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Banater Post

Der Volksaufstand in Temeswar in Briefzeugnissen

Neue Banater Zeitung vom 16. Dezember 1989, versehen mit Randnotizen von Peter Kihm: „an diesem Tag begann die Revolution“

Großdemonstration in den Dezember-Tagen 1989 vor der Temeswarer Oper. Foto: Constantin Duma

Ausschnitt aus der Neuen Banater Zeitung vom 3./4. Februar 1990

Am Samstag, dem 16. Dezember 1989, brachte die Neue Banater Zeitung, Organ des Kreiskomitees der RKP und des Kreisvolksrates Timiş, auf Seite 1 einen langen Leitartikel mit dem Titel „Im Sinne der Weisungen des Genossen Nicolae Ceauşescu und der Dokumente des XIV. Parteitags: Unentwegte Entwicklung des Vaterlandes“. Es war der Tag, an dem in Temeswar der Volksaufstand gegen den „Conducător“ (Führer) Nicolae Ceauşescu, das „Genie der Karpaten“, den „Titan der Titanen“, wie er sich nennen ließ, begann. Die Revolte weitete sich binnen weniger Tage auf das ganze Land aus. In einem  blutigen Aufstand befreite sich Rumänien von seiner brutalen kommunistischen Diktatur und entledigte sich des verhassten Diktatorenpaares Nicolae und Elena Ceauşescu.

Mein Cousin Peter Kihm (1921-2004) lebte damals in Temeswar und wurde Zeuge der Unruhen, Demonstrationen und blutigen Kämpfe, die die Stadt ab dem 16. Dezember 1989 heimsuchten. Er wohnte mit seiner Frau im Tipografilor-Viertel, in einem Wohnblock in der Strada Iaşi, ca. 250 Meter nördlich des Temescher Kreisinspektorats des Innenministeriums am Boulevard Leontin Sălăjan, in dem die Miliz und der Staatssicherheitsdienst Securitate untergebracht waren. Auch das Passamt befand sich in diesem Gebäude, das heute als Sitz des Polizeiinspektorats des Kreises Temesch dient.

Der Funke von Temeswar entfacht eine Riesenflamme

Peter Kihm versah die Titelseite der genannten Zeitungsausgabe, die er mir später zuschickte, mit flüchtigen Notizen: „An diesem Tag begann die Revolution in Temeschburg – Timişoara. Die ganze Stadt ist auf den Füßen. Mit dem Sonnenuntergang ging das Feuer auf. Keine Angst, Gott ist mit uns!!! PS: Von diesem Tage an konnte man nicht mehr bei Nacht schlafen. Die Leute sind ständig auf der Straße, am Opernplatz, unter freiem Himmel mit schönem Wetter! [Sie skandieren:] ‚Wir weichen nicht!‘, ‚Nieder mit Ceauşescu!‘, ‚Wir wollen Brot für [unsere] Kinder!‘, ‚Wir wollen Freiheit und Gerechtigkeit!‘. In dieser Nacht wurde noch nicht geschossen. Nur [mit] Gummiknüppeln und Hackenstielen schlagen sie ein auf die Leute. In dem Gemenge gab es Messerstiche in den Unterleib von beiden Seiten!“

Am Dienstag, dem 19. Dezember 1989, berichtete die Süddeutsche Zeitung (SZ) erstmals über die Entwicklungen in Rumänien: „In den Städten Timişoara (Temeswar) und Arad nahe der ungarischen Grenze ist es am Wochenende zu heftigen Protestdemonstrationen mit mehreren tausend Teilnehmern gegen Staats- und Parteichef Nicolae Ceauşescu und dessen kommunistisches Regime gekommen. Unbestätigten Berichten zufolge soll es Hunderte von Toten und Verletzten gegeben haben.“ Auslöser der Unruhen seien Proteste gegen die drohende Strafversetzung des damals in Temeswar lebenden regimekritischen evangelisch-reformierten Pastors László Tőkés.

„Rumänien steht offenbar unter Kriegsrecht“ titelt die SZ am darauffolgenden Tag und weist auf die unklare Lage nach den Massenprotesten hin. Nach Augenzeugenberichten seien „Hunderte von Menschen“ in Temeswar getötet worden. Die Zeitung zitiert den damaligen bayerischen Landesvorsitzenden der Landsmannschaft der Banater Schwaben Peter Krier, der nach Telefongesprächen mit Bekannten in Temeswar die Berichte über Schießereien in der Stadt und die Gerüchte über eine hohe Zahl von Toten bestätigt habe.

Nachdem der in Temeswar entzündete Funke einen Flächenbrand ausgelöst hatte und die Proteste auf die Hauptstadt Bukarest übergriffen, stürmten Demonstranten am 22. Dezember das Gebäude des Zentralkomitees. Ceauşescu ergriff die Flucht. Das Diktatorenpaar wurde bald darauf festgenommen und am 25. Dezember nach einem kurzen Schauprozess vor einem Militärtribunal hingerichtet. Im staatlichen Fernsehen verkündete der Schriftsteller Mircea Dinescu am 22. Dezember, die Revolution habe gesiegt, das Land sei endlich frei. Die Front der Nationalen Rettung mit Ion Iliescu, einem bei Ceauşescu in Ungnade gefallenen Parteifunktionär an der Spitze, übernahm die Macht.

Die Ereignisse überschlugen sich förmlich. In dieser Situation rief die Landsmannschaft der Banater Schwaben zu einer großen Kundgebung auf, mit dem Ziel, die Solidarität mit den Kämpfenden und die Trauer um die zahllosen Opfer des Volksaufstandes zu bekunden. Auf dem Flugblatt war zu lesen: „Ein Volk erhebt sich. Was lange unmöglich schien, ist jetzt wahr: In vielen Städten Rumäniens demonstriert das Volk; in Temeschburg kämpfen Rumänen, Deutsche und Ungarn verzweifelt gegen ein unmenschliches Regime! Aus Solidarität mit den Kämpfenden, in tiefer Trauer um die Toten [bitten wir], zur Kundgebung eine Kerze mitzubringen.“ Dem Aufruf zur Kundgebung, die am 23. Dezember auf dem Münchner Odeonsplatz stattfand, schlossen sich die Landsmannschaften der Siebenbürger Sachsen und der Sathmarer Schwaben, der Bund der Vertriebenen und die Paneuropa-Union an. Zusammen mit meinem Bruder Hans ging auch ich zu der Kundgebung, an der laut „Banater Post“ vom 5. Januar 1990 über 5000 Menschen teilnahmen.

Peter Kihm hatte seit den 1950er Jahren brieflichen Kontakt mit uns gehalten. Seine Mutter war eine Schwester meines Vaters, meine Eltern waren seine Taufpaten. Am Neujahrstag 1990 schrieb ich ihm einen Brief mit der Frage, ob seiner Familie etwas zugestoßen sei. Ich erwähnte, dass ich mich früher öfter mit Bekannten aus Siebenbürgen über den „Maisbrei, der nur blubbert, aber nicht explodiert“, unterhalten habe und dass wir nicht glauben konnten, was zu hören und im Fernsehen bei Televiziunea Româna Liberă zu sehen war. Besonders die Bilder aus Temeswar mit den ausgegrabenen Leichen der Gefolterten und die erschossenen Kinder hätten uns sehr betrübt gemacht. Ich bat ihn um aktuelle Zeitungen und um einen Stadtplan von Temeswar, falls er einen findet, mit der Angabe seiner Wohnung und um Fotos, auch von seinen Kindern und Enkeln. Mein Cousin hatte zwei verheiratete Töchter, die ebenfalls in Temeswar wohnten.

Viele Menschen einfach niedergeschossen

Am 4. Januar 1990 erhielt meine Mutter einen Brief von ihrem Neffen aus Temeswar (der von mir war bei ihm noch nicht angekommen), in dem dieser schildert, wie er und seine Familie die Ereignisse in Temeswar erlebt haben:

„Wir sind gesund. Ab heute geht die Post bei uns normal, es ist alles soweit wieder in Ordnung und man schießt nicht mehr auf die Menschen auf der Straße aus den Hochhäusern. Gerade hier bei uns, da wir das Kreisamt der Polizei und vom ehemaligen Sicherheitsdienst hatten. Man hatte viele Menschen auf der Straße einfach niedergeschossen, besonders am 23., 24. und 25. XII. waren Terroristen am Werk (…). So hatten wir in diesen 3 Tagen Ausgangssperre. Wir konnten nicht auf die Straße und die Fenster waren zugestellt mit Brettern und Schränken, man bewegte sich wie die Mäuse von einem Zimmer ins andere! Ja, was soll man sagen, man lebte von Stunde zu Stunde, um zu erwarten, wie das weitergehen soll. Eine Nachbarin hatte einen Bauchschuss, man konnte sie nur mit einem gepanzerten Wagen ins Spital fahren. So wie Du, liebe Godi, hatte ich ja doch auch eine Portion Krieg in Russland mitgemacht, aber dieses hier war was viel anderes, schrecklich und äußerst gefährlich. Es war nur wichtig, das zu überleben und abwarten bis zum Ende dieser Menschenjagd!  
Ja! Wir hatten Eure Liebesgaben, das Paket, wie von Gott geleitet in den richtigen Tagen erhalten. Wir haben alles richtig aufgeteilt und ein jeder hat seinen Teil bekommen. Alle waren froh und danken Euch nochmals für alles aus ganzem Herzen.  

Wir hatten uns immer Brot bis auf 5 Tage voraus gekauft und im Ofen aufgebacken, so kamen wir auch damit über die Tage vom 16.XI. bis 28.XII. Heute haben wir eine andere Zeit und hoffen, dass wir auch in Zukunft ein Stück Fleisch in der Schüssel haben an Sonn- und Feiertagen.
Für heute so viel, ich bin noch nicht in Ordnung, die Aufregung war zu groß, aber es wird schon alles wieder gut.“

Bei dem Datum 16.XI. – richtig muss es 16.XII. heißen – handelt es sich offensichtlich um einen Fehler, der vermutlich seiner Aufregung geschuldet war. Ganz in der Nähe seiner Wohnung, auf der Nordseite des Boulevards Leontin Sălăjan, gegenüber der Kreisinspektion des Innenministeriums, wohnten viele Angehörige des rumänischen Militärs, der Miliz und der Securitate in Hochhäusern. Die Spuren der Schießereien im Dezember 1989 kann man noch heute an den Hauswänden und ganz oben an den Gebäuden sehen, die Schilder mit den alten Straßennamen sind ebenfalls noch vorhanden. Die Strada Iaşi wurde später in Strada Martir Miroslav Todorov, der Boulevard Leontin Sălăjan in Boulevard Take Ionescu umbenannt.

Der nächste Brief folgte mit Datum 28. Januar. Darin heißt es unter anderem: „Und nun zur Sache. Ja, am 16/17ten [Dezember] da explodierte der Malai-Brei und zu der Zeit hatte ich den Brief an dich beim Postamt bei mir aufgegeben. Er hat die Sache nicht überlebt, denn das Postamt ging in dieser Nacht in Flammen auf und brannte ganz aus. Zum Schreiben kam ich nicht mehr. Hatte ehrlich gesagt keine Nerven dazu. Es zieht einen immer wieder auf die Straßen. […] Ich hoffe, dass meine 4 Briefe Dich mit den Zeitschriften erreicht haben, damit Du alles auch von hier sehen kannst und was diese Bilder von hier mit den Toten anbelangt, die sind echt. Ich war am Friedhof sie zu sehen, diese Frau mit dem ungeborenen Kind auf sich liegend begraben – man hatte alle wieder ausgegraben, sogar mit den Händen scharrte man die Toten, die in Nylonsäcken waren, raus und zog sie zur Erdoberfläche. – Ja, ja das kann man nicht erzählen. Wenn ich noch an diese Erinnerung denke, dann gehen meine Nerven durch.

Sehe bitte diese Zeitungen durch und lese alles gut nach und so denke ich, dass Du alles glauben kannst, was man Euch gezeigt [hat] an Bildern im Fernsehen. Neulich war ein jugoslawisches und französisches Team zusammen hier, das bei allen Zusammenstößen dabei war. Im Nachbarland wurde auch alles ausgestrahlt. Es gab auf dieser Welt noch nicht so ein Morden – Du weißt ja, ich hatte den ganzen 2. Weltkrieg mitgemacht und zuletzt war ich noch in Budapest eingekesselt, 3 Monate, fast verhungert, aber solche Sachen gab es in dieser Zeit nicht, auch nicht in Polen oder der Tschechei. Das hier war einmalig in unserer Zeit! Und doch gibt es heute keine Ruhe bei uns (…). Es gibt noch viele, die untergetaucht sind hier von der Securitate, die sich rächen wollen, da sie gesucht sind, um sie zu verurteilen. Keine Zukunft und Ruhe im Untergrund! –  Wenn ich dazu komme, dann bekommst Du sofort einen [Stadtplan] mit allen Aufzeichnungen von der Revolution. […]“

Noch keine Ruhe im Land eingekehrt

Mein Cousin nummeriert alle seine Briefe, nicht nur jene, die er an mich schickt, um sie nachverfolgen zu können. Mit Datum 9. Februar kommt Brief Nr. 45 bei mir an: „Mit großer Freude [habe ich] von Dir einen Brief empfangen, der mich ein wenig überrascht hatte, da ich noch nicht auf Deinen Brief vom 01.01. geantwortet habe. […] Du meinst, meine Briefe sind rasch bei Dir. Ja, es sind ja nicht so viele Kilometer für die heutige Zeit und die Securisten sitzen ja nicht mehr darauf, um zu beweisen, dass sie viel Arbeit haben.“ Bezüglich des von mir erbetenen Stadtplans lässt er mich wissen: „Und nun zum Stadtplan (…). Das ist alles in Ordnung, nur ist ein Großteil unserer Buchhandlungen ausgebrannt und somit kann man sich keinen besorgen, aber wenn es die Möglichkeit gibt oder eine Autokarte zu finden ist, dann bekommst Du sie.“ Auch auf meine Bitte, mir aktuelle Zeitungen zukommen zu lassen, geht er ein: „Vorerst sind meine Briefe ganz überfüllt [dick], sodass die Post etwas schief drauf sieht, aber es geht schon bis jetzt. Ich hatte den letzten Brief an [Deine] Mutter gesandt mit einer Zeitschrift von den Deutschen aus dem Banat, die man nach dem Bărăgan verschleppt hatte. Es gab so manche schweren Situationen, die für viele verhängnisvoll waren. Die Zeitung hatte ich für Dich gedacht. […] Hoffe, dass auch die Zeitung mit den Mörder-Bildern bei Dir angekommen ist.“

Bei den erwähnten Zeitungsartikeln, alle aus der Neuen Banater Zeitung, die sich jetzt „Demokratische Tageszeitung in Rumänien“ nannte, handelte es sich zum einen um mehrere Beiträge zum Thema „Ein leidvolles Erlebnis der Banater Schwaben: Die Verschleppung auf den Baragan“, erschienen in der Ausgabe vom 6. Februar 1990, und zum anderen um Seite 3 der Ausgabe vom 3./4. Februar 1990, die Fotos von 16 angeklagten Securisten und Milizionären zeigt. Unter ihnen an zweiter Stelle jenes von „Nicolae Căpraru, Mitarbeiter der gewesenen Miliz, unseren Landsleuten als ‚der Gärtner‘ bekannt“. Peter Kihm notiert noch darunter: „Blumen-Mann (Millionär)“.

Im Brief vom 27. Februar schickt er mir einen Stadtplan von 1980, der mir einen Überblick über die örtlichen Verhältnisse verschafft. Dabei fällt mir ein, dass ich im August 1962 schon einmal in diesem Passamt am Boulevard Leontin Sălăjan gewesen sein muss, mein Vater und ich hatten uns damals bei der Miliz als Besucher aus dem Ausland zu melden.

Seinem Brief vom 28. Februar legte er einen weiteren Zeitungsausschnitt aus der NBZ vom 20. Februar bei mit der Überschrift: „Ilie Matei, der Häscher von Temeswar: ‚Einen Wagen für sieben Koffer!‘“ Darin berichtet der 27-jährige Gheorghe Sîntămarean, Arbeiter der Temeswarer HWG „Prestarea“, über das brutale Vorgehen des Militärs gegen Demonstranten vor der Kathedrale und in der Văcărescu-Straße. Ein Auszug daraus: „In jenen Tagen war ich überall dort, wo man in Temeswar gegen die Diktatur protestierte. Am Dienstag, dem 19. Dezember, war ich inmitten einer kleineren Gruppe in der Văcărescu-Straße, als plötzlich Panzerwagen mit Militär erschienen. Wir versuchten zu flüchten, in einen Hof einzudringen, doch die Soldaten kamen uns zuvor. ‚Hände hoch‘, hieß der Befehl. Man warf uns nieder und kontrollierte uns. ‚Wer den Kopf hebt, der kriegt eine Kugel‘, herrschte man uns an. In ihrer Mitte befand sich Ilie Matei, der ehemalige von den Temeswarern so gehasste Parteiführer des Kreises Temesch. ‚Einen Wagen für sieben Koffer‘ hörte ich ihn befehlen. Was sollte das? Dann verstanden wir endlich mit Entsetzen, dass wir, die sieben Unglücklichen, mit dem Wort Koffer gemeint waren. O Gott! Während der Fahrt bedrohte man uns ständig mit dem Tod. Man schlug mit Knüppeln und Gewehrkolben auf uns ein. […] Im Innenhof der Securitate begannen sie wieder uns zu prügeln. […] Im Gefängnis hatte ich Glück, ich wurde nicht mehr geschlagen oder gefoltert. Bis Mittwoch, gegen 23 Uhr, als man mich freiließ, konnte ich oft die Schreie und dumpfen Schläge aus allen Richtungen hören.“

Wenige Tage später, am 4. März, schickte mir mein Cousin ein Blatt aus der NBZ vom Vortag, es informierte über den Prozessbeginn in Temeswar „gegen 21 Schwerverbrecher“, alles Securitate- und Miliz-Offiziere, die wegen „Komplizität am Genozid und Begünstigung der Kapitalverbrechen“ angeklagt worden waren.

Volksaufstand forderte 1166 Todesopfer landesweit

Die Dezember-Ereignisse in Rumänien, von einigen Volksaufstand, von anderen Revolution genannt, forderten eine hohe Zahl an Todesopfern. Laut „Dicționarul General al Revoluţiei Române din Decembrie 1989“ (Allgemeine Enzyklopädie der Rumänischen Revolution vom Dezember 1989, Bukarest 2010) belief sich die Zahl der Todesopfer im ganzen Land auf 1166. Davon kamen 271 Menschen in der Zeit vom 17. bis 22. Dezember ums Leben, 716 starben zwischen dem 23. und 25. Dezember, weitere 113 in der Zeit danach. Bei 66 Personen konnte das genaue Sterbedatum nicht ermittelt werden. Die meisten kamen also erst nach der Flucht Ceauşescus ums Leben. Anders verhielt es sich in Temeswar, wo die Zahl der Todesopfer mit 122 angegeben wird. Davon starben 88 Menschen in der Zeit bis zum Sturz Ceauşescus (22. Dezember) und 30 danach; bei vier Todesopfern ist das Sterbedatum nicht bekannt.

Was die Massengräber auf dem Armenfriedhof in Temeswar anbelangt, muss vermerkt werden, dass dort zweimal nicht identifizierte Leichen gefunden worden waren, zunächst Ende Dezember. Diese waren anscheinend vor den Kämpfen eines natürlichen Todes gestorben. Diese Leichen, darunter eine Frau mit einem Kind auf dem Bauch, wurden von einem jugoslawischen Journalisten fotografiert und galten irrtümlich als Beweis für die Verbrechen der Securitate. Anfang Januar fand man erneut 13 Leichen mit deutlich erkennbaren Schusswunden, die am 27. Dezember in einem Massengrab beigesetzt worden waren, da sie nicht identifiziert und infolgedessen den Angehörigen nicht übergeben werden konnten. In diesem Zusammenhang soll noch Erwähnung finden, dass auf Anordnung der Securitate aus dem Temeswarer Kreiskrankenhaus um die 40 Leichen von getöteten Demonstranten am Morgen des 19. Dezember nach Bukarest gebracht wurden, um sie im Krematorium „Cenuşa“ einzuäschern.

Kein Vertrauen mehr: „Raus aus diesem Land hier“

Für die Deutschen in Rumänien stellte sich nach dem Sturz des kommunistischen Regimes die Frage: Gehen oder Bleiben? Auch mein Cousin Peter Kihm und die Familien seiner beiden Töchter waren damals mit dieser Frage konfrontiert. Und sie entschieden sich relativ schnell, das Land zu verlassen.

Die Entscheidung fiel bereits Ende Januar, wie aus dem am 28. jenes Monats verschickten Brief hervorgeht: „Vorerst möchte ich Dir sagen, dass es uns an nichts fehlt. Du wirst es verstehen, dass wir nicht diese Leute sind, die auf die Straße gingen wegen Hungersnot. Nein, wir sind sehr ökonomisch eingestellt und sorgten schon immer für den nächsten Tag. (…) sparsame und eifrige Schwiegersöhne sorgten immer wieder etwas für die Zukunft vor, denn sie hatten durch ihre Arbeitsstellen gute Verbindungen hier in der Stadt und im Dorf. Also, ich muss Dir sagen, für uns gibt es nur noch eins: Raus aus dem Laden hier, denn wir sind nicht mehr erwünscht in diesem Land. Wir sind nun wegen der guten Gelegenheit daran, unsere Ausreisepapiere einzugeben und von hier zu verschwinden. Also wegzugehen. Irgendwohin. Denn hier kann man keinem mehr trauen. Ceauşescu hatte man begraben und sein Freund Iliescu wurde geboren – dasselbe von Rot in Grün, keine ernsten Hoffnungen hier in diesem Sauladen, alles umsonst, die viele Hilfe von auswärts. Für wen und warum? Der eine ist tot und der andere lebt!“

In dem Schreiben vom 9. Februar äußert er die Hoffnung: „Keine Sorgen, es ist bald so weit: In 4 – 6 Monaten sind wir vielleicht beisammen, wenn alles gut geht.“ Am 28. Februar bittet er um eine Gefälligkeit: „Ich möchte wissen, ob ich Euch meine Papiere schicken darf. Das heißt, es sind Kopien vom Arbeitsbuch, Geburtsscheine, Trauscheine, Pensionsschein und anderes zum Aufbewahren, die wir wahrscheinlich so noch brauchen dort [in Deutschland]. Und an welche Anschrift. Somit habe ich auch 15 Briefe schon vorbereitet zum Abschicken (…).“ Einige Tage später, am 4. März, dankt er für die von mir zugeschickte Übersicht seiner Briefe und bittet, „oben links die Nummer von jedem Brief [zu notieren], damit ich mich besser orientieren kann und feststellen kann, ob meine Wertpapiere alle so richtig ankommen und alle bei Euch eintreffen.“ Des Weiteren teilt er mit, dass unser Paket noch nicht angekommen sei. Von den Paketen „nimmt [man] uns nichts mehr ab und alles bekommen wir, so wie es ankommt, und wir sind ja dafür unsere 3 Familien, so dass wir zum Aufteilen haben“.

Auf die Paketsendung geht mein Cousin erneut in seinem Brief vom 23. März ein. Er berichtet, dass täglich etwa 5000 Paketsendungen aus aller Welt hier ankämen. „(…) die Abfertigung ist nicht mehr als höchstens 1000 Stück, man arbeitet hier auch mit dem Militär und Studenten sind täglich im Einsatz, so dass wenigstens (…) 20 Waggons dastehen und warten müssen für das Umladen, denn alle Pakete aus dem Westen kommen zum Großteil durch Temeswar und werden hier sortiert in andere Richtungen“. Es werde somit noch ein bis zwei Monate dauern, bis das Paket ankommt. Da ich in einem meiner Briefe den Inhalt des Pakets beschrieben hatte, bedankte sich mein Cousin im Voraus für „die vielen und guten Sachen“, darunter auch solche, „die man hier schon lange nicht mehr kennt“.

Bedenkliche innenpolitische Entwicklungen

In demselben Schreiben kommt er auch auf die Ausreise zu sprechen: Man sei im Besitz der RU-Nummer und die Akten seien „nun schon in Bukarest zum Bearbeiten, so dass alles gut läuft, hoffentlich“. Ganz kurz geht er auch auf die aktuelle Lage im Land ein: „(…) hier ist noch keine Ruhe, die Ungarn wollen Anschluss [an den Staat Ungarn]. Sie wollen keine Rumänen sein.“ Kihm bezieht sich dabei auf die ethnischen Ausschreitungen in Târgu Mureș (ungarisch: Marosvásárhely, deutsch Neumarkt am Mieresch), die fünf Todesopfer und fast 300 Verletzte forderten. Die Ausschreitungen fanden Beachtung in den Medien rund um den Globus. Auch die Süddeutsche Zeitung berichtete am 21. März darüber (Christoph von Marschall: Ein altes Trauma führt zu neuer Gewalt).

Mit 26. März kommen drei Kopien von Dokumenten und die Ankündigung von weiteren neun Briefen mit insgesamt 27 Kopien an. Peter bittet mich, alle Inhalte zu bestätigen, wenn ich sie erhalten habe. Am 14. April meldet er dann den Erhalt meines Paketes: „So ja! Das heißt man ein Schreibzeug. Einen schönen Dank! Das macht Spaß. Also das goldige Paket ist einfach toll. Das nennt man hier ein Schmuckstück. Auch die beim Postamt sagten, dass [es] denn so etwas [gibt]! Nein, hier niemals! Also nochmals einen schönen Dank (…).“ Er kündigt vier weitere Briefe „mit anderen Akten über unser gewesenes Privateigentum“ an, für den Fall, dass diese noch gebraucht werden können.

Mit Datum 2. Mai kommt sein Brief mit der Nummer 154 an. Er betreibt also, neben unserem persönlichen Kontakt, eine breitgefächerte Korrespondenz. Sowohl auf die Ausreise-Angelegenheit als auch auf aktuelle politisch-gesellschaftliche Entwicklungen im Land kommt er darin zurück. Man sei schon ganz nervös, weil die Ausreiseanträge schon vor drei Monaten gestellt worden seien und demnächst die Abholung der Pässe erfolgen werde. Dem Brief legte er einen von H. Vastag gezeichneten Artikel aus der NBZ mit dem Titel „Nur weg, so schnell wie möglich“ bei. Der Autor berichtet vom Protest Hunderter Menschen vor dem Passamt bei der Kreispolizei, die ihre Ausreisegesuche schon vor dem 30. Januar 1990 eingereicht und noch keine Antwort erhalten haben. (Laut Regierungsbeschluss sollten Gesuche für Ausreisepässe in neunzig Tagen erledigt werden.) Andere hingegen, die im Februar oder gar März ihre Eingabe machten, seien schon nicht mehr im Land. Die Demonstranten hätten den Verkehr auf dem Boulevard Leontin Sălăjan blockiert und Losungen wie „Lügner!“, „Schweine!“, „Wir wollen Pässe!“ gerufen. 150 Ausreisewillige hätten angekündigt, in Hungerstreik zu treten. Peter notiert auf dem Ausschnitt: „So geht es nun bei uns [zu] und dasselbe in Bukarest vor der deutschen Botschaft, [über] Tage und Nächte. Wo das alles noch hinführt, weiß Gott. Es gibt kein Vertrauen mehr.“ Er teilt noch mit, dass sie 30000 Lei für 500 Mark getauscht hätten, „was wahrscheinlich [in Zukunft] nicht mehr möglich sein wird, denn hier ist der Tausch gewaltig gestiegen“, weil man zur Einreise nach Jugoslawien ebenfalls Valuta brauche.

Zu den aktuellen Entwicklungen in Rumänien schreibt er, dass es hier wieder um die Freiheit gehe. „80000 Menschen sind wieder auf den Beinen, denn Iliescu ist [ein] großer Kommunist und das gibt noch einen Krach in der Bude hier! Schon 10 Tage steht man da über Nacht und Tag, mit Sprechchören und Losungen.“ Kihm bezieht sich auf die großen Demonstrationen auf dem Bukarester Universitätsplatz, die am 22. April begonnen hatten. Zehntausende protestierten gegen die wendekommunistischen Herrscher, ehemalige Parteikader und Geheimdienstoffiziere, die ihre Macht nicht abgeben wollten. Die Front der Nationalen Rettung unter Ion Iliescu hatte sich zum Sammelbecken für den ehemaligen Apparat der Diktatur entwickelt. Auf dem Universitätsplatz hatte ein buntes Lager aus Gegnern der Iliescu-Front eine „Neokommunismus-freie Zone“ ausgerufen.

Im Brief Nummer 173 vom 20. Mai schildert Peter, dass sie immer wieder Besuche von Ausreisewilligen erhielten: „Das heißt, es verkehren viele Leute vom Dorf bei uns, besonders an den Tagen, wenn es die Pässe gibt. Dienstag und Freitag haben wir immer Landsleute, die schon mit dem ersten Zug eintreffen und bei uns gastieren. Was soll man machen, musst ihnen doch die Tür aufmachen, nur bei uns ist [die] Zeit noch nicht so weit damit wir eingeladen werden zum Passamt. Aber [wir sind] schon ganz nahe an unserem Datum.“ Dann fügt er noch hinzu: „Also heute werden wir wählen gehen, aber ohne Hoffnung auf ein gutes Ergebnis!“ Seine Befürchtung sollte sich bestätigen: Ion Iliescu wurde mit überwältigender Mehrheit zum Staatspräsidenten gewählt, er erhielt 85 Prozent der Stimmen. Seine FSN (Frontul Salvării Naţionale) vereinte zwei Drittel der Stimmen sowohl bei den Wahlen zur Abgeordnetenkammer als auch bei jenen zum Senat. Die schlecht organisierte und durch Gräuelpropaganda verunglimpfte Opposition hatte nicht den Hauch einer Chance bei diesen Wahlen.

Die Ausreise rückt immer näher

Am 6. Juni erwähnt Peter die in die Briefe eingelegten „blauen Scheine“, d.h. die Hundert-DM-Scheine, die er gegen Lei eingetauscht hatte. Er verwendete dabei Postkarten, auf deren Rückseite er kunstvoll ein passendes Blatt so aufgeklebt hatte, dass eine Tasche entstand, die er zuklebte, nachdem er die Geldscheine eingeschoben hatte: „Es ist wieder eine Karte mit Inhalt. Bitte sammele für mich die blauen Scheine. […] Hoffentlich fällt es nicht auf.“ Auf die Scheine und die politische Situation geht er wieder am 17. Juni ein: „Es freut mich, dass meine Briefe alle so gut eintreffen. Hoffe, dass auch meine Briefe mit den doppelten Karten so ankommen, denn in jeder Karte sind 2 Hunderter drinnen. Ja, Du meinst, wir haben die Schnauze voll hier. Wie soll es nur anders sein bei einem Bürgerkrieg, so wie er hier vor sich geht! Denn wir sind terrorisiert (…) hier, das musst Du miterleben, wie das so alles vor sich geht.“ Und weiter unten kommt er nochmal darauf zurück: „Du hast bestimmt gehört, wie die Kommunisten wieder die Leute auf der Straße niederschlagen, Iliescu-Ceauşescu.“

Nachdem die Ordnungskräfte am 13. Juni versucht hatten, den Universitätsplatz zu räumen, jedoch die Kontrolle über die Situation verloren, trafen am Morgen des 14. Juni Tausende Bergarbeiter aus dem Schiltal ein. Bereits zweimal, im Januar und im Februar 1990, waren sie gegen antikommunistische Demonstranten und gegen Oppositionsparteien in Bukarest vorgegangen. Nun sollten sie erneut für Ruhe sorgen. Die Bergarbeiter schlugen auf die Demonstranten ein, attackierten auf offener Straße Personen, die sie für Regierungsgegner hielten, und verwüsteten die Zentralen der beiden größten Oppositionsparteien. Zusätzlich kam es zu pogromartigen Ausschreitungen gegenüber Roma. Bei den Kämpfen kamen sechs Menschen ums Leben, hunderte wurden verletzt.

In der Zwischenzeit hatten mein Cousin wie auch die Familien seiner beiden Töchter die Ausreisepässe erhalten. Am 21. Juni kommt sein letztes Schreiben an, in dem er mitteilt: „Wir waren gestern am 20.VI. in Arad mit dem Wagen beim Zollamt zum Verzollen unserer Sachen und haben 3 Kisten auf der Bahn Richtung Nürnberg aufgegeben.“ Anfang Juli 1990 erfolgt dann die Ausreise.

Peter Kihm und seine Familie kehrten zurück in das Land, aus dem sein Urahn Johann Kihm aus Ormesweiler in Lothringen und dessen Ehefrau Barbara Diener aus Bischmisheim bei Saarbrücken mit fünf Kindern 1785 zu der langen und beschwerlichen Reise ins Banat aufgebrochen waren. Johann Kihm erreichte am 20. April 1785 mit seiner Familie Gertianosch und wurde am 11. Juni 1785 im Haus Nr. 117 sesshaft.  Er verstarb einige Wochen später am 3. Juli 1785. Seine Frau Barbara heiratete in zweiter Ehe am 22. Februar 1787 Andreas Frank und bekam weitere fünf Kinder.