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Banater Post

Banater Kalender 2020: Zeugnisse unserer Kultur des Erinnerns

Der Zeit des sich neigenden Jahres und der Tradition des Kalendermachens entsprechend hat der Banat Verlag Erding vor wenigen Tagen seinen „Banater Kalender“ für das kommende Jahr vorgelegt. An der Herausgabe des Buches haben über dreißig Publizisten und Schriftsteller, Forscher, Künstler und Fotografen mitgewirkt. Auf 312 Seiten wird das aktuelle Banater Kulturgeschehen in Deutschland und im Herkunftsgebiet dargestellt, Beiträge zur Geschichte und Kultur, zur Literatur, Musik und Kunst, zur Volks- und Heimatkunde dieser Region gebracht und mit 260 Fotografien und Illustrationen ein vielseitiges Banat-Bild geboten.

Wie seine zwölf Vorgänger rückt auch dieses Jahrbuch eine Vielzahl von Ereignissen, Jubiläen und Jahrestagen in den Vordergrund, die 2020 von den Banater Schwaben gefeiert oder gedenkend wahrgenommen werden. Geleitet vom Grundprinzip der Themenwahl, dass ein Jahrbuch viel stärker noch als tagesgebundene Medien an wesentliche Momente in der Geschichte und Kultur ihrer Bezugsgruppe hinzuweisen und diese gebührend zu würdigen hat, widmen die Autoren der zeit- und gruppenspezifischen Kultur des Erinnerns ihrer Leserschaft viel Raum.

Im Vorwort begründen die Herausgeber Aneta und Walther Konschitzky dieses buchgestaltende Konzept aus einer wesentlichen, nicht selten geäußerten Erkenntnis heraus: dass eine Gruppe außerhalb ihres Herkunftsraumes nur Bestand hat, solange sie sich ihrer Geschichte, Kultur und Traditionen bewusst ist, ihr Hineinwachsen in andere Lebensformen ihrer neuen Siedlungsräume bringe verständlicherweise mit sich, dass Bindungen zur alten Heimat zurücktreten. „Es sind jedoch nicht wenige, die gegen das Vergessen antreten“, halten die Herausgeber fest, denn die Banater Schwaben setzen in Deutschland wie auch im Herkunftsgebiet „Steine als Erinnerungsstützen, auch als Mahnung, in die Landschaft, und gegen die Aufgabe von Herkunft schreiben Schriftsteller und Publizisten an, Künstler rufen es uns mit Bildern ins Gedächtnis. Solchen Identität bewahrenden Bemühungen schließen sich auch die Gestalter des Banater Kalenders seit seiner ersten Ausgabe an.“ Rückblicke, Jubiläen, Porträts bedeutender Kulturschaffenden, aber auch Informationen über wenig Bekanntes aus unterschiedlichen Themenbereichen, auch neue Erkenntnisse ergeben in einer Zusammenschau ein facettenreiches Bild über die kulturhistorischen Werte und über das gegenwärtige Bemühen, „etwas davon uns selbst und unserem Umfeld als ein unverwechselbarer Bestandteil der gesamtdeutschen Kultur bewusst werden zu lassen.“

Als lebendigsten Beweis für die Bereitschaft zur Fortführung von Traditionen in unserer Zeit wird in mehreren Beiträgen die Teilnahme einer großen Zahl junger Menschen an Veranstaltungen genannt, die überliefertes Banater Kulturgut fortführen und weitergeben. Aus dem reichen Kulturgeschehen des Jahres 2019 im Banat werden die Heimat-tage des Deutschen Forums in Temeswar und die Jubiläumsfeier anlässlich des 25-jährigen Bestehens des „Adam Müller-Guttenbrunn“-Hauses und des Deutschen Altenheims in Temeswar in einem Bildbericht von Walther Konschitzky veranschaulicht. Über die größte Banater Veranstaltung in Deutschland – die 20. Kultur- und Heimattage des Landesverbandes Bayern der Landsmannschaft und das Jubiläumskonzert des Temeswarer Schubert-Chors anlässlich seines 50-jährigen Bestehens –, die in Waldkraiburg stattfanden, berichtet Walter Tonța.

Aufschluss über die gegenwärtige Formenvielfalt der Begegnungen und Darbietungen geben auch die Berichte über das 52. Landestrachtenfest der Banater Schwaben in Baden-Württemberg mit dem Großen Schwabenball in Göppingen und dem 24. Banater Volkstanzfestival, über die 60. Gelöbniswallfahrt der Donauschwaben in Altötting (Stefan Teppert), über die Jubiläumsfeiern zur Ortsgründung der Heidedörfer Bogarosch und Kleinjetscha vor 250 Jahren und über die neunte Deutsche Wallfahrt nach Maria Radna. Über den Besuch von Papst Franziskus in Rumänien und die Seligsprechung von sieben Märtyrerbischöfen im Mai 2019 schreiben Csaba Váncsa und Dr. Claudiu Călin.

Der umfangreichste thematische Teil ist auch in diesem Kalender der Banater Geschichte und Zeitgeschichte gewidmet. Eröffnet wird dieser mit der Beschreibung eines sensationellen Fundes aus der jüngeren Bronzezeit bei Sanktanna; Archäologen aus Deutschland und Rumänien legen hier eine Erdburg weit älter und dreimal so groß wie das antike Troja frei. Die Ansiedlung deutscher Einwanderer im Banat steht im Mittelpunkt der Aufsätze von Ernst Meinhardt (Die Banater „Franzosendörfer“) und Günther Friedmann (250 Jahre Deutsche in Reschitza), Dipl. Ing. Georg Schmidt stellt zwei Vertreter der Grafenfamilie Hadik von Futak vor: den Grundherrn von Semlak und seinen legendären Großvater, den Feldmarschallleutnant der Kaiserin Maria Theresia. Günther Friedmann erinnert an Josef Speckbacher, den Tiroler Freiheitskämpfer und Gründer des Banater Dorfes Königsgnad (heute Tirol). Ebenso wird an den einzigen anerkannten Banater Volkshelden, den Werschetzer Schmied Johann Jakob Hennemann erinnert, dessen ungewöhnliche Tat im Türkenkrieg von 1788 von Kaiser Franz II. mit der Erhebung seiner Familie in den Adelsstand belohnt wurde. Mit dem Porträt des Revolutionsgenerals Georg Klapka aus Temeswar knüpft Radegunde Täuber an die Beiträge über die ungarische Revolution von 1848/49 an, die sie in den Kalender-Jahrgängen 2010 (über die Banater Industriellenfamilie Maderspach) und 2011 (über General Joseph Bem) veröffentlicht hat.

Zeitgeschichtlich relevant sind mehrere Beiträge, die sich historischen und politischen Ereignissen sowie kulturhistorischen und gesellschaftlichen Entwicklungen im Banat des 20. Jahrhunderts zuwenden. Der Historiker Josef Wolf erläutert in seiner Studie „Der sperrige Weg zum Frieden“ die Teilung des Banats gemäß der Beschlüsse von Trianon/Versailles vor 100 Jahren; Dr. Claudiu Călin untersucht die kirchliche Situation im Banat in der Amtszeit von Bischof Augustin Pacha, der vor 150 Jahren geboren wurde. Barbara Gaug berichtet über einen ungewöhnlichen Fund im ehemaligen Internierungslager Großwardein: die unter dem Mauerputz versteckte Briefbotschaft eines Inhaftierten aus Großscham, die heute in der Gedenkstätte ausgestellt ist.

Die kulturgeschichtliche Thematik des Jahrbuchs setzt genau genommen bereits im Kalendarium mit einer Reihe von Familienbildern ein, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Banater fotografischen Ateliers entstanden sind. Durch sie soll auf den hohen dokumentarischen, ästhetischen und Erinnerungswert dieser intimen Zeugnisse der Banater Kultur hingewiesen werden. Als ein Kleinod der Banater Architektur beschreibt Dr. Mihai Opriş das „Temeswarer Versailles“, das im Jahr 1763 im Jagdwald errichtete Jagd- und Tanzschloss, das 1901 abgerissen wurde. Als Achtung gebietende Ingenieurskunst und technische Meisterleistung des 20. Jahrhunderts stellt Dr. Volker Wollmann die in den Jahren 1910-1913 erbaute Maroschbrücke zwischen Arad und Neuarad vor. Anlässlich der Gründung der ersten Oberrealschule (heute Gymnasium, Lyzeum) in Temeswar vor 150 Jahren bieten die Herausgeber einen kurzen Überblick auf die vier Schulen, die in diesem Zeitraum im 1879 errichteten Gebäude der heutigen Lenauschule bestanden: die städtische Oberrealschule, das Deutsche Realgymnasium, die „völkische“ Mädchenoberschule und das Deutsche Lyzeum – die Lenauschule. Die schwierige Ausgangslage zur Zeit der Eröffnung des Deutschen Realgymnasiums vor 100 Jahren (1919) stellt Dipl. Ing. Waldemar Mayer dar.

Ausführliche Gedenkartikel schrieben Dr. Franz Metz über den Organisten Josef Gerstenengst und den Komponisten Hermann Klee, Adrian Nuca-Bartzer über den Komponisten Emmerich Bartzer, Franz Heinz über den Maler Franz Gillich, Dr. Walther Konschitzky über den Maler Hans Hausenstein-Burger, Dr. Walter Engel über den Schriftsteller und Übersetzer Ludwig Vinzenz Fischer. In Nachrufen werden Helmut Schneider, der Publizist und Buchautor Franz Remmel sowie die Geistlichen Dr. Adolf Fugel und Peter Zillich gewürdigt. In kurzen Beiträgen wird zu unterschiedlichen Anlässen an namhafte Persönlichkeiten des Kultur- und Geisteslebens erinnert: an den Historiker Mathias Bernath, den Arzt Dr. Karl Diel, den Architekten und Baumeister Karl Hart, den Kirchenhistoriker Dr. Franz Kräuter, die Maler Michael Angelo Unterberger, Josef Ludwig Edler von Bersuder, Raimund Germela, Franz Ferch und Julius Podlipny, die Temeswarer Kunstgärtner Wilhelm und Arpad Mühle, die Schauspielerin Margot Göttlinger, den Musikpädagogen und Chordirigenten Matthias Schork sowie an den 20-jährig an der Isonzo-Front gefallenen Lokalhistoriker Helmut Wettel.

Zu ethnologischen Themen äußern sich Gottfried Habenicht (Das Legendenlied von der hl. Otilia), Dr. Hans Gehl (Gegenständliches Kulturerbe der Donauschwaben) und Hans Fink (Der Rattenfänger von Hameln). Dr. Walther Konschitzky veranschaulicht das Entstehen und die Entwicklung einer neuen Tradition im Banat: Vor hundert Jahren fand in Temeswar der erste „Schwäbische Trachtenball“ statt, 1938 nahmen bereits 312 und 1939 sogar 362 Trachtenpaare und über 2000 Gäste teil. Aus der Banater schwäbischen Küche stellt Dr. Hildegard Zappel eine Reihe beliebter traditioneller Gerichte vor. Über eine ungewöhnliche, weltweit bekannt gewordene zwischenstaatliche österreichisch-sowjetische Wette, die auch mit dem Banater Getreidesortenzüchter Josef Adam zu tun hat, berichtet seine Tochter Dipl. Ing. Gertrude Adam.

Veröffentlicht werden auch literarische Texte der Banater Schriftsteller Julia Schiff, Balthasar Waitz und Heinrich Erk, Mundarttexte von Johann Wagner, Matthias Kandler, Rainer Kierer und Michael Szellner sowie Temeswar-Anekdoten von Alexander Roda Roda und launige Temeswar-Gedichte von Egon Erwin Kisch. Der Kalender schließt mit einer Übersicht auf Banater Gedenktage und Jubiläen im kommenden Jahr.   

Banater Kalender 2020, 312 Seiten, davon 64 in Farbe, 260 Fotografien und Illustrationen, Preis 22 Euro (zuzüglich Versand). Bestellung: Banat Verlag, Zugspitzstraße 64, 85435 Erding, Tel. 08122 / 2293422, E-Mail banatverlag@gmx.de