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Banater Post

Erlebte und rekonstruierte Geschichte

Das autobiografische Buch „Kindheit, Krieg und neue Heimat. Aus dem Banat nach Bayern, Rückblick“ – Koproduktion zweier Brüder: Hans und Peter Weber – ist als Band 17 der von der Landsmannschaft der Banater Schwaben herausgegebenen Reihe „Banater Bibliothek“ erschienen. Beide Autoren sind Söhne einer banatschwäbischen Bauernfamilie aus Gertianosch. Während Hans Weber, Jahrgang 1933, in dieser Großgemeinde auf der Banater Heide das Licht der Welt erblickte, kam sein Bruder Peter nach der Flucht der Familie nach Deutschland 1949 in Gassau, Niederbayern zur Welt.

Die Lebenserinnerungen von Hans Weber beginnen in einer – für ihn als Kind – friedvollen, sorgenlosen Zeit, die durch den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und dessen verheerenden Folgen schlagartig zerstört wurde. Der Vater wird als deutscher Volkszugehöriger unmittelbarer Akteur des Kriegsgeschehens. Es beginnt die Flucht der auseinandergerissenen Familie, begleitet von dem sehnsüchtigen Wunsch, den Vater wiederzusehen. Die Suche nach einem neuen Zuhause in der Fremde war erdrückend. Die Bewältigung unseliger Schwierigkeiten des Neubeginns und die Gestaltung einer sicheren Zukunft in der neuen Heimat Bayern hat von jedem einzelnen Familienmitglied Motivation, Ausdauer und Beharrlichkeit abverlangt.

Peter Weber, 16 Jahre jünger als sein Bruder Hans, hat die Heimat seiner Großeltern, Eltern und des Bruders nur über das kommunikative Gedächtnis der zweiten Generation der Flüchtlinge aus dem rumänischen Banat kennengelernt. Er wollte jedoch mehr erfahren über die Ursachen des Leidensweges seiner Familie. Seine aufwändigen Recherchen sind von Erfolg gekrönt, auch dank des Einsatzes elektronischer Medien. Die aufschlussreichen Ergebnisse mühevoller Arbeit stellte er seinem Bruder Hans zur Verfügung und regte ihn an, seine Erinnerungen, die auf der Flucht geretteten Dokumente der Großeltern und Eltern wie auch die neuen Erkenntnisse seiner breit angelegten Archivforschung gemeinsam auszuwerten und das Endergebnis in einem Buch, als eine Hommage für die Eltern Peter und Susanne Weber zu veröffentlichen.

Beide Autoren, „Flüchtlingskinder der zweiten Generation“, haben einen technischen Hochschulabschluss und arbeiteten erfolgreich als Ingenieure im Freistaat Bayern bis zu ihrem wohlverdienten Ruhestand.

Die Autoren schaffen ein buntes Narrativ, in dem sich zwei Welten in beeindruckender Weise verweben: die der verlorenen Heimat im rumänischen Banat und die des neuen Zuhause in Bayern, die auch ihre neue Heimat wird. Der Titel des Buches kündigt dessen inhaltliche Gliederung zum Teil an. Die Autoren spannen den zeitlichen Bogen ihres autobiografischen Berichtes von der Ansiedlung der Banater Schwaben im 18. Jahrhundert in dem als „Temescher Banat“ bekannten Habsburger Kronland bis zur Gegenwart in der Bundesrepublik Deutschland. Die einzelnen, chronologisch angeordneten Kapitel bezeichnen sie wie folgt: Die Familie; Das Bauernleben; Kinderzeit; Die Zeiten ändern sich; Der Abschied von meinem Vater, der Krieg und die Flucht; Flucht; Endsieg; Kriegsgefangener; Ein Dorf in Bayern; Leben in der neuen Heimat; Verwandte wollen aus Rumänien ausreisen; Energieversorgung für Oberbayern; Starkstromtechnik anekdotisch; Epilog.

Den Gebrüder Weber ist es gelungen, die zeitgleich verwobenen historischen Realitäten – ohne Abwertung oder Beschönigung – in ihre autobiografischen Schilderungen einzubeziehen. Das Buch fügt sich in die Reihe der seit den neunziger Jahren wiederentdeckten Wahrheiten über die Problematik der Flucht und Vertreibung der Deutschen in einem erweiterten historischen Kontext. Schuld und Sühne werden immer öfter als zwei Seiten einer und derselben Medaille erläutert.

Als Angehörige der ersten und zweiten Generation der Banater Flüchtlinge sind die Autoren bemüht, in ihrem Buch tabuisierte oder ausgeklammerte Familienerlebnisse zu entschlüsseln – und das mit Erfolg. Sie suchen und entdecken ihre Wurzeln, sie klären Familiengeheimnisse auf, sie finden ihre wahre Identität. In seinem Vorwort betont Hans Weber, dass seinem Bruder und ihm während der umfangreichen Recherchen bewusst wurde, „dass die vorliegende Zusammenfassung nicht nur ein Stück Familiengeschichte, sondern auch der Banater Schwaben ist.“

Mit ihrem Erinnerungswerk legen Hans und Peter Weber keine gezielt wissenschaftliche Abhandlung vor, sondern ein authentisches, informationsreiches Buch mit einem leicht zugänglichen Stil. Somit erfüllt es die Voraussetzungen, das Interesse eines breiten Leserkreises zu wecken.

Eine sorgfältige Auswahl von 70 beigefügten Fotos, Dokumenten und sonstigen Zeugnissen wie auch ein hochwertiges Literaturverzeichnis werten den Erinnerungs- und Dokumentationsband auf.
Der interessierte Leser wird belohnt mit einem neuen Mosaikstein, der ihm ermöglicht, sein Gesamtbild von Krieg, Flucht, Vertreibung, Neuanfang zu vervollständigen und mit Kompetenz über dieses Kapitel europäischer Geschichte des 20. Jahrhunderts eine offene, wahrheitssuchende Aussprache zu führen. In diesem Sinne seien abschließend die Worte des Münchener Historikers Thomas Nipperdey zitiert: „Darum brauchen wir die Tugenden der Historie: Nüchternheit und Distanz, brauchen den Pluralismus jenseits des moralisierenden Verdachts und der politischen Parteinahmen.“ (Die Zeit, 17. Oktober 1986)

Hans und Peter Weber: Kindheit, Krieg und neue Heimat. Aus dem Banat nach Bayern, Rückblick. München: Landsmannschaft der Banater Schwaben, 2018 (Banater Bibliothek; Band 17), 182 Seiten. Preis: 12 Euro zzgl. Versand. Bestellung: Landsmannschaft der Banater Schwaben, Tel. 089 / 2355730, E-Mail landsmannschaft@banater-schwaben.de oder im Onlineshop unter www.banater-schwaben.de