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Banater Post

Mit 18 Fußballprofi in Bukarest

Marco Ehmann mit Spielervermittler Marius Niculae bei der Vertragsunterzeichnung in Bukarest. Foto: blogsport.gsp.ro

Beim FC Dinamo Bukarest trägt Marco die Nummer 5. Foto: www.fcdinamo.ro

Durch die rustikale Gaststätte des Hotels Rin klingt dezent rumänische Volksmusik. Der spärlich besetzte Speisesaal, gelegen neben einem noblen, gibt den Blick auf eine Brachfläche frei. Es ist die Einflugschneise des Internationalen Flughafens Otopeni im Norden der rumänischen Hauptstadt Bukarest. Ein Flugzeug nach dem anderen donnert vorbei. Den jungen Mann, der an einem Tisch mit seinem Besucher sitzt, stört der Lärm in keiner Weise. Auch nachts mache ihm das nichts aus, die Fenster seien geschlossen. Auch die sechsspurige Nord-Süd-Magistrale, die Bukarest, ähnlich wie die Ruhrschnellstraße, von Nord nach Süd durchtrennt, lässt ihn kalt. Was dem schlanken, athletischen, blonden jungen Mann mit dem kurz gehaltenen Bart wichtiger ist: Das Trainingsgelände des FC Dinamo Bukarest ist einen Steinwurf vom Hotel entfernt, ebenso der Flughafen, von dem er in seine Heimat fliegen kann.

Der junge, selbstbewusste Mann heißt Marco Ehmann. Er ist der in Spaichingen geborene Sohn einer Lugoscherin und eines Darowaers. Marco ist im Frühjahr nach Bukarest gekommen, um eine Karriere als Fußballprofi zu starten. Seither ist er mit anderen Fußballern im Hotel Rin in Otopeni stationiert. Marco, 1,87 Meter groß, ist beidfüßig und als Innenverteidiger ausgebildet.

Florin Bratu, Trainer des FC Dinamo Bukarest, will in der rumänischen Fußball-Meisterschaft 2018/2019 Erfolge mit einer Mannschaft erzielen, in der sowohl erfahrene als auch junge Akteure eine Rolle spielen. Zu den jungen, die ins Geschehen eingreifen sollen, gehört der 18-Jährige Marco aus Spaichingen. Bratu hat ihn schon Mitte Juni auf einer Pressekonferenz mit dem restlichen Dinamo-Kader vorgestellt. Doch wegen der international gültigen Transferbestimmungen war er zu Meisterschaftsbeginn (Mitte Juli) noch nicht für Dinamo spielberechtigt, sondern erst seit dem 3. August, also mit Vollendung des 18. Lebensjahrs. Inzwischen hat der FC Dinamo Marco auch offiziell auf seiner Internetseite vorgestellt. Er trägt die Nummer 5. Er hat einen bis 2024 gültigen Vertrag unterzeichnet.

Obwohl Marco noch nicht im rumänischen Oberhaus, der National-Liga, spielen konnte, durfte er schon in den rumänischen Jugend-Nationalmannschaften eingesetzt werden. Der Einsatz für Rumänien ist möglich geworden, weil Marco als Nachfahre ehemaliger rumänischer Staatsbürger die rumänische Staatsbürgerschaft 2018 erhalten hat.

Die Entscheidung, für Rumänien zu spielen, fällt Marco nach langen Überlegungen zusammen mit seinen Eltern. Vorausgegangen war eine Anfrage Vlad Munteanus, Chef der rumänischen Jugend-Nationalmannschaft.

Marco schien eigentlich eine Bilderbuchkarriere in Deutschland vorgezeichnet. Alles hat geklappt, bis er 2017 beschlossen hat, von Borussia Dortmund zum Karlsruher SC zu wechseln, Doch davon später.
Die bisherigen Stationen des am 3. August 2000 geborenen Marco: Im Alter von vier Jahren beginnt er beim SV Spaichingen Fußball zu spielen. Mit elf wird er in den DFB-Stützpunkt Schwarzwald in Aldingen berufen und wechselt zum SSV Reutlingen. Jetzt trainiert er schon viermal wöchentlich. Über den Fußball-Stützpunkt Aldingen, in den die besten 20 Fußballer aus dem Kreis Schwarzwald-Bad berufen werden, gelangt er 2012 zur U13 des SC Freiburg. Marco geht weiter zur Schule in Spaichingen. Training und Schule sind eine Doppelbelastung, sowohl für ihn als auch für die Eltern. Der Stützpunkt Aldingen gehört zu den Stationen, die auch die heutigen Nationalspieler Joshua Kimmich und Sebastian Rudy durchlaufen haben.

Nach drei Jahren Freiburg, wo er in der U15-Bundeliga spielt, und der Berufung in die Landesauswahl Südbaden, deren Kapitän er ist, wird er 2014 in die DFB-U15-Nationalmannschaft berufen. Er nimmt mit der deutschen U16-Nationalmannschaft am 1000-Tage-Countdown zur Fußball-WM in Moskau teil. Unter Lothar Matthäus spielt er mit dem deutschen Team auf dem Roten Platz.

Die Berufungen in die Jugend-Nationalmannschaften macht Bundesligisten neugierig. Bayer Leverkusen, Leipzig, Hoffenheim und der VfL Wolfsburg klopfen an. Marco entscheidet sich für Borussia Dortmund und erhält seinen ersten Vertrag. Er geht nach Dortmund, weil es dort ein Konservatorium gibt, das er besucht. Er will in der Musik ein zweites Standbein haben. In Dortmund spielt er anderthalb Jahre lang in der U17-Bundesliga. In jedem Spiel ist er dabei. 2017 kommt ein Bruch: Marco verletzt sich und mehrere Monate lang krank. Danach hat er noch etwa drei Einsätze und stellt sich die Frage: „Wie viele Abwehrtalente aus der hervorragenden Jugendabteilung der Borussia haben den Weg nach oben geschafft?“

Marco entschließt sich zu wechseln. Er geht 2017 zum Karlsruher SC, der, wie er sagt, eine phantastische Jugendabteilung hatten. „Das war ein Riesenfehler“, weiß er inzwischen. Dann kommt die Anfrage des Rumänischen Fußball-Verbandes. Marco, der schon in der U15 und U16 für Deutschland gespielt hat, entscheidet sich nun für Rumänien. Er hält sich zu Hause fit, spielt in der U 18 Rumäniens in einem Turnier in La Manga. Auswahltrainer Bratu schenkt ihm das Vertrauen. Er lässt Marco in jedem Vergleich durchspielen, in der letzten Begegnung sogar als Kapitän. Dann klopft CFR Klausenburg bei ihm an. Er fliegt mit Berater und Eltern nach Klausenburg. Nach fünf Tagen Aufenthalt in Siebenbürgen ist der Vertrag mit dem aktuellen rumänischen Meister unterschriftsreif. Doch dann meldet sich Bratu, inzwischen Trainer des FC Dinamo Bukarest, und stimmt ihn um. Marco fliegt nach Bukarest und unterschreibt seinen ersten Profivertrag bei Dinamo. Es ist eine Entscheidung für Bratu, ein Vertrauensbeweis Marcos.

Inzwischen hat Marco sieben Länderspiele mit der rumänischen U18-Nationalmannschaft bestritten, drei davon als Kapitän. Jetzt freut sich Marco auf die Spiele in der EM-Qualifikation mit der rumänischen U19-Nationalmannschaft.

Abgesehen von rumänischer Volksmusik und gutem Essen, Marco hat inzwischen eines festgestellt: Im Land seiner Vorfahren gibt es schöne Frauen. Doch mit Freundinnen will er vorerst nichts zu tun haben. Marco will sich voll auf den Fußball konzentrieren. Deshalb trinkt er in der Gaststätte des Hotels Rin auch lediglich Wasser. Sein Gegenüber, eben aus Köln eingeflogen, probiert ein rumänisches Bier. Und gemeinsam genießen sie die als Mici bekannten Würstchen, mit gebratenen Kartoffeln nach banat-schwäbischer Art, Pilzen und Krautsalat.