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Banater Post

Deportation vor 66 Jahren: »Einmal noch die Glocken von Maria Radna hören«

Festakt zum Gedenken an die Deportation vor 66 Jahren: Die Banater Trachtengruppe Waldkraiburg legte am Denkmal gegen Vertreibungen einen Kranz nieder. Fotos: Franz Kodrotz

Kreisvorsitzender Georg Ledig begrüste die vielen Teilnehmer aus den Verbänden, die Ehrengäste von Stadt und Landkreis und den vollzählig erschienenen Landes- und Kreisvorstand.

Zu den Klängen von „Ich hatt’ einen Kameraden“ legte die Banater Trachtengruppe Waldkraiburg einen Kranz zum Gedenken an die Toten der Deportation nieder.

Heimatpfarrer Peter Zillich, bischöflicher Beauftragter für die Vertriebenenseelsorge in der Diözese Regensburg erteilte den Anwesenden den priesterlichen Segen, sprach mit ihnen Gebete und Fürbitten.

An den 14. Januar 1945 erinnert sich Barbara Hirth noch genau. Es war der Tag, an dem ein rumänischer Soldat an die Haustür in Schöndorf klopfte, um sie zum Großen Wirtshaus zu bringen, wo die Deutschen zusammengetrieben wurden, die nach Russland sollten. Mit dabei war ein junger Rumäne, mit dem sie als Kind oft gespielt hatte, und dem damals 17 Jahre alten Mädchen tat es im Herzen weh, ihn nun auf der anderen Seite zu sehen. Zu Fuß gingen die zur Deportation bestimmten Landsleute nach Engelsbrunn; die Angehörigen begleiteten den Zug der Rechtlosen und Gedemütigten am Straßenrand. Eine Kaserne in Kleinsanktnikolaus diente als erstes Nachtlager, und dann standen auch schon die Viehwaggons da.

Bis Maria Radna wurde gefahren, wo weitere Waggons angehängt wurden. Durch die Sehschlitze des Waggons hatte Barbara Hirth gerade die Türme der Wallfahrtskirche ausgemacht, als plötzlich die Glocken zu läuten begannen. „Nie hatten sie schöner geklungen als damals“, sagt sie heute, „alle hatten wir geheult“. In Predeal hielt der Zug länger, hier kamen rumänische Frauen zu ihnen, weinten und steckten ihnen Schokolade zu. Ein erster Toter wurde noch auf der Fahrt durch die Steppen Russlands neben die Gleise in den Schnee gelegt. Barbara Hirth kam nach knapp fünf Jahren aus der Deportation zurück. Im November 1949 traf sie in München ein, wo sie heute noch lebt. Am 15. Januar 2011, mehr als 61 Jahre nach ihrer glücklichen Heimkehr, ist Barbara Hirth einer der knapp 150 Teilnehmer, die sich in Waldkraiburg auf Einladung des Kreisverbandes Waldkraiburg und des Landesvorstandes Bayern um das Denkmal gegen Vertreibungen versammelt haben, um an dieses Ereignis öffentlich zu erinnern. Sie kam mit der Bahn von München in die Vertriebenenstadt, weil sie hoffte, ehemalige Lagerinsassen zu finden, und an diesem Tag in der Gemeinschaft der ehemaligen Deportierten sein wollte. Suchend seien ihre Blicke über die Gesichter der Anwesenden gestreift, gleiche habe sie aufgefangen, doch es waren keine engen Gefährten dieser Zeit dabei, erzählt sie. Dafür waren die nächsten Generationen stärker vertreten.

Nach einem Kirchenlied, vorgetragen von einer Bläsergruppe der Banater Kapelle Waldkraiburg unter Leitung von Stefan Munding, begrüßte Kreisvorsitzender Georg Ledig die vielen Teilnehmer aus den Verbänden, die Ehrengäste von Stadt und Landkreis und den vollzählig erschienenen Landes- und Kreisvorstand. Fahnenabordnungen hatten die Kreisverbände Ingolstadt, München und Waldkraiburg entsandt, von den befreundeten Verbänden die Siebenbürger Sachsen, die Egerländer, die Sudetendeutschen, die Schlesier und der Soldaten- und Reservistenverband. Georg Ledig nannte den Januar 1945 als schwere Schicksalszeit für viele Deutsche in Rumänien, die unter härtesten und unmenschlichen Bedingungen in die damalige Sowjetunion zu schwersten Zwangsarbeiten deportiert wurden. Viele seien nicht mehr heimgekommen. Deshalb habe man sich zu ihrem Gedenken am Mahnmal gegen Vertreibungen eingefunden.

Landesvorsitzender Peter-Dietmar Leber erinnerte in seiner Ansprache daran, dass dieses schmerzliche Ereignis lange nicht thematisiert werden durfte: „Für die Heimkehrer blieb die Deportation eine traumatische Erfahrung, ein tiefer Einschnitt in ihrer Biografie – bis heute. In Rumänien legte sich ein staatlich verordneter Mantel des Schweigens über dieses Unrecht, und auch in Deutschland, wohin manche Deportierte entlassen wurden, bestimmten andere Themen den politischen und gesellschaftlichen Diskurs. Erst 1995 – es jährte sich zum 50. Mal der Zeitpunkt der Deportation – fand in München auf Initiative unserer Landsmannschaft eine erste große Gedenkveranstaltung gemeinsam mit den anderen süd-ostdeutschen Landsmannschaften, Vertretern der Politik, der Wissenschaft, der Presse und vielen ehemaligen Deportierten statt, die eine intensivere Beschäftigung mit diesem unbekannten Kapitel der Nachkriegsgeschichte hervorrief. Betroffene fingen an, ihre Erinnerungen niederzuschreiben und zu veröffentlichen. Die Kapitel trugen Überschriften wie „Zwei Brote und drei Fische für ein Paar Ohrringe“, „Von der Schulbank in den Schacht“, „Fünf verlorene Jugendjahre“, „Pferde- und Hundefleisch gegessen“, „Für 71 Tote das Grab geschaufelt“ oder „Der Vater in Deutschland, die Mutter in Russland, die Kinder in Rumänien“. Es entstanden dokumentarische Filmbeiträge, erste wissenschaftliche Veröffentlichen sorgten für Aufsehen, ehemalige Deportierte fuhren zu den Stätten des Leids, suchten fast immer vergeblich nach den Gräbern der Angehörigen, sammelten sich nach ehemaligen Lagerorten, und auch die Politik besann sich ihrer Verantwortung: Die rumänische Regierung entschuldigte sich für das an ihren damaligen Staats-
bürgern begangene Unrecht und bat die Leidenden von damals um Vergebung. Spätestens seit dem Erscheinen der Atemschaukel von Herta Müller ist der Hungerengel in den Lagern den meisten ein Begriff geworden. Zur Frage des Umgangs der kommenden Generationen mit diesem Datum unserer Geschichte sagte Peter-Dietmar Leber: „Die Deportation zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion steht in einer Reihe mit anderen Ereignissen unserer Geschichte, die in uns tiefe Spuren hinterlassen hat, die uns zu dem werden ließen, was wir heute sind. Wir sollten an diesem Tag auch an unsere Gefallenen in den letzten großen Kriegen des vergangenen Jahrhunderts erinnern, an die Toten in der Baragan-Steppe, an die Toten in den kommunistischen Gefängnissen, an die Toten an der Grenze. Wir dürfen die Betroffenen mit ihrem Leid nicht alleinlassen, ihnen zuhören, sie zur Mitteilung bewegen, Anteil nehmen. Wir sollen an diesem Tag und darüber hinaus immer mahnen, dass Menschenrechte universale Rechte sind, die nie zur Disposition stehen dürfen. Wir sollen mahnen und unsere Stimme erheben, wenn wir sie in Gefahr sehen; wir haben aufgrund unserer Erfahrungen ein wachsames Gespür dafür entwickelt und immer wieder darauf hinzuweisen: Diese Rechte sind wertvoll, aber sie sind nicht von Gott gegeben, sondern jeder einzelne muss etwas dafür tun, damit uns allen eine Entfaltung in Freiheit und Würde gewährt bleibt. An diesem Gedenkstein gegen Vertreibungen und Deportationen gedenken wir heute unserer in der Deportation verstorbenen Landsleute, für die dieser Stein hier auch steht. Wir wissen, dass wir in einer Reihe mit ihnen stehen und bekunden durch unsere Anwesenheit hier öffentlich, dass wir dazugehören, dass wir ihre Geschichte annehmen. Den Toten zum Gedenken, den Überlebenden und Nachkommen zum Trost.“

Der Landrat des Landkreises Mühldorf, Georg Huber, dankte für die klaren Worte der Veranstalter. In Waldkraiburg spüre er immer, dass hier der Mensch noch im Mittelpunkt stehe, was auch auf das Vertreibungsschicksal, den Heimatverlust und die nötige Öffnung für einen Heimatgewinn zurückzuführen sei. „Dieser Erinnerungstag ist auch für die Zukunft sehr wichtig“, sagte der Landrat. Für das gute Miteinander der Stadt und der Landsleute sprach er seinen Dank aus.

Erster Bürgermeister Siegfried Klika sagte in seinem Grußwort, dass es das Schlimmste sei, vor die Tür gesetzt zu werden und seine Heimat verlassen zu müssen. Viele Bürger Waldkraiburgs hätten dieses Schicksal gehabt, und die Stadt sei froh, ihnen eine neue Heimat bieten zu können. Das Denkmal gegen Vertreibungen – an zentraler Stelle neben dem Rathaus errichtet – sei auch ein Denkmal gegen Deportationen. Deshalb freue er sich, dass Kreis- und Landesverband diesen Ort für ihr Gedenken ausgewählt hätten.

Heimatpfarrer Peter Zillich, bischöflicher Beauftragter für die Vertriebenenseelsorge in der Diözese Regensburg, erinnerte mit persönlichen Worten an die Erfahrungen seiner Mutter, die ebenfalls deportiert gewesen sei, aber auch an unzählige Begegnungen mit Landsleuten, die auch dieses Schicksal hatten. „Viele waren dem Tod näher als dem Leben; tiefe Narben haben sich bei jenen eingegraben, die diesen Weg gehen mussten“, sagte Zillich. Er erteilte den Anwesenden den priesterlichen Segen, sprach mit ihnen Gebete und Fürbitten.

Als zu den Klängen von „Ich hatt’ einen Kameraden“ die Banater Trachtengruppe Waldkraiburg einen Kranz zum Gedenken an die Toten der Deportation niederlegte, war auch Barbara Hirth mit ihren Gedanken wieder in Russland. „Einmal noch die Glocken von Maria Radna hören“, hatte sie sich immer gesagt, als sie in der Deportation litt. Sie konnte sie noch hören, andere nicht mehr.