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Banater Post

Podiumsdiskussion: „Alt werden und alt sein in den Donauländern“

Die Diskutantinnen auf dem Podium (von links) Anni Weinschrott, Hiltrud Leber und Suse-Annette Hasenfus wurden von Dr. Swantje Volkmann, Kulturrefentin für Südosteuropa am DZM Ulm, und Gesa Krauß, Leiterin der Frauenakademie, begrüßt. Foto: Donaubüro Ulm

Über die Altersvorsorge in Deutschland hört man heutzutage eine ganze Menge. Größtenteils ist die Meinung der betroffenen dritten Generation recht kritisch: Das Geld reiche nicht, die Pflegekräfte seien unterbezahlt und überfordert, und schlussendlich habe man sich den wohlverdienten Lebensabend anders vorgestellt. Mehr Zeit für sich, weniger Sorgen. Es ist im Grunde kein Geheimnis, dass diese Probleme existieren. Folgt man den Prognosen der demographischen Entwicklung in Deutschland, so sind fast ein Viertel der Bevölkerung über sechzig und ein weiteres Viertel vierzig bis sechzig Jahre alt. Die Last der Altersversorgung liegt auf einem verhältnismäßig kleinen Anteil der jungen Generation.

Doch wie verhält es sich mit dieser Thematik in den Donauländern? Kann eine Frau in Rumänien oder in Ungarn mit ihrer Rente auskommen? Anlässlich des Internationalen Frauentages veranstaltete das Donaubüro Ulm am 11. März 2017 in Kooperation mit der Frauenakademie der Volkshochschule Ulm und der Kulturreferentin für Südosteuropa am Donauschwäbischen Zentralmuseum eine Podiumsdiskussion im Haus der Donau in Ulm. Zur Diskussion waren Expertinnen aus den Donauländern eingeladen worden, die viel zur Situation vor Ort berichten konnten. Diplom-Sozialpädagogin Hiltrud Leber, Mitbegründerin und Leiterin des „Banater Frauentreffs München“ und hauptberuflich im Beratungszentrum nach Schlaganfall und Hirnschädigung in Ingolstadt tätig, moderierte die Debatte. Die Länder Rumänien und Ungarn waren durch die beiden Teilnehmerinnen der Podiumsdiskussion Anni Weinschrott und Suse-Annette Hasenfus vertreten. Anni Weinschrott ist Mitarbeiterin der Adam-Müller-Guttenbrunn-Stiftung in Temeswar, der die fünf deutschen Altenheime und Sozialstationen unterstellt sind, und leitet das Altenheim in Bakowa seit dessen Eröffnung 1991. Suse-Annette Hasenfus zog vor neun Jahren mit ihrem Mann von Deutschland nach Ungarn und lebt in Töttös/Tiedisch in der Nähe von Pécs/Fünfkirchen. In dem 630-Einwohner-Dorf ist sie Mitglied der Deutschen Selbstverwaltung. Mehr als 50 Personen besuchten die Veranstaltung und folgten interessiert der anderthalbstündigen Diskussion.

Nach einer kurzen Einführung in die Thematik durch Hiltrud Leber schilderten die Damen auf dem Podium den Alltag alter Menschen in den beiden Ländern nüchtern und ohne zu beschönigen, dafür aber umso eindrücklicher. Was es bedeutet, in Rumänien alt zu sein, beschrieb Anni Weinschrott so: „Es ist ein Leben, das man sich hier nicht vorstellen kann, voller Mangel und Entbehrung.“ Die Gespräche kreisten um die allgemeine Situation alter Menschen vor dem Hintergrund der grundlegenden gesellschaftlichen Veränderungen in der Nachwendezeit, um den Generationenvertrag, um Renten und Lebenshaltungskosten, um die Versorgung im Krankheits- und Pflegefall. Dabei stellte die Moderatorin immer wieder einen Bezug zur Situation in Deutschland her, um Vergleiche ziehen und die erheblichen Unterschiede aufzeigen zu können.

Grundlegendes Problem sowohl in Ungarn als auch in Rumänien sei die große Abwanderungsquote von Arbeitskräften in westliche Länder. Allein 3 bis 4 Millionen Rumänen arbeiteten im Ausland, so Anni Weinschrott. Die Folge: Zurück bleiben viele Kinder und alte Menschen. Der Generationenvertrag funktioniert nicht mehr, die Alten müssen, statt sich auf die eigenen Kinder stützen zu können, oft noch weiter arbeiten oder die Enkelkinder versorgen, wenn deren Eltern im Ausland Geld verdienen. Es fehle einfach an allem: an Bildung, an Arbeitskräften, an Infrastruktur, Häuser verfielen. Das ist auch in Ungarn so. „In unserem rund 630-Einwohner-Dorf leben Witwen entweder allein in kleinen Häusern oder sie sind in Großfamilien aufgehoben. Letzteres aber immer weniger“, sagte Suse-Annete Hasenfus. Die in der Familie wohnen, betreuten die Enkelkinder und sorgten für den Haushalt – „die anderen sind allein. Ihre Kinder leben im Ausland.“

Im Vergleich zu Deutschland sind die Renten lächerlich gering: In Ungarn bekomme eine Grundschullehrerin nach 40 Jahren Arbeit 500 Euro, nannte Hasenfus ein Beispiel. Die Mindestrente liege bei 100 Euro. Durchschnittlich erhalte ein ungarischer Rentner 250 Euro, wobei die Männer generell besser abschneiden. Das sind Beträge, die auch die Heimleiterin aus Rumänien kennt. Bezogen auf die ungarische Mindestrente sagte sie: „Manche haben nicht einmal so viel.“ Davon bezahlten die Frauen Gas, Wasser und Strom. „Zum Leben bleiben kaum 30 Euro“, sagte Suse-Annette Hasenfus und beschrieb das Abendessen: „Ein Weißbrot für 60 Cent, wenn man nicht ganz arm ist, eine Wurst für 1,10 Euro, 100 Gramm Käse für 45 Cent.“ Butter und Milch seien teuer. „Wer fast nichts hat, isst Weißbrot mit Schmalz, dazu einen Apfel oder eine rohe Zwiebel.“ Spartanische Verhältnisse, aus deutscher Sicht. Anni Weinschrott betonte, dass nur die „schwäbischen Tugenden“ die Frauen vor Ort durchs Leben brächten: Sparsamkeit, Bescheidenheit und Durchhaltevermögen. Und, ganz wichtig: Die wenigsten beschwerten sich über ihre Situation. Das haben Frauen in beiden Ländern gemein. „Sie bitten um nichts“, sagte Hasenfus. Es gehöre sich nicht.

Viel schlechter stehen die Frauen in den Donauländern auch bei der Krankenversorgung da: „Es ist alles schön in Rumänien, außer wenn man alt und krank ist“, zitierte Anni Weinschrott eine rumänische Redensart. Denn es funktioniere gar nichts. „Die billigste Medizin, die der Arzt verschreibt, gibt es nicht in den Apotheken, eine Operation kostet, und wer das Geld nicht hat, der stirbt einfach früher.“ Um die Versorgung der pflegebedürftigen Frauen ist es auch nicht besser bestellt. Hat man keine Familie, die sich kümmert, gibt es nur eine Option: das Pflegeheim. Die 330 Euro für einen Platz in einem Pflegeheim in Ungarn könnten sich aber die wenigsten mit ihrer Rente leisten, gab Suse-Annette Hasenfus zu bedenken. Sie müssten dann auch den Eigenbesitz einbringen und lieferten sich damit vollständig aus. Nicht umsonst würden diese Einrichtungen vielerorts noch als „Armenhäuser“ gelten.

Den Diskutantinnen ist es gelungen, die Lebenssituation der älteren Generation in Rumänien und Ungarn eindrücklich vor Augen zu führen. Ihre Ausführungen stimmten das Publikum nachdenklich, zumal offenbar wurde, dass in diesen Ländern noch viel getan werden muss, um älteren Menschen ein würdiges und unabhängiges Leben und die Teilnahme am sozialen und kulturellen Leben zu ermöglichen.