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Banater Post

60 Jahre Baraganverschleppung – Gedenkveranstaltung in Karlsruhe

»Ankunft im Baragan« Titelbild der Ausstellung »Sklaven im Baragan«. Malerei von Josef Breitenbach

Gedenken für die Opfer der Deportation auf dem Hauptfriedhof in Karlsruhe

Ehemalige Baragan-Deportierte bei der Gedenkfeier in Karlsruhe (Teil 1 - linke Seite)

Ehemalige Baragan-Deportierte bei der Gedenkfeier in Karlsruhe (Teil 2 - rechte Seite)

Einen großen Erfolg hatte die Ausstellung »Sklaven im Baragan«

Wenn Menschen sich auf einem Friedhof begegnen, ist der Anlass gewöhnlich alles andere als erfreulich. So war es auch am 25. Juni beim Vertriebenendenkmal auf dem Karlsruher Hauptfriedhof. Und dennoch: Die vielen Menschen, die sich hier zusammengefunden hatten, begrüßten sich immer wieder mit Freude und Herzlichkeit. Der Ausspruch eines älteren Herrn mit Gehhilfe brachte es auf den Punkt: „Wer hätte vor sechzig Jahren gedacht, dass wir uns einmal hier in Karlsruhe treffen werden?“ Und so war es. Sechzig Jahre danach, fast genau auf den Tag, trafen sich die Betroffenen, ihre Nachfahren und zahlreiche Banater Landsleute, um der Deportation in die Baragan-Steppe im Rahmen einer Sonderveranstaltung, zu der der Kreisverband Karlsruhe der Landsmannschaft der Banater Schwaben und das Gerhardsforum Banater Schwaben eingeladen hatten, um jener tragischen Ereignisse zu gedenken, die das Leben zahlreicher Banater Familien in ihren Grundfesten erschütterte und deren Folgen über Jahrzehnte nachwirken.

Für die Gedenkfeier am Vertriebenendenkmal hatten die Organisatoren 18 Holzkreuze aufgestellt mit den Namen der Verbannungsorte, wo zwischen 1951 und 1956 über 40 000 Personen, darunter mehr als die Hälfte Banater Schwaben, unter schwierigsten Bedingungen ihr Dasein fristen mussten. Diesem tragischen Kapitel aus der Geschichte der Banater Schwaben, diesen vom kommunistischen Regime in Rumänien ausgeübten brutalen Zwangsmaßnahmen gegen das eigene Volk widmete sich der Journalist und Sachbuchautor Hans Steiner in seiner Gedenkansprache. Der Redner ging auf die historischen Hintergründe dieser Deportation ein, die einerseits von der sogenannten Tito-Krise bestimmt waren und andererseits von den innenpolitischen Schwierigkeiten bei der „sozialistischen Umgestaltung“ der Wirtschaft, besonders der Landwirtschaft. Der Bruch der kommunistisch beherrschten Länder mit dem damaligen Jugoslawien, das von Moskau des Antisowjetismus und Revisionismus bezichtigt wurde, führte im Grenzgebiet zwischen Rumänien und Jugoslawien zu Spannungen, die letztlich dazu führten, dass Rumänien im Banat eine „Säuberungsaktion“ vornahm, der dann hauptsächlich die hier lebenden Banater Schwaben zum Opfer fielen. Gleichzeitig verfolgten die damaligen Machthaber in Bukarest eine nach sowjetischen Muster inszenierte Oppression aller potentieller Gegner des Kommunismus’ und besonders derer, die nach Lesart der Machthaber sich als „Feinde des Landes“ bemerkbar gemacht hatten. Die Deportation wurde somit zu einem weiteren vom Staat eingesetzten Druckmittel zur Durchsetzung der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft. Seinen persönlich gehaltenen Rückblick auf die Ereignisse vor sechzig Jahren kleidete Johann Steiner, der selbst auch seine Kindheit im Baragan verbringen musste, in eine Geschichte mit dem Titel „Wie dem Hund im Brunnen“. Die von ihm aus der Perspektive eines Kindes geschilderten Begebenheiten ließen so manche Erinnerungen wach werden: an die Ankunft auf freiem Feld im Hochsommer, ohne Schatten und ohne Wasser, an das Schuften der Menschen beim Errichten von ersten Behausungen in Erdlöchern, an die stürmischen Winter, an Krankheit, Elend und an die immer vorhandene Sehnsucht nach Freiheit.

Im weiteren Verlauf der Gedenkfeier verlas Peter Krier die Namen aller ehemaligen Verbannungsorte im Baragan, während am Vertriebenendenkmal ein Kranz für die Opfer der Deportation niedergelegt wurde. Abschließend betete Dekan Martin Ehling zusammen mit den anwesenden Landsleuten ein Gebet für alle Opfer der Verschleppung. Gerlinde Gilde sprach das Gedicht „Baraganfriedhof“ von Mathias Kandler. Musikalisch wurde der Festakt auf dem Friedhof vom Chor der Banater Schwaben aus Karlsruhe unter Leitung von Hannelore Slavik und von einer Bläsergruppe der Kapelle Billed-Alexanderhausen begleitet, geleitet von Adam Tobias.

Im Pfarrsaal der Kirchengemeinde Sankt Bernhard wurde am Nachmittag die Gedenkveranstaltung zum 60. Jahrestag der Baraganverschleppung mit einem Symposion fortgesetzt. Der Vorsitzende des Kreisverbandes Karlsruhe der Landsmannschaft, Werner Gilde, begrüßte die zahlreich erschienenen Gäste, unter ihnen Margret Mergen, die Erste Bürgermeisterin der Stadt Karlsruhe, Dr. Klaus Heilgeist, den Kuratoriumsvorsitzenden des Hauses der Heimat, Peter Krier, den Vorsitzenden des Hilfswerks der Banater Schwaben, den Schriftsteller Hans Lippet und die Referenten des Symposions. Bürgermeisterin Mergen überbrachte die Grüße der Stadt Karlsruhe und ging kurz auf die in den zurückliegenden Jahrzehnten stattgefundene Integration der Vertriebenen, Flüchtlinge und Aussiedler ein. Bezugnehmend auf die im Rahmen der Gedenkveranstaltung gezeigten Dokumentationsausstellung über die Baragandeportation ging die Rednerin auf das Schicksal der Banater Schwaben ein, auf die Folgen des Krieges, an denen die Deutschen in Osteuropa besonders zu leiden hatten. Mit Genugtuung stellte sie fest, dass durch die Aussiedlung die Banater Schwaben in Deutschland eine neue Heimat gefunden haben, dass sie hier in Frieden und Freiheit leben können. Die Tatsache, dass die Verbindung zur alten Heimat nicht abgerissen ist und dass heute eine Städtepartnerschaft zwischen Karlsruhe und Temeswar besteht, erfülle sie mit Freude. Der Gemeinschaftsgeist und der Zusammenhalt der Banater Schwaben sei ein Wert, so die Bürgermeisterin, der es verdient, nicht nur erhalten zu bleiben, sondern auch in der deutschen Gesellschaft weitergegeben zu werden.

Dr. Franz Metz, Vorsitzender des Gerhardsforums, richtete an die zahlreich erschienenen Gäste herzliche Grüße und unterstrich, dass im Mittelpunkt der Gedenkveranstaltung die Erinnerung und die Versöhnung stehen soll. Der Blick zurück soll dazu beitragen, dass sich solche Ereignisse, wie jene vor sechzig Jahren im Banat, nie wiederholen sollen. Darauf stellte Dr. Metz kurz das neue, vom Gerhardsforum herausgebrachte „Liederbuch der Donauschwaben“ vor.

Luzian Geier, Journalist und Regionalhistoriker, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bukowina-Institus Augsburg, ging in seinem Vortrag „Banat, Baragan und der Dritte Weltkrieg“ kurz auf die wichtigsten Veröffentlichungen ein, die über die Baragan-Deporation erschienen sind. Die bekanntesten Autorennamen, die in diesem Zusammenhang genannt wurden, waren Heinrich Feihoffer, Ludwig Schwarz, Wilhelm Weber, Valentin Stan und Dr. Nicoleta Ionescu-Gura. Der Referent präsentierte die historischen Hintergründe der Deportation und ging auf verschiedene bislang zugänglich gemachte Archivquellen ein, die die Terrormaßnahmen des damaligen kommunistischen Rumänien zum Gegenstand haben. Welches die Rolle der Sowjetunion bei den Repressionsmaßnahmen war und welche Strategien von den kommunstischen Machthabern in den einzelnen Etappen verfolgt wurden, sind nur einige der Fragen, für die die Geschichtsforschung noch Antworten suchen muss.

Der bekannte Schriftsteller Horst Samson, der selbst in einem der Baragandörfer geboren wurde, fesselte die Teilnehmer am Symposion mit seinem persönlich gehaltenen Beitrag „Im Staub der Geschichte“. Dabei gelang es ihm, das Thema mit literarischen Mitteln anzugehen und die emotionalen Seiten der damaligen Ereignisse in besonderer Weise herauszuarbeiten. Seine Bericht wurde immer wieder von lyrischen Einschüben begleitet, die den Schilderungen aus der eigenen Familiengeschichte eine wohltuende Überhöhung verliehen und sie zu einem faszinierenden zeitgeschichtlichen Exkurs werden ließen. Horst Samson gelang es – ohne selbst eine direkte Erinnerung an jene Zeit zu haben –, gewaltige Sprachbilder zu zeichnen und längst verschwommene Konturen wieder sichtbar zu machen. Gleich einem Zoom wurden Bilder aus dem Dunkel des Vergessens hervorgeholt und zu einem lebendigen Filmstreifen zusammengefügt. Das ermöglichte, das Geschilderte hautnah zu erleben.

Mathias Kandler – bekannt durch seine in Buchform erschienenen eindrucksvollen Schilderungen seiner Erlebnisse aus der Zeit der Russlanddeportation – fasste seine im Baragan gemachten Erfahrungen im Beitrag „Terror und Stacheldraht – die Macht der Diktatur“ zusammen. Demnächst wird Mathais Kandler über seine im Baragan verbrachten Jahre ein Buch veröffentlichen. Der Referent ging in seinen Ausführungen auf viele Details aus dem Alltagsleben im Baragan ein und lieferte so weitere wertvolle Mosaiksteinchen für das Gesamttableau von Terror und Unfreiheit. Kandler bricht in seinem Beitrag eine Lanze für die Banater Lehrer, die sich trotz der widrigen Umstände in selbstloser Weise für die Kinder der Deportierten einsetzten. So gelang es, neben der öffentlichen Lehrtätigkeit auch einen Unterricht in der Muttersprache anzubieten, der oft im Verborgenen stattfinden mußte.

Reges Interesse bekundeten die Teilnehmer an der Gedenkfeier in Karlsruhe an der im Sankt-Bernhard-Saal gezeigten Dokumentationsausstellung „Sklaven im Baragan“ (Konzept: Luzian Geier und Peter Krier; Grafik: Hans Rothgerber). Die Ausstellung präsentiert auf zwanzig Schautafeln historische Hintergründe, Verlauf der Verschleppungsmaßnahmen, Aufenthalt in der Baragan-Steppe, Übersicht über die allgemeinen Terrormaßnahmen im kommunistisch regierten Rumänien, Veröffentlichungen über die Deportation. Die Ausstellung wurde vom 27. Juni bis 10. Juli im Rathaus von Karlsruhe-Durlach gezeigt.

Die Gedenkfeier fand ihren Abschluss mit einem Gottesdienst in der Kirche Sankt Bernhard. Pfarrer Erwin Schmidt wies in seiner beeindruckenden Predigt auf die Bedeutung der Erinnerungskultur hin und unterstrich, dass wir „nur durch Erinnern aus der Geschichte lernen und so dem Leid der damals Betroffenen gerecht werden können. Nur so kann neues Unrecht vermieden werden. Nur so kann sich etwas lösen und neu werden in der Menschheitsgeschichte, nur so können Gräben zugeschüttet und Brücken in eine gerechtere und menschenwürdigere Zukunft nach Gottes Willen gebaut werden. Erinnerung ist das Geheimnis der Erlösung“.