zur Druckansicht

private Anzeige schalten

Media-Center

Banater Post

Banater deutsche Mundarten im Blickpunkt

Der Vorsitzende des Vereins Haus der Donauschwaben, Innenminister a.D. Heribert Rech MdL (Zweiter von rechts), beehrte die 52. Sindelfinger Kulturtagung mit seiner Anwesenheit. Foto: Brunhilde Forro

Landesvorsitzender Josef Prunkl überreichte Dr. Walter Engel eine Dankesurkunde und ein Präsent. Foto: Brunhilde Forro

Nach dem Konzertabend (von links): Dr. Franz Metz, Henriette Mojem, Leonore Laabs, Heribert Rech MdL, Wilfried Michl, Josef Prunkl, Dr. Walter Engel. Foto: LV Baden-Württemberg

Die Mundart ist das, was uns Banater Schwaben, wo immer wir auch daheim sind, heute nach wie vor verbindet, was uns den Umgang miteinander erleichtert. Als Sprache der Familie und der Gemeinschaft, als Sprache des Vertrauens ist die Mundart eines der wichtigsten Merkmale unseres banatschwäbischen Seins, ein Zeichen unserer Identität. In dem Bewusstsein, dass die Mundart einerseits gepflegt und gefördert zu werden verdient und dass sie andererseits Gegenstand von Dokumentation und Forschung ist, widmete sich die 52. Kulturtagung des Landesverbandes Baden-Württemberg dem Thema „Die Banater deutschen Mundarten. Charakteristiken, Erforschung, Mundartliteratur“. Damit rückte die Tagung, die am 5./6. November 2016 im Haus der Donauschwaben in Sindelfingen stattfand, einen prägenden Teil unserer Identität und eigenständigen Kultur ins Blickfeld.

Landesvorsitzender Josef Prunkl zeigte sich in seiner Eröffnungsansprache über den regen Zuspruch zur diesjährigen Kulturtagung erfreut und hieß alle Teilnehmer herzlich willkommen. Namentlich begrüßte er die Referenten sowie als Ehrengäste die Geschäftsführerin des Vereins Haus der Donauschwaben, Henriette Mojem, und den Vorsitzenden des Heimatverbandes Banater Berglanddeutscher, Günther Friedmann. Prunkl dankte Gudrun Reitz, Mitarbeiterin der Landesgeschäftsstelle in Stuttgart, für die organisatorischen Vorarbeiten und Dr. Walter Engel für die konzeptionelle Gestaltung der Tagung. Im Laufe des Abends konnte auch der Vorsitzende des Vereins Haus der Donauschwaben, Innenminister a.D. Heribert Rech MdL, als Ehrengast der Veranstaltung begrüßt werden. Rech sprach ein kurzes Grußwort, in dem er auf den Schatz hinwies, den die Heimatvertriebenen und Aussiedler in ihren jeweiligen Mundarten besitzen. Angesichts des Rückgangs der Mundartsprecher infolge des Schwindens der Erlebnisgeneration sei es umso wichtiger, die Mundarten schriftlich festzuhalten und zu erforschen.

Nachdem Dr. Walter Engel mittels eines Zitats aus Adam Müller-Guttenbrunns Roman „Der große Schwabenzug“ in die Thematik der Tagung eingeführt hatte, steckte der durch zahlreiche Publikationen ausgewiesene Mundartforscher Dr. Hans Gehl (Tübingen) mit seinem Vortrag „Deutsche Mundarten im Banat. Ihre Entstehung, Beschreibung und Erforschung“ den theoretisch-wissenschaftlichen Rahmen ab. Der langjährige Leiter des Bereichs Dialektforschung am Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde Tübingen (IdGL) bot zunächst einen Überblick über die deutsche Dialektlandschaft und die Mundarten der donauschwäbischen Siedlungsgebiete, um dann die Besonderheiten der in den Banater Siedlungen herausgebildeten Mundartgruppen aufzuzeigen und anhand eines Wenker-Satzes beispielhaft darzustellen. Im zweiten Teil seines Vortrags ging Dr. Gehl auf die Erforschung der Banater deutschen Mundarten am Temeswarer Germanistiklehrstuhl und am IdGL Tübingen ein. Dabei hob er den Beitrag von Dr. Johann Wolf zur Mundartforschung und Sprachpflege besonders hervor. Als konkrete Forschungsergebnisse nannte der Referent das in Temeswar erarbeitete „Wörterbuch der Banater deutschen Mundarten“, dessen erster Band 2013 erschienen ist, sowie die vier von ihm in der Reihe „Donauschwäbische Fachwortschätze“ herausgegebenen Bände (Bekleidungsgewerbe, Baugewerbe, Landwirtschaft, Lebensformen).

In zwei weiteren Beiträgen wurden konkrete Ergebnisse der auf das Banat bezogenen Mundartforschung am Beispiel einiger Publikationen vorgestellt. Dr. Alwine Ivănescu und Dr. Mihaela Şandor – beide am Temeswarer Germanistik-Lehrstuhl tätig – hatten einen Bericht über den 2013 erschienenen ersten Band des „Wörterbuchs der Banater deutschen Mundarten“ zur Verfügung gestellt, an dem sie neben Peter Kottler, Ileana Irimescu und Eveline Hâncu mehrere Jahre mitgearbeitet haben. Der Bericht wurde von Dr. Walter Engel gemeinsam mit Dr. Hans Gehl vorgetragen. Erläutert wurden zunächst die Gliederung des Bandes, der unter anderem eine umfangreiche Studie von Peter Kottler über „Einteilung und Kennzeichnung der deutschen Mundarten des rumänischen Banats“ enthält, sowie der Aufbau der Wortartikel, die eine Fülle an Informationen bieten. Der Sprachenreichtum der Banater Schwaben wurde anhand zahlreicher Wortbeispiele verdeutlicht, gegliedert nach Wörtern des Grundwortbestands des mundartlichen Wortschatzes, Entlehnungen aus den Kontaktsprachen, Personen-, Orts- und Flurnamen und in der Alltagssprache verwendeter Fachwortschatz. Das Wörterbuch ist ein wertvolles Nachschlagewerk, das sich sowohl an Fachwissenschaftler als auch an Mundartsprecher und -liebhaber richtet.

Dr. Hans Dama – von Tagungsmoderator Dr. Walter Engel als „Botschafter des Banats in Wien“ bezeichnet – sprach anschließend über Banater Mundartforschung anhand der Ortsmundart von Großsanktnikolaus“. Über diese Ortsmundart hatte der Referent seine an der Universität Wien vorgelegte Dissertation verfasst und 1991 in der Reihe „Deutsche Dialektgeographie“ veröffentlicht. Die Arbeit untersuche die  lautlichen Erscheinungsformen der deutschen Sprachinselmundart von Großsanktnikolaus historisch-diachron und die Formveränderungen synchron, so Dama. Anhand der Darstellung der Entwicklung der Vokale in Bezug zu den mittelhochdeutschen Reihenschritten, der Konsonanten und der Morphologie erläuterte er die Merkmale und Eigenheiten der Ortsmundart von Großsanktnikolaus, die eine südrheinfränkische fescht-Mundart mit ostmoselfränkischem Einschub ist. Größere  Aufmerksamkeit schenkte der Referent den Interferenzerscheinungen, wobei er insbesondere den Einfluss des Rumänischen als Staatssprache seit 1920 exemplarisch darstellte. Solche Interferenzen kämen im familiären Milieu kaum oder nur selten vor, häufig seien sie hingegen im Arbeitsbereich, am Arbeitsplatz und im öffentichen Umgang.

Luzian Geier (Augsburg), ehemaliger Redakteur der „Neuen Banater Zeitung“ (NBZ) in Temeswar, ein Vollblutjournalist und ausgezeichneter Kenner der Geschichte und Kultur der Banater Schwaben, erinnerte in seinem Vortrag an den vielseitigen, verdienstvollen Mundartautor Ludwig Schwarz, mit dessen schriftstellerischer und publizistischer Arbeit er aus der gemeinsamen Zeit bei der NBZ unmittelbar vertraut ist.

Der Referent begüßte eingangs die Witwe und eine Enkelin des Schriftstellers. Anhand zahlreicher Fotos und Dokumente, die ihm die Familie zur Verfügung gestellt hatte und nun erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wurden, gewährte Geier Einblicke in die Biografie, die berufliche Tätigkeit und das schriftstellerische Wirken von Ludwig Schwarz (1925-1981). Es handle sich um einen der „authentischsten Banater Mundartautoren der Nachkriegszeit“; der Autodidakt sei ein „Meister im Schreiben“ gewesen, seine Mundart sei bildgeladen und urwüchsig und Schwarz vermochte sie sprachspielerisch einzusetzen. Schwarz habe schon immer geschrieben (einige frühe Belege wurden vom Referenten vorgestellt), für ihn sei Schreiben ein Bedürfnis gewesen. Geier widmete sich vor allem der Frage, seit wann und weshalb Schwarz in Mundart geschrieben habe. Die ersten Belege stammten aus der zweiten Hälfte der 1960er Jahre (Mundartdebüt mit dem Theaterstück „Mer macht sich halt Sorche“, 1968), ausschlaggebend für das Schreiben in Mundart dürfte auch der große Erfolg seiner Mundartkomödie „Die Husarenkammer“ gewesen sein, die 1969 vom Deutschen Staatsstheater Temeswar aufgeführt worden war. Geier verwies auf die weiteren Mundartveröffentlichungen des Autors, darunter „Lache is steierfrei“ (1973) und vor allem die Roman-Trilogie „De Kaule-Baschtl“ (1977-1981) – ein Novum in der Banater deutschen Mundartliteratur.

Traditionsgemäß endete der erste Veranstaltungstag mit einem Konzert, das wiederum von Dr. Franz Metz gestaltet wurde. Das Konzert, an dem Leonore Laabs (Sopran), Wilfried Michl (Tenor) und Franz Metz (Klavier) mitwirkten, stand diesmal unter dem Motto „‚Ringerl und Röserl‘ – nicht nur Wiener Lieder aus der Josefstadt...“ – in Anlehnung an ein Lied des Komponisten Heinrich Weidt (1824-1901), der viele Jahre im Banat gewirkt hat. Von ihm waren noch weitere Kompositionen zu hören, außerdem bekannte Melodien von Franz Lehár, Emmerich Kálmán, Robert Stolz, Franz Grothe/Aloys Melichar. Dargeboten wurden auch das „Allegro“ aus Johann Michael Haydns „Missa trinitatis“ sowie das „Schlummerlied“ von Emmerich Bartzer nach einem Gedicht von Peter Jung. Durch das Programm führte Dr. Franz Metz. Die niveauvollen Darbietungen wurden vom Publikum mit begeistertem Applaus belohnt.

Der Sonntagvormittag begann –unter der Moderation von Luzian Geier – mit einem Vortrag von Helmut Ritter (Buchen) über die Mundartbeilage der NBZ und deren Bedeutung für die Banater Schwaben. In seinem mittels einer gelungenen PowerPoint-Präsentation anschaulich vermittelten Rückblick „Die Pipatsch – mehr als ein Witzblatt“. Der Referent, der selbst an der Gestaltung der „Pipatsch“ mitgearbeitet hat, erinnerte an die Anfänge (die erste Folge ist am 9. November 1969 erschienen) und an die „Gründungsväter“ des Mundartblattes. NBZ-Chefredakteur Nikolaus Berwanger „wusste nur zugut, dass er durch die Mundart die Herzen seiner schwäbischen Landsleute anspricht und dadurch viele Leser für seine Zeitung gewinnen kann“, sagte Ritter. Und in der Tat: Die „Pipatsch“ erfreute sich schnell großer Popularität, da sie mehr als nur ein humoristisches Blatt war und sich nicht scheute, auch Missstände zu benennen. Es sei gelungen, viele Mitarbeiter zu gewinnen, einen stetigen Dialog mit den Lesern zu pflegen und durch die vielen Rubriken den verschiedensten Themen- und Interessensbereichen Rechnung zu tragen. Ritter ließ selbstverständlich auch die Mundart zu Wort kommen, indem er zahlreiche Textbeispiele aus der „Pipatsch“ brachte. Sie war den Banater Schwaben „ein liebgewonnener und treuer Begleiter“, so das Resümee des Referenten.

Streiflichter aus der banatschwäbischen Dichtung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bot abschließend der Beitrag „Von den ‚Schwowischen Gsätzle‘ bis zur ‚Fechsung‘. Zu den Anthologien banatdeutscher Mundartdichtung nach 1945“ von Dr. Walter Engel (Düsseldorf). Der bekannte Literaturwissenschaftler wies einleitend auf die beachtliche Tradition der banatschwäbischen Mundartdichtung hin, die durch den Zweiten Weltkrieg eine Zäsur erfahren habe und dazu führte, dass Banater Autoren nun auch im Westen Mundartdichtung veröffentlichten. Zudem erläuterte der Referent, wie es ab Mitte der 1960er Jahre zu einem wahren Mundart-„Boom“ im Banat kam. Anschließend stellte Dr. Engel einige Anthologien vor, neben den im Referatstitel erwähnten auch das „Schwowische Volksbuch“ (1970), das auf die „Schwowische Gsätzle“ folgte und wie diese von Karl Streit und Josef Zirenner herausgegeben wurde, den Band „Märchen, Sagen, Schwänke“ (1979), herausgegeben von Walther Konschitzky und Hugo Hausl, sowie Anton Peter Petris lexikografische Darstellung „Deutsche Mundartautoren aus dem Banat“ (1984). Um die thematischen Schwerpunkte der von Ludwig Schwarz zusammengestellten Anthologie „Fechsung“ (1979) zu verdeutlichen, trug der Referent mehrere lyrische Texte daraus vor.

Die Tagung endete mit einer Würdigung von Dr. Walter Engel, der nach zehn Jahren die Verantwortung für die Gestaltung der Kulturtagungen abgab. Landesvorsitzender Josef Prunkl dankte ihm für die Zusammenarbeit und die „sehr fruchtbare Zeit“ und würdigte Dr. Engels Engagement und seine Verdienste um die Kultur der Banater Schwaben. Als Zeichen des Dankes und Anerkennung überreichte er ihm eine Dankesurkunde des Landesvorstandes und ein Präsent.