zur Druckansicht

private Anzeige schalten

Media-Center

Banater Post

In Russland geblieben, im Gulag gestorben

Über Sebastian Jauchs Verbleib herrschte lange Ungewissheit.

Brief von Andreas Jauch an seinen Sohn, geschrieben am 11. Dezember 1930 (Auszug). Einsender des Bildmaterials: Franz Junginger

Fotomontage „Zur Ehre der toten und lebenden Krieger von Jahrmarkt“. Darauf abgebildet sind (von einem Lorbeerkranz umrahmt) 88 Gefallene und 283 Überlebende des Ersten Weltkriegs, darunter auch Sebastian, Andreas und Franz Jauch (linke Seite, in der siebenten vollständigen Reihe von oben, außen rechts).

Im Jahrmarkter Ortssippenbuch 1730-1007, Band 1, Seite 649, finden sich unter der Nummer J66 zu Sebastian Jauch, Sohn von Andreas und Barbara Jauch, nur dessen Geburtsdatum (12. Mai 1893) und Geburtsort (Jahrmarkt). Durch einen glücklichen Zufall konnten nun die Daten wie folgt ergänzt werden: gestorben im Februar 1942 im russischen Gulag, in einem Lager im Gebiet Archangelsk.

Wie kam es dazu? Vor einiger Zeit wandte sich eine des Deutschen kundigen Familienforscherin aus der nordkaukasischen Stadt Wladikawkas an den Arbeitskreis donauschwäbischer Familienforscher (AKdFF) in Sindelfingen im Auftrag einer Urenkelin von Sebastian Jauch, die nach Informationen zu Verwandten ihres Urgroßvaters suchte. Dieser war während des Ersten Weltkriegs in russische Kriegsgefangenschaft geraten, blieb nach seiner Entlassung in der Sowjetunion, wo er heiratete und sein restliches Leben verbrachte. Der Anfrage waren eine kurze Lebensbeschreibung von Sebastian Jauch, Kopien von an ihn aus Jahrmarkt adressierte Briefe seines Vaters sowie ein Bild vom Grabstein seiner Ehefrau beigegeben.  Die im Ortssippenbuch enthaltenen Familiendaten wurden der anfragenden Person zur Verfügung gestellt.

Aus Kernei nach Jahrmarkt zugewandert

Der Name Jauch steht im Zusammenhang mit der reichen Musiktradition der Gemeinde Jahrmarkt. Sebastian Jauchs Vater Andreas wirkte dort Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Kapellmeister. Die Jauchs lebten damals in zweiter Generation in Jahrmarkt. Der Vater des Kapellmeisters, der ebenfalls Andreas hieß, war aus Kernei in der Batschka (ungarisch Kerény, heute Kljajićevo, vormals Krnjaja) um 1858 nach Jahrmarkt zugewandert. In den Heiratsmatrikeln ist am 26. Oktober 1858 seine Trauung mit Maria Mischon (geboren am 10. April 1841 in Jahrmarkt) vermerkt wie auch sein Herkunftsort. Er war damals 25 Jahre alt und lebte schon seit geraumer Zeit in Jahrmarkt, Hausnummer 112. Aus der Ehe gingen sechs Kinder hervor. Nach dem Tod seiner Frau Maria (9. Juli 1871) heiratete Andreas Jauch ein zweites Mal eine Margareta Blasy, mit der er noch einen Sohn hatte.

Wie aus Stefan Staders „Sammelwerk donauschwäbischer Kolonisten“, Band 3, hervorgeht, stammten die Vorfahren von Andreas Jauch aus dem Schwarzwaldort Bochingen, heute ein Stadtteil von Oberndorf am Neckar. Von hier wanderten die Brüder Lukas und Sebastian Jauch nach Ungarn aus. Sie wurden am 14. Oktober 1785 in Wien registriert und ließen sich in Kernei nieder. Warum etwa siebzig Jahre später einer ihrer Nachfahren, Andreas Jauch, ins Banat zog, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen.

Andreas Jauch gründet eigene Kapelle

Andreas Jauchs gleichnamiger Sohn aus erster Ehe wurde am 27. Juli 1867 in Jahrmarkt geboren. Aus der am 4. November 1890 mit Barbara Blasy (geboren am 29. Oktober 1873 in Jahrmarkt) geschlossenen Ehe gingen neun Kinder hervor. Davon starben drei im Kleinkindes- oder Kindesalter. Andreas Jauch Jr. war ein begnadeter und leidenschaftlicher Musiker. Er spielte in der Kasznel-Kapelle, von der er sich 1894 – Gründe waren Missgunst, Rivalität und Geldstreit – trennte, um eine eigene Kapelle zu gründen. Nikolaus Kasznel gab 1898 auf, und so bestand wieder nur eine Kapelle, allerdings nicht für lange Zeit. Im Jahr 1901 spaltete sich die Mehrheit der Musiker unter Michael Rastädter von der Jauch’schen Kapelle ab. Anlässlich des Schützenfestes am 19. März 1902 kam es zum öffentlichen Konflikt zwischen den beiden konkurrierenden Kapellen. Das Ereignis ist als „Der große Fahnenraub“ in die Ortschronik eingegangen. Im Jahr 1908, nach Rastädters Rücktritt, gründete Peter Loris die Blaskapelle neu. Das weitere Geschick der Jauch’schen Kapelle schildert Mathias Loris wie folgt: „Gleichzeitig entfaltete die Jauch’sche Kapelle noch bis 1912 eine selbstständige Tätigkeit. Ihr letzter Auftritt war am 2. Juni 1912 bei dem ‚Fahnenweih-Fest der Temeschgyarmathaer Gewerbekorporation‘. Der Abmarsch in die Kirche in Begleitung der Feuerwehr fand mit der Jauch’schen Musikkapelle statt, das Festbankett im Zeich’schen Gasthause bestritt die Loris-Kapelle. Jauchs Musikanten gingen nach diesem Fest zur Loris-Kapelle über. Nach mehr als einem Jahrzehnt gab es wieder nur eine
Kapelle in Jahrmarkt.“ (Zitiert nach Mathias Loris: Blasmusik in der Gemeinde Jahrmarkt – Ein Beispiel des Musiklebens in den Banater Dörfern vor dem Ersten Weltkrieg, in: Deutsches Kulturleben im Banat am Ende des Ersten Weltkrieges. Der Beitrag von kleineren Städten und Großgemeinden, Stuttgart 2013, Seite 166).

„Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“, besagt eine Redensart und meint damit die Vererbung von
Eigenschaften der Eltern auf die Kinder. Das trifft auf Sebastian Jauch zu, den am 12. Mai 1893 geborenen Sohn des Kapellmeisters Andreas Jauch. Er wuchs in einem Haus auf, in dem die Musik immer eine sehr wichtige Rolle spielte und so kam es nicht von ungefähr, dass Sebastian schon als Kind ein Blasinstrument lernte und später in der Kapelle des Vaters spielte. Sein musikalisches Können und Wissen sollten ihm später in Russland zugutekommen.

Sebastian Jauch zieht an die Ostfront

Der Kriegsausbruch im Sommer 1914 traf den damals 21-jährigen Sebastian Jauch zusammen mit weiteren 60 Jahrmarktern – wie der Chronik „Temesgyarmat während der Kriegszeit 1914-1918“ von Pfarrer Franz Demele zu entnehmen ist – im Standdienst beim k.u.k. Infanterie-regiment „Freiherr von Laudon“ Nr. 29. Dieses war Teil der 34. Infanterietruppendivision, die ihrerseits dem 7. Armeekorps mit Sitz in Temeswar zugeordnet war. Die Soldaten rekrutierten sich aus dem Heeresergänzungsbezirk Großbetschkerek, wo auch das I. Bataillon des 29. Infanterieregiments stationiert war. Standort des Regimentsstabs sowie der Bataillone II, III und IV war Temeswar. Bei Kriegsausbruch wurde das 29. Infanterieregiment unter dem Kommando von Oberst Trojan Bacsila (rumänisch: Traian Băcilă, geboren 1867 in Karansebesch, gestorben 1931 in Wien) an die Ostfront geschickt und kämpfe in Galizien bis Mitte März 1916 gegen die Armee des Zaren. Während dieser Zeit muss Sebastian Jauch in russische Kriegsgefangenschaft geraten sein, denn im März 1916 wurde das 29. Infanterieregiment an die italienische Front transferiert.

Die wertvollen Aufzeichnungen von Pfarrer Franz Demele (1919 verfasst und 1992 von der Heimatortsgemeinschaft Jahrmarkt herausgegeben) berichten nicht nur über die Kriegszeit, „wie sie über unser Dorf dahingezogen ist, wie sie uns manches brachte, was uns entsetzte und uns manches nahm, was wir beweinten“, über die Sorgen und Nöte der Daheimgebliebenen, sondern auch – basierend auf akribischen Erfassungen und Nachforschungen – über „Die Unserigen im Kriegsdienste“. Die Zahl der bis Kriegsende Eingerückten betrug 1003, was 80,2 Prozent der Männer im kriegspflichtigen Alter entsprach. Unter den zum Kriegsdienst Eingezogenen befanden sich auch Sebastian Jauchs jüngerer Bruder Franz (geboren am 1. Juli 1895, eingerückt am 15. Mai 1915 zum 8. Husarenregiment) sowie sein Vater Andreas (eingerückt 1916, damals 49 Jahre alt). Die Gemeinde Jahrmarkt hatte 134 Opfer – Gefallene, in Militärspitälern, in Gefangenschaft oder zu Hause Gestorbene
sowie Vermisste – zu beklagen. Dazu Franz Demele: „Der ganze Verlust unserer Dorfkinder an Gefallenen, Verstorbenen und Vermißten macht demnach 13,4 % der Eingerückten aus, oder auf Einwohnerzahl bezogen fallen bei uns auf je 1000 Einwohner 26 Kriegsopfer. Es ist dies ein so unerhört hoher Prozentsatz, wie ihn bisher kein Krieg je aufzuweisen hatte.“ In Kriegsgefangenschaft gerieten 186 Soldaten, das waren 18,5 Prozent der Eingerückten. Die meisten (126) kamen, wie Sebastian Jauch auch, in russische Gefangenschaft.

Nach Kriegsgefangenschaft in Russland geblieben

Damit beginnt die „russische Lebensperiode“ von Sebastian Jauch, worüber die aus Wladikawkas zugesandte Kurzbiografie Auskunft gibt. Die Ereignisse der Februar- und der Oktoberrevolution 1917 erlebte er in Gefangenschaft in der mittelasiatischen Stadt Kattaqurgan (heute in Usbekistan, etwa 65 Kilometer westnordwestlich der Provinzhauptstadt Samarkand gelegen). „Nach erfolgter Agitation, vielleicht auch unter Zwang, fand er sich im März 1918 in einer Partisaneneinheit wieder“ und kämpfte auf der Seite der neuen Sowjetmacht. In der Einheit lernte er die 23-jährige Alexandra kennen. Damit nahm eine leidenschaftliche Liebe ihren Anfang. 1919 heirateten die beiden.

Nach dem Ende der Kampfhandlungen begann Sebastian Jauch als Kapellmeister bei der Infanterie und der Miliz in der Stadt Aschgabat (heute Hauptstadt Turkmenistans) zu arbeiten. Seine Frau Alexandra war dort als Vorsitzende des Gebietskomitees der Vereinigung für Volksernährung tätig. 1923 kehrte sie in ihre Heimat in den Ural, Siedlung Berjosowski, Gebiet Swerdlowsk zurück. Dort warteten ihre drei kleinen Kinder aus erster Ehe auf sie. Sebastian folgte ihr noch im selben Jahr, nachdem er seinen Ausweis als Staatsbürger der UdSSR erhalten hatte. Er adoptierte Alexandras Kinder, den Sohn Pawel (Paul) und die Töchter Anna und Walentina, gemeinsame Kinder hatte das Ehepaar keine.

Im August 1923 wurde Sebastian Jauch gemeinsam mit seiner Frau von der Vereinigung der Kulturschaffenden RABIS in die am Ostrand des Ural, ebenfalls im Gebiet Swerdlowsk gelegenen Siedlung Nowaja Ljalja delegiert. Die Familie lebte in großer Einmütigkeit und in Liebe zueinander. Bis Januar 1925 arbeitete Sebastian in der örtlichen Papierfabrik und spielte im Kluborchester, dann wurde er dank seiner hohen musikalischen Kompetenz und seiner Professionalität zum Leiter des Blasorchesters des Arbeiterklubs berufen, dem etwa 25 Musiker angehörten.

Erstes Lebenszeichen nach 13 Jahren

Nach 13 Jahren, im Herbst 1930, ist es Sebastian Jauch gelungen, den Kontakt zu seinem in Jahrmarkt
lebenden Vater wieder aufzunehmen. Im Besitz der Familie haben sich bis heute die beiden ersten Briefe des Vaters erhalten, wobei der erste Brief, datiert am 11. Dezember 1930, in zwei fast gleich lautenden Varianten vorliegt. Andreas Jauch schreibt: „Lieber Sohn! Dein mit Sehnsucht erwartetes Schreiben vom 15. November 1930 glücklich erhalten, mit welcher Freude kann ich hier nicht beschreiben. Seit September 1917 haben wir kein briefliches Lebenszeichen von dir erhalten. Welchen Schmerz und Kummer wir um dich hatten, kannst dir selbst denken.“ Dann wendet er sich an Sohn und Schwiegertochter, denen er „von unserem großen Unglück in unserer Familie“ berichtet: „Mein teures Weib, eure gute brave, eure euch liebende seelengute Mutter ist am 20. August 1928 an Herzschlag gestorben.“ Zwei weitere Trauernachrichten folgen: der Tod der in Amerika verheirateten Schwester Maria (geboren am 1. Juni 1897, 1914 nach St. Louis zu ihrem Onkel Martin Kumaus ausgewandert), die 1924 im Wochenbett gestorben ist, sowie das Ableben der Tante Elisabeth Kilzer im Jahr 1926.
Der Vater bittet seinen Sohn um eine Fotografie „von dir, deinem Weib und wenn Kinder sind“ und wollte von ihm wissen, „mit was du dich und die deinen mit welcher Beschäftigung (…) durchhältst“. Er weist ihn noch auf folgendes hin: „Du hast die Adresse Österreich-Ungarn geschrieben, ist nicht gut. Wir gehören nicht mehr zu Ungarn, sondern zu Großrumänien.“ Danach teilt er ihm die richtige Adresse mit.

Außerdem ließ er seinen Sohn wissen: „An deine Adresse senden wir von verschiedenen Stellen Schreiben an dich. Solltest du von wem immer ein Schreiben erhalten, so antworte gleich auf selbes zurück.“ Das erklärt auch, warum sich zwei fast gleichlautende Briefe, beide am 11. Dezember 1930 in „Giarmata“ geschrieben, erhalten haben. Zudem enthält einer der Briefe einen Nachtrag, der in Wien von Stefan Blazy unter Angabe seiner Anschrift hinzugefügt wurde. Blazy schreibt: „Lieber Bastl! Sende von Wien aus deines Vaters Brief an dich, da wir hoffen, dass der Brief sicherer ankommt. Hoffentlich kannst du dich noch erinnern an mich wie du in Wien aktiv gedient hast. Recht herzliche Grüße von mir und meiner Familie (…).“ Dieser Brief war also von Jahrmarkt nach Wien gegangen und von dort in die Sowjetunion.

Das Schreiben endet mit folgender Schlussformel: „Schließlich herzlichen Kuss und Gruß von uns allen, euer euch liebender Vater und [eure] Geschwister“.

Einen weiteren Brief adressierte Andreas Jauch an seine „lieben Kinder“ am 2. März 1931. Darin heißt es: „Euer Schreiben vom 6. Feber richtig und mit Freude erhalten, bin stolz und fühle mich glücklich zu hören, dass du mit deiner Familie, Weib und Kindern, glücklich und zufrieden lebest.“ Weiter schreibt er: „Wie ich entnehme, ward ihr der Meinung, wir wollten von euch nichts wissen, macht euch wegen dem keinen Kummer – du warst und bleibst mein Sohn und bleibst der Bruder zu deinen Brüdern, deine Frau ist auch meine Schwiegertochter und ich bin der Großvater zu deinen Kindern. Stelle dir nicht unnütze Gedanken vor, denn der Krieg hat die Menschen durcheinander gewürfelt.“

Offensichtlich war Sebastian Jauch der Bitte seines Vaters nachgekommen und hatte seinem Brief ein Foto beigelegt, denn der Adressant schreibt: „Unser Haus wird nicht leer von lauter Neugierigen, alles staunt sich über dein fesches Weib und deine gesunden Kinder.“ Danach gibt er seinen Lieben den Rat: „Trachtet nur, dass eure Kinder fleißig in die Schule gehen und später ein Fach erlernen; der Mensch, der etwas gelernt hat, geht nicht unter.“ Er sei überrascht gewesen „von dem schönen Schreiben von meinem Enkelkind Paul“; es tue weh, „wenn ein Kinderherz dir alles Gute wünscht und man hat nicht die Macht und das Glück, die Kinder an sein wundes krankes Herz zu drücken“.

Der Vater richtet Sebastian einen schönen Gruß von seinen Musikkollegen aus, „auch von Kilzer Andresen allen zwei“, teilt ihm zwei Adressen von in Wien lebenden Jahrmarktern (Josef Kilzer und Stefan Blazy) und von Martin Kumaus aus St. Louis mit und lässt ihn in einem Nachtrag wissen, dass er in paar Tagen die für ihn bestimmten Fotografien (ein älteres Bild sowie neue Bilder, wie jetzt Mode und Tracht sei) nach Wien senden wird. Sollten diese „nicht durchgehen“, werde er nochmals welche schicken. Andreas Jauch schließt sein Schreiben mit der Formel: „Es grüßt und küsst euch alle euer euch liebender Vater und Großvater“. (Anmerkung: Orthographie und Interpunktion der Briefe wurden an die heute geltenden Regeln angepasst.)

Aus den Briefen spricht keine Bitterkeit; auch zwischen den Zeilen lassen sich keine Vorwürfe oder Kritik an den Sohn herauslesen, der nicht nach Hause zurückkehrte und es vorzog, in Russland zu bleiben. Im Gegenteil, es sind sehr liebevolle, rührende Briefe. Der Vater freut sich, dass er seinen „verlorenen Sohn“ wiedergefunden hat, dass dieser in glücklicher Ehe lebt, eine fesche Frau und gesunde Kinder hat.

Aussagen von Zeitzeugen zufolge sei Sebastian Jauch ein gutmütiger, mitfühlender Mensch gewesen, heißt es in seiner Lebensbeschreibung. Er sei der Liebling aller Arbeiter und der Gewerkschaft gewesen, habe immer bis spät in die Nacht im Klub gearbeitet, unermüdlich Musikunterricht erteilt und mit seiner Blaskapelle viele Konzerte gegeben. 134 Aufführungen des Orchesters unter der Leitung von Sebastian Jauch hätten allein 1936 stattgefunden.

„Deshalb war es für alle ein Schock, als er im Februar 1938 festgenommen wurde.“ So sei damals die Zeit in der UdSSR gewesen, eine Zeit schrecklicher Repressionen des Stalinregimes. Es war die Zeit des „Großen Terrors“, womit eine von Herbst 1936 bis Ende 1938 dauernde umfangreiche Verfolgungskampagne bezeichnet wird. Rund 1,5 Millionen Menschen sind in diesem Zeitraum verhaftet worden, von denen etwa die Hälfte erschossen, die anderen bis auf wenige Ausnahmen in die
Lager des Gulags gebracht oder in Gefängnissen inhaftiert wurden. Diese Massenrepressionen gelten als Höhepunkt einer Kette von Säuberungswellen der Stalin-Ära.

Sebastian Jauch wurde auf Grund falscher Beschuldigungen der konterrevolutionären Tätigkeit bezichtigt und zu fünf Jahren Zwangsarbeit in einem Lager im Norden, im Gebiet Archangelsk, verurteilt. Während der ganzen Zeit hielt er den Kontakt zur Familie aufrecht und hoffte, zu seiner Schurotschka, wie er seine Ehefrau Alexandra liebevoll nannte, zurückkehren zu können. Gerade die Liebe zu seiner Frau, zu den Kindern und der Gedanke, dass man auf ihn zuhause wartet, gab ihm die Kraft unter den schwierigsten Bedingungen des Nordens zu überleben. Leider reichte die Kraft nicht bis zur geplanten Entlassung im Jahr 1943. Nach vier Jahren Zwangsarbeit starb Sebastian Jauch im Februar 1942 im sowjetischen Gulag.

Alexandra Jauch heiratete nicht wieder. Bis ans Ende ihrer Tage (sie starb 1968) gehörte ihr Herz ihrem geliebten Ehemann. Siebzehn Jahre nach dessen Tod wurde ihr eine Genugtuung zuteil: 1959 erreichte sie die vollständige Rehabilitation von Sebastian Jauch. Ihre Erzählungen über ihn werden bis auf den heutigen Tag in der Familie weitergegeben.

Andreas Jauch überlebte seinen Sohn um vier Jahre. Er starb am 14. März 1946 in Jahrmarkt.