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Banater Post

Ein Denkmal als Inbegriff donauschwäbischer Identität (Teil 1)

Seit 1974 gehört die Gedenkfeier am Auswandererdenkmal zum festen Ritual des Heimattages der Banater Schwaben. Die Gedenkansprache im Jahr 2018 hielt Bernhard Krastl. Foto: Cornel Simionescu-Gruber

Das am 9. August 1958 eingeweihte Auswandererdenkmal in Ulm ist zentraler Gedenkort der Donauschwaben und Banater Schwaben. Foto: Jürgen Schneider

Vor sechzig Jahren wurde das Ahnen-Auswanderungsdenkmal am Ulmer Donauufer eingeweiht

Seit mehr als vier Jahrzehnten veranstaltet die Landsmannschaft der Banater Schwaben ihren Heimattag in Ulm. 1998 übernahm die Donaustadt auf Betreiben des damaligen Bundesvorsitzenden Jakob Laub die Patenschaft über unseren Verband. Diese besiegele, wie es in der Patenschaftsurkunde heißt, die seit vielen Jahrhunderten bestehende Verbundenheit zwischen der Stadt Ulm und den Banater Schwaben. Seit 1974, als das große „Schwabentreffen“ zum ersten Mal in Ulm stattfand, ist die Gedenkfeier am Auswandererdenkmal am Donauschwabenufer zu einem festen Ritual geworden. In ihrer heutigen Form mit Festzug vom Rathaus zum Donauufer, Gedenkansprache und Kranzniederlegung findet die musikalisch umrahmte Feierstunde seit zwanzig Jahren statt.

Zentraler Gedächtnisort der Banater Schwaben

Das Auswandererdenkmal hat sich zum zentralen Gedächtnisort der Banater Schwaben entwickelt. Darauf hob der Ehrenbundesvorsitzende unserer Landsmannschaft Bernhard Krastl in seiner Gedenkansprache beim diesjährigen Heimattag ab, als er sagte: „Das kollektive Erinnern an dieser für die Deutschen aus dem Südosten Europas schicksalhaften Stelle ist zu einer der wertvollsten Traditionen unserer Gemeinschaft in Deutschland geworden.“

Am 9. August waren es sechzig Jahre seit der Einweihung des Denkmals unterhalb der 1480 mitten im „reißenden Wasser der Donau“ gebauten Stadtmauer. Aus diesem Anlass will der vorliegende Beitrag die Entstehungsgeschichte des Denkmals von der Geburt der Idee im Herbst 1955 bis zu deren Verwirklichung knapp drei Jahre später ergründen und gleichzeitig auch ein Stück donauschwäbischer Verbandsgeschichte beleuchten.

Das Ulmer Auswandererdenkmal war schon mehrfach Gegenstand wissenschaftlicher Erörterung. Der am Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde in Tübingen wirkende Historiker Mathias Beer bezog das Denkmal in seine Ausführungen zum Thema „Ulm. Schwaben und Donauschwaben“ mit ein, die 2012 in dem Band „Baden-württembergische Erinnerungsorte“ erschienen sind. In einer erweiterten Fassung liegt diese Studie unter dem Titel „Migration und Gruppenbildungsprozesse. Zur Entstehung des Mythos ‚Volksgruppe der Donauschwaben‘“ in dem von Beer 2014 herausgegebenen Sammelband „Migration und Mythen. Geschichte und Gegenwart – lokal und global“ vor. Auch die Historikerin Márta Fata, Beers Institutskollegin, widmete dem Auswandererdenkmal ein Kapitel in ihrer zusammen mit Klaus Loderer verfassten Arbeit „Gedenkkreuz und Ulmer Schachtel. Monumentalisierung der Auswanderung und Ansiedlung der Donauschwaben“, erschienen in dem Band „Migration im Gedächtnis. Auswanderung und Ansiedlung im 18. Jahrhundert in der Identitätsbildung der Donauschwaben“ (Stuttgart 2013). Auf diese Arbeiten stützt sich der vorliegende Beitrag ebenso wie auf die bisher weitgehend unbeachtete Dokumentation „Die Geschichte der Landsmannschaften in Deutschland“ aus der Feder von Franz Helfrich, einem dem Hauptakteure des Ulmer Denkmalprojekts. Dieses nimmt in seinen in der Zeitschrift „Das Donautal-Magazin“ fortsetzungsweise veröffentlichten Aufzeichnungen (Nr. 3 vom 1. Dezember 1978 bis Nr. 18 vom 15. Oktober 1983) breiten Raum ein. Zudem wurden die Jahrgänge 1956-1958 der Wochenzeitung „Donauschwäbische Rundschau“ beziehungsweise (ab 1. April 1958) „Der Donauschwabe“ sowie die im Stadtarchiv Ulm im Bestand B 364/72 („Heimatvertriebene: Veranstaltungen“) aufbewahrten Unterlagen (Nr. 002, Nr. 006 und Nr. 007) ausgewertet.

Eine gewagte Initiative, die von Ulm ausging

Die Initiative zur Errichtung eines Ahnen-Auswanderungsdenkmals in Ulm ist von der am 18. Juni 1955 in der Donaustadt von Donauschwaben aus den drei Herkunftsländern Jugoslawien, Ungarn und Rumänien gegründeten Arbeitsgemeinschaft der Deutschen aus dem Südosten ausgegangen. Deren Sprecher Franz Helfrich propagierte das Vorhaben bereits anlässlich einer Kulturveranstaltung im Ulmer „Bräustüble“ am 4. September 1955 vor rund 500 Besuchern.

Am 12. Oktober 1955 richtete er ein von Edmund Jäckel, dem Vertreter der Deutschen aus Ungarn, mitunterzeichnetes Schreiben an die Stadt Ulm, in dem diese um Unterstützung für die Errichtung eines Ahnen-Auswandererdenkmals am Donauufer gebeten wurde. Zur Begründung des Vorhabens verwies Helfrich darauf, „daß die Stadt Ulm mit unserer südostdeutschen Geschichte eng verknüpft ist“ und führte aus: „Laut geschichtlicher Überlieferung spielte doch die Stadt Ulm – als damalige freie Reichsstadt – während der Auswanderung unserer Kolonistenväter (…) nach dem Südosten eine bedeutende Rolle. Unsere Geschichte erinnert uns nicht nur, daß sich unter der Kaiserin Maria Theresia und Joseph II. ‚Der Große Schwabenzug‘ (Adam Müller-Guttenbrunn) von Ulm aus auf den ‚Ulmer Schachteln‘ die Donau abwärts nach dem hoffnungsvollen, durch den großen Feldherrn Prinz Eugen von den Türken befreiten und von seiner Kaiserin Maria Theresia zur Besiedlung und Fruchtbarmachung freigegebenen Südosten in Bewegung setzte, sondern auch, daß für die Reifmachung zur Besiedlung dieses Landes ein Ulmer Ahnherr namens Johann Matthäus Scheiffele beigetragen hatte, indem er Truppentransporte für die Kriegsfahne des Prinzen Eugen von Ulm auf Flößen die Donau abwärts leitete.“

Diese geschichtliche Tatsache wollten nun jene, die „nach rund 200 Jahren durch unsere Vertreibung bzw. Aussiedlung aus unserer angestammten Heimat in die Urheimat unserer Ahnen zurückgekehrt sind“, zum Anlass nehmen und „in der Stadt , wo unsere Ahnen den letzten Segen für die große Reise ins Ungewisse bekamen“, ein Ahnen-Auswanderungsdenkmal errichten. Die Arbeitsgemeinschaft der Deutschen aus dem Südosten bat um „das wohlgesinnte Einverständnis und die gütige Unterstützung seitens der Stadt Ulm“ und wies darauf hin, dass im Falle eines positiven Bescheids vorerst der Grundstein für dieses Denkmal im Rahmen eines Bundestreffens aller südostdeutschen Landsmannschaften im Jahr 1956 gelegt werden könne.

Die Ulmer Stadtverwaltung sei „grundsätzlich bereit, Ihren Gedanken wohlwollend zu erwägen und, wenn eine Durchführung möglich ist, Sie in jeder Weise zu unterstützen“, ließ der Verwaltungsdirektor des städtischen Hauptamtes, Gerhard Allgöwer, die Antragsteller am 8. November 1955 wissen. Wie sich bei mehreren Gesprächen zwischen den Ulmer Donauschwaben und der Stadtverwaltung herausstellte, war die Stadt Ulm fest entschlossen, das Denkmal-Projekt zu unterstützen. Allgöwer fungierte dabei als „verlängerter Arm“ zu Oberbürgermeister Theodor Pfizer und zu den städtischen Stellen.

Anlässlich eines von der Arbeitsgemeinschaft der Deutschen aus dem Südosten am 21. Januar 1956 in der Ulmer Jahnhalle veranstalteten Trachtenfestes mit über 1000 Teilnehmern, zu dem auch die Spitzen der drei Bundeslandsmannschaften erschienen waren, erhielten diese zum ersten Mal vom Denkmal-Vorhaben Kenntnis. Helfrich gab in seiner Begrüßung bekannt, dass zu diesem Zweck eine weltweite Spendenaktion geplant sei.

Wenige Tage später, am 26. Januar 1956, wandte sich der Bundesvorsitzende der Landsmannschaft der Deutschen aus Jugoslawien, Franz Hamm, an die Stadt Ulm mit der Bitte um Förderung des im Sommer geplanten Bundestreffens und argumentierte, ähnlich wie die Arbeitsgemeinschaft der Deutschen aus dem Südosten, mit den historischen Beziehungen zwischen der Stadt Ulm und den
Donauschwaben: „Eingedenk der Tatsache, daß die Stadt Ulm bei der Auswanderung der Schwaben im 18. Jahrhundert nach dem Südosten, vor allem durch ihre für die damalige Zeit hochentwickelte Schifferei eine wichtige Rolle spielte, sehen sich die Nachkommen der damaligen Auswanderer und heute wieder rückgekehrten heimatvertriebenen Donauschwaben veranlaßt, im Gedenken an diese historischen Beziehungen ein Großtreffen in dieser Stadt zu veranstalten. Den Veranstaltern ist daran gelegen, die Bedeutung der Stadt Ulm ins Bewußtsein ihrer Landsleute und Schicksalsgenossen zu rufen und die Leistungen eines Kolonistenstammes herauszustellen, die vor der Urheimat hochzuhalten wir uns verpflichtet fühlen.“ Bezüglich des geplanten Ahnendenkmals wird die Stadt gebeten, „für die Errichtung des Denkmals einen geeigneten Platz, womöglich am Donauufer, anzuweisen“ und das Vorhaben finanziell zu unterstützen. Die Landsmannschaft selbst sei bestrebt, „zu den Kosten aus eigenen Mitteln beizutragen“.

Vertreter der Stadt und der Donauschwaben einigten sich bei einer Ortsbesichtigung im Frühjahr 1956 auf den Platz, auf dem das Denkmal aufgestellt werden sollte: beim Durchgang vom Schweinemarkt zum Donauufer, unterhalb der Wilhelmshöhe. Die Stelle ist allerdings nicht identisch mit der historisch verbürgten Ablegestelle der Ulmer Schachteln im 18. Jahrhundert.

Ausschreibung des künstlerischen Wettbewerbs

Die Stadt Ulm schrieb im August 1956 gemeinsam mit den Bundesverbänden der Landsmannschaft der Deutschen aus Jugoslawien, der Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn und der Landsmannschaft der Banater Schwaben aus Rumänien einen Wettbewerb für die Gestaltung des Ahnen-Auswanderungsdenkmals aus. Teilnahmeberechtigt waren alle in Ulm und Neu-Ulm wohnhaften sowie alle aus dem Donauraum stammenden Künstler, außerdem die Hörer der Kunstakademien in Stuttgart und München. Deren Aufgabe bestand darin, ein Denkmal zu planen, das die Verbindung der Stadt Ulm zu den Donauschwaben und deren geschichtlichen Werdegang zum Ausdruck bringt. Das Denkmal durfte einen Herstellungspreis von 7000 DM nicht wesentlich überschreiten. Das Material des Steins und des Symbols konnte vom Wettbewerbsteilnehmer selbst bestimmt werden. Als Unterlagen wurden ein Lageplan (1:200) und drei Lichtbilder zur Verfügung gestellt. Verlangt wurde ein Modell im Maßstab 1:5 oder eine Zeichnung im Maßstab 1:10 im Grundriss, Aufriss, Perspektive und, wenn erforderlich, im Schnitt. Material und Bearbeitungsart mussten angegeben werden. Der Wettbewerb lief bis zum 1. Dezember 1956.

An Preisen waren für die Arbeiten 500, 300 und 200 DM ausgesetzt. Außerdem waren drei Ankäufe von Entwürfen zu je 100 DM vorgesehen, wobei dem Preisgericht auch eine andere Aufteilung sowohl der Preise als auch der Ankäufe innerhalb der Gesamtsumme von 1300 DM vorbehalten blieb. Über die Vergabe der Preise sowie die Ankäufe entschied eine Jury, die sich aus Vertretern der Stadt und der Landsmannschaft der Donauschwaben zusammensetzte.

Martha Petri, die in einem in den „Südostdeutschen Heimatblättern“ (Nr. 4/1956) erschienenen Beitrag die Ausschreibung zur Gestaltung eines Auswanderungsdenkmals der Donauschwaben kritisch durchleuchtete, befand dennoch: „Wir sehen darin eine vielleicht nicht wiederkehrende Möglichkeit, unserer Geschichte, unserem Sein und der Verbundenheit mit dem Mutterland an historisch richtiger Stätte durch die starke, gültige und überdauernde Sprache der Kunst nach unserem Herzen Ausdruck zu geben. Ausdruck zu verleihen vor allem in einer Weise, die künftigen Geschlechtern etwas von jener Größe, Aufgabe und Verpflichtung vermittelt, für die das Denkmal als Gedenk- und Mahnmal hingestellt wird.“