Landsmannschaft der Banater Schwaben e.V.

Mehr als ein neuer Temeswarer Stadtführer

Die Autorin Getta Neumann Einsender: Luzian Geier

Die Literatur über Temeswar ist um eine wichtige Dokumentation reicher geworden, die zugleich die beachtliche Reihe alter und neuer Stadtführer ergänzt, da es Lücken gab und gibt. „Pe urmele Timişoarei evreieşti. Mai mult decât un ghid“ (Auf den Spuren des jüdischen Temeswars. Mehr als ein Stadtführer) ist ein Stadtführer der besonderen Art, gewissermaßen auch ein Vermächtnis der Autorin Getta Neumann an ihre Gemeinschaft.

Getta Neumann-Herzfeld (Jahrgang 1949) lebt in der Schweiz, sie ist die Tochter des ehemaligen und langjährigen Temeswarer Oberrabbiners Dr. Ernest Neumann. Die Autorin ist einem Nachholbedürfnis gerecht geworden und hat in diesem Frühsommer in Temeswar ein Buch vorgelegt, wie es in kommunistischer Zeit nicht hätte veröffentlicht werden können. Es wurde zu einem „Stadtführer“ besonderer Art dank der Kompetenz der Autorin und ihres Zugangs zur Thematik wie auch des immensen Insiderwissens und Selbsterlebtem. Als herausragende Wissensträgerin hat sie den unauslöschlichen, mitprägenden Anteil der jüdischen Gemeinde zur Entwicklung dieser Stadt nachvollzogen, die sichtbaren und unsichtbaren Spuren gesucht und beleuchtet. Das ist wichtig für die jüngere Generation, vor allem die vielen Neu-Temeswarer, die kaum Zugang haben zu diesem reichen „Erbgut“ dieser Metropole, in der die historisch gewachsenen ethnischen Gemeinschaften alle zu sehr kleinen Minderheiten geworden sind. Es ist somit auch ein Buch gegen das Vergessen, in dem man aber auch die Verbundenheit der Autorin mit der Gemeinschaft spürt und deren Verpflichtungstradition, die Erinnerung weiterzugeben.

Durch die Hinführung zu den nicht auffälligen, weltlichen jüdischen Spuren (zum Beispiel historische Bauten, Architektur) konnte sie die schöpferische Kraft der einst starken Gemeinschaft wie auch von Persönlichkeiten nachzeichnen. Diese Leistungen sind eingebettet in die Darstellung der gewissermaßen einzigartigen freien Entfaltung der jüdischen Gemeinden der Stadt in allen Lebens- und Wirkungsbereichen weit über ein Jahrhundert hinaus. Im Unterschied zu vielen europäischen Städten mit großen und starken jüdischen Gemeinden – auch Rumäniens – wurde die Temeswarer Judenschaft von Pogromen und dem europäischen Holocaust weitgehend verschont.

Was die „Stadtführung“ lebendig und konkreter macht als andere alte und neue „Stadtführer“, sind die vielen aufgenommenen Erinnerungen, sie „vermenschlichen“ das Sachliche. Eine reiche Auswahl alter und neuer (Farb-)Fotos ergänzen die Spuren-suche.

Die kurze einführende allgemeine Geschichte der Stadt ist gut gerafft und sachlich, ebenso das Kapitel über das vielseitige multikonfessionelle religiöse Leben. Kurz vorgestellt werden – was heutzutage für die junge Generation nötig ist – die Fest- und Feiertage im Jahreslauf. Die oft gestellte Frage „Wer ist Jude?“ wird ebenfalls beantwortet.

Die eigentliche Führung auf jüdischen Spuren der Stadt beginnt zu Recht mit der Vorstellung der fünf Synagogen, die noch existieren, mit der Darstellung ihrer Geschichte.

Der jüdische Friedhof

Auch mit dem Kapitel Temeswarer jüdischer Friedhof füllt Neumann eine Lücke aus, weil die bisherigen wissenschaftlichen Versuchsprojekte zu Banater Friedhöfen sich nur mit christlichen Totenruhestätten beschäftigten. Der Beitrag ist eine Hommage an die Altvorderen, die ihrer Gemeinschaft ihr Bestes gegeben haben, und ein ehrendes Zeichen der Zuneigung der Autorin für die teils leider schnell vergessenen Leistungen dieser Temeswarer. Mit seinen rund 14000 belegten Ruhestätten und 81 Grüften auf dem acht Hektar großen und gut umfriedeten Gottesacker ist auch der Temeswarer jüdische Friedhof ein offenes Lesebuch, Teil der Chronik der Gemeinschaft. Getta Neumann stellt dieses Freilicht-„Archiv“ und Zeugnis eines (Banater) Wohlstandes in den Rahmen der jüdischen Bestattungs- und Trauerriten, weist aber auch auf den Wandel in der Gestaltung der Grabsteine hin, die ursprünglich die sozialen Unterschiede nicht aufzeigen sollten, auf deren Symbole und die Kunst der Steinmetze der Stadt. Zu den Besonderheiten zählt, dass auch der Name des Vaters der Verstorbenen eingemeißelt wurde, für Genealogen heute wertvolle „Funde“. Ursprünglich waren die Inschriften nur hebräisch, mit der Zeit wurden sie zweisprachig, viele deutsch-hebräisch, später mehr ungarisch und zuletzt auch rumänisch-hebräisch. Der älteste erhaltene Stein stammt aus dem Jahr 1636 und erinnert auf dem alten Friedhof an einen sephardischen
Zuwanderer aus Saloniki.

Ein besonderes Bauwerk ist die Totenhalle, der das Wohnhaus für den Friedhofsbetreuer und -wächter angegliedert ist. Wie in vielen großen traditionsreichen jüdischen Friedhöfen gibt es auch in Temeswar ein Grab eines „Wunderrabbis“ (David Oppenheimer), zu dem viele Menschen bis in die neuere Zeit mit ihren Wünschen oder Sorgen pilgerten, auch Christen. Dass es eine Liste der Ruhestätten inzwischen auch im Internet gibt, ist der kleiner gewordenen Gemeinde hoch anzurechnen und steht als Zeichen gegen das Vergessen wie auch der Ehrfurcht. So wurde der Friedhof zu einer Gedenk- und Ehrenstätte für die vielen, die heute in aller Welt zerstreut leben.

Das alte jüdische Carré

Das jüdische Carré war das „Herzstück“ und Zentrum jüdischen Gemeinschaftslebens in der Altstadt, durch die Neumann die Leser anschließend führt. Auch gegenwärtig hat die Gemeinde hier ihren Sitz ganz in der Nähe der einst neuen (1865 erbauten) innerstädtischen Synagoge, die nach den großangelegten und langjährigen Renovierungen bald wieder ihrem ursprünglichen Zweck zugeführt werden soll.

Der „Rundgang“ umfasst zu Beginn das Geviert, in dem die frühen Synagogen (die „deutsche“ und „spanische“) und der alte Judenhof standen, heute begrenzt von Teilen der Straßen Mărăşeşti, Gheorghe Lazăr, Emanuil Ungureanu und Eugeniu de Savoia. Neumann stellt den baulichen Wandel dar und das jüdische „Innenleben“ in dem zentralen Stadtviertel.

Im weiteren Stadtkern, der Innenstadt, stellt Neumann ein Dutzend historischer beziehungsweise repräsentativer Stadtbauten vor in Verbindung mit ihrem jüdischen Geschichtsanteil, wie beispielsweise das Brück-Haus mit der Apotheke oder das Haus mit den Löwen (auch „Weisz-Palais“) an der anderen Ecke des Domplatzes, die Szana-Bank am Sankt-Georgs-Platz, die bei den Alt-Temeswarern unvergessene Verlags- und Buchhandlung Moravetz an der „schmalen Gasse“, weiter das früheste Temeswarer Museumsgebäude, in dem seit 1952 die Bibliothek der Akademie untergebracht ist, das besondere, einzigartige Jugendstil-Haus des Max Steiner (ehemaliges Miets- und Bankhaus) an der Domplatz-Ecke neben dem serbischen Bischofspalais.

Viel zeigen und berichten kann die Herausgeberin und Autorin Neumann beim „Spaziergang“ über den alten Opern-, heute Victoriei-Platz, und der nächsten Umgebung, dem frühen Hauptplatz außerhalb der Festung. Sieben repräsentative Paläste säumen den Corso zwischen Oper und Kathedrale, alle mehr oder weniger eng verwoben mit jüdischen Persönlichkeiten der Stadt. Wer weiß heute noch, dass das prachtvolle Löffler-Palais (mit immer noch Einschussspuren vom Dezember 1989) aus dem Jahr 1913 drei Eingänge mit drei Innenhöfen hat sowie 46 Appartements mit 142 Wohnzimmern?

Das israelitische Lyzeum

Es ist sicher nicht übertrieben zu behaupten, dass die Temeswarer Juden auf Schule und Bildung höchsten Wert legten. In diesem Geiste widmet Neumann dem israelitischen Lyzeum ein eigenes Kapitel. Es brachte zahlreiche landesweit und international bekannte Persönlichkeiten hervor. Zudem war es eine sehr wichtige Stätte nach 1919 für die Sprachpflege und zur Festigung der Identität der jungen Generation im Königreich Rumänien. Wie fast alle Banater Lyzeen der Zwischenkriegszeit – auch das katholische deutsche beispielsweise – waren die israelitischen Mittelschulen der Stadt, solange erlaubt, auch für Nicht-Juden offen. Im Eröffnungsjahr waren es in Temeswar immerhin 70, ein Zeichen für die Wertschätzung der jüdischen Schulen in der Stadt und der Lehrerschaft. Als überregionale Bildungsanstalt wurde dazu ein großes Internatsgebäude errichtet. Ihr Ende erfuhren die Schulen, wie alle konfessionellen im Land, nach 1948 durch die neuen kommunistischen Schulgesetze.

Anschließend an die Bauten dieser Gegend führt die Spurensuche weiter im Innenstadtbereich (im neueren topographischen Sinn) Richtung Südosten, wo zahlreiche Villen vorgestellt werden (Margit-Villa, Kimmel-Villa, Lindner usw.), die nach der Enteignung 1948 vielfach zu öffentlichen Institutionen umgestaltet wurden, wie das Lyzeum „Carmen Sylva“ mit gegenwärtig rund 1500 Schülern. Mehrere Gebäude wurden dem Gesundheitsministerium unterstellt. Damit verbunden ist dann entsprechend das kleine eingefügte Kapitel über jüdische Ärzte in Temeswar nach dem Zweiten Weltkrieg, die fast alle letztendlich ausgewandert sind. Der Anteil der Anwälte und Ärzte war in der Stadt sehr hoch, wie in Rumänien insgesamt. Als Beispiel wird der Zensus aus den 1930er Jahren angeführt, als im Land über 3100 jüdische Ärzte (35,4 Prozent) wirkten, im Vergleich zu 569 deutschen Ärzten (6,5 Prozent).

Die „Fabrikstadt“

Die zahlenmäßig stärksten – auch im Verhältnis zur Gesamteinwohnerzahl – jüdischen Gemeinden waren die in der „Fabrik“, wo es, über den längsten Zeitraum belegt, private oder öffentliche israelitische Volksschulen gab bis 1948. Drei Synagogen für die unterschiedlichen Glaubensrichtungen gab es hier, für viele Kenner der Stadt ist der neue Tempel unweit der alten Bierfabrik baulich bis heute die schönste Synagoge, die leider nicht mehr benutzt wird und nicht besichtigt werden kann. Im Unterschied zur Innenstadt, die über eine Bega-Brücke mit der Fabrikstadt verbunden ist, waren die „Fabrukler“ Juden nicht nur Händler und Unternehmer, sondern vor allem kleinere oder größere Fabrikanten. Traditionsreiche und große Wirtschaftsunternehmen bestanden hier bis in die jüngste Nachwendezeit, wie ILSA, Wirkwarenfabrik „1 Iunie“, Strumpffabrik, Farben und Lacke etc. So konnte Neumann bei ihrer Führung aus dem Vollen schöpfen und legte im Buch einen guten, hilfreichen Plan des Stadtteils bei, weil ja viele Plätze und Straßen jetzt neue Namen tragen.

Eine Zeile Prachtbauten entlang der Straße von der Innenstadt zum Trajansplatz und dessen Umgebung – richtige Wahrzeichen der modernen Architektur des jüngeren Teils der „Fabrik“ – stellt die Autorin beispielsweise ausführlich vor, erinnert aber auch an die einfachen jüdischen Bewohner und Häuser in den Seitengassen der Fabrikstadt Richtung großem und beliebtem „Tandlmark“ (Trödlerwaren-Markt), wo Spuren des konservativeren beziehungsweise auch orthodoxen „Stetl“ ähnlichen Geschäfts-, Alltags- und Glaubens-lebens zu finden waren. Für das Jahr 1930 (Zensus in Rumänien) veröffentlicht Neumann dazu ein umfangreiches Verzeichnis jüdischer Unternehmer und Immobilien- oder Kaufhaus-Besitzer im Stadtteilbereich.

Josef- und Elisabethstadt

Über 20 größere Objekte werden bei der Führung durch diese einst vorwiegend (gut)bürgerlichen, breiter angelegten Stadtviertel präsentiert, darunter Baudenkmäler der städtischen Architektur. Die Zahl jüdischer Einwohner war kleiner als in der Fabrik, aber wohlhabender und das Zentrum waren die Gegend um die Josefstädter Synagoge und die Marktplätze des Viertels, das den frühesten Bahnhof der Stadt erhalten hatte, den Josefstädter Bahnhof, der zum Hauptbahnhof wurde. Dass unmittelbar hinter dem Bahnknotenpunkt die erste richtige Fußballarena in Temeswar entstand, das spätere CFR-Stadion, hat mit jüdischen Persönlichkeiten wie auch international bekannten jüdischen Fußballspielern zu tun.

Einige Industrieunternehmen waren von überregionaler Bedeutung, so die Zündholzfabrik, die große Zigarettenfabrik, die erste Spiritus-Fabrik, „Kandia“-Süßwaren, aber auch die Hut- oder Bänderfabrik. In diesem nobleren Viertel wirkte das Zentrum der Zionisten, hatte die Landesvereinigung der Juden Siebenbürgens und des Banats in der Zwischenkriegszeit ihren Sitz wie auch die Zweigstelle der Frauen des internationalen Vereins der Zionisten.

Zu einem guten Stadtführer gehört ein helfender und erläuternder utilitärer Anhang. Es sind nicht nur die Liste der meisten im Buch genannten Persönlichkeiten, sondern bei einer Auswahl knappe biographische Angaben zusätzlich, ausführlicher zu jüdischen Architekten und Bauunternehmern. Ebenso ist eine weiterführende Bibliographie geboten.

Wichtig sind die praktischen Hinweise zur gegenwärtigen Jüdischen Gemeinde Temeswar, der die junge Publizistin Dr. Luciana Friedmann vorsteht. Ihren Sitz (mit Festsaal und Bewirtschaftung) hat die Gemeinde an der Gheorghe-Lazăr-Str. 5, aber mit Eingang von der Mărăşeşti-Straße 10. Für Besuche des jüdischen Friedhofs an der alten Lippaer Straße kann der Pfleger und Wächter unter Handy 0040-757 364187 erreicht werden, Besuchszeiten sind von Dienstag bis Sonntag einschließlich, außer Samstag und an Feiertagen.

Ein Schmankerl als Zugabe gibt es auch noch im Anhang vor dem Innenstadt-Faltplan auf der Innenseite des Umschlags: traditionelle jüdische Koch- und Backrezepte (Seiten 218-219).

Insgesamt ein begrüßenswertes Buch für die Stadt, die europäische Kulturhauptstadt wird. Eine englische Übersetzung ist geplant.

Getta Neumann: Pe urmele Timişoarei evreieşti. Mai mult decât un ghid. Timişoara: Editura Brumar, 2019. 244 Seiten. ISBN 978-606-726-145-5. Preis: 50 Lei.