zur Druckansicht

private Anzeige schalten

Media-Center

Banater Post

Spurensicherung

„Städte und Dörfer“ ist ein Buch über, von und für die Banater Deutschen, das stellvertretend für viele Ortschroniken, Ortsmonographien und Heimatbücher „Heimat“ in einem neuen Wissensformat vermitteln will und durch seine Inhalte und Aufmachung einlädt, erworben zu werden. Im Unterschied zu den zahlreichen, von dinglichen Objekten völlig losgelösten Ortsgeschichten im Internet ist das Buch greifbar. Die Siedlungsgeschichte des Banats ist mit der herannahenden Abwesenheit der deutschen Bevölkerung nicht zu Ende, sie wird sich auch ohne Deutsche fortentwickeln. Für die fern von ihrer alten Heimat Lebenden gilt es, die Erinnerungsgemeinschaft zu stärken, ihre Lebensdauer zu verlängern. Diesem Ziel verschreiben sich die Autoren, seine redaktionellen Betreuer und der institutionelle Förderer. Spuren vormaligen Daseins zu sichern und an die Heimat zu erinnern bedeutet für die Hauptakteure dieses Projekts – die Heimatortsgemeinschaften – eine Herausforderung, die sich jeden Tag aufs Neue stellt, hier und dort, sind sie doch das wichtigste Bindeglied zu ihren Banater Herkunftsorten.

»Städte und Dörfer« – ein Buch über, von und für die Banater Deutschen

Ähnlich wie bei anderen ost- und südostdeutschen Gruppen sind an der Herausbildung und Bewahrung von Zugehörigkeitsbewusstsein mehrere Medien beteiligt, in deren Mittelpunkt Selbstdarstellung und -inszenierung stehen. Der Heimatverlust durch Flucht, Vertreibung und Aussiedlung führte zu renovierten Traditionsformen durch veränderte Prozesse der Ritualisierung und Einprägung von Werten und Verhaltensnormen. Dabei kommt der klassischen Repräsentation im Medium Buch eine wesentliche Rolle zu. Spätestens seit den beginnenden zwanziger Jahren wurde das banatschwäbische „Heimatbuch“ zum wichtigen Medium der Selbstrepräsentation. Kürzlich wurde von der Landsmannschaft der Banater Schwaben ein thematischer Sammelband herausgegeben, an den breite Leserkreise große Erwartungen knüpfen: „Städte und Dörfer. Beiträge zur Siedlungsgeschichte der Deutschen im Banat“. Redaktion: Elke Hoffmann, Peter-Dietmar Leber, Walter Wolf, 670 Seiten, München 2011.

Der Band bietet das fünfte Modul eines seinerzeit auf eine längere Laufzeit angelegten Projekts – „Das Banat und die Banater Schwaben“. Seit dem Start des Unternehmens sind mehr als drei Jahrzehnte tiefgreifender Veränderungen verstrichen. Die ersten vier Bände – „Kirchen, kirchliche Einrichtungen, kirchliches Leben“ (1981), „Der Leidensweg der Banater Schwaben im zwanzigsten Jahrhundert“ (1983), „Trachten und Brauchtum“ (1986), „Schule und andere Kultureinrichtungen“ (1991) – erschienen zeitnah zueinander. Die vorliegende Neuerscheinung entschädigt für die lange Erarbeitungszeit, stellt sie doch einen qualitativen Höhepunkt schlechthin dar. Das Buchprojekt wurde vom institutionellen Herausgeber vor zehn Jahren in die Wege geleitet. Der Zeitpunkt war nicht zufällig: Seit 1989 ist die banatdeutsche Gemeinschaft in eine geschichtlich beschleunigte Zeiterfahrung eingetreten. Ziel des Unternehmens war, gegenwärtige und ehemalige Siedlungen – Städte und Dörfer – mit deutschem Bevölkerungsanteil vollständig zu erfassen und in ihrer Bedeutung für das Verständnis der eigenen Geschichte zu erschließen. Dabei sollte der facettenreiche Untersuchungsgegenstand „Heimatort“ so weit wie möglich als Ganzes und in gebotener Kürze behandelt und einem breiteren Publikum vorgestellt werden.

Behandelt werden mehr als 150 Orte aus dem 1918/20 durch Teilung der Region entstandenen östlichen rumänischen Banat. Der Raumbezug entspricht somit dem in der Diaspora formierten raumzeitlichen Verständnis von Heimat. Beteiligt an dem Gemeinschaftsunternehmen sind fast ebenso viele individuelle, mehrfache und korporative Verfasser. Sie sind im Bewusstsein der ehrwürdigen Vergangenheit ihres Heimatortes aufgewachsen oder der behandelte Ort liegt in ihrer Lebenslandschaft. Jüngere Mitautoren kennen diesen nur aus der Literatur und gelegentlichen Besuchen. Sie beschreiben eine Lebenswelt, die sie aus den Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern mitbekommen haben. Die Kurzdarstellungen sind auf den ersten Blick Ausdruck einer kleinräumigen Identifikation. Die Verfasser sprechen zwar über konkrete Orte, beziehen aber stets die erweiterte Banater Heimat mit ein. Das, was sie eint, ist vorrangig das Interesse für ihren Heimatort und ihre Heimatregion, dann ihre gemeinsame Herkunft und nicht zuletzt vielfach die biographische Erfahrung. Die Träger der kollektiven Erinnerung bilden dennoch keine Generationeneinheit. Ohne ihre beherzte Mitarbeit wären die Beiträge nie geschrieben worden, wie ohne den erfahrenen Einsatz der Redaktion diese in der vorliegenden Form wohl nie finalisiert worden wären.

Vorstellungen und Zielsetzung

Dem Sammelband liegen bestimmte Vorstellungen und Zielsetzungen zugrunde. Das kurze „Vorwort“ von Peter-Dietmar Leber umreißt die Zielsetzung der Publikation: dem Versinken in der Geschichte und dem damit einhergehenden Vergessen durch Erinnerung entgegenzuhalten. Aus der Überlegung heraus, dass die deutsche Siedlung im Banat ihrem voraussehbaren Ende naht, sollte gemeinsam mit den Heimatortsgemeinschaften ihre Entwicklung im Banat von den Anfängen bis in die Gegenwart in einem Buch dokumentiert werden, „in dem so viel wie möglich von dem festgehalten werden sollte, was endgültig zu verschwinden drohte!“. Die Publikation sei als Ergebnis der Aufarbeitung von Verlusterfahrung zu betrachten: „Der Trennung vom Ort, dem Verlust der Gemeinschaft wird ein Werk entgegengesetzt, das geistige Heimat bietet.“ Es zeigte sich schnell, dass der ursprünglichen Konzeption einer lexikalischen Darstellung, die eine inhaltlich einheitliche Behandlung der einzelnen Ortschaften entsprechend einem vorgegebenen Frageraster voraussetzte, an Grenzen gestoßen war. Zum einen war die Überlieferungssituation der zu erfassenden Orte unterschiedlich. Einige Verfasser konnten sich auf vorhandene Ortsmonographien und Heimatbücher stützen, andere wiederum fanden ein braches Forschungsfeld vor, weder Vorarbeiten noch Quellensammlungen oder Aufzeichnungen der sogenannten Erlebnisgeneration standen ihnen zur Verfügung. Zum anderen ergaben die für das Projekt zur Verfügung gestandenen Beiträge ein widersprüchliches Bild sowohl hinsichtlich des thematischen und methodischen Zugangs der Autoren als auch des Umfangs und der inhaltlichen Durchdringung des Gegenstands ihrer Untersuchung. Unterschiede in der Sicht- und Vorgehensweise sind jedoch nicht nur für dieses Gemeinschaftsunternehmen typisch – auch wissenschaftliche Forschungsprojekte sehen sich mit der Heterogenität des Mitarbeiterkreises konfrontiert.

In der öffentlichen und wissenschaftlichen Diskussion begegnen wir immer wieder der Auffassung, dass das von den „Heimatbüchern der deutschen Vertriebenen“ vermittelte Geschichtsbild von den politischen Interessenvertretungen diskursiv gesteuert, wenn nicht den Verfassern geradezu aufgezwungen sei. Solche Auffassungen dürften Peter-Dietmar Leber zum Hinweis veranlasst haben, „dass Art und Weise der Darstellung, die Festsetzung inhaltlicher Schwerpunkte jeder Heimatortsgemeinschaft jedem einzelnen Autor überlassen blieb“ (Vorwort, S. 7). Im Geleitwort legt Elke Hoffmann nach: Auswahl und Gewichtung von Themen und Geschehnissen, deren Deutung sei „von der Sicht und dem Verständnis der einzelnen Autoren abhängig“ (S. 8). Von einem vom Herausgeber verordneten oder geschönten Geschichtsbild kann daher nicht die Rede sein. Vielmehr haben wir es mit diskursiven Konsensbildungsprozessen zu tun, die gruppenspezifische Merkmale aufweisen, aber letztendlich ähnlich ablaufen wie in vielen anderen Diskursgemeinschaften.

Die Memoria-Vorstellungen, von denen sich die Publikation leiten lässt, scheinen trotz zurückhaltender Formulierung unverändert zu sein. Elke Hoffmann knüpft dabei an traditionelle Anschauungen: Entstanden sei ein buntes Mosaikbild, das historische Entwicklung, Weltbild und Lebenshaltung im Wandel der Zeiten veranschauliche und „die Gewissheit [vermittle], dass unsere Vorfahren und wir durch unsere Anwesenheit in diesem Landstrich, durch Arbeit, Fleiß und hartes Ringen einstmals banatschwäbische Orte, eine Landschaft mitgeprägt und Spuren hinterlassen haben“. Wenn auch punktuell noch anzutreffen, so bleiben Belehrungen über „Eigenart“ und „Kulturleistungen“, wie sie in den vorausgehenden Bänden der Publikationsreihe „Das Banat und die Banater Schwaben“ anzutreffen sind, in den sachlichen Einzeldarstellungen weitestgehend aus. Bevor wir nach der Konzeption fragen, die dem Sammelband zu Grunde liegt, sollen kurz die überlieferten Vorbilder skizziert werden, auf die die Verfasser der Beiträge beim Schreiben aufschauten.

Vorbilder

Die Publikation reiht sich in eine weit ins 19. Jahrhundert zurückgehende Tradition ein, sie orientiert sich an anerkannten Vorbildern und ist nach bestimmten Regeln strukturiert. Ein erster Ansatz umfassender Beschreibung des lokalen Raums war der ethnographisch-statistischen Methode verpflichtet. Zum Jahresbeginn 1859 wurden die Kreisämter der Serbischen Woiwodschaft und des Temescher Banats wie auch die militärische Sonderverwaltung im Banater Abschnitt der Österreichischen Militärgrenze aufgefordert, die ihnen von den zuständigen Landesschulinspektoren zugeleiteten gedruckten Instruktionen zur Sammlung, Sichtung und Erarbeitung einer „Ethnographisch-topographischen Beschreibung des serbisch-banater Landesgebietes mit der anstoßenden k.k. Militärgrenze“ umzusetzen. Wenn auch die Initiative vom ehemaligen Orawitzaer Dechantpfarrer Johann Heinrich Josef Kümmer (1808–1890), dem von 1855 bis 1861 die Aufsicht über das Provinzialschulwesen oblag, ausgegangen zu sein scheint, dürfte dem in Temeswar geborenen Historiker Frigyes Pesty (1823–1889) als Leiter der Industrie- und Handelskammer in Temeswar (1851–1864) eine maßgebliche Rolle beim Zustandekommen der Datensammlung zugekommen sein. Den Ortsbeschreibungen stellte er einen zweiten, umfassenden Fragebogen zum geographischen Namenmaterial der einzelnen Gemeinden voran.

Das Fragenraster der Erhebung war in vier Abschnitte gegliedert: (1) Der Ort und seine Umgebung, (2) Seine naturräumlichen Merkmale, (3) Wirtschaftsbereiche (Landwirtschaft, Gewerbe, Indus-trie und Handel) und (4) Die Menschen, die ihn bewohnen. Die letzte Abteilung behandelte die Bevölkerung im demografischen Sinne, die Schulbildung, das Vereinswesen und die „ethnographischen“ Zustände im Dorf. Es war der erste Versuch einer flächendeckenden Erfassung lokalgeschichtlicher und ethnographischer Merkmale auf regionaler Ebene. Die Verfasser der vornehmlich auf Deutsch, aber auch in anderen Regionalsprachen abgefassten Beschreibungen waren fast alle kommunale Funktionsträger, „Honoratioren“. Von den zweckbestimmt eingerichteten Datensammlungen und den übersichtlichen Beschreibungen gingen wichtige Impulse für die Erforschung der Dorfgeschichte aus.

Die von Ortvay Tivadar Károly (dt. Theodor Karl Orthmayer, 1843 –1916) gemeinsam mit Jens (Eugen) Szentkláray (1843–1925) 1871 in Temeswar veröffentlichte und unvollendet gebliebene „Geschichtliche Datensammlung“ (Történelmi adattár) beruht auf den eingelieferten amtlichen Ortsbeschreibungen. Szentkláray hat die Beschreibungen auch für seine Pfarreigeschichten (A Csanád-egyházmegyei plébániak története [Die Geschichte der Pfarreien des Tschanader Bistums], Temesvár 1898) herangezogen. Da Abschriften im jeweiligen Gemeindearchiv vorlagen, fanden die amtlichen Ortsbeschreibungen frühzeitig Eingang in monographische Darstellungen. Ende des 19. Jahrhunderts gelangten sie in die Handschriftenabteilung der Budapester Széchényi-Nationalbibliothek. Bis heute bilden sie informationsreiche Quellen für Forscher und Heimatkundler.

Einem ganz anderen kulturpolitischen Kontext ist der zweite Anlauf einer flächendeckenden Erfassung zuzuordnen, diesmal beschränkt auf die deutschen Siedlungen. Nach dem Zusammenbruch der Österreichisch-Ungarischen Monarchie 1918 beruhte die Entwicklung der Banater Schwaben zu einer institutionell verfassten, ihre politische Repräsentation suchende Minderheit auf einem veränderten, nationalpolitischem Gruppenbewusstsein. Identitätsbildung vollzog sich durch allseitige Abgrenzung. Das neue Selbstverständnis entsprach der Spaltung der Gesellschaft in eine Volksgemeinschaft der Deutschen einerseits und die Gruppe der nichtzugehörigen Gemeinschaftsfremden andererseits. Aus Anlass der großen zweihundertjährigen Ansiedlungsfeierlichkeiten 1923 in Temeswar und Werschetz erarbeitete der Schriftsteller, Publizist und Mitbegründer des Deutschen Kulturverbandes (1919) Karl von Möller (1876–1943) sein zweiteiliges, in der Reihe „Deutsch-Banater Volksbücher“ veröffentlichtes heimatgeschichtliches Werk „Wie die schwäbischen Gemeinden entstanden sind“ (Teil 1–2, Temesvar 1923–1924, 111 und 188 S.). Möller gestaltete die ihm zugesandten Mitteilungen über die Entstehung und Entwicklung der Banater Gemeinden zu „Dorfgeschichten“ aus und veröffentlichte sie in der „Schwäbischen Volkspresse“ (Temeswar), der späteren „Banater Zeitung“. Daraus erwuchs „der Plan, ein Geschichtsmosaik, eine schwäbische Volksgeschichte, bestehend aus Dorfgeschichten, zu improvisieren“. Als Zweck seiner auf Selbstrepräsentation zielenden Arbeit bezeichnet er nicht nur die „Vertiefung des Wissens um die Vergangenheit im [banat]schwäbischen Volke selbst“, sondern auch die Außenwirkung bei den anderen deutschen Siedlergruppen in den Nachfolgestaaten der Länder der Stephanskrone wie auch unter den Angehörigen der mitwohnenden Nationen. Es galt, „die kulturellen Pionierleistungen“ zu würdigen und ihnen öffentliche Anerkennung zuteil werden zu lassen.

Entstanden ist ein Gemeinschaftswerk, das aus rekursiven Mosaiksteinen zum Thema Ansiedlung besteht: Bei der Niederschrift der Antworten auf seine Umfrage wurde er von zahlreichen Mitarbeitern unterstützt, insbesondere Pfarrer, Lehrer, Ärzte und Aktivisten der Ortsgemeinschaften des Deutsch-Schwäbischen Kulturverbands. Sie sichteten und trugen Aktenstücke aus Gemeindearchiven, Kirchenregister, in Privatbesitz befindliche Personaldokumente und Selbstzeugnisse von Einwanderern zusammen. Möllers „Dorfgeschichten“ ist ein wichtiger Impuls zu verdanken: Heimatgeschichte gehörte von nun an zu den vornehmsten geistigen Beschäftigungen der identitätsbewussten Dorfelite.

Die publizistische Präsentation von Ortsgeschichten in Zeitungen und Kalendern reicht im Banat bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück. Eine Weiterentwicklung erfuhr sie ab 1988 durch die von der Banater Post eingeleitete Reihe „Banater Ortschaften stellen sich vor“. Die Einzelbeiträge orientierten an einem allgemeinen, in abwechselnder Form zur Anwendung kommenden Themenraster: geographische Lage, naturräumliche Merkmale, Siedlungsschichten und Ortsgründung, Ansiedlung, Bevölkerungsentwicklung, Kirche, Schule, Vereinswesen, schicksalhafte Ereignisse und entwicklungsbestimmende Zäsuren in ihren lokalen Ausprägungen.

Konzeption und Inhalte

Der historisch ausgerichtete und generalistisch angelegte Sammelband ist methodisch einem ortslexikographischen Ansatz verpflichtet, der, wenn auch hinsichtlich der formalen Gliederung aufgegeben, die Bearbeitungsrichtung und den Aufbau der Beiträge maßgeblich prägte. Das Abkommen von der ursprünglichen Konzeption hat sich im vorliegenden Fall positiv ausgewirkt: Eine sich durchziehende vereinheitlichende und nivellierende Betrachtungsweise hätte den Anschauungswert der im Mikroraum angesiedelten Heimatgeschichte geschmälert. Der thematische Aufbau lehnt sich an die in der Banater Post erschienenen Aufsätze an. Dem Sammelband wurde eine dominierende historische Dimension vorangestellt: Die Einzeldarstellungen liefern lokale Grunddaten und Anhaltspunkte der historischen Entwicklung. Daher haben sie einen deskriptiven Charakter und schließen tiefergehende Problemstellungen aus. Die Auswahl der Siedlungen ist von der heimatlichen Verortung der mitwirkenden Heimatortsgemeinschaften bestimmt. Ausschlaggebend war somit das Kriterium der gemeinschaftlichen, implizit nationalen Zugehörigkeit. Gegenstand der Darstellung bilden Siedlungen mit mehrheitlichem oder beträchtlichem deutschen Bevölkerungsanteil. Mit einbezogen sind auch die Ortschaften im nördlich der Marosch liegenden Arader Gebiet, deren Genese siedlungsgeschichtlich mit den im Banat liegenden Siedlungen im engen Zusammenhang steht. Innerhalb der Siedlungsregion Banat wird dem strukturelle Entwicklungsmerkmale aufweisenden Banater Bergland Rechnung getragen. Die Inhalte werden von siedlungs-, bevölkerungs-, wirtschafts-, kultur- und politikgeschichtlichen Fragestellungen bestimmt. Auch im weitesten Verständnis greift der im Untertitel zur thematischen Einordnung des Bandes herangezogene Begriff „Siedlungsgeschichte“ zu kurz. Aber auch hier dürften Traditionsstränge ausschlaggebend gewesen sein: Siedlungsgeschichte war nach 1918 jenes Forschungsfeld, das die regionale Geschichtsschreibung und Heimatkunde als ihre ureigene Domäne betrachtete.

Das Schema für die Bearbeitung gliedert sich in mehrere Themenfelder. Zunächst wird auf die Entwicklung des neuzeitlichen lokalen Siedlungsbildes eingegangen, das eine Folge des planerischen Eingriffs in die überkommene Siedlungsstruktur war. Konsequent hingewiesen wird allerdings auch auf die Kontinuität bzw. partielle Kontinuität vorhabsburgischer Siedlungsschichten durch Nennung der mittelalterlichen Ortsbezeichnungen. Angeführt werden die Ortsnamen und -varianten, einschließlich der mundartlichen bis in die Gegenwart. Berücksichtigung findet auch die mehrsprachige Konkordanz der Ortsnamen. Ortsbezeichnung und Ortsgründung gehen oft ineinander über. Festgehalten werden die Ortsneugründung bzw. der Zeitpunkt der Ansiedlung vom 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert wie auch wichtige Ortserweiterungen infolge demographischen Wachstums und Zuwanderungen sowie die grundherrschaftlichen Verhältnisse der deutschen Ansiedler. Diese waren ausschlaggebend für die ethnische und soziale Schichtung der Orte und ließen wesentliche Unterschiede zwischen den Ortschaften aufkommen. Mit der Grundherrschaft war auch das kirchliche Patronatsrecht verbunden, das erst nach 1918 aufgehoben wurde. Die Autoren fühlen sich der deutschen Siedlungsgeschichte verpflichtet; daher werden die ethnischen Schichtungen in der Siedlungsentwicklung bis in die Gegenwart, abgesehen von den Auswirkungen von Agrarreformen und der Aussiedlung, meist auch nur unter deutschen Gesichtspunkten behandelt. Das Siedlungsgeschehen bildet nicht nur den umfangreichsten Themenbereich. Die zu den besten Textpassagen gehörenden Ausführungen machen den durch aufwändige Archivrecherchen in den letzten Jahrzehnten erzielten Erkenntnisfortschritt auf höchst ökonomische Weise transparent. Eindrucksvoll ist das in diesem Abschnitt gezeichnete Bild der weitläufigen Herkunftswelt der Erstansiedler und späterer Zuwanderer. Sehr gut herausgearbeitet ist die Entstehungsgeschichte der Binnenwanderungsorte (Sekundärsiedlungen) wie auch die Merkmale der im Ergebnis der Gemeinschaftsbildung entstandenen Ortsmundarten ausreichend bis überzeugend beschrieben sind. Zu kurz kommen hingegen naturräumliche und landschaftliche Standortfaktoren, die für das Ressourcenpotential und die wirtschaftliche, mithin auch demographische Entwicklung der jeweiligen Siedlung entscheidend waren. Mit der Ansiedlung wurden auch die Grundlagen für die konfessionelle und ethnische Situation der Orte gelegt. Einen wichtigen Bezugspunkt im Artikelaufbau bilden die demographischen Angaben. Festgehalten wird die Gesamteinwohnerzahl unter dem Gesichtspunkt der ethnischen und konfessionellen Gliederung. Zwar werden keine vollständigen Datenreihen geboten, aber immerhin aufschlussreiche Momentaufnahmen. Die konfessionelle Gliederung ist den Kirchenschematismen entnommen. Es folgt eine Übersicht der verwaltungsrechtlichen Qualität der Siedlung und ihrer territorialen, politisch-administrativen Zuge-hörigkeit – genuin ortslexikographische Fragestellungen.

Die Darstellung der lokalen Wirtschaft bezieht sich auf weiten Strecken auf das Wirtschaftspotential, über das sich die Banater Schwaben bisher vielfach definierten. Die zentrale Stellung der Landwirtschaft in dem überlieferten Geschichtsbild erscheint abgeschwächt. Der Akzent auf Handwerk und Gewerbe weist auf das allmähliche Abkommen von einem Bild hin, das auf die vorindustrielle ländliche Lebenswelt fokussiert ist. Wenn sie auch oft auf den herkömmlichen „Leistungsgedanken“ abheben, so bieten die Daten über den außerörtlichen Besitzerwerb und die Verteilung der Bauernhöfe über die Nachbargemeinden und darüber hinaus Erklärungsansätze nicht nur für wirtschaftsgeschichtliche Fragestellungen. Wird die Tragweite der Grundentlastung 1848/53 richtig erfasst, so kommt die Agrarreform nach dem Ersten Weltkrieg zu kurz. Einen Vertiefungsbedarf offenbaren die interessanten Schilderungen über Besitzenteignung, Kolonistenzuwanderung und Kollektivierung. Gerade die staatlich gesteuerte Kolonisation in der Frühphase der kommunistischen Zeit und im Zuge der Aussiedlung beschleunigte den Homogenitätsverlust deutscher „Mehrheitsorte“ und erzwang die Kommunikation zwischen denen, die sonst nebeneinander lebten und im Alltag nur wenig miteinander zu tun hatten.

Weitere Themenfelder umreißen Schule und Kirche. Auffällig ist die starke Position der Schule, bei deren Behandlung unverkennbare Erkenntnisfortschritte sichtbar werden. Die kirchliche Entwicklung wird vornehmlich unter topographischen Gesichtspunkten behandelt (Pfarreigründung, kirchliche Verwaltungszugehörigkeit, Kirchen-bau). Ein schöner Zug der Beiträge ist die Aufmerksamkeit für das prosopographische Detail – die wechselnde, oft glückliche personelle Konstellation in Schule und Kirche. Im Mittelpunkt stehen die „kleinen Leute“; Personen, die im Ort gewirkt und seine Entwicklung mitgestaltet haben. Das Vereinswesen ist informationsreich, aber meist unübersichtlich herausgearbeitet. Ergiebiger als die Aufzählung der Vereinsgründungen wäre das Aufzeigen ortsspezifischer Formen der Vergemeinschaftung und von Vereinstypen gewesen.

Kernepoche der ereignis- und politikgeschichtlichen Darstellung bleibt unverändert jene zwischen den Anfängen ethnonationaler Selbstbehauptung und Kriegskatastrophe (1918–1944/45). Der Opferdiskurs („Leidensweg“), ein obligatorisches, sich stets wiederholendes Narrativ, bleibt weiterhin Kern des Selbstbildes und wird in den meisten Beiträgen pietätsvoll und pragmatisch abgehandelt. Die überkommenen Deutungsmuster der Zeitgeschichte werden in der Regel beibehalten, neuen Sinngebungen begegnen wir kaum. Viele, vor allem jüngere Leser, hätten sich einen schärferen Blick auf die jüngere Zeitgeschichte gewünscht. Es zeigt sich vor allem, dass noch kein fester Diskurs zur Epoche des Kommunismus’ etabliert ist und die Fragestellungen auf wenige Aspekte verengt sind. Die Schilderung des Aussiedlungsprozesses und Angaben über Entstehung und Aktivitäten der Heimatortsgemeinschaften schließen die Darstellung ab. Innerhalb der Themenbereiche verfahren die Verfasser nach einem chronologischen Schema. Die Visualisierung der Beiträge ist bedachtsam, Vorrang hat die „Erzählung“. Dennoch werden wertvolle Bilddokumente herangezogen, darunter mehrere Erstveröffentlichungen. In Verbindung mit dem Text wird der Illustration eine emblematische Bedeutung zugeschrieben. Die Abbildungen veranschaulichen das gesamte Spektrum an Erinnerungsorten, vor allem Gegenstände im öffentlichen Raum (Gebäude, Kirchen, Kapellen, Wegkreuze, Denkmäler). Viele werden vom Betrachter als Erkennungsmarken (Wahrzeichen) wahrgenommen. Jede Ortsgeschichte ist irgendwie ein Gleichnis. Parallelen tun sich auf. Historische Entwicklungslinien, lokale Auswirkungen regionaler und überregionaler Ereignisse wie auch die Alltagsabläufe, die Sorgen und Nöte der Menschen in den Banater Städten und Gemeinden scheinen überall die gleichen zu sein. Wie ihre Bewohner die lokalen Entwicklungen mitgestaltet haben und die Herausforderungen der Geschichte vor Ort gemeistert haben, das ist der Stoff der Darstellungen. Gleichzeitig unterscheiden sich die Orte in ihren jeweils spezifischen Entwicklungsprofilen: Neben allen Gemeinsamkeiten gab es auch signifikante Unterschiede.

Den Autoren lag keine detaillierte Konzeption oder Leitfaden vor. Angesichts des Erfolges der Aufsatzreihe „Banater Ortschaften stellen sich vor“ lag es auf der Hand, die Aufbaustruktur, die sich in der Banater Post durchgesetzt hat, für die geplante Publikation zu übernehmen. Die Verfasser orientierten sich an achtunggebietenden Aufsätzen über Ortschaften aus ihrem landschaftlichen Zuge-hörigkeitsbereich. Fragestellungen und Themenstruktur wurden nachgeahmt, angepasst oder sogar erweitert. Mehrere Darstellungen sind eine leicht veränderte, ergänzte oder erweiterte Fassung des geschichtlichen Rückblicks, welchen die Verfasser meist anlassgebunden (Gedenkjubiläen, Gemeinschaftsfeste) erstellt hatten. In Anpassung an die ortgeschichtliche Entwicklung und an die Forschungslage haben nicht wenige Autoren auch Akzentverschiebungen in der inhaltlichen Gestaltung der vorgegebenen Themenfelder vorgenommen. Die gleichlautenden Fragestellungen und gleichartigen Entwicklungspfade wirken sich auch auf die Inhalte aus. Die Ausleuchtung des Kontexts führt notwendigerweise zu Wiederholungen, die allerdings die Lektüre nicht nachhaltig stören, vor allem wenn der Beitrag flüssig geschrieben ist. Aber auch das fehlende, bei der großen Anzahl von Autoren kaum zu leistende Zusammenspiel der Beiträge – zwischen Darstellungen benachbarter Orte, Orten im Einzugsbereich einer Stadt oder solchen mit gemeinsamen landschaftlichen oder teillandschaftlichen Strukturmerkmalen – leistete der Wiederholungsgefahr Vorschub.

Die sich schon in den siebziger und achtziger Jahren intensivierende Beschäftigung mit der Banater Heimatgeschichte führte vor dem Hintergrund des Systemwandels, der beschleunigten Aussiedlung der Banatdeutschen und des erleichterten Quellenzugangs in den Neunzigerjahren zu einer Hochblüte der Heimatforschung. Mittlerweile wurde die produktive Phase der Erarbeitung von Heimatbüchern überschritten; ein Prozess der förmlichen, thematischen und qualitativen Ausdifferenzierung scheint eingesetzt zu haben, dem auch der vorliegende Sammelband Rechnung trägt.

Fazit

Es ließe sich lange über Vorzüge, aber auch unerfüllte Desiderate dieses Buches diskutieren. Zwei Punkte sollen hier noch erwähnt werden: (a) In den Einzelbeiträgen wird allenfalls das grobe Muster komplexer regionaler und nationalstaatlicher Entwicklungstendenzen sichtbar. Der regionale Hintergrund wird mit unterschiedlicher Intensität ausgeleuchtet nur wenige Autoren wagen es, das Ganze in den Blick zu nehmen. Ein kurzer regionalgeschichtlicher Abriss und eine chronologische Zeittafel wären dem Leserinteresse entgegengekommen. (b) Von entscheidender Bedeutung für die Nutzung einer Publikation dieser Art ist das Register. Orts- und Personenverzeichnisse hätten den Zugang zu weiteren Problemfeldern geöffnet. Trotz dieser Defizite wird der Leser von dem Sammelband als Ganzes überzeugt sein. Er bietet jedem etwas, der sich für lokal-, regional- und kulturgeschichtliche Themen interessiert. Es ist nicht einfach, fast drei Jahrhunderte Ortsgeschichte in wenigen Worten zu schildern. Zwischen den Einzelbeiträgen bestehen inhaltliche, qualitative und nicht zuletzt sprachlich-stilistische Unterschiede. Dargeboten wird eine exemplarische und einzigartige Sammlung komprimierter lokalgeschichtlicher Darstellungen. Sie erschließen den Zustand des Ortes im Ganzen und bieten eine robuste Identifikation mit diesem, auch wenn der reale Kontext für die Autoren abhanden gekommen ist. Eine ähnliche Publikation wird man bei den anderen südostdeutschen Gruppen vergeblich suchen. Wenn auch der Herausgeber den Begriff scheut, so weisen Konzeption, Gliederung und Inhalte des Buches eher auf ein ortsgeschichtliches Handbuch hin, das an die zahlreichen banatdeutschen Ortsmonographien und Heimatbüchern erinnert – jene die vorliegen, und jene, die noch geschrieben werden müssen. Hinsichtlich des Dokumentationswertes des Sammelwerks sollte das Urteil nicht den „Vertriebenen-Heimatbuch-Experten“, sondern der Regionalforschung überlassen werden. Für lokales Wissen wird es sich als griffbereites Arbeitsinstrument durchsetzen. Als Selbstzweck sind Datensammlungen sinnlos. So wichtig sie auch sind: geschichtliche Erinnerung wird nicht auf der faktographischen Ebene hergestellt, sondern über Sinngebung. Für die Hauptzielgruppe ist die dargebotene historische Darstellung „fundierende Geschichte“ (Jan Assmann). Trotz des Anspruchs, Erinnerung in die Zukunft hinüberzuretten, ist die Publikation im Hier und Heute zu verorten. „Konstruktionen von Wirklichkeit“ und nichts anderes wird dargeboten, erfolgen immer durch Menschen in ihrer jeweiligen Zeit.

Die Siedlungsgeschichte des Banats ist mit der herannahenden Abwesenheit der deutschen Bevölkerung nicht zu Ende, sie wird sich auch ohne Deutsche fortentwickeln. Für die fern von ihrer alten Heimat Lebenden gilt es, die Erinnerungsgemeinschaft zu stärken, ihre Lebensdauer zu verlängern. Diesem Ziel verschreiben sich die Autoren, seine redaktionellen Betreuer und der institutionelle Förderer. Spuren vormaligen Daseins zu sichern und an die Heimat zu erinnern bedeutet für die Hauptakteure dieses Projekts – die Heimatortsgemeinschaften – eine Herausforderung, die sich jeden Tag aufs Neue stellt, hier und dort, sind sie doch das wichtigste Bindeglied zu ihren Banater Herkunftsorten. Gerade an diesem Punkt wurde jedoch eine wichtige Chance vertan: Die ethnische und sprachliche Verschiedenheit des Banats kommt lediglich in der Bevölkerungszusammensetzung zum Tragen. Der sichtbaren Präsenz anderer Ethnien im Siedlungsbild und den zwischenethnischen Beziehungen wird in den selbstreferentiellen Darstellungen kaum Bedeutung beigemessen. Von Nachteil für die Rezeption der Veröffentlichung dürften sich auch die größtenteils fehlenden Hinweise auf anderssprachige ortsgeschichtliche Literatur erweisen. Das Gedächtnis an die deutschen Siedlungen und das banatdeutsche Kulturerbe sollte aber auch dort verankert werden, wo diese entstanden sind – in der Region selbst. Will man die heutigen „Erben“ in die Pflicht nehmen, darf die zielgerichtete punktuelle Thematisierung von Parallelentwicklungen und Gemeinsamkeiten nicht ausbleiben. Damit werden Voraussetzungen für die Aneignung der deutschen Geschichte auf der lokalen und regionalen Ebene geschaffen. Es nützt daher auch nicht die Feststellung, dass Autoren jüngerer rumänisch-, serbisch- oder ungarischsprachiger Stadt- und Dorfmonographien auch nicht anders vorgehen. Lebte man früher gewohnheitsmäßig nebeneinander, so schreibt man heute aneinander vorbei.

„Städte und Dörfer“ ist ein Buch über, von und für die Banater Deutschen, das stellvertretend für viele Ortschroniken, Ortsmonographien und Heimatbücher „Heimat“ in einem neuen Wissensformat vermitteln will und durch seine Inhalte und Aufmachung einlädt, erworben zu werden. Im Unterschied zu den zahlreichen, von dinglichen Objekten völlig losgelösten Ortsgeschichten im Internet ist das Buch greifbar. Denn eins sind sich Herausgeber und Autoren sicher: Was bleibt, ist das Objekt! Oder, in Abwandlung einer bekannten sprichwörtlichen Weisheit: Besser das gedruckte Buch im Schrank als die virtuelle Fassung in der Glotze.