Landsmannschaft der Banater Schwaben e.V.

Prägende Kindheitsjahre im Banat

Das Dorf Ketfel (offizielle Bezeichnung: Gelu) heute. In den 1960er Jahren wurde es mit dem deutschen Dorf Neusiedel zusammengelegt. Verwaltungsmäßig gehört das Dorf zur Gemeinde Warjasch. Foto: Archiv BP

Dr. Viorel Lucescu, pensionierter Arzt und anerkannter rumänischer Balneologe, in seiner Wohnung in Konstanza Foto: Anton Enderle

Erinnerungen eines rumänischen Arztes an die in Ketfel verbrachte Zeit (1947-1951)

Vor einigen Jahren habe ich bei einem Aufenthalt in Konstanza eher zufällig Dr. Viorel Lucescu, einen zuvorkommenden älteren Herrn, kennengelernt. Seit dann verbindet uns eine freundschaftliche Beziehung. Der pensionierte Arzt, ein gebürtiger Bukowiner, war in Rumänien ein anerkannter Balneologe. Vier Jahrzehnte lang hat er an der Universitätsklinik für medizinische Rehabilitation und Balneologie in Eforie Nord gearbeitet. Er hatte auch eine Professur für Balneologie an der Bukarester Medizinhochschule inne und veröffentlichte zahlreiche einschlägige Fachbücher und Artikel in Fachzeitschriften. Rumänische Ärzte, die den Facharzt in Balneologie machten, wurden alle von ihm geprüft.

Dr. Lucescu hatte es mit seiner Familie in den Nachkriegsjahren ins Banat verschlagen. Sehr lebhaft und liebevoll berichtete er mir über seine Zeit in Ketfel. Ich bat ihn, seine Erinnerungen ans Banat zu Papier zu bringen, zumal ich die Erzählperspektive – der Blick eines rumänischen Jungen auf das Banater Dorfleben in der Zeit zwischen der Russland- und der Bărăgandeportation – sehr interessant fand. Als ich heuer im April in Konstanza war, wo ich an einer vom Regensburger Forschungszentrum für Deutsch in Mittel-, Ost- und Südost-europa (DiMOS) organisierten Tagung zum Thema „Deutsche Sprache und Kultur in Bessarabien, Dobrudscha und im Schwarzmeerraum“ teilnahm, überraschte mich Dr. Lucescu mit den nachfolgend in deutscher Übersetzung veröffentlichten Erinnerungen.

Übrigens: Dr. Viorel Lucescu spricht ein gepflegtes Rumänisch. Die kalligraphische Handschrift, auf die sein deutscher Volksschullehrer großen Wert gelegt hat, habe ihn – wie er augenzwinkernd betonte – von der oft unleserlichen Handschrift seiner anderen Arztkollegen wohltuend unterschieden. Die Apotheker hätten es ihm gedankt. Obwohl er das Banat vor 68 Jahren verlassen hat, spricht Dr. Lucescu heute noch Deutsch und ist der deutschen Kultur sehr verbunden. Ihm sei es wichtig gewesen, erzählte er, dass sein Sohn Deutsch lernt, nicht nur in der Schule, sondern auch mit Privatlehrern.     

Anton Enderle

Mit aller Zurückhaltung ob der Gedächtnistreue eines 78-jährigen Mannes, der die Erinnerungen eines sechsjährigen Kindes aufschreiben will, kam ich der Empfehlung eines Freundes aus Regensburg nach und wagte es, diese paar Zeilen zu Papier zu bringen.

Als erstes möchte ich mich vorstellen: Ich heiße Dr. Viorel Lucescu und habe 40 Jahre an der Universitätsklinik für medizinische Rehabilitation und Balneologie in dem Schwarzmeerkurort Eforie Nord gearbeitet. Geboren wurde ich in der Bukowina im Jahre 1941. Das Leben führte mich durchs ganze Land: mit drei Jahren nach Jassy, von meinem sechsten bis zum zehnten Lebensjahr ins Banater Dorf Ketfel (rumänisch Gelu), dann wieder von 1951 bis 1965 zurück nach Jassy. Seit 1965 lebe ich in Konstanza, und da werde ich auch bleiben.

1945 kehrte mein Vater aus dem Krieg nach Jassy zurück und fand eine Stadt in Ruinen vor, eine schreckliche Dürre und eine nur schwer beschreibbare Hungersnot (viele Menschen starben vor Hunger in ihren Häusern). Mein Vater war ein guter Schreiner und fand recht schnell Arbeit, aber was sollte man mit dem Geld anfangen, wenn es keine Lebensmittel gab. Erschwerend kam hinzu, dass wir drei kleine Kinder in der Familie waren. Im Januar 1947 entschied mein Vater, alles stehen und liegen zu lassen und Jassy zu verlassen. Mit dem Zug – was damals gar nicht so einfach war – fuhren wir ins Banat. In Temeswar wurde unsere Familie von einer Kommission dem Dorf Ketfel zugewiesen. So wurden wir Banater, in einem Dorf mit einer ethnisch vielfältigen Bevölkerung: Serben, Deutsche, einige Familien Ungarn und einige Familien Rumänen.

Das Bürgermeisteramt von Ketfel brachte uns in dem Nebengebäude einer schwäbischen Bauernfamilie unter. Liebevoll nannten wir unseren Hausherrn Onkel Johann. Er war 60 Jahre alt und hatte eine kleine Familie: seine Ehefrau Anna und seine Tochter Lotti, ihr Mann war im Krieg gefallen.

Als sechsjähriges Kind war ich unheimlich beeindruckt von der Pracht der Bauernwirtschaft: ein mit Steinen gepflasterter Hof, rechts ein großes Wohnhaus und links ein kleineres. Ein Gebäude, wie ich es bis dahin nicht gesehen hatte, schloss den Hof ab: Es war eine Scheune („Hambar“) mit einem Aufboden und einem großen Tor, das den Hof von einer anderen Wirtschaftseinheit trennte. Hier standen die Strohschober, Ställe und Schuppen für landwirtschaftliche Geräte usw. Ein Zaun trennte diesen Bereich von einem großen Garten. Erst später erkannte ich, dass diese Organisationsform Standard für alle deutschen Bauernwirtschaften war. Dieses Modell war bei den anderen Bewohnern des Dorfes nicht anzutreffen.

Wie in einem Dokumentarfilm erinnere ich mich an die Reihenfolge der Ausrichtung der Straßen und Häuser, vor allem aber an die vollständig mit Ziegeln gepflasterten Gehwege, an die Abflussgräben entlang der Straßen, die immer tadellos gereinigt waren. Fast jedes Haus hatte vor dem Tor eine Bank. Hier saßen abends die Alten mit ihren berühmten Pfeifen beim Rauchen. Aber auch die Jugendlichen trafen sich auf der Straße vor den Häusern, erzählten oder sangen und spielten auf einem Instrument. Ich sah hier die unterschiedlichsten Instrumente wie Klarinetten, Flöten, Geigen, Akkordeons. Hier trafen sich alle Jugendlichen des Dorfes, gleich welcher Muttersprache, nicht nur deutsche.

Mit Bewunderung nahm ich wahr, wie geordnet die Feldarbeit der schwäbischen Bauern organisiert war und wie zivilisiert diese verlief. Gewöhnlich bereitete jemand das Frühstück vor, dann frühstückte die ganze Familie, danach nahmen sie ihre Gerätschaften und fuhren mit dem Fahrrad aufs Feld zur Arbeit. Zu Mittag kamen sie nach Hause – jemand hatte da schon das Mittagessen vorbereitet –, ruhten sich ein wenig aus und setzten ihre Arbeit bis zum Abend fort. Diese Art zu arbeiten erstaunte mich umso mehr, weil sie sich von der der anderen Dorfbewohner auffallend unterschied: Die gingen in der Früh noch im Dunkeln aufs Feld und wenn sie zurückkamen, war es schon wieder dunkel.

Die Dorfbewohner kamen gut miteinander aus. Ich habe nie gemerkt, dass wir Rumänen anders behandelt wurden. Wir, die Kinder, waren miteinander befreundet und spielten gemeinsam. Selbst die Behörden im Dorf waren den Bewohnern zugetan. An eine lustige Begebenheit erinnere ich mich heute noch: Viele Häuser waren richtige Schnapsbrennereien. Hier wurde der Mais zu Schnaps gebrannt, was selbstverständlich verboten war und von den Behörden geahndet wurde. Gelegentlich kamen Finanzbeamte zur Kontrolle ins Dorf. Dies war natürlich für viele ein großes Risiko. Dann ging der Trommler von Gasse zu Gasse und rief an jeder Straßenkreuzung: „Vorsicht, liebe Leute, es sind tollwütige Hunde im Dorf, passt auf!“ Die Nachricht wurde von allen richtig verstanden und die Schnapskessel verschwanden wie durch ein Wunder.

Das ruhige, fast patriarchale Leben im Dorf wurde von den verbrecherischen Aktionen der Behörden gestört. Sie begannen ganze Familien zu deportieren – meistens waren es serbische. (Viele Deutsche waren schon 1945 in die Sowjetunion verschleppt worden.) Erstaunt war ich, dass ein serbisches Kind, mit dem ich noch einen Tag vorher gespielt hatte, am nächsten Tag nicht mehr erschienen ist. Mein Vater flüsterte mir zu, dass ich nicht mehr auf meinen Spielkameraden warten solle, denn die ganze Familie sei in der Nacht von einer schwarzen „duba“ abgeholt worden. Ich stellte mir vor, dass das schwarze Auto eine Art Drache sei, der ganze Familien verschlinge. Ich war noch viel zu klein, um das Ausmaß dieser Tragödien zu verstehen.

Mein Vater hatte aus Jassy sein Werkzeug mitgebracht, eine Hobelbank verschaffte er sich im Dorf. In Ketfel gab es damals keinen Tischlermeister, so dass sich die finanzielle Lage unserer Familie recht bald zum Guten wendete. Mehr noch: Meine Eltern begannen mit der Seidenraupenzucht. Erleichtert wurde diese Beschäftigung dadurch, dass das Banat mit einer Vielzahl von Maulbeerbäumen gesegnet war. Bekanntlich ist das Blatt des Maulbeerbaums die einzige Nahrung für die Seidenraupen. Für mich war diese Tätigkeit meiner Eltern eine große Freude. Beim Pflücken der Maulbeerblätter entlang der Landstraßen, die die Dörfer verbanden, bekam ich viele Nachbardörfer wie Monoster, Warjasch, Kleinsanktpeter, Sekeschut, Perjamosch zu sehen. Lebhaft in Erinnerung geblieben sind mir diese Dörfer mit ihren schmucken und gepflegten Häusern, mit ihren schnurgeraden und sauberen Gassen, die Kirchen mit ihren hohen Türmen und den Kirchturmuhren, die alle funktionierten. Es sind Bilder, die man nie vergisst, ich habe sie selbst nach 70 Jahren nicht vergessen.

Das Leben in Ketfel war für mich überaus prägend: In den ersten Grundschulklassen war ich an der deutschen Schule im Ort. (Eine eher lustige Begebenheit hatte zur Folge, dass ich schon nach drei Wochen in der ersten Klasse die rumänische Schule verlassen musste.) In dankbarer Erinnerung gedenke ich meines ersten Lehrers Nikolaus Lowitz. Er brachte mir nicht nur Lesen, Schreiben und Rechnen bei, sondern auch die deutsche Ordnung und Disziplin in allem, was ich unternahm. Und das behielt ich mein Leben lang. Nach vier Monaten wusste meine Mutter nicht mehr, wer Willi und wer Viorel ist. Es muss erwähnt werden, dass mir meine deutschen Kameraden, mit denen ich auf der Straße spielte, den Namen Willi gaben, weil ihnen die Aussprache von „Viorel“ zu schwierig vorkam. Im Übrigen wurde auf diese Weise auch mein Vater von „Filaret“ zu Ludwig. Im April 1951, als ich mit meiner Familie nach Jassy zurückkehrte und dort in die vierte Grundschulklasse kam, fiel es mir schwer, mich meinen neuen Kollegen anzupassen.

Im Banat hat sich meine Familie sehr wohl gefühlt und es ging mit uns aufwärts. Nie wären wir von dort weggezogen, wenn sich nicht besorgniserregende Vorgänge im Dorf ereignet hätten. So um 1950
begannen die Konflikte mit Jugoslawien. Nachts fuhren zahlreiche Militärkonvois Richtung serbische Grenze durch unser Dorf. In unserem bis dahin so ruhigen Dorf wurde die Lage immer angespannter. Vor diesem Hintergrund entschied mein Vater – weil er Angst vor einem erneuten Krieg hatte –, dass es für unsere Familie besser sei, nach Jassy zurückzukehren. Angesichts der im Sommer 1951 einsetzenden Deportation vieler Menschen in die Bărăgan-Steppe hat sich seine Vorahnung bestätigt.

Der Weggang von Ketfel bedeutete für unsere Familie eine wahre Tragödie: Wir ließen in Ketfel all das zurück, was wir in fast fünf Jahren erwirtschaftet hatten. Zurück blieben Freunde sowie ein geordnetes und ruhiges Leben. Wir kamen in eine große Stadt mit erheblichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Vater fand sehr schwer einen Arbeitsplatz; schwierig war es auch eine Wohnung zu finden, noch dazu für eine fünfköpfige Familie. Sehr lange hat es gedauert, bis wir uns wieder halbwegs erholt hatten.
Von großem Vorteil war, dass ich und meine mittlere Schwester in Jassy die Medizinhochschule besuchen konnten. Meine kleine Schwester studierte Pharmazie. Ich schloss mein Medizinstudium 1965 ab und bekam meine staatliche Zuteilung als Landarzt in die Dobrudscha. Hier ehelichte ich Paula Corina, Klavierlehrerin am Kunstlyzeum in Konstanza. Mittlerweile sind wir seit 53 Jahren verheiratet. Wir haben einen Sohn Andrei Ciprian. Er absolvierte die Fakultät für Filmregie in Bukarest und arbeitete acht Jahre bei einem TV-Lokalsender. Danach studierte er an der Akademie für zivile Luftfahrt und ist zurzeit Fluglehrer an der Schule für Pilotenausbildung in Tuzla, einem Ort an der Schwarzmeerküste, 30 Kilometer von Konstanza entfernt.

Anmerkung der Redaktion: Lehrer Nikolaus Lowitz, am 1. Januar 1899 in Warjasch geboren, verbrachte sein ganzes berufliches Leben in Ketfel. Vier Jahrzehnte lang, von 1919 bis 1959, mit einer unfreiwilligen Unterbrechung in den Jahren 1944-1948, wirkte er dort als geschätzter Pädagoge und prägte mehrere Schülergenerationen. Nach der Schulreform von 1948 wieder eingestellt, war er als Direktor und Lehrer der deutschen Grundschule bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1959 tätig. Drei Jahre später erfolgte seine Aussiedlung nach Deutschland, wo er am 21. Juli 1985 aus dem Leben geschieden ist. „Nikolaus Lowitz wird uns Ketfel-Kleinsiedlern stets als gewissenhafter, strenger und gerechter Lehrer in Erinnerung bleiben“, schrieb damals die HOG Ketfel-Kleinsiedel in ihrem Nachruf. Und auch in dem 2005 erschienenen Heimatbuch Ketfel-Kleinsiedel wird seiner besonders gedacht.