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Banater Post

Sammelband der 51. Sindelfinger Kulturtagung erschienen

Pünktlich zur 52. Kulturtagung des Landesverbandes Baden-Württemberg der Landsmannschaft der Banater Schwaben, die Anfang November in Sindelfingen stattfand, ist der Dokumentationsband der letztjährigen Tagung erschienen. Diese beschäftigte sich mit dem Thema „Die Banater Schwaben am Abgrund. Vor 70 Jahren: Flucht, Deportation, Enteignung“. Die im Titel bezeichneten Schwerpunkte der Tagung beziehen sich auf historische Ereignisse und Vorgänge, die in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges und in den Jahren unmittelbar danach die Existenz der Banater Schwaben als Volksgruppe in ihren Grundfesten erschüttert haben. Die Tagungsbeiträge vermitteln neuere Erkenntnisse zu den Geschehnissen und deren Hintergründe in der Zeit von 1944 bis Anfang der fünfziger Jahre, die erst nach der Öffnung der Archive in Rumänien der Forschung zugänglich wurden, so etwa die genauen Daten über die Enteignung des Bodenbesitzes der rumänischen Staatsbürger deutscher Nationalität, die Aushebungen zur Zwangsarbeit auf rumänischem Territorium im Nachgang zur Russlanddeportation und die Pläne zu einer dann doch nicht erfolgten Zwangsumsiedlung der Deutschen innerhalb des Landes. Die Tagungsbeiträge fügen sich zu einem punktuellen Überblick über diese vielschichtige Umbruchzeit, deren Folgen Jahrzehnte lang nachwirken sollten und gewissermaßen den Beginn einer Endzeit einläuteten, die mit der letzten Auswanderungswelle in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts ihren fast vollständigen Abschluss fand.  

Der vorliegende Sammelband, von Walter Engel und Walter Tonţa herausgegeben und von Franz Quint für den Druck vorbereitet, enthält sämtliche Beiträge der 51. Kulturtagung. Im Einführungsbeitrag  über „´Flucht und Vertreibung´ aus Rumänien am Ende des Zweiten Weltkriegs. Kontext, Charakteristika, Folgen“ stellt der ausgewiesene Zeithistoriker und Migrationsforscher Mathias Beer die existenzbedrohenden Folgen des Zweiten Weltkriegs für die Rumäniendeutschen in den Kontext des europäischen, insbesondere des südosteuropäischen Geschehens der Zeit. Er geht unter anderem der Frage nach einem rumänischen „Sonderweg“ im Umgang mit der deutschen Minderheit nach.

Der Regionalhistoriker Josef Wolf legt auf Grund der Auswertung bisher unerforschter Archivmaterialien mit seinem Beitrag „Im (un)freien Fall. Repressionsmaßnahmen gegen die Banater Deutschen 1944/1945“ eine akribische Analyse zur Lage der Rumäniendeutschen, insbesondere der Deutschen im Banat am Ende des Zweiten Weltkrieges und unmittelbar danach vor. Detailliert beschreibt der Forscher die Kriegsereignisse im westlichen Banat im September/Oktober 1944, die Flucht vor der Roten Armee sowie die totale politische Entrechtung, die Russlanddeportation und die Enteignung durch die Agrarreform.

Hannelore Baier, die mit eindrucksvollen Dokumentensammlungen zur Russlanddeportation und zur Geschichte der Deutschen in Rumänien von 1944 bis 1956 hervorgetreten ist, vermittelt in ihrer Untersuchung „Zwangsarbeit, aber keine Umsiedlung“ auf Grund ihrer Archivforschungen neue Erkenntnisse über die repressive Politik der rumänischen Regierung gegenüber der deutschen Bevölkerung in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Sie entwirft ein erschütterndes Bild der Rechtlosigkeit einer Volksgruppe, die bis etwa 1948 jeglicher Willkür ausgesetzt war.

Die verheerenden Auswirkungen dieser Ereignisse auf das Selbstverständnis und das soziale Gefüge der Banater Schwaben skizziert der bekannte Soziologe Prof. Dr. Anton Sterbling in seinem Beitrag „´Zeitbruch´ in der Geschichte der Banater Schwaben. Soziologische Betrachtungen“. Er geht in seinen Ausführungen unter anderem der Frage nach der Stigmatisierung der deutschen Minderheit unter dem Vorzeichen der Kollektivschuld nach und beschreibt den tiefgreifenden Identitätswandel bei den Banater Schwaben als Folge der Enteignung.

Franz Metz erinnert an das Liedgut der Banater Schwaben aus der Zeit der Russlanddeportation in seinem mit zahlreichen Beispielen versehenen, einprägsamen Beitrag „Heimat in hartbedrängter Zeit“. Der Musikhistoriker gestaltete auch das traditionelle Abendkonzert zum Abschluss des ersten Tagungsteils, in dessen Mittelpunkt er das Werk des Komponisten Heinrich Weidt stellte.  

Der Russlanddeportation vor 70 Jahren wurde 2015 vielfach gedacht. An dieses so folgenreiche Ereignis wurde bei der 51. Kulturtagung nicht nur aus der Sicht der geschichtlichen Forschung erinnert, sondern auch durch die Präsentation des Deportations-Romans „Namenlos in der Fremde“ (Stuttgart 2015) von Gertrud Laub. Das Buch – es ist ein authentisches Dokument und ein spannendes Erzählwerk in einem – wurde auf der Tagung mit einer Lesung der Autorin vorgestellt und regte zu lebhafter Aussprache an. In vorliegender Sammlung sind Auszüge aus dem Roman abgedruckt.
 
Landsmannschaft der Banater Schwaben, Landesverband Baden-Württemberg. Die Banater Schwaben am Abgrund. Vor 70 Jahren: Flucht, Deportation, Enteignung. Beiträge der 51. Kulturtagung in Sindelfingen, 21./22. November 2015. Hrsg. von Walter Engel und Walter Tonța. Stuttgart 2016. 191 Seiten. ISBN 978-3-00-053222-1. Preis: 12 Euro (einschließlich Porto und Versand). Zu bestellen bei der Landesgeschäftsstelle Stuttgart, Tel. 0711 625127, E-Mail LMBanaterSchwaben-BW@t-online.de (montags bis donnerstags, jeweils von 9 Uhr bis 12.30 Uhr).