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Banater Post

Temeswar – das kulturelle Zentrum der Banater Deutschen

Dr. Walter Engel, der Moderator der Kulturtagung

Dr. Walter Engel, der Moderator der Kulturtagung

Herbert Hellstern, Ministerialdirigent Innenministerium Baden-Württemberg

Herbert Hellstern, Ministerialdirigent Innenministerium Baden-Württemberg

Konzert am Abend des ersten Tages mit: Leonore Laabs (Sopran), Wilfried Michl (Tenor), Karl W. Agatsy (Violine) und Dr. Fanz Metz (Klavier und Gesamtleitung)

Konzert am Abend des ersten Tages mit: Leonore Laabs (Sopran), Wilfried Michl (Tenor), Karl W. Agatsy (Violine) und Dr. Fanz Metz (Klavier und Gesamtleitung)

Blick in des Saal

Blick in den Saal

45. Kulturtagung des Landesverbandes Baden-Württemberg der Landsmannschaft der Banater Schwaben. Wie Dr. Walter Engel, der Moderator der Kulturtagung, einleitend feststellte, kommt der Kulturtagung 2010 mit dem Rahmenthema „Banater Stadtkultur. Temeswar –das kulturelle Zentrum der Banater Deutschen“ eine wichtige Rolle zu bei der Vervollständigung des Erscheinungsbildes der Banater Schwaben in der Öffentlichkeit. Neben dem pflügenden Bauern als Symbol für die wirtschaftliche Entwicklung des Banats müsse auch dem Stadtbild, dem urbanen Raum als Wiege industrieller, sozialer und kultureller Entfaltung mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Die ausgeprägte Stadtkultur in Temeswar und auch in den kleineren Städten des Banats hat ihre Wurzeln im ausgehenden 19. Jahrhundert, als sich Kulturvereine etablierten und von bedeutenden Persönlichkeiten und Einrichtungen wichtige Impulse für die kulturelle Entwicklung der gesamten Provinz ausgingen. An dieser Erkenntnis orientierte sich auch das Tagungsprogramm, das unter anderem Beiträge zur Geschichte der Stadt, zur Umgangssprache der Temeswarer, zum Musikleben und zur konfessionellen Situation in der Stadt an der Bega umfasste.

Grußworte an die Teilnehmer der Kulturtagung richtete auch Otto Welker, Vorsitzender der Stiftung „Haus der Donauschwaben“. Dabei ging er kurz auf die Ende vergangenen Jahres stattgefundenen Feiern anlässlich des vierzigjährigen Bestehens des Hauses der Donauschwaben in Sindelfingen ein und auf die große Bedeutung dieser Einrichtung bei der Durchsetzung der kulturellen Belange aller Donauschwaben.

Ein Grußwort der Landesregierung Baden-Württembergs überbrachte Herbert Hellstern, Ministerialdirigent im Innenministerium. Er würdigte das stete Bemühen der Landsmannschaften, sich auf die kulturellen Werte der Heimat zu besinnen und anlässlich der Kulturtagungen die Leistungen aus den verschiedensten Lebensbereichen wissenschaftlich aufzuarbeiten und den jüngeren Generationen zugänglich zu machen. Der Redner begrüßte, dass die diesjährige Tagung sich schwerpunktmäßig mit der Stadt Temeswar beschäftigt; mit einer Stadt, die für den gesamten südosteuropäischen Raum wichtige kulturelle und wirtschaftliche Impulse gegeben hat und heute noch gibt.

Im Namen des Bundesvorstandes der Landsmannschaft begrüßte der stellvertretende Bundesvorsitzende Georg Ledig die Teilnehmer der Tagung. Auch er richtete Glückwünsche an die Leitung des Hauses der Donauschwaben zum Jubiläum und würdigte die in den vergangenen Jahrzehnten geleistete Arbeit.

Josef Prunkl, Vorsitzender des Landesverbandes Baden-Württemberg, begrüßte als Hauptorganisator der Kulturtagung die Gäste und Referenten. Er erinnerte an die lange Tradition der jährlich in Sindelfingen stattfindenden Landeskulturtagungen, die als repräsentative Veranstaltungen der Landsmannschaft angesehen werden können.

In seinem Beitrag „Die Banater Hauptstadt Temeswar – ein Spielball der machtpolitischen Ereignisse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“ richtete der freiberuflich tätige Wissenschaftler und Lehrbeauftragter an der Universität Tübingen, Dr. Hans Rieser, seine Aufmerksamkeit auf zwei für die Stadtgeschichte Temeswars besonders wichtige Zeiträume – die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg und die Zeit nach dem Anschluss des Banats an Rumänien – sowie auf die daraus resultierenden Folgen für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung. Als ausgewiesener Kenner des Banats – Dr. Hans Rieser hat bereits 2001 eine umfassende Studie über diese Provinz herausgebracht („Das rumänische Banat – eine multikulturelle Region im Umbruch“) – verstand der Refernet die Akzente so zu setzen, dass die durch die beiden Weltkriege hervorgerufenen Brüche in der Geschichte der Stadt und der Provinz transparent wurden. Allein schon durch die Präsentation ausgewählter statistischer Angaben zur demographischen Entwicklung Temeswars, beginnend am Anfang des 20. Jahrhunderts bis unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, illustrierten den dramatischen Wandel in der Zusammensetzung der Bevölkerung, was die nationale Zugehörigkeit betrifft. Der prozentuale Anteil der einzelnen Nationalitäten an der Gesamtbevölkerung der Stadt war einem ständigen Wandel ausgesetzt. In ungarischer Zeit, als die deutsche Bevölkerung noch eine relative Mehrheit für sich in Anspruch nehmen konnte, ist eine stetige Zunahme der Ungarisch sprechenden Bewohner festzustellen. Nach dem Anschluss des Banats an Rumänien kommt es zu einer gewaltigen Verschiebung zugunsten des rumänischen Bevölkerungsanteils und zum zahlenmäßigen Rückgang der anderen Nationalitäten. Das Vorstellen entscheidender Entwicklungsphasen der Stadt in der Zwischenkriegszeit und nach dem Zweiten Weltkrieg mit Blick auf die Schwierigkeiten, hervorgerufen durch das veränderte Naturraumpotential der Stadt, dem ethnischen und sozialen Umbau und dem damit verbundenen Austausch der Eliten sowie die Isolierung zur Zeit des Kommunismus’, rundeten das Bild.

Eine Analyse der historischen und soziopolitischen Situation der Stadt Temeswars und des Banats nach dem Anschluss an Rumänien präsentierte Josef Wolf in seinem Beitrag „Temeswar nach dem Ersten Weltkrieg: Minderheitenpolitische Identitätsbildung und städtischer Alltag”. Dem beim Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde wirkenden Historiker gelang es, die überaus komplizierte militärische und politische Situation des Banats beim „Herrschaftswechsel“ darzustellen. Nach dem geordneten Rückzug der ungarischen Militär-einheiten folgte eine Zeit der Unsicherheit, zumal die Ansprüche Serbiens auf die Stadt Temeswar wie auch auf große Teile der Provinz sich in Besetzungen und politischem Tauziehen zwischen Bukarest und Belgrad äußerten. Die Bestrebungen, das Banat als autonomes und ungeteiltes Gebiet zu erhalten, scheiterten. Letztlich setzten sich die Rumänen aufgrund des Friedensvertrags von Trianon durch, und Temeswar zusammen mit dem sogenannten rumänischen Banat fiel an das Königreich Rumänien.

Ausgehend von diesem historischen Rahmen entwarf Josef Wolf sodann ein umfassendes Bild der politischen Entwicklung der Deutschen im Banat und ihrer Identitätsbildung. Dabei ging er auf die neuen Organisationsformen des politischen und kulturellen Lebens der Banater Deutschen ein, wobei der „Deutsch-schwäbischen Volksgemeinschaft“ eine führende Rolle zukam. Die Errichtung des Lehrzentrums „Banatia“ steht für die Renaissance des deutschen Schulwesens im Banat und setzt wichtige Marksteine für die Herausbildung einer neuen banatdeutschen Identität.

Hans Fink, ein für die Banater bekannter Journalist und Buchautor, widmete seinen Tagungs-
beitrag „Klar wie Begawasser, alt wie die Domkirche. Das Temeswarer Umgangsdeutsch als Sprachform zwischen Herrisch und Schwowisch der Temeswarer Umgangssprache. Nach einer theoretischen Einführung, in der die Hauptkennzeichen des Temeswarer Dialekts erläutert wurden und auf dessen bairische Grundelemente hingewiesen wurde, ging der Referent auf die Rolle der Sprachmischung ein, die für das Temeswarerische kennzeichnend ist. Einflüsse der rheinfränkischen Dorfmundarten, des Jiddischen, Ungarischen und Rumänischen sind vor allem im Wortschatz zu beobachten. Mit vielen Beispielen und besonders durch deren Auswahl und Anordnung gelang dem Referenten ein nicht nur informativ interessanter Vortrag, sondern auch eine lockere und mit Humor gespickte Darstellung sprachwissenschaftlicher Fakten. Über „Das traditionsreiche Musikleben der Banater Hauptstadt vor und nach dem Ersten Weltkrieg“ referierte Dr. Franz Metz, der bekannte Banater Musikforscher, Organist und Chorleiter. Sein besonderes Verdienst ist es, das überaus reiche Musikleben Temeswars erforscht zu haben und die gewonnenen Erkenntnisse über die Gründung von Musikvereinen, Tourneen berühmter europäischer Musiker, Aufführungen von Opern und Operetten, das Wirken von namhaften Komponisten und nicht zuletzt das Wirken von Instrumentenbauern in zahlreichen Veröffentlichungen dem interessierten Publikum zugänglich gemacht zu haben. Weltberühmte Persönlichkeiten wie Johann Strauß, Johannes Brahms und Franz Liszt waren Gäste der Stadt und feierten hier schöne Erfolge. Ausführlich berichtete Dr. Metz über die Gründung des Philharmonischen Vereins 1871, aus dem später das Deutsche Symphonieorchester und nach dem Krieg die Banater Philharmonie hervorgingen. Das Neben- und Miteinander der verschiedenen Völkerschaften befruchtete besonders die Chorbewegung am Anfang des 20. Jahrhunderts. Einen Höhepunkt stellte das nationale Sängertreffen Ungarns dar, das 1903 in Temeswar stattfand. Die Fülle der Informationen, die von zahlreichen Bildprojektionen begleitet waren, belegten auf eindrucksvolle Weise das Bild einer europäische Musikstadt, in deren Umfeld ein ertragreicher Kulturaustausch stattgefunden hat, über nationale und geographische Grenzen hinweg.

Im Zeichen des Banater Musikschaffens stand auch das Konzert am Abend des ersten Tages im Haus der Donauschwaben in Sindelfingen. Geboten wurden unter anderem die Ouvertüre aus der Oper „Alpenhütte“ von Franz Limmer, „Arie“ aus der 1. Suite für Violine und Klavier und der „Castaldo-Marsch“ von Rudolf Novacek, Arien aus den Operetten „Der Zigeunerbaron“ von Johann Strauß sowie „Gräfin Mariza“ von Emmerich Kalman. Mitwirkende: Leonore Laabs (Sopran), Wilfried Michl (Tenor), Karl W. Agatsy (Violine) und Dr. Fanz Metz (Klavier und Gesamtleitung).

Dem Leben und Schaffen des Temeswarer Literaturprofessors und Dichters Rudolf Hollinger waren zwei Beiträge gewidmet. Dr. Hans Dama (Wien) würdigte in seinem Referat „Am schönsten ist der Sang der Nachtigall bei Fährnis“ das Gesamtwerk Hollingers. Anlass war der 100. Geburtstag des Dichters. Dama zeichnete in seinem Beitrag das Bild eines tüchtigen Hochschullehrers und vielseitig begabten Kulturschaffenden, der Zeit seines Lebens nicht die verdiente Anerkennung gefunden hat und immer wieder unter der Willkür der Machthaber zu leiden hatte. Die Flucht in die innere Emigration jedoch brachte einen unermesslichen Schatz hervor, der noch zu heben ist. Allein die Schriften jener Zeit umfassen 22 Bände, darunter eine Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart. Den zweiten Beitrag über Hollinger präsentierte Dr. Walter Engel. Mit dem Referat „Temeswar und das Banat – Motive in der Dichtung von Rudolf Hollinger“ gelang es Engel auf anschauliche Weise, die Besonderheit des lyrischen Werkes dieses zu wenig bekannten Literaturschaffenden aufzuzeigen und dessen dem Impressionismus verpflichtete Dichtung zu würdigen. Der Vortrag – mit seinen hervorragend ausgewählten Versbeispielen – verwandelte sich in eine Literaturstunde der besonderen Art. Sie entführte die Tagungsteilnehmer in eine Welt der Schönheit und Harmonie – so wie der Dichter sie in der Banater Landschaft immer wieder zu finden wusste.

Über das Thema Kirchen und Konfessionen in der Hauptstadt des Banats referierte Dr. Swantje Volkmann. Die beim Donauschwäbischen Zentralmuseum Ulm tätige Wissenschaftlerin hat sich in den letzten Jahren durch Facharbeiten und mehrere Vorträge als gute Kennerin der kirchlichen Situation im Banat einen Namen gemacht. Besondere Beachtung schenkte sie dem Kirchenbau im Banat zur Zeit der Ansiedlung der Banater Schwaben. Ausgehend von einem Überblick über die allgemeine kirchliche Entwicklung im Banat, nahm die Referentin in ihrem Beitrag „Kirchen und Konfessionen in der Hauptstadt des Banats“ hauptsächlich Bezug auf die Neuordnung des kirchlichen Lebens infolge der Befreiung des Banats von den Türken und seiner Neubesiedlung durch die Habsburger. Aus dem Banat wurde eine multiethnische und multikonfessionelle, christlich geprägte Region, und in der Hauptstadt, so Volkmann, sei das Nebeneinader von Kirchen der verschiedenen Konfessionen eine Selbstverständlichkeit. Angaben zur Baugeschichte der Kirchen der Stadt, Informationen über die die Nutzung der kirchlichen Einrichtungen und Fragen des Denkmalschutzes vervollständigten das Bild.