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Banater Post

Es liegt vieles im Argen, gerade in Politik und Verwaltung

Dominic Samuel Fritz möchte nächstes Jahr als Bürgermeister in das Temeswarer Rathaus einziehen. Foto: Solveig Meinhardt

Voraussichtlich im Juni 2020 finden in Rumänien Kommunalwahlen statt. Dabei wird Temeswar eine Premiere erleben. Mit Dominic Samuel Fritz kandidiert erstmals ein Bundesdeutscher für das Amt des Bürgermeisters. Fritz stammt aus dem Schwarzwald. Er ist 35 Jahre alt, katholisch, hat noch sieben Geschwister. In Konstanz, Paris und York (Großbritannien) studierte er Politik und Verwaltungswissenschaften.  Außerdem singt und dirigiert er, spielt Klavier und Cello. In Deutschland brachte er bereits zwei CDs mit Chormusik heraus, die er selbst komponierte. Seine dritte CD produzierte er mit dem von ihm gegründeten „Timișoara Gospel Project“ in Rumänien. Zuletzt war er in Berlin Leiter des Büros von Altbundespräsident Horst Köhler. Mit Temeswar ist Fritz seit 2003 durch seinen Freiwilligendienst in einem Kinderheim der Caritas in Berührung gekommen. Seither lässt ihn die Hauptstadt des Banats nicht mehr los. Nächstes Jahr möchte er für seine Partei, die Union Rettet Rumänien, als Bürgermeister in das Temeswarer Rathaus einziehen. Ernst Meinhardt sprach mit ihm.

Sie haben gerade in perfektem Rumänisch einen Tee bestellt. Wieso beherrschen Sie die rumänische Sprache so gut, obwohl Sie doch aus Deutschland stammen?

Ich bin 2003 erstmals nach Rumänien gekommen. Damals war ich 19 Jahre alt und habe hier direkt nach dem Abitur einen Freiwilligendienst gemacht. Ich habe ein Jahr hier in einem Kinderheim gearbeitet. Die Kinder konnten keine andere Sprache außer Rumänisch. Das war ein Kinderheim der Caritas. Die Kinder lebten mit rumänischen Nonnen, die lediglich Rumänisch und Italienisch sprachen. Das heißt, die einzige Möglichkeit, mich zu verständigen, war tatsächlich, die Sprache zu lernen. Ich habe sehr schnell verstanden: Wenn ich wirklich in echten Kontakt mit den Kindern kommen will, dann muss ich sie gut verstehen, gut sprechen können, auch Nuancen erkennen und ausdrücken können. Und dann habe ich mich in dem Jahr hingesetzt, habe jeden Abend Vokabeln und Grammatik gepaukt. Ich hatte auch eine Lehrerin, die mir geholfen hat, Dinge besser zu verstehen. In dem Jahr habe ich relativ gut Rumänisch gelernt und es seitdem in den letzten fünfzehn Jahren immer weiter perfektioniert.

Aus Ihrer kurzen Bestellung schließe ich, dass Sie nicht nur fehler-, sondern auch akzentfrei Rumänisch sprechen. Wie schaffen Sie das?

Ich vermute, dass es ein bisschen mit meinem Gehör zu tun hat. Ich bin auch Musiker und höre Sprachen, was die Sprachmelodie angeht, und höre, glaube ich, sehr gut, wie sich so etwas anhören muss, akustisch, vom Klang her. Das hilft.

Sie stammen aus dem Schwarzwald, haben überhaupt keine Wurzeln im Banat. Weder Ihre Großeltern noch Ihre Eltern stammen von hier. Dennoch kandidieren Sie in Temeswar, der größten Stadt des Banats, für den Posten des Oberbürgermeisters. Warum tun Sie das?

Eine kleine Verbindung zum Banat gibt es schon. Ich bin in Görwihl aufgewachsen. Das ist ein kleines Dorf im Schwarzwald, im Hotzenwald, im Süd-Schwarzwald, südlich von Freiburg. Aus Görwihl ist im 18. Jahrhundert praktisch das halbe Dorf ins Banat ausgewandert und hat hier ein Dorf gegründet: Saderlach. Das ist im Kreis Arad. Es gab alle paar Jahre bei uns in Görwihl das Saderlacher Treffen. So habe ich schon als Kind ein bisschen mitbekommen, dass es dieses Banat gibt. Als ich dann 2003/2004 hier war, haben mich meine Eltern und meine Familie besucht, und wir sind dann zusammen nach Saderlach gefahren und haben dort tatsächlich zwei sehr alte deutsche Frauen getroffen und sind mit ihnen ins Gespräch gekommen. Und die haben tatsächlich genau den Dialekt gesprochen wie bei uns in Görwihl, das Hotzenwälderisch, in einer veralteten Form. Das war wie erlebte Geschichte. Das hat mich sehr fasziniert.

Warum kandidiere ich in Temeswar? Es ist so, dass ich mit Temeswar die letzten fünfzehn Jahre sehr verbunden geblieben bin. Ich habe hier einen Verein gegründet, der Kultur- und Sozialprojekte durchführt. Ich bin hier mittlerweile gut verwurzelt, auch sozial, und habe diese Stadt wirklich lieben gelernt. Ich spüre eine echte Verbindung zu dieser Stadt. Hier habe ich mich zum ersten Mal so richtig als Europäer gefühlt. Ich habe verstanden, was es bedeutet, Europäer zu sein, was Europa war, was Europa wieder oder auch neu sein könnte. Ich finde diese Stadt unglaublich faszinierend. Gleichzeitig sehe ich aber auch, dass vieles im Argen liegt, gerade in Politik und Verwaltung, dass im Grunde genommen die Gesellschaft viel, viel weiter ist als die Politik. Da ich selber beruflich in Politik und Verwaltung gearbeitet habe, war jetzt der Moment gekommen, in dem ich dachte: Vielleicht kann ich das nicht nur von außen beobachten, sondern muss selber mitmachen und muss meine Freunde und die Menschen, die wirklich etwas bewegen wollen, unterstützen. Ich möchte Teil dieser Bewegung sein, die Rumänien gerade in der Politik verändert. Ich habe mich dann nach vielen, vielen Gesprächen entschlossen, als Bürgermeister zu kandidieren.

Wann ist diese Entscheidung gefallen?

Die ersten Überlegungen und Gespräche fanden vor einem Jahr statt. Im Frühjahr 2019 habe ich mich wirklich entschlossen, mich darauf einzulassen. Nach den Europawahlen im Mai habe ich meine Kandidatur öffentlich erklärt. Dann gab es ein internes Vorwahlverfahren innerhalb der Partei, also ganz transparent. Über mehrere Wochen gab es einen internen Wahlkampf. Ich hatte drei Gegenkandidaten und wurde dann im Juli ganz offiziell nominiert von der USR, der Union Rettet Rumänien. Das ist eine neue Partei, die 2016 aus der Anti-Korruptions-Bewegung entstanden ist.

Warum kandidieren Sie gerade für die USR? Wo würden Sie diese Partei im politischen Spektrum Rumäniens ansiedeln?

Das mit dem politischen Spektrum ist ein bisschen schwierig. Die Sozialdemokraten sind alles, nur nicht sozialdemokratisch. Und auch sonst wechseln alle anderen Parteien ständig ihre Namen. Und die Politiker wechseln ständig die Parteien. Im Grunde genommen ist hier das ganze Parteiensystem verkommen. Und deshalb war es für mich auch nie eine Option, hier in irgendeine Partei einzutreten oder hier Politik zu machen. Aber gleichzeitig war das auch immer das Dilemma der Wählerinnen und Wähler hier, die immer sagten: „N-avem cu cine. / Es gibt niemanden, den wir wählen können.“ Gleichzeitig ist in den letzten Jahren ein Bewusstsein entstanden, auch in der wachsenden Mittelschicht, der gebildeten Mittelschicht, dass die Demokratie nicht funktioniert, wenn man auf Dauer keine Alternative hat und wenn man sich auf Dauer dem politischen Leben entzieht. Aus dieser Anti-Korruptions-Bewegung heraus haben Menschen gesagt: Wir müssen eine eigene Partei gründen. Wir müssen diesen Kampf für bessere Institutionen in die Institutionen selbst tragen. Daraus ist die USR entstanden. Es ist im Grunde genommen eine Sammlungsbewegung. Sie ist ideologisch nicht wirklich klar definiert. Da gibt es sehr progressive Leute, die sehr europäisch zugewandt sind. Es gibt andere Leute, die sich eher im liberalen, wirtschaftsliberalen Spektrum verorten. Aber es eint im Grunde genommen alle, dass sie wollen, dass die Institutionen in Rumänien wieder funktionieren. Und das ist auch mein Punkt. Der Unterschied oder Kampf hier in Rumänien ist nicht zwischen Links und Rechts, sondern ist zwischen einem funktionierenden Staat und einem von Interessensgruppen und Cliquen gekaperten Staat. Das ist der Kampf dieser Generation. Vielleicht können wir uns in zehn Jahren wieder über Ideologien unterhalten. Genau das repräsentiert für mich die USR. Im Vergleich zu anderen Neugründungen und ähnlichen Projekten, die immer wieder gescheitert sind in den letzten dreißig Jahren, hat die USR eine sehr große Glaubwürdigkeit, weil sie von Anfang an sehr streng ist bei der Aufnahme von Parteimitgliedern. Sie nimmt keinen auf, der von einer anderen Partei kommt und einfach nur die Farbe wechselt, weil die gerade Konjunktur hat. Die USR bestimmt alle Listenplätze und Nominierungen für Positionen in einem öffentlichen, transparenten Verfahren, bei dem alle Mitglieder mitmachen können. Dadurch ist die Gefahr sehr viel geringer, dass eine bestimmte Interessensgruppe oder eine Clique die Partei kapert. Das macht es in der alltäglichen Parteiarbeit nicht immer einfacher, denn Basisdemokratie kostet viel Kraft, man muss immer wieder aufs Neue Kompromisse finden. Aber es ist zumindest glaubwürdig. Die USR ist nicht nur glaubwürdig, sondern sie hat es im Vergleich zu vielen anderen ähnlichen Versuchen auch geschafft, sich zu verbreitern, im Land Wahlsiege einzufahren. Sie hat jetzt bei den Europawahlen landesweit 23 Prozent geholt, ist gleichauf mit der regierenden Sozialdemokratie gelandet. Hier in Temeswar haben wir klar gewonnen mit 40 Prozent. Die zweitplatzierte Partei, die des Bürgermeisters, hat 23 Prozent in Temeswar geholt. Und genau deshalb sind wir optimistisch, was unsere Aussichten bei den Lokalwahlen angeht.

„Da kommt einer aus Deutschland und will uns sagen, wie Temeswar funktioniert.“ Wie gehen Sie mit Anfeindungen um, die es sicher schon gegeben hat und auch in Zukunft geben wird?

Was ganz wichtig ist, ist, dass ich nicht in irgendeiner Stadt kandidiere. Erstens habe ich eine persönliche Geschichte mit dieser Stadt, bin hier schon sehr lange aktiv im sozialen Bereich, im kulturellen Bereich. Es ist also nicht so, dass ich jetzt vom Himmel gefallen bin oder dass ich mir das vorgestern überlegt habe und dann eingeflogen bin. Ich habe seit 2015 hier eine Wohnung, bin aber seit 2004 jedes Jahr mehrmals im Jahr hier und kenne viele, und viele kennen mich. Das gibt dem Ganzen schon eine gewisse Glaubwürdigkeit. Und das Zweite ist, dass ich meinen Kritikern sage: Das ist Europa. Das ist das neue Europa. Es gibt diese Möglichkeit im europäischen Recht und auch im rumänischen Kommunalwahlrecht. Das Wahlrecht sieht explizit vor, dass EU-Bürger bei Lokalwahlen kandidieren können, wenn sie in dem Ort, in dem sie kandidieren, einen Wohnsitz haben. Wieso sollte man das dann nicht in die Tat umsetzen? Wem das nicht passt, der muss mich nicht wählen, der muss auch Europa nicht toll finden. Dann kann er andere Kandidaten wählen. Aber ich glaube schon, dass in Temeswar eine sehr, sehr große Mehrheit europäisch denkt und genau deshalb auch diese Kandidatur spannend findet. Und genau deshalb hoffe ich auch, große Unterstützung zu finden. Ein letzter Punkt ist: Temeswar hat ja auch eine deutsche Geschichte. Ich knüpfe im Grunde genommen mit dieser Kandidatur für viele auch an an eine Vergangenheit dieser Stadt, die diese Stadt geprägt hat. Ich bin nun keiner, der sagt, ich setze das Erbe der Banater Schwaben in Temeswar fort. So vermessen will ich nicht sein. Aber die Banater Schwaben sind Teil der Identität dieser Stadt. Und von daher ist auch mein Gefühl, dass die allergrößte Mehrheit der Temeswarer zumindest kein Problem mit meiner Staatsbürgerschaft hat.

Haben Sie nur die deutsche Staatsangehörigkeit?

Ja, ich habe nur die deutsche Staatsangehörigkeit.

Gibt es in Rumänien ähnliche Bespiele wie Ihres, also dass ein „Ausländer“ zum Bürgermeister einer rumänischen Stadt gewählt wurde?

Ich habe tatsächlich eine Auskunft erbeten. Und ich glaube, es gab bei den letzten Lokalwahlen drei oder vier Fälle von Gemeinderäten, aber eher in kleineren Kommunen. Also, für eine Stadt von der Größe Temeswars ist das sicher für Rumänien eine Premiere. Ich glaube aber auch, dass es in Europa wenn auch keine Premiere, so doch zumindest immer noch sehr unüblich ist. Und genau das finde ich schön daran. Jetzt ist Rumänien mal Vorreiter und nicht immer andere Länder, die immer denken, sie wären die Besten.

2021 soll Temeswar Europäische Kulturhauptstadt werden. Wir haben uns im Zentrum der Stadt umgesehen. Es ist einiges gemacht worden. Es wird auch noch einiges gemacht. Aber es liegt auch noch vieles im Argen. Ist das in dieser kurzen Zeit von weniger als fünfzehn Monaten überhaupt zu schaffen, dass sich diese Stadt so präsentiert, wie sich Hermannstadt 2007 als Europäische Kulturhauptstadt präsentierte?

Wenn man sich die Infrastruktur anschaut, die Renovierung von Fassaden, da war Hermannstadt damals sicher deutlich weiter. Man muss aber auch dazu sagen, dass Hermannstadt damals massiv Unterstützung bekommen hat von der Zentralregierung in Bukarest, was hier in Temeswar nicht der Fall ist. Da ist erst jetzt, Anfang Oktober, glaube ich, eine Notverordnung verabschiedet worden von der Regierung. Und man versucht jetzt, da nochmal etwas zu finanzieren. Aber das Projekt wurde, das muss man leider sagen, im Grunde genommen boykottiert von den Sozialdemokraten, weil eben die Stadt von den Liberalen regiert wird. Und genau diese politischen Spiele haben das lange blockiert, was sehr schade ist. Es hat leider auch der Bürgermeister hier viele Fehler gemacht. Aber es geht ja bei der Kulturhauptstadt nicht nur darum, im Äußeren sich ganz herausgeputzt zu präsentieren, sondern es geht auch um das Kulturprogramm. Auch da ist es leider so, dass wir da im Grunde genommen hinterher sind und viele hier die Sorge haben, dass wir da eine Chance verpassen. Das ist
sicher ein Thema in der Stadt. Und auch deshalb trete ich an und sage: Leute, wir müssen diese Chance nutzen. Und wir müssen sie so nutzen, dass uns langfristig etwas bleibt, dass es nicht nur eine Eintagsfliege ist und ein Feuerwerk, das wir abbrennen im Jahre 2021 und das war es dann. Sondern wir müssen jetzt in die kulturelle Infrastruktur investieren. Wir müssen Projekte anlegen, die längerfristig laufen, wie das auch bei der Bewerbung gedacht war. Wie gesagt, leider liegt hier einiges im Argen. Aber ich bin zuversichtlich: Wenn die Banater eine Qualität haben, dann ist es der Improvisationsgeist und die Fähigkeit, auf den letzten hundert Metern doch noch alles herauszuholen, was herauszuholen ist. Von daher glaube ich, vor allem dann, wenn ich gewinne und wir im Juni nächsten Jahres das Rathaus übernehmen, dass wir dann gute Chancen haben, hier ein tolles Jahr 2021 auf die Beine zu stellen.

Wenn Sie die Wahl im Juni nächsten Jahres gewinnen, dann bliebe Ihnen gerade noch ein halbes Jahr bis zum Start der Kulturhauptstadt. Ist diese Zeit nicht viel zu kurz? Fürchten Sie nicht, dass es dann heißt: „Jetzt kommt einer aus Deutschland, und er schafft es auch nicht.“

Das ist eine Herausforderung. Mir ist klar: Wenn es schief geht, wird es mir auf die Füße fallen. Und dann kann ich lange sagen, dass ich erst seit sechs Monaten im Amt bin. Aber Angst habe ich deshalb nicht. Wenn ich Angst hätte, dann dürfte ich für diesen Job nicht kandidieren.

Bei unserem Gang durch Temeswar ist uns aufgefallen, dass Straßenschilder und Hausnummern fehlen. An Straßenbahn- und Bushaltestellen gibt es oft keine Fahrpläne. Welchen Stellenwert haben für Sie solche „Kleinigkeiten“? Messen Sie ihnen Bedeutung bei oder betrachten Sie sie eher als nebensächlich?

Nein, das ist sehr wichtig. Denn die Summe dieser Kleinigkeiten sagt etwas aus über die Art und Weise, wie diese Stadt verwaltet wird. Und das ist auch mein Punkt, den ich in meinen Gesprächen und im Wahlkampf immer wieder betone. Da gibt es quasi einen roten Faden einer nicht funktionierenden Institution, nämlich des Rathauses. All diese Kleinigkeiten zeigen, dass hier im Grunde vieles übers Knie gebrochen wird. Davon müssen wir wegkommen. Denn Temeswar ist keine arme Stadt. Temeswar hat durchaus Geld. Hier gibt es Industrie, hier gibt es internationale Firmen, die Steuern zahlen. Aber das Geld wird meiner Ansicht nach nicht so investiert, dass wirklich die Lebensqualität der Bürger wächst. Und das macht sich auch an solchen Kleinigkeiten bemerkbar, gerade im öffentlichen Nahverkehr. Es ist wichtig, die strukturellen Ursachen dieser Probleme zu sehen. Und die liegen vor allem in der schlecht funktionierenden Verwaltung und in der verkrusteten Politik.

Der gegenwärtige Bürgermeister von Temeswar, Nicolae Robu, hat Fußball als eines seiner großen Hobbys. Eine Zeitlang leistete er sich sogar den Luxus, einen Fußballverein aus Steuermitteln zu finanzieren. Was halten Sie davon?

Das Thema Sport ist eine größere und kompliziertere Diskussion. In der Tat ist es so, dass die Stadt mehrere professionelle Sportclubs fördert: Handball, Basketball, Rugby. Es wird sehr viel Geld für Spielergehälter aus öffentlichen Mitteln ausgegeben. Nun bin ich da nicht komplett dagegen. Ich glaube schon, dass der Staat und die Stadt da eine Rolle haben, auch in der professionellen Sportförderung. Aber mich interessiert mindestens genauso viel: Was kann die Stadt tun für die Jugendförderung in den verschiedenen Sportarten. Was können wir an öffentlichen Sportplätzen und Sportstätten machen. Es gibt sie nämlich. Nur sind sie teilweise verfallen, weil kein Geld mehr hineingesteckt wird, weil das Geld woandershin fließt. Und von daher wird es sicher, was den Sport angeht, auch einige strukturelle Veränderungen geben. Wie genau, da sitzen wir gerade dran und arbeiten an unserem Wahlprogramm.

Wir haben uns über das Hobby des jetzigen Bürgermeisters von Temeswar unterhalten, dem Fußball so wichtig ist. Welches Hobby hat denn der möglicherweise künftige Bürgermeister Dominic Samuel Fritz?

Der aktuelle Bürgermeister hat außer Fußball noch ein weiteres Hobby. Er spielt Gitarre. Auch ich bin Musiker. Deswegen kommen jetzt auch schon die ersten Witze, nämlich dass jetzt schon wieder ein Musiker auf den Bürgermeisterposten kommt. Ich dirigiere. Ich spiele Klavier und singe und habe in Temeswar ein Gospelchorprojekt gegründet und hoffe, es weiterführen zu können. Wir werden an Weihnachten ein Konzert geben. Und ich hoffe sehr, dass ich auch als Bürgermeister noch ein bisschen Zeit haben werde, um einmal im Jahr zumindest so ein Chorprojekt auf die Beine zu stellen. Denn ohne die Musik könnte ich nicht leben.

Sie haben wiederholt die deutsche Minderheit in Temeswar und im Banat angesprochen. Mal angenommen, Sie werden zum Bürgermeister gewählt. Welche Rolle wird sie in Ihrem Programm spielen?

Generell ist mir diese Multikulturalität in Temeswar sehr wichtig, die Tatsache, dass hier unterschiedliche Minderheiten seit Jahrhunderten friedlich zusammenleben. Ich glaube  tatsächlich, dass diese historische Erfahrung, aus der diese Stadt schöpft, im Grunde genommen auch  relevant ist für Europa und wir eigentlich Europa eine Geschichte zu erzählen haben, die wichtig ist. Das erst mal ganz grundsätzlich. Es wäre unfair, würde ich sagen, dass ich die deutsche Minderheit bevorzugt behandle gegenüber den Ungarn oder den Serben oder den anderen Minderheiten. Aber ich glaube schon, dass wir bei den Deutschen das Spezifikum haben, dass nur noch sehr wenige Banater Schwaben hier sind. Das ist eine immer kleiner werdende Gemeinschaft, die deshalb sicher auch Unterstützung braucht. Gleichzeitig haben wir aber eine große Gruppe von Banater Schwaben, die zwar nicht mehr hier leben, die aber noch gute Verbindungen hierher pflegen und die sich auch noch der Stadt verbunden fühlen. Ich glaube, über die Banater Schwaben könnten wir noch einmal anfangen, eine Brücke zu bauen, wie es sie früher in vielerlei Hinsicht gab. Deshalb freue ich mich darauf, mit den Banater Schwaben – sowohl mit denjenigen, die hier sind, als auch mit denjenigen, die nach Deutschland ausgewandert sind – ins Gespräch zu kommen. Ich möchte gern fragen: Wie kann Temeswar einerseits Europa etwas geben und eine Geschichte erzählen? Wie können wir aber auch diejenigen, die hier aufgewachsen sind und jetzt in Deutschland leben, wie können wir auch die einbinden in ein Gespräch darüber, wie die Zukunft dieser Stadt aussehen kann? Darauf habe ich Lust, im Wahlkampf zu sprechen und auch danach. Auf jeden Fall möchte ich die internationalen Partnerschaften dieser Stadt ausbauen. Denn in dieser neuen europäischen, globalisierten Welt konkurrieren wir nicht mehr mit anderen rumänischen Städten, sondern konkurrieren wir im Grunde genommen europaweit, wenn nicht sogar weltweit und müssen uns da zurechtfinden. Deshalb ist es auch wichtig, die Stadt international gut aufzustellen. Ich glaube, dass ich dafür der Richtige bin.