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Banater Post

Verbindung und Integration sollen das Ziel sein

Ein „richtiger Deutschländer“ auf dem 23. Antonifest in Freiburg

Am 16. Januar, dem dritten Samstag im Jahr fand das 23. Antonitreffen in Freiburg statt. Ich kam im Sommer 2009 in Kontakt mit Banater Schwaben und dem Freiburger Singkreis von Toni Bleiziffer. Ich singe gerne und als es hieß, ich dürfe mitmachen, kam ich regelmäßig zur Singstunde und so dann auch zum 23. Antonitreffen.

Die Veranstaltung stand in diesem Jahr unter dem Titel „Jahrmarkt in Sanktanna“. Nachdem die eintreffenden Gäste sich untereinander herzlich und freundlich begrüßt und beim Kaffee die neuesten Nachrichten ausgetauscht hatten, konnte Toni Bleiziffer die Veranstaltung eröffnen. Er begrüßte die Gäste, insbesondere die anwesenden HOG-Vorsitzenden und sonstige Honoratioren.

Da vor 65 Jahren die Deportation der Deutschen aus Rumänien nach Russland begonnen hatte, erinnerte Toni Bleiziffer an dieses Ereignis und bat die Überlebenden, die in der Versammlung waren, nach vorne zur Bühne und überreichte ihnen selbstgebackenes Brot – eine symbolische Geste, die an die Zeiten der erlittenen Entbehrungen erinnern sollte. Die alten Leute zündeten im Andenken an die in Russland gestorbenen Mitdeportierten Kerzen an, die für den Rest der Veranstaltung durch ihr ruhiges Brennen an den ernsten Anlass erinnerten. Berührend war, dass Andreas Weber, auch ein Überlebender der Russlandverschleppung, mit drei weiteren Generationen seiner Familie, die den Nachmittag musikalisch begleiteten, selbst in die Tasten der Ziehharmonika griff und mit seinem Sohn Richard Weber, seiner Enkeltochter Elfriede Mayer und seinem Urenkel Lukas Mayer, der als „Debütant“ am Schlagzeug saß, die Versammlung erfreute. Elfriede und Richard sangen mit allen zusammen das „Antoni-Lied“ und trugen zwei weitere Lieder, die an die Deportation und an die aufgegebene Heimat erinnerten, vor.

Im Anschluss daran trug der Schauspieler Hans Jacobi Erinnerungen an den Banater Volksdichter Hans Kehrer vor, der kurz vor Weihnachten hochbetagt verstorben ist. Unterbrochen wurden diese Vorträge durch Musik, dargeboten von der Familie Weber. Abschließend an diesen ersten Programmteil würdigte Toni Bleiziffer die musikalische Tätigkeit der Familie Weber, insbesondere gratulierte er dem jungen Schlagzeuger zu seinem gelungenen Auftritt und zur Bereitschaft, in der Familientradition weiterzumachen. Dieser bekam zusammen mit seiner Schwester Isabell eine „lehrreiche“ Kinder-CD geschenkt.

Es wurde Zeit, hinüber zur Kirche in den Gottesdienst zu gehen. In diesem Gottesdienst begrüßte Pfarrer Trost ausdrücklich die zu ihrem jährlichen Fest anwesenden Banater, wies in seiner Predigt auf die Deportation hin und machte auf die aktuelle Not der Menschen in Haiti aufmerksam. Zum Abschluss des Gottesdienstes wurde das Sankt-Anna-Lied gesungen.

Geistig gestärkt konnte man sich nun der körperlichen Stärkung zuwenden. Die traditionelle Bratwurst nach Banater Rezept war auf verschlungenen Wegen nach Freiburg gekommen und wurde gerne gegessen. Kleine Fläschchen Schnaps aus Sanktanna erleichterten dem Magen die Arbeit. Dem Wein aus der Ortenau sowie dem Bier und dem Quellwasser aus dem Schwarzwald wurde ebenfalls gerne zugesprochen.

Gegen halb acht verschwanden die Mitglieder des Singkreises im Keller, um sich auf das Abendprogramm vorzubereiten. Im Saal wurde gegessen, getrunken, erzählt, als plötzlich das Muhen einer Kuh, das Wiehern eines Pferdes, Vogelgezwitscher und Wagengeräusche durch den Saal schallten und ein Bauchladenmann – in Gestalt von Caetan Muranyi – „Bonbozle“ und Eis anbot. Bunt gewandete Gestalten bevölkerten nach und nach die Bühne, die an der linken Seite einen Marktstand trug, an dem von Familie Reinholz aus Frankenthal Patchworkarbeiten zum Kauf angeboten wurden. Obst, Gemüse, Paprika u. ä. konnte man ebenfalls einkaufen, wenn man wollte. Unmerklich hatte das Abendprogramm begonnen, denn die bunten Gestalten erwiesen sich als der Freiburger Singkreis, der mit einem Lied nach der Melodie vom Wildschütz Jennerwein „Es war einmal ein Jahrmarkt in Sanktanna“ den Abend weiterführte. Das Programm war auf das Motto „Wochenmarkt“ ausgerichtet. So wurden vom Singkreis passende Lieder gesungen, das Ehepaar Cordes – richtige Deutschländer – trug mit seiner Drehorgel Moritaten vor, aus dem Publikum kamen zwei junge Leute mit einer Einlage und wieder der Singkreis mit einem schwungvollen Lied, in rumänischer und deutscher Sprache vorgetragen. Dazwischen Sketche, dargeboten von den Schauspielern Hans Jacobi und Karl Heinz Maurer. Franz Wiesenmayer erzählte – sicherlich als Höhepunkt des Abends – Erinnerungen an einen Besuch auf dem Jahrmarkt, den er als Kind zusammen mit seiner Großmutter machte, um dort Waren zu verkaufen. Die gespannte Stille wurde nur von Lachsalven unterbrochen, die Franz Wiesenmayer durch seinen Vortrag im Dialekt von Sanktanna hervorrief.

Als man sich schon so richtig nostalgisch auf die Zeiten von früher in der alten Heimat zurück besann, erinnerte der Redner daran, dass die Lebensumstände der Zuhörer jetzt sicherlich besser geworden seien, als es „damals“ sich jemand überhaupt vorstellen konnte. Ohne eine Zugabe ließ man ihn nicht gehen. Dann wurde die Bühne wieder vom Singkreis übernommen, der das Programm mit ruhigen Liedern ausklingen ließ. Seitens der Landsmannschaft der Banater Schwaben wurde Toni Bleiziffer zum 20jährigen Bestehen des Singkreises eine Ehrenurkunde überreicht.

Das Publikum zeigte sich vom Programm begeistert und applaudierte heftig. Die Frage, ob dieses Programm im nächsten Jahr noch zu toppen sein wird, wurde nicht beantwortet, aber der Singkreis wird es – wie man Toni Bleiziffer kennt – mit Sicherheit versuchen.

Zwanzig Minuten später erklangen Polka und Walzer zum Tanz, dargeboten von der Eisenbahner Musikkapelle – lauter Banater Musiker – unter der Leitung von Josef Zippel. Man musste Platz schaffen und Tische abschlagen, denn es drängte die Menschen auf die Tanzfläche. Wie im Flug ging die Zeit vorbei.

Alle waren sich einig, es hatte sich gelohnt, den Termin freizuhalten. Viele werden im nächsten Jahr wieder kommen um zu erleben, dass Toni Bleiziffer mit „seinem“ Singkreis wieder eine so schöne und erlebnisreiche Veranstaltung anbieten kann.

Am Sonntag klang das Wochenende mit einem Bildervortrag von Josef Budean aus. Im letzten Jahr hatte er gebeten, bei einer Rollstuhlbeschaffung für einen Bedürftigen in Rumänien behilflich zu sein, und er gab bekannt, dass 180 Euro zusammengekommen waren. Sepp führte seine Zuhörer diesmal nach Siebenbürgen und zeigte schöne Bilder von Märkten, Menschen, Landschaften und Städten. Angesichts der Not der Erdbebenopfer bat er um eine Spende für die Menschen in Haiti und konnte später bekannt geben, dass über 200 Euro gespendet wurden, die er dem Deutschen Caritasverband zukommen lassen will.

Abschließend noch einige persönliche Eindrücke eines „richtigen Deutschländers: Der Anfang hieß „Liebe Landsleute“ und ich hatte den Eindruck, damit wohl nicht gemeint zu sein. Später erfuhr ich dann, dass ich unter die Kategorie „richtiger Deutschländer“ gehöre. Erfreut stellte ich fest, dass sich das in keiner Weise auf die Freundlichkeit und Aufnahmewilligkeit meiner Nebensitzer und Mitsinger auswirkte, sodass ich mich sehr zugehörig und vorbehaltlos angenommen fühlen konnte. Mit dem Dialekt komme ich gut zurecht, da ich lange in einer schwäbischen Familie lebte und dort mich als Norddeutscher an den Sprachklang gewöhnen konnte.

Es berührte mich, dass plötzlich so viele Menschen aus der gleichen Gegend da waren – alle Jahre ja wieder kommen – und viele zunehmend mehr in den heimischen Dialekt fielen. Man kennt sich oft nur vom Sehen, aber die gemeinsame Herkunft aus dem Banat verbindet die Menschen miteinander. Außer mir waren noch andere „Deutschländer“ da, meist mit einem Partner aus dem Banat. Als Sepp Lutz und Toni Bleiziffer betonten, dass es nicht um reine Traditionspflege gehe, sondern um Verbindung von Kulturen, verstand ich das Wort, es gehe nicht um die Bewahrung der Asche, sondern um die Weitergabe des Feuers, das auch auf andere Menschen überspringen kann. Verbindung und Integration soll das Ziel sein, nicht nur die bloße Bewahrung alter Sitten und Gebräuche. Dafür legte dieser Abend ein gutes Zeugnis ab.

Insgesamt kann ich sagen, dass ich mich von dieser Veranstaltung persönlich bereichert fühle.