Landsmannschaft der Banater Schwaben e.V.

Banater Fußballimpressionen: Rendezvous mit einer alten Dame (1)

Die Temeswarer Haupttribüne war nach dem vor leeren Rängen ausgetragenen Spiel schnell leer.

Haupteingang zum Stadion Dan Păltinişanu in Temeswar

Im Kabinengang hängt auch das Mannschaftsfoto von Poli aus dem Spiel gegen Real Madrid 1992. Fotos: Helmut Heimann

Temeswar, Anfang März. Die Stadt macht sich bereit, um den Frühling zu empfangen. Seine ersten Vorboten sind schon da. An allen Ecken und Enden werden die populären „Mărtişoare“ verkauft, in vielen Farben und Variationen: traditionell, aus Silber und – heuer zum ersten Mal – aus Schokolade! Heute ist es nicht ratsam, von letzteren zu kaufen. Denn die Schokoladenmärzchen würden in der Frühlingssonne dahinschmelzen. Sie lächelt von einem tiefblauen Himmel. Ihre milden Strahlen streicheln die Haut. Ein sanfter Windhauch weht durchs Haar. Frühlingsduft liegt in der Luft. Sie ist klar, frisch, würzig und rein. Ich schließe die Augen, nehme einen tiefen Zug und möchte sie fast nicht mehr ausatmen. So gut schmeckt sie. Wie nirgendwo sonst auf der Welt.

Es herrscht Bilderbuchwetter. Beste Bedingungen, um ein Fußballspiel zu besuchen. Ich mache mich zu Fuß auf den Weg ins große Stadion, schlendere gemächlich durch die Straßen. Noch habe ich genügend Zeit. Denn das Zweitligaspiel zwischen Ripensia Temeswar und UT Arad steigt erst am frühen Nachmittag. Ursprünglich sollte es schon um 11 Uhr stattfinden. Aber es wurde um drei Stunden nach hinten verlegt, in der Hoffnung, dass mehr Zuschauer kommen werden. Es sollte bei der Hoffnung bleiben...

Die näher rückenden Flutlichtmasten reißen mich aus meinen Träumereien. Dann liegt es in Sichtweite. Früher hieß es mal Stadion des 1. Mai. Jetzt trägt es den Namen von Dan Păltinişanu, einem der besten Poli-Spieler aller Zeiten, der 1995 mit 43 Jahren viel zu früh aus dem Leben ging. Er war ein hervorragender Innenverteidiger, von großer Statur, langes Haar, kopfballstark. Das bewies er im Finale um den Rumänienpokal 1980, als er im Endspiel in Bukarest gegen Steaua den 2:1-Siegtreffer per Kopf in der Verlängerung markierte. „Tata mare“ war sein Spitzname – und dieser Pokalsieg Polis letzter Titel bis heute. Seither sind fast 40 Jahre vergangen. Unglaublich, aber wahr!

Meine Vorfreude aufs anstehende Banater Derby zwischen Ripensia und UTA ist groß. Ganz besonders freue ich mich auf die Arader. Aber warum eigentlich UTA? Mit Sicherheit hat dies mit dem 30. September 1970 zu tun. Damals sorgte UTA für eine der größten Sensationen in der europäischen Fußballgeschichte, als die Arader nach dem 1:1 auswärts vor eigener Kulisse im Europapokal der Landesmeister gegen Feyenoord Rotterdam mit dem legendären österreichischen Trainer Ernst Happel 0:0 spielten. Dank des Auswärtstores warfen sie den Pokalverteidiger sowie frischgebackenen Weltpokalsieger aus den Niederlanden in der ersten Runde aus dem Wettbewerb. Trainer Happel muss
eine Vorahnung von dem gehabt haben, was ihn in Arad erwarten sollte. „Wenn UTA uns rauswirft, wäre das wie das achte Weltwunder“, meinte er bei der Ankunft in Arad. Und tatsächlich: Das achte Weltwunder trat ein! Der bekannte Perjamoscher Sportjournalist Hans Frank schrieb damals im „Neuer Weg“: „Jetzt weiß Europa, wo Arad liegt!“ Im nächsten Jahr sind es schon 50 Jahre seit der großen Überraschung. 50 Jahre! Wo ist die Zeit hin?

Die daraufhin im ganzen Land durch UTA entfesselte Fußballeuphorie erfasste natürlich auch mich als damals Zwölfjährigen. Es war sozusagen Liebe auf den ersten Blick. Und daraus sollte eine Liebe fürs ganze Leben werden. Mit Sicherheit war UTA mit ein Grund, warum ich Sportjournalist geworden bin. Und als solcher habe ich die Arader Mannschaft auf einem Teil ihres Weges beruflich begleitet. Ihr Fan bin ich trotzdem geblieben. Schließlich sind Sportjournalisten ja auch nur Menschen...

Jetzt bin ich endlich wieder auf dem Weg zu UTA. Aber irgendwie ist alles ganz anders. Die traditionellen und teilweise hitzigen Fan-Wortgefechte auf dem Opernplatz, genannt „Vocea Porumbelului“, die – ob inszeniert oder nicht – vor Jahrzehnten noch zum festen und sehr beliebten Ritual in der Begastadt gehörten, gibt es schon längst nicht mehr. Und gleich werde ich feststellen, dass sich auch im Stadion so manches nicht zum Besseren gewendet hat. Leider! Als das Stadion des 1. Mai im Jahr 1963 gebaut wurde, war es mit einem Fassungsvermögen von 40000 Zuschauern das zweitgrößte in ganz Rumänien. Und das schönste. Jetzt ist das einstige Schmuckkästchen dem Verfall preisgegeben. Weite Teile der Arena sind aus Sicherheitsgründen gesperrt, weil die Ränge einzustürzen drohen. Wo sind die Zeiten geblieben, als das Stadion bei den Spielen gegen die Bukarester Erzfeinde Steaua und Dinamo aus allen Nähten platzte? Vergangen, vergessen, vorüber!

„Es muss abgerissen werden“, fordert mal wieder Bürgermeister Nicolae Robu. Vielleicht sollte er sich dafür doch noch etwas Zeit lassen. Denn Pläne über Pläne für ein neues Stadion geistern zwar schon seit Jahrzehnten durch die Begastadt. Aber sie verstauben in den Schubladen, bleiben Makulatur. Selbst wenn jetzt wieder von einem neuen Stadion, diesmal an der Busiascher Straße gelegen, die Rede ist, das 15000 Plätze haben soll. Aber es passiert einfach nichts! Den Worten folgen keine
Taten...

Im Stadion angekommen, traue ich meinen Augen nicht. Beim Spiel zwischen Ripensia und UTA verlieren sich gerade mal 350 Zuschauer im weiten Rund, davon etwa 70 aus Arad, die mit zwei Bussen angereist sind. Eine Handvoll Zuschauer auf den Rängen, zwei legendäre Mannschaften auf dem Rasen, die zusammen zehn rumänische Meistertitel und vier Pokalsiege errungen haben, aber von den einstigen ruhmreichen Mannschaften meilenweit entfernt sind. „Ein Spiel, das um Jahrzehnte zu spät stattfindet“, spöttelte ein Bekannter aus Deutschland, als er von meinem Besuch erfahren hat. Die Partie plätschert dahin, Torraumszenen sind Mangelware, am Ende siegt Ripensia verdient gegen ziemlich blasse Arader mit 1:0.

Zusammen mit dem Pressesprecher von Ripensia steige ich nach dem Schlusspfiff von der Haupttribüne, überquere den butterweichen Rasen und gelange durch den Spielertunnel in die Stadionkatakomben. Deren Wände sind geschmückt mit den Mannschaftsfotos von Poli aus vergangenen glorreichen Zeiten wie dem Europapokalrauswurf von Celtic Glasgow 1980 (als – na wer wohl? – natürlich Păltinişanu den Siegtreffer zum 1:0 machte), den UEFA-Pokalspielen 1990 gegen Atletico Madrid (2:0) und 1992 gegen Real Madrid (1:1). Was waren das noch für Zeiten! Vergangen, vergessen, vorüber...

Es sollte noch schlimmer kommen. Jetzt darf Poli nicht mal mehr in ihrem Stadion spielen. Der sich in der Insolvenz befindende Klub konnte die Stadionmiete nicht mehr bezahlen und wurde vom Temescher Kreisrat als Stadionbesitzer einfach rausgeschmissen. Deshalb trägt Poli ihre Spiele im kleinen Electrica-Stadion in der Fabrikstadt aus.

Wir gehen weiter und gelangen in den Raum, wo die Pressekonferenz stattfindet. Sie verläuft anders in Rumänien als in Deutschland. Während dort beide Trainer gleichzeitig zur Konferenz erscheinen, kommt in Rumänien immer der Gästetrainer zuerst und erst danach der Heimtrainer. Die Konferenz ist schnell vorbei. Es sind nur wenige Journalisten anwesend. Was soll es nach so einem schwachen Spiel schon viel zu fragen und zu sagen geben? Ich verlasse wehmütig das Stadion, wo einstmals ruhmreiche Schlachten geschlagen wurden. Tristesse pur auf Schritt und Tritt!

So deprimierend war es vor zwei Jahren noch nicht. Damals, im Sommer 2017, trafen Poli und UTA in der Relegation zur 1. Liga aufeinander und es kamen immerhin 15000 Zuschauer, davon 1000 aus Arad, zum Hinspiel. Wir saßen ebenfalls im Stadion und waren von der Atmosphäre angetan. Wie jetzt war es auch vor zwei Jahren purer Zufall, dass wir gerade zum Zeitpunkt des Spiels in Temeswar weilten. Ob es wenigstens ein kleiner Trost ist, dass selbst bei rumänischen Erstligaspielen oftmals nur noch einige Hundert Zuschauer in den Stadien sind?

Auf dem Rückweg vom Spiel kommen wieder die Erinnerungen hoch. An Ripensia habe ich keine. Wie auch? Bei deren großen Erfolgen war ich noch nicht auf der Welt. 1948 löste sich die legendäre Mannschaft auf. Wiedergründet wurde sie 2012 von Temeswarer Privatleuten, die für ihre Finanzierung sorgen. Und in dieser relativ kurzen Zeit schaffte die neue Ripensia den Sprung von ganz unten aus der sechsten Spielklasse bis in die zweite Liga. Aller Ehren wert!

Aber Ripensia ist nicht die einzige Temeswarer Mannschaft im Unterhaus, denn es gibt dort sogar zwei Poli-Teams. Jawohl, zwei Polis! Die eine Poli wurde 2012 durch die Fusion mit dem damals in die 2. Liga aufgestiegenen AC Rekasch gegründet, um nach ihrer Verbannung aus finanziellen Gründen durch den Rumänischen Fußball-Verband in die 5. Liga wenigstens zweitklassig zu sein. Diese Poli stieg letztes Jahr aus der 1. Liga ab. Die andere Poli wurde von Fans gegründet, die mit der Fusion nicht einverstanden waren. An dieser Einstellung hat sich bis heute nichts geändert. Auf so mancher Temeswarer Hausfassade steht immer noch in schwarzer Farbe der von alteingesessenen Poli-Anhängern angebrachte Schriftzug „AC Recaş ist nicht Poli!“ Somit hat Temeswar drei Mannschaften in Liga zwei, aber keine einzige gute. Alle spielen mehr oder minder gegen den Abstieg.