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Banater Post

Um die donauschwäbische Kultur verdient gemacht

Der Festakt zur Verleihung des Donauschwäbischen Kulturpreises 2017 des Landes Baden-Württemberg durch Innenminister Thomas Strobl fand in Gegenwart zahlreicher geladender Gäste am 29. November 2017 im Haus der Donauschwaben in Sindelfingen statt. Foto: Walter Tonţa

Innenminister Thomas Strobl mit den Trägern des Donauschwäbischen Kulturpreises 2017 (von links): Helmut Erwert, Herbert-Werner Mühlroth, Ilse Hehn. Foto: Walter Tonţa

Die Schriftstellerin, bildende Künstlerin und Fotografin Ilse Hehn wurde 1943 in Lovrin geboren. Nach Abschluss ihres Kunststudiums in Temeswar wirkte sie als Gymnasiallehrerin in Mediasch. Seit ihrer Aussiedlung nach Deutschland im Jahr 1992 lebt Ilse Hehn in Ulm, wo sie als Kunstdozentin tätig war. Die Autorin veröffentlichte bisher zwanzig Bücher, vor allem Lyrikbände, aber auch Reiseprosa, Kinderbücher und Bildbände. Zudem ist sie in zahlreichen Lyrikanthologien und Literaturzeitschriften vertreten. Viele ihrer Buchpublikationen schmücken eigene Kunstwerke: Malereien, Grafiken, Collagen, Überschreibungen, Übermalungen. Zuletzt sind von ihr erschienen: die Gedichtbände „Sandhimmel“ (2017) und „Tage Ost-West“ (2015) sowie der Bildband „Ulm erleben“ (2016). Unbedingt erwähnenswert sind zwei weitere, im Jahr 2013 erschienene Bücher: In dem zweisprachigen (deutsch-rumänischen) Band „Irrlichter. Kopfpolizei Securitate“ fand die Autorin eine eigene literarische und künstlerische Form der Aufarbeitung ihrer Securitate-Akte, während sie in dem zweibändigen Werk „Heimat zum Anfassen oder: Das Gedächtnis der Dinge“ Zeugnisse donauschwäbischen Erbes in Wort und Bild präsentiert. Gedichte von Ilse Hehn wurden in mehrere Sprachen übersetzt, darunter, in Buchform, ins Rumänische und ins Japanische. Ilse Hehn ist seit 2011 Vizepräsidentin des Internationalen Exil-P.E.N. – Sektion deutschsprachige Länder. In Deutschland und Rumänien wurde sie bereits mehrfach ausgezeichnet.

Aus der Laudatio von Rainer Goldhahn

Seit drei, vier Wochen diene ich der Künstlergilde auch als Schatzmeister. Dabei besitzen wir kaum noch materielle Schätze, immaterielle im Sinne von gedanklich, geistig, ideell dafür umso mehr. Sie, Frau Hehn, sind einer unserer großen Schätze, das beweist die heutige Preisverleihung.

Nun ist es schwierig, mit Ihnen über Lyrik zu sprechen: „zieh Leine Poesie“, heißt es in einem Kapitel und Gedicht aus „Tage Ost-West“. Freilich sind Ihre Gedichte nicht jedermanns Sache. Verse wie „An der schönen blauen Donau“ sind die Ihren nicht. Ich zitiere aus Prof. Wolfgang Schlotts Rezension zu „Tage Ost-West“: „Die komplexe Verarbeitung ihrer Eindrücke erzeugt eine in sich gebrochene Wahrnehmung von Welt, die sie mit Zitaten aus T.S. Eliots ‚The Waste Land‘ belegt. Diese Welt sei ein Haufen zerbrochener Bilder.“

Anneliese Merkel, Mitglied der Künstlergilde wie Sie, schreibt über eine andere Seite Ihrer Lyrik: „Ilse Hehn stellt in ihrem neuen Buch ‚Sandhimmel‘ vor allem das Thema Liebe in den Mittelpunkt. Die Liebe als eine ‚Portion Sand / ein Sandhimmel‘ eben“.

Es sind ja aber nicht nur die Gedichte. Ich zitiere Sie selber: „Nach einem halbfertigen Tag male ich ein Bild, die Farben rollen wie Steine ...“ Sie arbeiten gerne mit Übermalungen, so dass ein Dialog zwischen Bild und Text entsteht. Bild und Text stehen auf Doppelseiten gegenüber. Ihre Übermalungen von bekannten Motiven aus der Kunstgeschichte sind keine Bebilderungen für die Gedichte. Es ist genau umgekehrt. Zum Beispiel haben Sie in dem Buch „Sandhimmel“ Otto Dix’ „Tänzerin Anita Berber“ übermalt, dann dazu das Gedicht „Sandhimmel“ geschrieben. Sie lassen die Berber aus dem Gemälde sprechen: „Die Liebe ist eine Portion Sand, ein Schattenspiel, ein Kalenderblatt…“. Sie selber sagten, in den Gedichten spreche nicht das Ich, vielmehr sei es die Person im Bild, die spricht. Das Lyrische Ich ist demnach die Figur – oder auch eine Landschaft –, die von dem jeweiligen Maler geschaffen wurde. […]

Sie stammen aus dem deutschsprachigen Banat in Rumänien, übersiedelten 1992 in die Bundesrepublik Deutschland und leben heute als Schriftstellerin, Künstlerin und Kunstdozentin in Ulm, passend in Ulm an der Donau. 1973 debütierten Sie mit dem Gedichtband „So weit der Weg nach Ninive“. Ihre zahllosen Veröffentlichungen seither aufzuzählen (es sind 20), sprengt die mir zugebilligte Zeit. Der donauschwäbische Raum gehört zu ihren Hauptanliegen. Ihr neuer Verlag danubebooks, der mit seinen Büchern nationale Grenzen überwinden und die kulturelle Vielfalt der Donauländer über nationale Grenzen hinweg pflegen will, zeugt davon. […] 

Die Donau ist ein Vielstaatenfluss, ein Vielvölkerfluss, ein Vielsprachenfluss. Einst floss die Kultur donauabwärts, durch Sie kommt ein Teil donauaufwärts zurück. „Mein Land kommt als Überraschung von Osten her“, sind Ihre eigenen Worte. Auch dafür werden Sie ausgezeichnet, Frau Hehn.

Von ihren zahlreichen Aktivitäten nenne ich, dass Sie Vizepräsidentin des Internationalen Exil-P.E.N. Sektion deutschsprachige Länder seit 2011 sind und bis 2016 Jurymitglied Donauschwäbischer Kulturpreis waren. Sie erhielten zahlreiche deutsche und rumänische Preise und Auszeichnungen. Ich erwähne beispielsweise den Literaturpreis 2014 des Rumänischen Schriftstellerverbandes, Sparte Lyrik. […]

Und nun erhalten Sie den Hauptpreis des Donauschwäbischen Kulturpreises 2017. Herzlichen Glückwunsch!

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Herbert-Werner Mühlroth wurde 1963 in Hatzfeld geboren. Als Neunzehnjährigen flüchtete er aus Rumänien. In Heidelberg und Berlin studierte er Germanistik, Romanistik und Philosophie (Abschluss 1990). Mühlroth, der in der kleinen Gemeinde Düchelsdorf (Kreis Herzogtum Lauenburg, Schleswig-Holstein) lebt, ist auch staatlich geprüfter Übersetzer und gerichtlich beeidigter Dolmetscher für Rumänisch. Seit Jahren ist er als freiberuflicher Autor, Publizist und Übersetzer tätig. Seit Mitte der 1990er Jahre veröffentlicht er Aufsätze, Essays, Rezensionen, Lyrik und Prosa. Auf sein Buchdebüt 2009 mit dem Gedichtbändchen „Nachtlaub“ folgten bis heute sieben weitere Buchpublikationen: „Narr in Trance“ (Roman, 2012), „Eine Eisenbahn in meinem Traum. Meine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien“ (2014), „Der Mond tanzt Tango“ (Gedichte, 2015), „Tod des Meisters“ (Erzählungen, 2016), „Das Verhehrende an  Tirol“ (Essays, 2016), „Die Geschäfte des Herrn Joseliani“ (Kriminal- geschichten, 2016) und „Über einige meiner Autoren“ (Aufsatzsammlung, 2017). In diesem Jahr ist auch ein Gedichtband des Autors in rumänischer Übersetzung von Ion Milea erschienen („Smerenie“, auf Deutsch „Demut“). Mühlroth hat Reiner Kunzes Prosaband „Die wunderbaren Jahre“ ins Rumänische („Anii cei minunați“, 2000) und Doina Uricarius Gedichtband „Institutul inimii“ ins Deutsche („Das Herzinstitut“, 2011) übertragen. 2011 gab er die vierbändige Edition der Werke des aromunischen Linguisten und Übersetzers Apostol N. Caciuperi heraus.

Aus der Laudatio  von Hans Vastag

Den diesjährigen Förderpreis des Donauschwäbischen Kulturpreises hat die Jury dem Autoren, Publizisten und Übersetzer Herbert-Werner Mühlroth zuerkannt.

Bei Herbert-Werner Mühlroth überraschen zwei Tatsachen: seine Vielseitigkeit und seine Einbindung in die deutsche als auch in die rumänische Kulturlandschaft. Er hat sich im Laufe der Jahre aktiv für die Verbreitung des deutschen, donauschwäbischen und rumänischen Kulturgutes eingesetzt. Zu seinen veröffentlichten Bänden zählen Gedichte, Erzählungen, Essays, ein Roman, Kriminalgeschichten, Übersetzungen, die fünfbändige Edition der Werke des aromunischen Linguisten Apostol N. Caciuperi sowie ein Buch über seine abenteuerliche Flucht über die grüne Grenze aus Rumänien in den Westen. Außerdem ist er auch bildhauerisch tätig.

Sein letztes Werk „Über einige meiner Autoren“ versammelt exemplarisch Beiträge aus 35 Jahren kulturvermittelnder Tätigkeit. Ich möchte nur ein paar Namen daraus nennen: Wolf von Aichelburg, Ovid S. Croh-mălniceanu, Nikolaus Berwanger, Reiner Kunze, Ilina Gregori, Georg Hensel, Emil M. Cioran, Mircea Eliade, Walter Engel, Doina Uricariu.

Herbert-Werner Mühlroth erzählte mir mal eine Anekdote – im Nachhinein muss ich sie wohl so nennen – aus seiner frühen Studienzeit. Ein von ihm sehr geschätzter Banater Schwabe fragte ihn damals: „Wann möchtest du endlich etwas Gescheites studieren?“ Herbert-Werner Mühlroth antwortete: „Ich denke, Germanistik, Philosophie und Romanistik sind etwas sehr Gescheites.“ Worauf der Banater Schwabe entgegnete: „Ja, aber wir Banater Schwaben können nicht schreiben.“

Gut 30 Jahre später hat Herbert Werner Mühlroth diese These auf eindrucksvolle Weise widerlegt. Man muss feststellen, dass Herbert-Werner Mühlroth, der im Übrigen mütterlicherseits mit dem Hatzfelder Dichter Peter Jung verwandt ist, zweifellos  eine besondere Gabe für das Schreiben besitzt. Das beweisen die vielen Veröffentlichungen der letzten Jahrzehnte. Er arbeitet weiterhin an Veröffentlichungsprojekten sowohl in Deutschland als auch in Rumänien. Die Hatzfelder, aber auch alle Donauschwaben können  stolz sein auf die Leistungen ihres Landsmannes. Wir wünschen ihm für die Zukunft alles Gute und viel Schaffenskraft.

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Helmut Erwert wurde 1933 in Weißkirchen/Bela Crkva geboren. Seine Banater Heimat musste er als Elfjähriger zusammen mit seiner Mutter im Herbst 1944 verlassen. Er studierte Geschichte, Germanistik und Anglistik an der Ludwig-Maximilians-Universität München und war 35 Jahre lang im bayrischen Schuldienst tätig. Zeitweilig unterrichtete er Deutsch als Fremdsprache in den USA und in Spanien. Zu seinen Publikationen zählen Lehrbücher für den Deutschunterricht der Sekundarstufe II, Beiträge zur donauschwäbischen Geschichte und  Literatur sowie eine Vielzahl von Arbeiten zur Regionalgeschichte seiner neuen Heimat Straubing-Bogen. Erwert hat zur Zeitgeschichte der Region recherchiert und sich besonders mit der Geschichte des Zweiten Weltkrieges, mit den letzten Kriegsmonaten und mit der Nachkriegszeit befasst. Dafür verlieh ihm der Landkreis Straubing-Bogen im Jahr 2015 die Josef-Schlicht-Medaille. In diesem Herbst veröffentlichte Helmut Erwert seinen stark autobiografisch geprägten Roman „Elli oder Die versprengte Zeit“, in dem er – aufgrund historisch belegter Geschichten – das Schicksal der deutschen Minderheit in Jugoslawien in belletristischer Form schildert.

Aus der Laudatio  von Dr. Ingomar Senz

Helmut Erwert stammt aus Weißkirchen, heute Bela Crkva, im westlichen Banat, nahe der rumänischen Grenze, am Rande der Karpaten gelegen. Dieses Städtchen hat mit seinem besonderen Charakter, mit seinen eigenen Verhältnissen wie sonst nichts das Leben unseres Preisträgers geprägt. Es bietet deshalb auch den Schlüssel zum Verständnis seines Lebenswerkes.

Die Eigenart Weißkirchens wurde bestimmt von seinem Bürgertum und seiner organisch gewachsenen Multikulturalität. […] Bis zu ihrer Vertreibung und Internierung in Lagern 1944 dominierten die Deutschen mit über 5000 Einwohnern die Stadtgeschichte. […] Bis zum Jugoslawien-Krieg 1941 blieb das Verhältnis der Deutschen zu den anderen Nationalitäten ungestört. Jeder wusste, wo er hingehörte und was ihm zustand. Es herrschte ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Nach 1941 jedoch, als das Dritte Reich das Kommando übernahm, ging diese geordnete und friedliche Welt unter. […]

Gerade weil Helmut Erwart zeit seines Lebens die multikulturellen Einflüsse seiner Kinder- und Jugendzeit als anregend, wertvoll, ja inspirierend empfand, betrachtete er die Vorgänge nach 1941 kritisch und hatte, obwohl seiner deutschen Identität durchaus bewusst, auch Verständnis für die nunmehr Verfolgten. […] Als er sich mit seiner alten Heimat zu beschäftigen begann, geriet dies niemals zu einer rein donauschwäbischen Nabelschau, er betrachtete die Geschichte seiner Landsleute stets aus dem Blickwinkel des weltläufigen Bürgers, der in seinem Heimatort die Nachwirkungen der Grenzstadt, die Einflüsse der Metropole Wien noch sozusagen mit den Händen greifen konnte. […]

Der auf diese Weise geschärfte Blick verschaffte ihm Vergleichsmöglichkeiten, Weite und Tiefe. Deshalb entwickelte sich ein Historiker, der es schwerer hatte und es sich auch schwerer machte als andere. So trug er seine Gedanken – ob schriftlich oder mündlich – immer fundiert, das Ganze in den Blick nehmend, das Wesentliche erfassend und scharf formuliert vor. Was seine regionalgeschichtlichen Abhandlungen zu seiner neuen Heimat betrifft, waren es von seinen niederbayerischen Mitbürgern höchst dankbar und als bereichernd aufgenommene Beiträge, die ihr Geschichtsbild weiteten, von ihm aber geschrieben, um seine eigene Verwurzelung zu befördern.

Der Gymnasiallehrer für Deutsch, Englisch und Geschichte mit Erfahrungen im Auslandsschuldienst – in Barcelona und den USA – blickte stets weit über sein pädagogisches Wirkungsfeld hinaus. Für die nachdenklich-kritische, ja nachbohrende und neugierig forschende Persönlichkeit war die Beschäftigung mit seiner donauschwäbischen Vergangenheit lange eine gesuchte Herausforderung. Hier konnte sich der scharf beobachtende, das geschliffene Wort als Waffe gebrauchende und heiße Eisen nicht scheuende Historiker bewähren.

Als die donauschwäbische Geschichte weitgehend ausgereizt schien, zog es ihn mit Macht zur Abbildung der multikulturellen und daher umso reizvolleren Welt seiner Kindheit in Weißkirchen. Immer mehr verdichtete sich dabei die Vorstellung, dass dies nicht mit dem kritischen Verstand des Historikers, sondern mit dem Herzen des Romanciers zu bewerkstelligen sei. Das war eine Aufgabe, die den Allrounder Erwert als Germanisten und Meister des Worts reizte. Daraus entstand der Roman „Elli oder Die versprengte Zeit“, der in Form einer Rahmenerzählung liebevoll die bunte Welt von Alt-Weißkirchen schildert, aber auch deutlich werden lässt, dass jede Art von Ideologie auf einem Auge blind macht und somit zum ärgsten Feind von Friede und Ordnung wird. […]

Lieber Helmut, als stets heimatverwurzelter Brückenbauer hast Du die Ehrengabe zum Donauschwäbischen Kulturpreis vollauf verdient. Ich gratuliere Dir von ganzem Herzen.