna gebracht. In einer Kolonne marschierten wir – es waren etwa 200 Leute – Richtung Schule, flankiert von bewaffneten Russen und ihren rumänischen Vertrauensleuten. Wir wurden wie Schwerstverbrecher behandelt. Die Klassenzimmer der Schule waren gefüllt mit aus den beiden Gemeinden Neu- und Altsanktanna zusammengetriebenen Deutschen.

Am Dienstag brachten unsere Eltern warme Decken sowie Koffer mit Essen und Kleidung für ca. 14 Tage Arbeit, wie man uns gesagt hatte. Über die genauen Absichten der Russen waren wir im Ungewissen. Die an jeder Straßenecke aufgestellten Soldaten ließen uns aber den Ernst der Lage erahnen. Vermutet wurde, dass wir zu Zwangsarbeit am Kanal von Marosch und Kreisch verbracht werden. Noch am gleichen Tag fuhren mit Planen bedeckte LKWs vor, mit denen wir zum Bahnhof gebracht wurden. Dort hat man uns in Viehwaggons verfrachtet und bewacht. Bevor der Zug losfuhr, erfuhren wir von unserer besorgten Mutter, dass auch unser Vater wieder gefasst worden sei. Er war im selben Zug, wohl ähnlich wie wir auf seinem Koffer sitzend zwischen 50 und 60 anderen Personen, hinter einem großen Riegel eingesperrt.

Die Reise ins Ungewisse endet in Kriwoi Rog

Gegen 23 Uhr erfolgte die Abfahrt ins Ungewisse. Dass wir unsere Heimat für Jahre verlassen würden, wussten wir erst viel, viel später. Das verzweifelte Geschrei bei der Abfahrt höre ich heute noch.
Schon in den nächsten Stunden fehlten uns Wasser und Schlafgelegenheit. Als Toilette diente eine Öffnung im Boden des Zuges. Da wir uns hauptsächlich von Geräuchertem ernährten, plagte uns der Durst. Einmal am Tag durfte einer den Zug verlassen, um Wasser zu holen. Aber was war schon ein Eimer Wasser für so viele Menschen? Ich war einer der freiwilligen Wasserträger. Dadurch hatte ich etwas Bewegung und kam auch sicher zu Wasser. Nebenbei konnte ich beobachten, wie unser Zug immer länger und länger wurde. Sicherlich gingen mir auch Fluchtgedanken durch den Kopf. Obwohl mir die verfolgenden Augen des Wachpostens egal waren, hatte mich doch das geladene Gewehr überzeugt.

Nach acht langen Tagen Fahrt mussten wir auf russische Waggons umsteigen. In Râmnicu Sărat konnten wir unseren Vater zu uns holen. Die Fahrt dauerte insgesamt 17 Tage. Am 2. Februar 1945 sind wir schließlich am Zielort angekommen. Der Zug bestand mittlerweile aus 90 Waggons, gefüllt mit deutschen Männern und Frauen aus Ungarn und dem Banat. Die russische Großstadt Kriwoi Rog hat uns unrasiert, ungewaschen, schwarz vom Ruß der Lokomotive in Empfang genommen. Jetzt sollten wir uns alle aufstellen, um uns mustern zu lassen. Bei der Aussortierung musste ich mich zweimal zu meinen Angehörigen zurückschmuggeln.

Unsere Koffer verlud man auf LKWs und wir selbst hatten einen drei Kilometer langen Fußmarsch vor uns. In den Vormittagsstunden standen wir vor einem zerbombten fünfstöckigen Gebäude. Das gesamte Haus hatte kein einziges Fenster und auch keine einzige Tür mehr. Alles war ausgebrannt und zerstört. Bis zum Einbruch der Dunkelheit standen wir im Hof herum, bevor endlich Bewegung in die Menge kam. Eine einzelne Lampe leuchtete schwach der ersten Nacht in der Fremde entgegen. Im Halbdunkel suchte jeder seinen Koffer aus dem aufgetürmten Haufen im Hof. Die russischen Posten hatten sich mit ihren Gewehren um das Gebäude aufgestellt und wir waren uns selbst überlassen.

Der russische Winter drang bis unter die Haut

Unseren Unterschlupf für die erste Nacht fanden wir wie Ratten in der Dunkelheit. Jeder kauerte in irgendeiner Ecke am Boden, mit seinem Koffer Schutz suchend für die Nacht. Draußen lagen etwa 30 Zentimeter Schnee und die Kälte – es waren minus 25 Grad – drang durch alle Ritzen. Geschlafen wurde in Etappen, je nach Müdigkeit. Immer wieder musste die Kälte vertrieben werden durch Herumlaufen, Trippeln oder Ausschütteln der Gliedmaßen. Der russische Winter drang unaufhaltsam durch das kaputte Gebäude, durch unsere Jacken und Hosen, bis unter die Haut. Immer dichter rückten wir zusammen, um unsere Körperwärme zu sammeln.

Am nächsten Tag wurden wir in kleinere Gruppen von ca. 40 Personen eingeteilt und bekamen einen Raum zugewiesen. Auf einer Fläche von ca. 18 Quadratmetern mussten wir 21 Stockbetten aufbauen. In jedem Bett lagen wir zu zweit. So hatte ich die Füße meines Bruders Franz immer vor meiner Nase. Auch einen Zaun um das Lager mussten wir selbst errichten. Mit Glasscherben und Ziegelsteinbrocken versuchten wir, die beiden Fensterlöcher in unserem Zimmer zu schließen. Die Türe haben wir durch eine Decke ersetzt.

Um 4 Uhr morgens gab es Appell, wobei wir immer wieder durchgezählt wurden. Regelmäßig gab es mitten in der Nacht Koffervisite. Noch vorhandene Lebensmittel wurden uns weggenommen. Des Öfteren mussten wir, anstatt zu schlafen, drei Kilometer zu einem Bad in die Stadt laufen. Das Wasser wurde erst bei unserer Ankunft erwärmt. Diese nächtlichen Aktionen empfanden wir als Schikane.
Zum Frühstück bekamen wir eine saure Tomatensuppe und 200 Gramm Brot. Das äußerst dürftige Essen hat bei unserem Vater Magenkrämpfe verursacht und ihn mehr und mehr geschwächt. Ende Mai 1945 ist Bauchtyphus ausgebrochen, hohes Fieber und Durchfall führten in kurzer Zeit zum Tod von 60-70 Menschen. Danach wurden wir alle geimpft. Der Zustand unseres Vaters verschlechterte sich zusehends. Bis Oktober hatte er 20 Kilogramm abgenommen. Er wurde Gott sei Dank von der Kommission als krank und arbeitsuntauglich befunden und gemeinsam mit weiteren 300 Kranken heimgeschickt.

Jede Brotkrume schätzen gelernt

Beim Errichten des Zauns um das Lager haben wir die Pfähle absichtlich nicht richtig eingegraben, damit wir sie nachts für unsere Tauschgeschäfte wieder entfernen konnten. Ein Erlebnis in einem Obstgarten ist noch deutlich in meinem Gedächtnis, auch nach über 50 Jahren. Alle zwei Monate bekamen wir eine andere Arbeitsstelle zugeteilt. Auf dem Weg zu einer dieser Stellen gingen wir täglich an einem riesigen Obstgarten vorbei. Die Bäume hingen voller reifer Äpfel und waren verlockend. In einem günstigen Moment wagten wir uns auf einen Baum, um kurze Zeit später Bekanntschaft mit einem schwarzen Hund und einer durch die Luft pfeifenden Kugel zu machen. Durch mein überstürztes Weglaufen sprang mein kleiner Brotzeitkoffer auf und die gepflückten Äpfel samt Besteck rollten den Hang hinunter. Nach einiger Verfolgungsjagd haben sich Hund und Besitzer wieder beruhigt. Mein Versteck hinter einem Gebüsch konnte ich erst nach Einbruch der Dunkelheit verlassen, da ich ohne Löffel nicht zurück ins Lager konnte. Ersatz für den Löffel gab es nicht. Da ich mich verspätete, waren mein Vater und mein Bruder in großer Sorge. Sie hatten das Schlimmste befürchtet.

Nachdem der erste Krankentransport das Lager verlassen hatte, waren wir einen Monat lang im Besitz von zusätzlichen 15 Lebensmittelmarken. Das Mehr an Brot verkauften wir an die Zivilbevölkerung und die Suppe verteilten wir im Lager an Hungernde. Hier lernten wir am eigenen Leib die Bedeutung des täglichen Brotes kennen und jede Brotkrume schätzen.

Einige Zeit mussten wir in einer großen Fabrik Eisenteile von Hand auseinanderstemmen. Mit Hammer und Meißel eine mühselige Arbeit. Durch eine verschobene Eisenplatte kam ein Landsmann zu Tode. Glücklicherweise wurden mein Bruder und ich von dem Sägewerk, in dem wir vorher gearbeitet hatten, zurückgefordert. Die in der Fabrik Verbliebenen konnten mit dem Eisen keine Tauschgeschäfte tätigen und sind so des Hungers gestorben. Bei Schwächeanfällen durften die Betroffenen zwar im Lager bleiben, aber ihre Brotration wurde sofort gekürzt. Dies hatte in ganz kurzer Zeit den totalen Zusammenbruch zur Folge. Ein Entrinnen aus dieser Hungersnot gab es nur einmal im Jahr, wenn die Kommission es so entschied.

Der alles beherrschende Gedanke war: Wann dürfen wir wieder heim? An mondhellen Abenden bei sternklarem Himmel spürten wir das Heimweh am schmerzlichsten. Während wir zum abendlichen Appell in Reih und Glied standen, entspross aus diesen tiefsitzenden Gefühlen ein Lied. Erst kaum hörbar, huschte es durch die Reihen, bis alle mitsangen:

Alles ringsumher ist so öd und leer.
Traurig rauscht das Meer vor Heimweh.
Grüß das Dörflein mein,
Grüß mir jeden Stein und jedes Haus.
Wenn du mein Mütterlein siehst,
Sag ihm nicht, wie weh es mir ist.
Traurig rauscht das Meer vor Heimweh.
Alles ringsumher ist so öd und leer…

Im Lager geht das große Sterben um

Im Winter 1946/47 war es in Russland bitter kalt. Von Dezember bis Februar ging in unserem Lager das große Sterben um. Die Armut der Zivilbevölkerung traf uns besonders hart. Die Russen selbst waren so arm, dass zum Tauschen mit uns nichts mehr übrig blieb. Täglich starben zwischen 15 und 20 Personen vor Hunger und Kälte. Das Leiden der Menschen war allgegenwärtig. Die hilfesuchenden, verzweifelten Augen hatten keine Tränen mehr. Der Tod kam zur geöffneten Tür herein und ließ sich durch nichts mehr vertreiben. Er machte keine Ausnahmen, auch wenn sein Opfer erst 20 Jahre alt war, auch wenn es die Zusammenhänge der Kriegswirren gar nicht verstand. Die Toten wurden beseitigt ohne Beerdigung, ohne ein Abschiedswort. Was ihnen folgte, waren zurückbleibende lange Gesichter.

Ein russischer Offizier wollte diese Missstände aufdecken und Abhilfe schaffen. Stattdessen wurde er aber seines Ranges enthoben und arbeitete danach neben uns im Sägewerk. Eines Tages, bei Stromausfall, saßen wir zusammen und kamen ins Gespräch. Er machte uns klar, wie aussichtslos unsere Lage sei und brachte uns auf die Idee, die Flucht zu wagen. Raus aus dieser Misere, weit weg von hier, Richtung Grenze, Richtung Heimat. Zuerst sahen wir uns bei dem Gedanken recht hilflos an, doch seine konkrete Hilfe mittels einer Landkarte ließ uns Hoffnung schöpfen. Der Ex-Offizier ist mit uns die gesamte Fluchtstrecke auf der Landkarte durchgegangen und auch sonst gab es uns manch brauchbaren Rat. Wir haben uns alles eingeprägt, vor allem die wichtigen Bahnhöfe.

Von der Arbeit haben wir uns nach und nach krankgemeldet, damit nicht gleich nach uns gesucht wird. Hans Merck wurde zu unserem Komplizen und Fluchtkameraden. Gemeinsam wollten wir durch dick und dünn gehen, was immer auch geschehen mag. Im Falle einer Trennung, so hatten wir vereinbart, würde es jeder von uns auf eigene Faust probieren. Unter strengster Geheimhaltung haben wir uns auf die Flucht vorbereitet. Unsere Geldreserven aus den Tauschgeschäften mit der Zivilbevölkerung haben wir in die Kragenecken der Jacken und unter das Innenfutter der Mützen eingenäht. Auch in den Schuhen hatten wir Geld versteckt. Im Rucksack hatte jeder von uns eineinhalb Kilogramm Brot, ein paar Fleischkonserven und drei Zuckerrüben.

Auf der Flucht in die Freiheit, Richtung Heimat

In der Abenddämmerung des 21. Februar 1947 haben wir uns auf den gefährlichen Weg gemacht, auf die Flucht in die Freiheit, Richtung Heimat. Diesem Ort des Grauens wollten wir entkommen. Nicht mehr zusehen müssen, wie täglich Menschen vor Schwäche zusammenbrechen beim morgendlichen Appell. Danach wurden sie hochgetragen und in ihre Betten gelegt zum Sterben. Alle hatten nur den einen Wunsch: noch einmal satt essen. Auf so einen Zusammenbruch folgte eine kurze Zeit der Verwirrung, um dann im ewigen Schlaf zu enden, ohne Jammern, ohne Klagen, ohne Tränen. Niederschmetternde Aussichtslosigkeit.Eine einzige Frau haben wir erlebt, die aufmuckte. Sie wollte zur Kreisverwaltung, um Abhilfe zu suchen. Danach wurde sie nie wieder gesehen. In solchen Dingen waren die Russen sehr gründlich.

In der Nachbargemeinde Dolchins sind wir in den Zug Richtung Pjatichatki gestiegen. Nach 70 Kilometern war Endstation. Beim Aussteigen liefen wir mit der Menge Richtung Bahnhof. Plötzlich stockte unser Schritt und unser Herz, als wir nur ein paar Schritte vor uns einen Rottenkommandanten aus unserem Lager erkannten. Gott sei Dank blieben wir unentdeckt. Um weitere Zugverbindungen in Erfahrung zu bringen und auch zum Aufwärmen, mischten wir uns unter die zahlreiche Zivilbevölkerung im Warteraum. Hier wurden wir von einer Ausweiskontrolle überrascht. Plötzlich waren alle Türen versperrt und überwacht. Wir saßen in der Falle. Doch schon Augenblicke später sprangen wir aus einem Fenster. Draußen folgten uns Schüsse und das Geschrei der Wachposten. Wir krochen unter mehreren Zügen hindurch und sprangen auf einen gerade ausfahrenden Zug auf. Zum Glück fuhr der Zug in die von uns gewünschte Richtung.

Der nächste Halt war Kirowograd. Wir trauten uns nicht mehr in den Bahnhof und sind sicherheitshalber schon einige Kilometer vorher abgesprungen. Auf dem Wochenmarkt, wo wir uns etwas zum Essen kauften, trafen wir einen rumänisch sprechenden Mann. Dieser ermutigte uns, mit ihm zu fahren, da er auch Richtung Rumänien fahren würde. Er wollte uns mit seinem Ausweis Fahrkarten besorgen, für unser Geld selbstverständlich. Jeder von uns überreichte ihm 100 Rubel und wir behielten ihn im Auge, während er zum Kartenkauf anstand. Doch kurz bevor er an der Reihe war, verließ er die Menschenschlange, um zielsicher im Polizeizimmer zu verschwinden. Für Verrat dieser Art gab es Belohnung. Für uns hingegen läuteten wieder alle Alarmglocken. Wir liefen Richtung Stadt, um später auf Umwegen die Bahnhofsausfahrt wieder anzusteuern.

Wiederholt sind wir auf fahrende Transportzüge aufgesprungen, um weiterzukommen. Nur in den ersten Etappen unserer Flucht sind wir im Inneren des Zuges mitgefahren, danach auf dem Dach oder zwischen den Waggons, und dies bei minus 20-25 Grad. Inzwischen waren wir etwa 200 Kilometer von dem Internierungslager Kriwoi Rog entfernt, wofür wir mehrere Tage unterwegs waren.

Bei eisiger Kälte vielen Gefahren ausgesetzt

Bevor der Zug in Snamenka richtig hielt, war schon eine Razzia da. Hier wurde unser Freund Hans festgenommen, wie wir später erfahren haben. Für uns war die Gefahr zum Greifen nahe. Ein gerade ausfahrender Zug am Nebengleis wurde zur Chance für unser Entkommen. Kurz entschlossen sprangen wir auf diesen mit Öltanks beladenen Transporter auf. Mit Mühe konnten wir uns an dem vereisten Rahmen hochziehen. Ohne Halt ging die Fahrt über vier bis fünf Stunden. Durch den eisigen Zugwind waren unsere Finger selbst zu Eisklumpen erstarrt. Über einem Abgrund hatten wir irrsinnige Angst, dass unsere Hände versagen und wir in die Tiefe stürzen werden. Wir mussten uns gegenseitig Mut zusprechen, um dies durchzuhalten.

Der nächste Halt war Kartofskaja. Es war abends zwischen 22 und 23 Uhr. Erst einige Zeit später trauten wir uns in den Bahnhof, um uns aufzuwärmen. Hier warteten wir mehrere Züge ab, in der Hoffnung, dass Hans dabei sein wird. Nach einigen Stunden vergeblichen Wartens entschlossen wir uns, mit dem nächsten Zug weiterzufahren. Unsere Hoffnung, dass Hans uns sich anschließen wird, war schon auf dem Nullpunkt, als auf unser Pfeifzeichen hinter einem sich nähernden Schatten unser Freund auftauchte. Zum Glück war er der Festnahme entkommen. Nun ging es auf dem Dach eines Güterzuges weiter.

Russischer Offizier stellt Hilfe in Aussicht

Im nächsten Ort gab es in Bahnhofsnähe ein Tanzlokal, wo wir uns kurz aufwärmen konnten. Ab hier ging es mit noch 10-15 Leuten in einem Viehwaggon weiter. Plötzlich sprach mich einer auf Deutsch an und fragte nach meinen Kollegen. Ich war wie vom Blitz getroffen. Meine Bemühungen, mich zu verstellen, halfen nichts, da dieser russische Offizier mir auf den Kopf zusagte, dass er Bescheid wisse. Er erzählte von deutscher Gefangenschaft und tat seine Absicht kund, uns zu helfen. Da er in Ungheni Dienst mache, versprach er, uns bei der Grenzüberschreitung behilflich zu sein. Dank dieser Aussichten ließen wir uns nur zu gern auf den Umweg über Odessa ein.

Am Nachmittag um 15 Uhr wollten wir uns dort in Bahnhofsnähe mit ihm treffen. Die Zeit bis dahin nutzten wir, um uns in einem durch Bomben entstandenen Erdkrater in der Sonne aufzuwärmen. Ab 14 Uhr behielten wir den Treffpunkt immer im Auge. Wir warteten bis 19 Uhr vergeblich. Von dem Mann fehlte jede Spur. Unsere Enttäuschung war immens, hatten wir uns doch in ihn so viel Hoffnung gesetzt. Odessa war als Hafenstadt überfüllt mit Polizei und Militär. Am späten Abend bemühten wir uns, in den abgeriegelten Bahnhof zu gelangen. Plötzlich liefen wir zwischen einer Kolonne russischer Soldaten, die in den Bahnhof einmarschierte. Bevor uns einer richtig registrieren konnte, waren wir schon zwischen den Zügen verschwunden. Nachdem wir den Schaffner mit 100 Rubel bestochen hatten, kamen wir mit dem Zug bis Transnistria. Dort bekam er weitere 100 Rubel für die Fahrt bis Kischinew.