zur Druckansicht

private Anzeige schalten

Media-Center

Banater Post

Russlanddeportation vor 75 Jahren: Versöhnung durch Erinnerung

Zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion Deportierte aus Orzydorf. Das Foto entstand kurz vor der Heimkehr 1949 im Lager 1001 Makeewka (Donezbecken, im Osten der Ukraine). Einsenderin: Marlene Waldner, die Enkelin einer der Frauen auf dem Foto

Mobilisierung und Internierung aller arbeitsfähigen Deutschen – Männer im Alter von 17 bis 45 Jahren und Frauen im Alter von 18 bis 30 Jahren – zur Aufbauarbeit in die Sowjetunion. So lautete, wie mittlerweile bekannt, der Deportationsbefehl Stalins vom 16. Dezember 1944. Der Befehl betraf die Deutschen aus den von der Roten Armee „befreiten“ Staaten in Südost- und Mitteleuropa sowie in den deutschen Ostgebieten. Die Betroffenen wurden damals von den Verschleppungsorganen euphemistisch als Mobilisierte, Internierte, Reparations- und Aufbaukräfte bezeichnet, doch in Wahrheit wurden sie unter undenkbar grausamen Bedingungen in KGB-Manier verhaftet und zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert.

75 Jahre sind seither vergangen und es waren damals, 1945 – kurz vor Kriegsende und auch danach –die tragischsten Tage in der Geschichte der Deutschen außerhalb der Reichsgrenzen, als junge Mütter von ihren Kleinkindern, Jugendliche von ihren Eltern, Ehepaare voneinander brutal und gewaltsam getrennt wurden. Es war eine wahre Tragödie, als stürze der Himmel ein vor so viel Leid und Schmerz. Über die Städte und besonders über die deutschen Dörfer senkte sich Verzweiflung, Trauer und tiefste Hoffnungslosigkeit. Noch gibt es Betroffene und Zeitzeugen, die diese Tragödie erlebt haben und sich zu Wort melden und berichten können, denn die damals zurückgelassenen Kinder und die Nachkommen der Deportierten haben ein Recht zu erfahren, was damals wirklich geschah.

So sind auch diese Erinnerungen eines heute 94-jährigen Überlebenden zu verstehen, der als 19-Jähriger zusammen mit seinem Vater und seinem Bruder verhaftet wurde. Unglücklicherweise landeten alle drei in verschiedenen Lagern im Donbass: Enakieva, Evdakievka und Kapitalnaja, Region Stalino, heute Donezk.

Über die miserablen, menschenunwürdigen und gefährlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen in den Internierungslagern wurde schon in zahlreichen Reportagen, Schilderungen, Erzählungen und in der Presse berichtet. Dennoch kann im Gedächtnis der wenigen noch lebenden Betroffenen das damals Erlebte nicht verblassen. Auch nach 75 Jahren kommen mir die tragischen Ereignisse und schrecklichen Zustände der Jahre 1945 und 1946 im Lager Kapitalnaja wie auch das in russischen Arbeitslagern Erlebte in Erinnerung, als wäre alles erst gestern geschehen.

Persönlich verbrachte ich nur die ersten zwei Jahre im Internierungslager Kapitalnaja. Weitere vier Jahre meines Leidensweges musste ich in russischen Arbeitslagern verbringen. Das dort Erlebte bildet den Kern meines Berichtes.

Bekanntlich landeten Zwangsarbeiter aus den Internierungslagern wegen verschiedener „Überlebens-delikte“ in russischen Arbeitslagern. Die meisten unter ihnen wollten vermutlich später von dem Erlebten Abstand nehmen oder es einfach verdrängen, weil das Unmenschliche nicht in Worte zu fassen war. Ohne Scham, Scheu und Schuldgefühle ist es meine Absicht, auf Begebenheiten hinzuweisen, die meines Erachtens in der Öffentlichkeit weniger bekannt sind: die Begegnung und das Zusammenleben von aus Deutschland heimgekehrten russischen Zwangsarbeitern mit einem ebensolchen aus dem Banat.

In den Internierungslagern waren die ersten zwei Jahre 1945 und 1946 die Sterbejahre, als der Großteil der Lagerinsassen nicht krankheitshalber, sondern an Unterernährung starb. Der Hunger war ihr größter Feind. Unzählige wurden von Diphterie befallen und das bedeutete für viele das Ende. Auch mein Vater starb an Unterernährung. Niemand wollte sterben, man hegte die Hoffnung, die Heimat heil wiedersehen zu können. In größter Not versuchten viele Lagerinsassen sich durch „Überlebensdelikte“ zu retten: Einen Brocken Steinkohle, ein Bündel Holz, einen Beutel Kartoffeln von der Kolchose oder sonstiges Brauchbares konnte man versteckt bei der Bevölkerung für ein Stück Brot oder Bortschsuppe eintauschen. So konnten viele dem Hungertod entkommen. Aus meiner Sicht und auch in den Augen der Lagerinsassen war die Versetzung und Bestrafung der „Täter“ ein Unrecht. Ein mir gut bekannter Leidensgenosse, ein Pfarrer, äußerte sich so dazu: „In Russland war ich ein Dieb, ohne diese Tat verübt zu haben, wäre ich gestorben.“ Es gab in allen Lagern sogenannte „Delinquenten“, sie begingen keinesfalls politisch motivierte oder kriminelle Taten. Es war der Kampf ums Überleben, der sie zu solchen „Delikten“ zwang. Schuld waren nicht die hilflosen, leidenden Zwangsarbeiter, sondern die mise-rablen, bedrohlichen Lebensverhältnisse, die sie zu bewältigen hatten.

Anfang November 1946: Der grimmige Winter stand vor der Tür, die Bekleidung und besonders das Schuhwerk der Lagerinsassen waren abgetragen und nicht mehr brauchbar. Um den Winter einigermaßen unversehrt überleben zu können, musste eine Lösung gefunden werden. Not macht erfinderisch: Grubenarbeiter fanden in der Mine ein abgestelltes, zusammengerolltes Kabel. 50 Zentimeter davon reichten gerade für ein Paar Schuhsohlen. In den Augen der Grubenarbeiter schien diese Kabelrolle nicht mehr brauchbar zu sein. Diese Annahme war jedoch ein Irrtum. Die Bestrafung folgte auf dem Fuß, sie sollte zweifellos als Abschreckung vor weiteren, schwereren Delikten gelten.
Somit war auch mein Schicksal besiegelt: Ich wurde, wie viele andere, in ein russisches Arbeitslager strafhalber versetzt. Die weite Reise führte bis Solikamsk im Ural, an der sibirischen Grenze. Solikamsk war Endstation der von Perm kommenden Eisenbahnlinie. Hier befand sich ein riesiges Verteilungslager, von dem aus die Gefangenen auf das dichte stalinistische Lagernetz verteilt wurden.

Eines Tages wurden wir, ca. 40 Mann, neu eingekleidet. Es folgte ein Fußmarsch von sechs oder sieben Tagen durch die tiefverschneite Taiga, bis wir völlig erschöpft im Lager Rusinovsk, ca. 200 Kilometer nördlich von Solikamsk, ankamen. Wir sehnten uns fast schon nach einer wohligen Unterkunft, doch der Anblick des Lagers war niederschmetternd. Im Innenhof nichts als eine Baracke, noch ohne Dach, eingehüllt in eine 60 Zentimeter dicke Schneeschicht, ein Kantinenraum mit Küche, ein kleines Häuschen als sogenanntes Kübelbad und eine Latrine neben der Baracke. Das sollte unsere neue Bleibe sein? Zum Glück war es doch warm in der Baracke, wir lagen in Unterwäsche auf der blanken Pritsche, als Unterlage benutzten wir die Stepphose oder -jacke und als Kissen die Fellmütze. Wir waren die ersten Lagerbewohner und sollten weitere Baracken für nachkommende Gefangene aufbauen.

Schon am zweiten Tag begann die Waldarbeit bei eisiger Kälte bis zu minus 40 Grad, wie wir vom Wachpersonal beim Ausgang zur Arbeit erfuhren. Hier begann die Ära des Haferbreis anstatt der Krautsuppe. Wir bekamen ca. 200 Gramm davon, außerdem 450 Gramm dunkles, feuchtes Brot, das wir schon morgens verschlangen. Weiter gab es den ganzen Tag über nichts. Die Nahrung war vollkommen unzureichend für schwerste Waldarbeit, darüber hinaus waren wir ohnehin schon geschwächt. Schon nach einigen Wochen stellten sich die ersten Todesanzeichen ein: Total entkräftet, mit aufgedunsenen Gesichtern, lagen einige auf der Pritsche und warteten auf ihr Ende. Es gab keine Rettung mehr für sie, der Tod war das Ende aller Not und allen Leidens. Man war selbst so entkräftet, dass man den Übergang des Nachbarn in den ewigen Schlaf gar nicht merkte.

Nach ungefähr zwei Monaten lag ich selber in diesem Zustand auf der Pritsche, ich konnte nicht mehr aufstehen, um zur Arbeit zu gehen. Vergeblich versuchte es der Brigadier, doch auch ihm war klar, dass ich der nächste sein werde, den der Tod ereilt. Meine Gefühle waren total abgestumpft, fast gleichgültig habe ich mich mit meinem Schicksal abgefunden. Man zählte mich zu den „Dohonjagas“, was übersetzt „Abkratzer“ heißt. So nannte man diejenigen, für die es keine Hoffnung mehr gab.

Rein zufällig erfuhr ich, dass ein Sanitäter, ein Wolgadeutscher, wöchentlich ins Lager käme, um die
Arbeitsfähigen zu untersuchen. Nur wenn auf dem Gesäß die Haut an den Knochen hing, wurde man für einige Tage von der Arbeit freigestellt. Ich schleppte mich mühsam in die Stube nebenan und als Hildebrand, so hieß der Sanitäter, merkte, dass ich kein Russe bin, entwickelte sich ein recht freundliches Gespräch. Er könne mir nicht mit Medikamenten helfen, er werde aber versuchen, mit Nikolai Petrowitsch zu sprechen, vielleicht könne mich dieser in die Küche aufnehmen. Dank Hildebrand schöpfte ich wieder Hoffnung.

Schon am nächsten Tag wurde ich von einem Begleiter abgeholt und in die „Stalovaia“ (Küche) geschleppt. Der Empfang war ziemlich barsch, doch als mein Begleiter weg war, kam plötzlich die freundlich gestellte Frage: „Du bist Deutscher?“ Zu meiner größten Überraschung bejahte ich die Frage, worauf mir Nikolai Petrowitsch eine gute Portion „Kascha“ (Haferbrei) servierte.

Aber wer war dieser Mann? Man höre und staune: 1943, als deutsche Truppen die Krim-Halbinsel besetzt hielten, war er zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert worden. Nach Kriegsende in seine Heimat entlassen, wurde er eines Nachts verhaftet und landete im Arbeitslager, ohne jemals die wahren Gründe zu erfahren. Es entwickelte sich zwischen uns ein sonderbares Verhältnis: Ein deutscher Zwangsarbeiter und ein aus Deutschland heimgekehrter russischer Zwangsarbeiter wurden wahre Freunde. Nikolai Petrowitsch war sichtlich erfreut, in seiner Nähe einen Deutschen zu haben, und es gelang ihm, mich nicht nur drei Wochen – wie von der Lagerverwaltung vorgeschrieben – in der Küche zu halten, sondern fast sechs Monate. Ich war dem sicheren Tod von der Schippe gesprungen, es ging wieder aufwärts.

Sobald eine Baracke aufgebaut war, traf ein weiterer Schub von Gefangenen ein, unter ihnen auch ein deutscher Kriegsgefangener. Er hieß Efrain und stammte aus Salzgitter. Weshalb er ins Arbeitslager kam, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Wir trafen uns einige Male abends im Lagerhof und von ihm lernte ich folgendes Gebet: „Allmächtiger Vater, ich trete vor dich hin, hilflos, nackt und bloß, steh mir bei, dass ich meine Heimat wiedersehe“. Anschließend sangen wir ganz leise „Heimat, deine Sterne“.

Und wieder traf ein neuer Gefangenentransport ein. Zu meinem großen Leidwesen wurde mein Lebensretter Nikolai Petrowitsch in ein anderes Lager versetzt. Doch ich sollte ein kleiner Glückspilz in diesem höllischen Lagerleben sein: Zu meiner angenehmen Überraschung wurde ich der aus russischen Zwangsarbeitern bestehenden Brigade zugeteilt. Da ich nun schon ziemlich gut Russisch sprach, fanden mit mehreren von ihnen, nachdem sie erfahren hatten, dass ich auch Zwangsarbeiter war, vertrauliche Gespräche statt. Kaum einer kannte den Grund seiner Inhaftierung. Sie wurden von Stalins Schergen als unverlässliche Elemente eingestuft, Tausende von ihnen wurden Opfer von willfährigen Helfern, von Denunzianten. Viele trieben aus Angst um ihr eigenes Leben unschuldige Menschen in den Gulag.

Auch in dieser Brigade entstand ein freundschaftliches Verhältnis. Unter vorgehaltener Hand lobten
einige die Ordnung, Disziplin und Kultur der Deutschen, sie waren durchaus imstande, zwischen dem deutschen Volk und dem verbrecherischen Nazi-Regime zu differenzieren. Ich war froh, unter friedlichen Menschen zu sein und fühlte Mitmenschlichkeit mir gegenüber.

Zur Beschreibung der unmenschlichen Arbeits- und Lebensverhältnisse in den Arbeitslagern fehlt hier der Raum. Nur soviel dazu: Zu grausam erschien mir der Anblick des Öfteren am Morgen, als zwei Gefangene einen Karren mit entblößten Toten zum Lagerausgang schoben. Man muss Alexander Solschenizyns Werk „Archipel Gulag“ oder Viktor Stürmers Buch „Im Straflager zwischen Eismeer und Baikalsee“ gelesen haben, um das schreckliche Vernichtungssystem zu verstehen.

Gegen Ende des Jahres 1949 hieß es wieder „Damoi“ (weiter). Efrain und ich wurden mit einem LKW nach Solikamsk abtransportiert, hier trennten sich unsere Wege. Ob Efrain jemals zuhause ankam, ist mir nicht bekannt. Meine Reise führte Richtung Kirov über die Eisenbahnlinie Moskau-Workuta. Ich kam in ein Lager unweit von Uchta. Nach einigen Monaten ging es erneut weiter und im Oktober 1950 traf ich in Kiew ein. Dort, in einem riesigen Sammellager für heimkehrende Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene, traf ich zu meiner großen Freude Landsleute aus meinem Heimatort. Wir sollten uns hier einigermaßen erholen, bevor wir die Heimreise antraten.

Am 2. Februar 1951 traf ich am Abend um 21 Uhr ganz unerwartet in meinem Elternhaus ein. Es spielten sich herzzerreißende Szenen ab, die sich kaum beschreiben lassen.
***
Die Jahre in der Kohlengrube und in den stalinistischen Arbeitslagern verankerten in mir noch lange Zeit danach Angst und Vertrauenslosigkeit. Persönlich fühle ich bei Gott weder Hass noch Rache, auch wenn mein Los bitter war. Wem sollte dies auch nutzen? Die Hauptschuldigen leben längst nicht mehr. Der eine hat sich 1945 im Bunker in Berlin selbst gerichtet, der andere hat weiter gewütet, bis er 1953 ungestraft in Moskau starb.

Eines dürfen wir nie und nimmer vergessen: Die Deportation der Deutschen jenseits der Reichsgrenze zur Zwangsarbeit relativiert in keiner Weise die ungeheuren Verbrechen und Zerstörungen, die vom NS-Regime in der Sowjetunion began-gen wurden. Wir, die ehemaligen Zwangsarbeiter aus Ost und West, waren Sklaven unter Hitler und Stalin, wir waren Sühneopfer und mussten für ein von anderen begangenes Unrecht büßen, mussten aufbauen, was andere zerstört hatten.

Vieles ist noch in meiner Erinnerung, in meinen Gedanken wie eh und je. Ich denke auch 75 Jahre nach der Deportation an die verdammten Lager und an die unglücklichen russischen Menschen, die mir oft nahe waren. Sie waren selbst Opfer eines gottlosen, diktatorischen Systems, dem sie nicht entkommen konnten. Bei alldem erscheint mir die gutmütige russische Seele mit viel Leid behaftet.

Trotz allen Elends ist der Großteil der Betroffenen zur Versöhnung bereit. Es ist immer wieder zu hören: „Verzeihen ja, vergessen nie“. Diesem Leitgedanken schließe ich mich ohne Wenn und Aber an. Ich habe verziehen, vergessen werde ich aber bis an mein Lebensende nicht.