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Banater Post

Ungebrochener Zulauf, doch überall fehlen Lehrer

Gäste des Parlamentarischen Abends in der Botschaft Rumäniens in Berlin (von links): Hartmut Koschyk MdB, DFDR-Abgeordneter Ovidiu Ganţ, Rainer Arnold MdB, Rockmusiker Peter Maffay, Dr. Bernd Fabritius MdB, Klaus Brähmig MdB, Botschafter Dr. Lazăr Comănescu.

Unser Banater Landsmann Richard Fasching mit Rockmusiker Peter Maffay. Fotos: Richard Fasching

Deutschsprachiges Schulwesen Rumäniens vor dem Kollaps - Das deutschsprachige Schulwesen Rumäniens steht vor dem Kollaps. Es fehlen aber nicht, wie lange Zeit prognostiziert wurde, Schüler, sondern Lehrer. Das Interesse an deutschen Schulen ist ungebrochen. Wegen der sehr viel höheren Gehälter ziehen es Lehrer aber vor, bei Unternehmen aus dem deutschen Sprachraum zu arbeiten. Deutschland und Rumänien müssten sich unbedingt zusammensetzen und über einen Ausweg nachdenken. Dies war der Tenor eines Parlamentarischen Abends, zu dem das Deutsch-Rumänische Forum am 23. September hochrangige Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Medien in die Rumänische Botschaft nach Berlin einlud.

Wie groß das Interesse an den deutschen Schulen Rumäniens ist, dafür lieferte der rumänische Bildungsminister Remus Pricopie den besten Beleg. Obwohl weder er noch seine Frau Deutsch sprechen, besucht ihre elfjährige Tochter eine deutschsprachige Schule. Rumänisch und Englisch lerne sie sowieso. Deutsch eröffne ihr zusätzliche Perspektiven, sagte Pricopie. Ihm zufolge bietet das rumänische Schulwesen Unterricht in elf Muttersprachen. Deutsch liegt, was die Schülerzahlen angeht, nach Rumänisch und Ungarisch an dritter Stelle.

Das deutschsprachige Schulwesen Rumäniens hat eine sehr lange Tradition. Die Siebenbürger Sachsen haben es im 14. Jahrhundert begründet, die Banater und Sathmarer Schwaben im 18. Jahrhundert. Es hat so manchen Sturm überstanden, beispielsweise die Madjarisierungsbestrebungen im 19. Jahrhundert oder die kommunistische Diktatur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Nun ist es aber wegen des ungebrochenen Zulaufs und fehlender Lehrer ernsthaft bedroht. Hartmut Koschyk (CSU), der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, sagte, es sei „fünf vor zwölf“. Wenn nichts geschehe, stehe das traditionsreiche deutschsprachige Schulwesen vor dem Aus.

Als in den frühen 1990-er Jahren die meisten der noch im Land verbliebenen Schwaben und Sachsen nach Deutschland ausreisten, dachte manch einer, dass damit auch das deutschsprachige Schulwesen seinem Ende entgegengehe. Das Gegenteil ist eingetreten. Immer mehr rumänische Eltern schickten und schicken ihre Kinder in die deutschen Schulen, um ihnen Perspektiven im deutschsprachigen Raum zu eröffnen. Mittlerweile sind bis zu 90 Prozent der Schüler Rumänen. Wie Ovidiu Ganţ, der Abgeordnete der deutschen Minderheit im rumänischen Parlament, auf dem Parlamentarischen Abend in Berlin berichtete, gibt es zum Beispiel in diesem Schuljahr an der Temeswarer Lenau-Schule in der 4. Klasse vier Parallelklassen, in der 1. Klasse sogar sieben. Ähnlich sei es an vielen anderen deutschsprachigen Schulen Rumäniens. Doch fehlten überall Lehrer. Sie seien von der Wirtschaft abgeworben worden. Deutsche, Österreicher und Schweizer, die in Rumänien investieren, zahlten doppelt so hohe Gehälter. Ganţ sagte, dass das Problem fehlender Lehrer nur mit Unterstützung Deutschlands und Rumäniens zu lösen sei. Ähnlich
äußerten sich Rumäniens Botschafter Lazăr Comănescu und Christoph Bergner (CDU), der Vorsitzende des Deutsch-Rumänischen Forums.

Erste Gespräche fanden bereits in Berlin statt. Zu der Delegation aus Rumänien gehörten außer Ovidiu Ganţ der rumänische Bildungsminister Remus Pricopie, die für die Minderheiten zuständige Unterstaatssekretärin Christiane Gertrud Cosmatu sowie Martin Bottesch, Vorsitzender des Demokratischen Forums der Deutschen Siebenbürgens. Gesprächspartner auf deutscher Seite waren − neben Hartmut Koschyk und Christoph Bergner − Rainer Arnold (SPD), Vorsitzender der Deutsch-Rumänischen Parlamentariergruppe, Klaus Brähmig (CDU), Vorsitzender der Gruppe der Vertriebenen, Aussiedler und nationalen Minderheiten in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion sowie Bernd Fabritius (CSU), Mitglied im Menschenrechts- und Europaausschuss des Deutschen Bundestags und Bundesvorsitzender des Verbands der Siebenbürger Sachsen.

Musikalisch umrahmt wurde der Parlamentarische Abend von dem Kinder- und Jugendensemble der Evangelischen Honterusgemeinde Kronstadt „Canzonetta“ unter der Leitung von Ingeborg Acker. Obwohl die Hin- und Rückfahrt mit dem Bus jeweils zwei Tage dauerte, ließ es sich Stadtpfarrer Christian Plajer nicht nehmen, die jungen Leute zu begleiten. Nach einem großartigen Konzert mit Musik aus verschiedenen Ländern und Epochen begleiteten die jungen Musiker zum Schluss Peter Maffay. Der erfolgreichste deutsche Rockmusiker sang seine beiden Riesenhits „Nessaja“ („Ich wollte nie erwachsen sein“) und „Über sieben Brücken musst du gehn“. Maffay wurde in Kronstadt geboren und kam Anfang der 1960-er Jahre als Kind nach Deutschland. Die von ihm gegründete Stiftung „Tabaluga“ engagiert sich für Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen in Rumänien, Deutschland und Spanien.