Landsmannschaft der Banater Schwaben e.V.

Nach dem Kerweihball über die Grenze

Die Dolatzer Kirche heute. 1979 diente ihr Turm als Aussichtspunkt zum Erkunden der Grenzregion. Foto: Stefanie Dolvig

27. August 1979: Vor der Flucht feierte die Dolatzer Dorfjugend noch Kirchweih. Quelle: Steiner/Magheţi: Die Gräber schweigen, Band 1, 2008

Dolatzer Hutweide mit Blick Richtung Serbien. Foto: Stefanie Dolvig

„Du bischt noch do?“ Diese Frage wurde zu einer häufigen Begrüßungsformel im Jahr 1979 in Dolatz. In diesem Jahr entschieden sich immer wieder Dolatzer, die Flucht über die grüne Grenze zu wagen. Dolatz liegt etwa 50 Kilometer südlich der Kreishauptstadt Temeswar, zwischen den Kleinstädten Detta und Tschakowa. Die serbische Grenze ist etwa 15 Kilometer Luftlinie entfernt.

Es waren Einzelpersonen, kleine Gruppen oder Familien, die sich gemeinsam entschlossen hatten, das Wagnis einzugehen. Ende August 1979 sollte sich dies ändern. Einer Gruppe von 21 Personen gelang gemeinsam die Flucht. Diese erfolgreiche Flucht sorgte für großes Aufhorchen im ganzen Banat. Auch ein Pfarrer war unter den Flüchtenden. Dass dieser mit dem Kreuz voranging und die Gruppe anführte, stimmt jedoch nicht. Als ihm die Kraft ausging, wollte er zurückbleiben und für den Erfolg der Flucht der Anderen beten. Man entschied sich jedoch dazu, niemanden zurückzulassen.

Die Planung

Die Beweggründe für die Flucht waren vielfältig und doch ähnelten sie sich. Da war der Wunsch nach Freiheit, die Angst, einen Teil seiner Identität als Banater Schwabe zu verlieren, und die Hoffnung, den Nachkommen in einem demokratischen Land bessere Zukunftsperspektiven bieten zu können.

Als einer Dolatzer Familie die Flucht in einem Benzintank gelang, fiel die Entscheidung: Jetzt versuchen auch wir unser Glück. Besagte Familie hatte den Tank gereinigt, sich darin versteckt und war mit  Traktor und Tank bis zur Grenze gefahren. Dort war sie herausgeklettert und unbehelligt über die Grenze gegangen. Erste Erkundungstouren in die Nähe der rumänisch-serbischen Grenze wurden unternommen, der Kirchturm wurde als Aussichtplattform genutzt, um mögliche Routen und ungeschützte Grenzbereiche zu erspähen.

„Wir saßen gemeinsam im Hof und planten den Bau einer Garage, als uns bewusst wurde, dass wir gar kein Auto besitzen, das wir in die Garage stellen könnten. Und wieder einmal wurde uns klar, dass wir uns eine Zukunft in Rumänien nur schwer vorstellen konnten,“ berichtet Dominik Kerbel. Gemeinsam mit seinem Schwager Josef Dolvig fing er an, Fluchtpläne zu schmieden. „Viele dachten zu dieser Zeit darüber nach, Dolatz zu verlassen. Man rechnete beinahe täglich damit, von neuen erfolgreichen Fluchtversuchen zu hören. Umso mehr Leute die Flucht über die grüne Grenze wagten, umso gefährlicher wurde es für unseren eigenen Fluchtplan. Wir mussten damit rechnen, dass die Kontrollen an der Grenze verstärkt werden“, erklärt Josef Dolvig. Als die Beiden davon hörten, dass auch eine weitere Familie vorhatte, nach der Kerweih zu flüchten, schlossen sie sich dieser Gruppe an. Der Anführer der Gruppe, Dominik Weber, war Bienenzüchter und hatte seine Bienenstöcke auf Wiesen in Grenznähe aufgestellt. Demnach durfte er sich in diesem Bereich aufhalten. Er kundschaftete die Route aus und versah sie mit Markierungen, damit die Gruppe den Weg auch in der Dunkelheit finden konnte.

Die Vorbereitungen

Für die damals 22-jährige Helga Weinmann, geb. Kohl, kam die Flucht überraschend. 1978 hat sie ihre Ausbildung zur Erzieherin in Hermannstadt abgeschlossen und anschließend ihre erste Stelle als Kindergärtnerin in Kleinbetschkerek angetreten. Wie viele andere auch ist sie an diesem Wochenende nach Dolatz gereist, um die Dolatzer Kerweih zu feiern. Auch ihre Schwester Heidrun, die zu diesem Zeitpunkt schon wusste, dass ihr Freund Josef die Flucht plante, wurde von dem konkreten Fluchtplan überrascht. Kaum zuhause angekommen, eröffnete ihnen ihre Mutter Elisabeth Adam, dass sie sich der Flucht der Familie Weber anschließen wolle. Auch ihren neunjährigen Sohn Uwe wolle sie mitnehmen. Ausschlaggebend für ihre Entscheidung zur Flucht war die Verwehrung eines Platzes am Sanitätslyzeum in Temeswar für ihre Tochter Heidrun. Sie wollte ihren Kindern die bestmögliche Ausbildung bieten. Bevor sich ihre Tochter alleine mit ihrem Freund Josef auf den Weg machte, entschied sie sich mitzugehen. Als Helga erfuhr, dass ihre ganze Familie flüchten wird, gab es für sie keine Zweifel mehr. Auch sie wird sich der Gruppe anschließen.

Im Dorf wurde Kerweih gefeiert, die Fluchtwilligen feierten mit in  dem Wissen, dass es vermutlich die letzte Kerweih sein wird, die sie gemeinsam in Dolatz feiern.

Gemeinsam mit Pfarrer Wenzel Demele ist Elisabeth Adam noch einmal zu ihrer Mutter nach Königshof gefahren, um sich von ihr zu verabschieden. Helga hat das Haus in Ordnung gebracht, private und persönliche Dinge, die nicht in andere Hände fallen sollten, in Säcken verstaut und in den Backofen gesteckt. Barbara Dolvig, geb. Ochsenfeld, die Mutter von Josef Dolvig, hatte den Auftrag, die Säcke zu verbrennen, sobald die Flucht publik wurde. Einige wenige wertvolle Dinge, wie Bilder, hat Barbara Dolvig für die Familie von Elisabeth Adam aufbewahrt. Außer einem Rucksack mit Proviant, ein paar wenigen Wechselklamotten und serbischem und deutschem Geld wurde nichts mitgenommen.

Die Flucht

Die Dolatzer Kerweih begann am Samstag mit dem Aufstellen des Maibaumes, am Sonntag gab es einen Aufmarsch in Tracht, eine Messe in der Kirche und anschließend Tanz. Den Abschluss fand die Kerweih am Montag, dem 27. August 1979, der Tag der Flucht. Erneut gab es einen Aufmarsch durch das Dorf und am Abend einen Kerweihball. Die Feststimmung sollte genutzt werden, um einigermaßen ungestört flüchten zu können. Um 23.30 Uhr trafen sich die Fluchtwilligen in kleinen Gruppen am Rande von Dolatz. Die kleinen Gruppen schlossen sich im Verlauf der Flucht zusammen. Erst bei Einbruch des Tages wurde sichtbar, wer der Fluchtgruppe angehörte und welche Größe sie hatte. 21 Personen hatten sich in dieser Nacht zur Flucht entschlossen: zehn Frauen, zehn Männer und ein Kind. Helga Weinmann hatte die Aufgabe dafür zu sorgen, dass ihr kleiner Bruder Uwe den Anschluss an die Gruppe nicht verliert. Über Wiesen und Felder führte sie ihr Weg und so mancher Entwässerungsgraben musste durchquert werden. Total durchnässt spürten sie die Kälte der Nacht noch intensiver. Sobald Gefahr zu drohen schien, setzten oder legten sie sich schnell auf den Boden. Besonders vor den Hunden der Schafhirten mussten sie sich in Acht nehmen, war doch bekannt, dass die Hirten als Spitzel agierten und Flüchtende verrieten.

Je näher der Tagesanbruch kam, umso größer wurde die Anspannung. War die Nacht auch kalt, bot die Dunkelheit Schutz. Gegen fünf Uhr hat die Gruppe Serbien erreicht. Die Grenze war lediglich ein zugewachsener Graben. Die Flüchtenden überquerten die Grenze an einer Stelle, die nicht kontrolliert wurde. Sie liefen auf dem Damm der Temesch entlang und sahen auf der anderen Seite Serben, die sie beobachteten. Ihr Ziel war eine Brücke. Auf der anderen Seite dieser Brücke wollten sie in den Bus steigen, der nach Belgrad fährt. Doch sie sollten die Brücke nicht erreichen. Mehrere Polizeiautos fuhren vor und aus ihnen sprangen Polizisten mit dem Maschinengewehr im Anschlag. Mithilfe eines Dolmetschers konnte den Polizisten erklärt werden, dass von der Gruppe keine Gefahr ausgeht und sie lediglich nach Deutschland ausreisen will. Die Polizisten forderten sie auf mitzukommen.

Nach der Flucht

Für die Angehörigen der Fluchtgruppe begann das große Bangen. Die Tage vergingen, ohne Kenntnis davon zu haben, ob die Flucht erfolgreich war. „Da sie nicht wiederkamen oder zurückgebracht wurden, sind wir davon ausgegangen, dass sie es bis nach Serbien geschafft haben“, berichtet Maria Kerbel, geb. Dolvig. Ihr Mann Dominik wagte zu diesem Zeitpunkt schon seinen zweiten Fluchtversuch. Eine Flucht kam für sie nicht infrage. Sie wollte ihren damals vierjährigen Sohn Klaudius sowie ihre Eltern und Großeltern nicht zurücklassen. Sie hoffte aber auf den Erfolg der Flucht und die damit verbundene Möglichkeit der Familienzusammenführung.

Aus der Ungewissheit wurde Gewissheit, als die Angehörigen zur Polizei einbestellt wurden. Auch wenn die Polizisten immer wieder Verun-sicherung durch seine Fragen und Bemerkungen säte, wussten die Angehörigen nun, dass die Flucht erfolgreich gewesen sein musste. Maria Kerbel hatte Glück. Sie wurde nur einmal zum Verhör einbestellt, bei dem versucht wurde, genauere Informationen über den Plan und die Durchführung der Flucht in Erfahrung zu bringen. Andere mussten häufigere oder stundenlange Verhöre über sich ergehen lassen.

Um keinen Verdacht aufkommen zu lassen, hatte Elisabeth Adam veranlasst, dass am Tag nach der Flucht wie gewohnt zum Gebet geläutet wird und es einen Vorbeter für den Rosenkranz gibt. Michael Tillschneider, der auch gefragt wurde, ob er sich der Gruppe anschließen will, sich aber dagegen entschied, erinnert sich: „Als ich am Tag nach der Flucht auf Dolatzer getroffen bin, die in Detta auf den Bus nach Dolatz warteten, wollte ich wissen, ob sich die Nachricht über die Flucht schon verbreitet hatte.“ Er selbst wurde von Josef Dolvig eingeweiht, war sich der Tatsache also sicher. Doch die wartenden Dolatzer konnten ihm seine Geschichte nicht glauben. Schließlich sei doch morgens zum Gebet geläutet worden. Der Pfarrer müsse also noch in Dolatz sein. Neben den Verhören der Angehörigen wurden als Reaktion auf die Flucht verstärkt Personenkontrollen zwischen Detta und Dolatz durchgeführt.

Die Verurteilung

Nach den Verhören durch die serbische Polizei wurde die Gruppe noch am selben Abend ins Gefängnis nach Großbetschkerek gebracht. Die Gruppe wurde getrennt. Die Frauen und Männer waren jedoch jeweils gemeinsam in einer Zelle. Da Elisabeth Adams Sohn Uwe erst neun Jahre alt war, durfte er nicht im Gefängnis untergebracht werden. Gemeinsam mit seiner 17-jährigen Schwester Heidrun kam er für die Zeit der Haft der Anderen in ein Kinderheim. Die Strafe belief sich auf 14 Tage Haft wegen illegalen Grenzübertrittes. Nach Ablauf der 14 Tage musste sich die Gruppe in einem langen Flur aufstellen. Die Frauen links, die Männer rechts. Kommunikation wurde untersagt. Es solle nun weiter nach Belgrad gehen. Zunächst musste jeder in ein Büro treten, um den Entlassungsschein zu unterschreiben. Die Anspannung und Verunsicherung war groß und die Frage stand im Raum, was mit Heidrun und Uwe, die im Kinderheim untergebracht waren, geschehen wird. Doch plötzlich ging die Eingangstür auf und die Beiden kamen herein. Ihnen wurde untersagt, zu ihrer Mutter zu gehen, auch sie mussten zunächst ins Büro. Als sie an den Wartenden vorbeigingen, die Spalier standen, blieb kein Auge trocken. Die Anspannung fiel nun von allen ab und die Erleichterung war groß. Nach einem weiteren Aufenthalt von zehn Tagen in einem Durchgangslager in der Nähe von Belgrad wurde die Gruppe endgültig entlassen.

Die Ausreise

In Belgrad angekommen, waren sich die Geflohenen selbst überlassen und mussten sich auf die Suche nach der Deutschen Botschaft machen. Die Deutsche Botschaft wurde streng bewacht und der Zugang wurde ihnen erschwert. Schließlich gelang es ihnen, in einem unbeaufsichtigten Moment, die Botschaft zu betreten. Dort wurden ihnen vorläufige deutsche Reisepässe ausgestellt und die Mitarbeiter organisierten ihre Ausreise nach Deutschland. Mit dem Zug erreichten sie schließlich Nürnberg. Dort wurden sie zunächst im Durchgangslager untergebracht, bevor sie ihren endgültigen Bestimmungsorten bzw. -regionen zugeteilt wurden. Nach dem Ablauf einer Frist von einem Jahr konnten die Angehörigen, die in Dolatz verblieben sind, einen Ausreiseantrag stellen. Nach zwei Jahren durften die Geflohenen zum ersten Mal wieder nach Rumänien reisen.

Anmerkung der Verfasserin: Geschichte muss niedergeschrieben werden, damit sie nicht in Vergessenheit gerät. Diese Niederschrift widme ich all denjenigen, die den Mut hatten, ihre Heimat Dolatz zu verlassen, sich zu Fuß auf den gefährlichen Weg über die Grenze zu machen, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Verbunden mit tiefer Dankbarkeit für die Optionen, die sich ihren Nachkommen dadurch geboten haben. Ein großer Dank gilt meiner Familie, die ihre Identität als Banater Schwaben bewahrt und an die nächste Generation weitergegeben hat – ein unbezahlbarer Schatz.