zur Druckansicht

private Anzeige schalten

Media-Center

Banater Post

»Ihr und Wir« – auf einem gemeinsamen Weg

Das "Haus der Geschichte" in Stuttgart

Große Landesausstellung im Haus der Geschichte in Stuttgart

Unübersehbar sind die großen gelben Transparente und Fahnen mit der Aufschrift „Ihr und Wir“ vor dem Haus der Geschichte Baden-Württembergs in Stuttgart. Wer ist „Ihr“ und wer „Wir“? Eine Antwort auf diese Frage gibt die große hier eingerichtete Landesausstellung: „Ihr“ und „Wir“, diese bewusst gewählte sprachliche Gegenüberstellung, steht für ein bewegtes Kapitel der jüngsten Geschichte – die Integration der Heimatvertriebenen in Baden-Württemberg. Es ein Rückblick auf die Zeit, in der sich zwei Bevölkerungsgruppen plötzlich schicksalhaft gegenüberstanden und vor eine große Herausforderung gestellt waren. Die Ausstellung setzt dort an, wo die durch den Krieg entwurzelten Menschen nach dramatischer Flucht und Vertreibung auf der Suche nach einer neuen Heimat waren. Mehr als 1,5 Millionen Menschen kamen nach dem Zweiten Weltkrieg in den deutschen Südwesten. Für die Neubürger war es ein gewaltiger Kraftakt, trotz aller Widerstände in der neuen Umgebung Wurzeln zu schlagen. Was wir heute mit dem einfachen Wort „Integration“ umschreiben, war ein schmerzhafter und schwieriger Prozess. Die Ausstellung gibt darüber Aufschluss.

Wie trafen Alteingesessene und Neubürger aufeinander? Die vielfältigen Begegnungen werden in 28 Vitrinen dargestellt. Es beginnt mit dem „erzwungenen Zusammenleben“ der Einheimischen und Neubürger. 1947 kam es durch einen Erlass der Militärregierung zu angeordneten Einweisungen der Vertriebenen in die privaten Wohnungen der Einheimischen. Das sorgte für viel böses Blut.

Unliebsame Zwischenfälle bis hin zu Übergriffen waren die Folge. Oft konnte nur durch Androhung von Strafmaßnahmen die Einquartierungen vorgenommen werden. Im Kontrast zu der feindseligen Haltung in vielen Ortschaften Badens und Württembergs steht die Situation in der Odenwaldgemeinde Hettingen. Dort wurden die Vertriebenen freundlich empfangen und später tatkräftig beim Bau einer neuen Siedlung unterstützt. Über die Aufnahme der Vertriebenen in Hettingen wird in der Ausstellung auch ein Film gezeigt, der 1949 entstand. Dass Sport und die Betätigung in Vereinen die Menschen einander näher bringt und Hürden zwischen ihnen abbaut, zeigt die Vitrine „Vom Flüchtlings- zum Stadtteilverein“. Der Fußballklub „Batschka“ (FCB) in Stuttgart-Zuffenhausen hatte anfangs kein eigenes Spielfeld und war auf die Gastfreundschaft der Nachbarvereine angewiesen. 1947 errang die Flüchtlingsmannschaft den Meistertitel im Bereich der Lokalmannschaften. 1952 gelang dem FCB der Wechsel in die Stuttgarter B-Klasse, wo er 1955 Pokalsieger wurde und in die A-Klasse aufstieg. Beim zehnjährigen Jubiläum des Vereins (1955) war die gesamte Bevölkerung Zuffenhausens eingeladen. „Wir“ und „Ihr“ feierten gemeinsam. Eine spannende Sportgeschichte ist auch jene der Flüchtlingsfamilie Kaschuba in Göppingen. Ein Gefühl der Zugehörigkeit entwickelte der junge Wolfgang Kaschuba durch sein Agieren auf den Fußballplätzen der Stadt. Allmählich wurde er nicht mehr als Flüchtlingskind gesehen, sondern als geachteter Sportler.

Eine wesentliche Rolle bei der Integration der Vertriebenen spielten die Kirchen und ihre Einrichtungen. Allein schon die Tatsache, dass durch den Zustrom der Neubürger in vormals protestantisch geprägten Orten plötzlich katholische Gemeinden entstanden – und umgekehrt –, führte vielerorts zu Spannungen und Konflikten. Das wird auch in der Ausstellung am Beispiel Nürtingen verdeutlicht. In diesem Städtchen lebten ursprünglich nur 300 Katholiken. 1946 kamen 2000 Vertriebene nach Nürtingen. 80 Prozent von ihnen waren katholisch. Die vorher evangelisch geprägte Stadt war auf einen Schlag katholisch geworden. Selbst für die einheimischen Katholiken waren ihre neuen Glaubensbrüder Fremde. Sie sangen andere Lieder, sprachen andere Dialekte und waren an andere Formen des Gottesdienstes gewohnt. Zunächst musste ein Raum für das Abhalten der Gottesdienste gefunden werden. Die evangelische Kirche bot den Katholiken unter strengen Auflagen in ihrer Kirche das Gastrecht. Eine große Spendenaktion ermöglichte es den Katholiken schließlich, eine eigene Kirche zu bauen, die 1957 eingeweiht wurde. Für die aus Alt- und Neubürgern bestehende katholische Pfarrgemeinde wurde das neue Gotteshaus zum Sinnbild für eine neue kirchliche Heimat in Nürtingen. Der Beitrag der Vertriebenen am Wiederaufbau des Landes nach dem Krieg wird in der Ausstellung durch einige repräsentative Beispiele verdeutlicht. So gründet der Unternehmer Ludwig Breit, nachdem er seine Firma im Sudetenland verloren hatte, allein zwischen 1947 und 1953 drei Glashütten in der Gegend um Schwäbisch Gmünd. So wurden Gablonzer Glas- und Schmuckwaren „Made in Württemberg“ nicht nur ein begehrtes Handelsgut in Deutschland, sondern auch gefragte Exportartikel. Mit einem Gesamtumsatz von 30 Millionen DM wird dieser Betrieb zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor der Region. Die Reihe erfolgreicher Gründungen kleiner und mittelständischer Betriebe durch Vertriebene könnte fortgesetzt werden. Praktisch gibt es dafür Hinweise auf Schritt und Tritt. Die Ausstellung kann natürlich nur punktuell auf die in den fünfziger Jahren einsetzende „Wirtschaftswunderzeit“ aufmerksam machen, an der die Neubürger einen wichtigen Anteil haben. Auch bei der Bildung des Südweststaates Baden-Württemberg spielten die Vertriebenen eine wichtige – wenn nicht entscheidende – Rolle. Interessante Details über die politischen Auseinandersetzungen jener Zeit präsentieren die Vitrinen der Ausstellung. Der Gang durch die Ausstellung – und dafür sollte man sich viel Zeit nehmen – ist mehr als nur ein Informationsstreifzug durch die jüngste Geschichte. Die Ausstellung ist zugleich auch ein Plädoyer für Verständigung und Toleranz. Die Integration von Millionen deutscher Vertriebenen und Flüchtlingen ist eine einmalige Leistung, auf die alle stolz sein können. „Ihr“ oder „Wir“ spielte mal eine große Rolle. Heute sind die Frontlinien längst verwischt: Vertriebene und Einheimische haben längst zusammengefunden und beschreiten einen gemeinsamen Weg.

Die Ausstellung „Ihr und Wir. Integration der Heimatvertriebenen“ kann bis zum 22. August 2010 im Haus der Geschichte Baden-Württemberg (Stuttgart, Konrad-Adenauer-Straße 16) täglich (außer montags) von 10 bis 18 Uhr besichtigt werden.