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Banater Post

Ein verblendetes Herz gefährdet die Welt

Die aktiven Teilnehmer vor dem Portal der St.-Anna-Basilika, in der Mitte oben (von links) Bischof em. Wilhelm Schraml, Bundesbeauftragter Hartmut Koschyk MdB und Peter-Dietmar Leber, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Banater Schwaben. Fotos: Maria Nyffenegger

Wilhelm Schraml, emeritierter Bischof von Passau, bei seiner Predigt in der St.-Anna-Basilika

Pfarrer Peter Zillich weiht das Bildnis von Pater Wendelin Gruber

Bundesbeauftragter Hartmut Koschyk bei seinem „Wort des Laien“

Um die Erinnerung an das erlittene Unrecht wach zu halten und Gott für die Errettung Dank zu sagen, pilgerten gemäß einem 70 Jahre alten Gelöbnis donauschwäbische Katholiken – Opfer von Enteignung, Vertreibung und Völkermord im ehemaligen Jugoslawien, in Rumänien und Ungarn – auch dieses Jahr am 9./10. Juli wieder nach Altötting, um von hier aus zugleich die Botschaft für Verständigung und Aussöhnung mit ihren einstigen Nachbarvölkern auszusenden.

Eröffnungsgottesdienst in der Stiftskirche

Während am Nachmittag des 9. Juli auf dem Altöttinger Kapellplatz drückende Hitze herrschte, zelebrierten in der kühlen spätgotischen Stiftskirche der aus Tschakowa stammende Kanonikus Johann Palfi und der emeritierte Visitator der Donauschwaben, Monsignore Andreas Straub, den Eröffnungsgottesdienst. Bereits seit dreißig Jahren nimmt Straub an diesen Wallfahrten teil, der 80-Jährige kannte noch die Mitbegründer des St. Gerhards-Werks Josef Haltmayer, Josef Nischbach und Nikolaus Engelmann. Anschließend gedachte Prof. Dr. Georg Wildmann aus Linz des Gelöbnisses, das Pater Wendelin Gruber in den jugoslawischen Vernichtungslagern Gakowa und Rudolfsgnad vor 70 Jahren den gläubigen Internierten abnahm, nämlich jährlich aus Dankbarkeit zu wallfahren, „wenn wir am Leben bleiben“. In Einlösung dieses Gelöbnisses findet seit 1961 die Wallfahrt der Donauschwaben nach Altötting statt, in diesem Jahr zum 57. Mal. Pater Gruber hatte sie nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis in Syrmisch Mitrowitz begründet. Weitere donauschwäbische Gelöbniswallfahrten finden bis heute in Bad Niedernau und Spaichingen sowie bei den Donauschwaben in Nord- und Südamerika statt. Wildmann gab das Kapitel aus Grubers autobiografischem Buch „In den Fängen des
roten Drachen“ wieder, wo dieser schildert, wie er sich freiwillig in die Lager begibt, den sterbenden Landsleuten die letzte Wegzehrung bringt, den Todgeweihten die Beichte abnimmt und den Glaubensgeist der von Todesnot bedrückten Seelen aufrichten, sie mit Märtyrergeist beseelen kann. Eine kurze Schilderung des weiteren Lebens dieses großen donauschwäbischen Missionars in Brasilien und Paraguay bis zu seinem Lebensabend in Temeswar und Zagreb und seinem Tod am 14. August 2002 rundete Wildmanns Beitrag ab.

Vorabendgottesdienst und Lichterprozession

Die der Heiligen Anna geweihte Basilika in Altötting war Sakralort des Vorabendgottesdienstes um 20 Uhr, den Pfarrer Peter Zillich, Bischöflicher Beauftragter für Heimatvertriebene und Aussiedler der
Diözese Regensburg und Präses des St. Gerhards-Werkes, zusammen mit Pfarrer Eugen Schneider aus dem Bistum Rottenburg, Stiftskanonikus Johann Palfi und Monsignore Andreas Straub feierte. In seiner Predigt ging Zillich auf das „Jahr der Barmherzigkeit“ 2016 ein und gab sich überzeugt, dass Jesus am meisten von Maria, der Mutter der Barmherzigkeit, gelernt habe. „Wir wollen uns bedanken, dass wir den Lagern entkommen sind“, forderte er die Gemeinde auf. „Wir sind gehalten, das Leben in seiner reichen Fülle anzunehmen und durchzustehen.“ Die Barmherzigkeit sehe und bilde alle Menschen, „durch sie können wir auch siegen“. Zillich segnete das neu gefertigte Bildnis von Pater Wendelin Gruber, das in Zukunft stets an der Spitze von Prozessionen in Altötting zu sehen sein soll, mit Weihwasser und erinnerte daran, dass auch Gruber selbst das Gelöbnis als schlichter Pilger eingehalten habe.

Nach der Messe führte Bruder Konrad – ein Kruzifix vorantragend – die Prozession der Pilger mit ihren angezündeten Kerzen zur Gnadenkapelle, gleich hinter ihm die Träger der Bildnisse von Gnadenmutter und Wallfahrtsgründer und die Priester. Unzählige Gläubige sind seit dem Aufblühen der Altöttinger Wallfahrt im Jahr 1489 zur Kleinen Gnaden-kapelle gepilgert, viele sollen Hilfe von der „Schwarzen Muttergottes“ erfahren haben. Von Heilung und Trost erzählen die Dankesgaben, die alle Wände der Kapelle bedecken. Mehrfach umrundeten die Donauschwaben bei schwindendem Tageslicht und den Klängen der Altöttinger Musikkapelle den bedeutenden Schrein, bevor sie sich auf seinem Vorhof versammelten, um inbrünstig zu singen. Peter Zillich, auch als „Pfarrer mit dem Akkordeon“ bekannt, begleitete mit dem Vortrag verschiedener Marien- und Heimatlieder die um ihn versammelten Wallfahrer und ließ den Abend andächtig und stimmungsvoll ausklingen. Erst als die Sichel des Mondes schon hoch am Himmel stand, verklangen solche Melodien wie „Maria zu lieben ist allzeit mein Sinn“ „Wohin soll ich mich wenden?“ oder „Nach meiner Heimat zieht’s mich wieder“.

Prozession zur Basilika und Wort des Laien

In umgekehrter Richtung von der Gnadenkapelle zur Basilika zog am Sonntag um 9.30 Uhr eine lange Prozession festlich unter den Klängen der Banater Blasmusik aus Sanktanna, angeführt wiederum von Bruder Konrad, dann die Bildnis- und Kerzenträger, zehn Fahnenabordnungen und zahlreiche Trachtenträger, die Geistlichkeit und Honoratioren aus Deutschland und Österreich, aus Ungarn, Rumänien und Serbien, dahinter die Schar der einfachen Pilger – groß genug, das geräumige Gotteshaus samt Empore bis zum letzten Platz zu füllen.

Im Namen des St. Gerhards-Werks begrüßte sein Stellvertretender Vorsitzender Josef Lutz, der zugleich als Organisationsleiter der ganzen Veranstaltung fungierte, Landsleute und Pilger, Helfer und Aktive, viele Prominente auch namentlich, darunter Pfarrer Wilhelm Donscheid aus Bergisch Gladbach vom Deutschen Lourdes-Verein in Köln, Pfarrer Eugen Schneider vom Pilgerverein aus Ellwangen, den Zweiten Bürgermeister von Altötting Wolfgang Sellner, den Bundesvorsitzenden der Landsmannschaft der Banater Schwaben Peter-Dietmar Leber, den stellvertretenden Bundesvorsitzenden und Stadtrat in Waldkraiburg Georg Ledig, den stellvertretenden Vorsitzenden der Banater Schwaben in Bayern Bernhard Fackelmann, die Fotografin und Journalistin Maria Nyffenegger aus St. Gallen sowie die Delegationen aus Wien, Schaumar/ Solymár (Ungarn), Sombor (Serbien) und Temeswar (Rumänien). Josef Lutz begrüßte zudem den Kreisvorsitzenden der Banater Schwaben aus Altötting, Johann Noll, der sich in die Organisation der Wallfahrt vor Ort eingebracht hat, sowie die anwesenden Vorsitzenden der Heimatortsgemeinschaften und Kreisverbände, von denen einige auch mit Fahnenabordnungen vertreten waren. Von Seiten des Vorsitzenden des St. Gerhards-Werks, des emeritierten Freiburger Erzbischofs und ehemaligen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Dr. Robert Zollitsch, überbrachte Lutz die besten Segenswünsche, herzliche Grüße hatte auch der frühere Vorsitzende Johannes Weißbarth übermittelt. Beide konnten nicht dabei sein.

Hartmut Koschyk MdB, Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, mutmaßte in seinem Wort des Laien, dass 70 Jahre nach dem Gelöbnis der Inhaftierten in den Sterbelagern nur noch wenige Überlebende von damals anwesend sein könnten, die meisten der Wallfahrer müssten demnach „das Gelübde ihrer Vorfahren auch heute noch treu erfüllen“. Gerade für Menschen mit Migrationshintergrund, betonte der Politiker, sei die enge Verbindung und das richtige Zusammenspiel zwischen dem festen Grund der Heimat, der vorantreibenden Kraft des Glaubens und der koordinierenden Instanz der Identität von grundlegender Bedeutung. Ihre besondere Berufung liege daher im Mitgefühl gegenüber den zu uns gekommenen Menschen. Zu Recht seien immer wieder die kaltherzige Aufnahme der deutschen Heimatvertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg und die Versuche, ihre Erinnerung an die verlorene Heimat auszulöschen, als zweite Vertreibung beklagt worden. Mit einem Zitat von Papst Johannes Paul II. argumentierte der Redner gegen die Versuchung und die Gefahr des Vergessens und Verdrängens. Erinnerung heiße immer auch Solidarität mit den Opfern von Deportation, Hass und Gewalt, ihnen Ansehen und Würde zu schenken, Impulse gegen Gedankenlosigkeit und Gleichgültigkeit zu setzen, gegen die Gefahr, dass ähnliche Verbrechen sich wiederholen. Den Heiligen Gerhard stellte Koschyk in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen. Er als „Protomärtyrer der Ungarn“, wie der Temeswarer Bischof Martin Roos ihn genannt hatte, sei eine verbindende Traditionsgestalt, die nicht nur die Donauschwaben untereinander, sondern alle Katholiken im pannonischen Großraum eine. Den Donauschwaben aber, einem „besonderen Menschenschlag“ mit „beeindruckendem Aufbauwerk“, sei er als von außen nach Ungarn gekommener Fremder – wenn auch 700 Jahre früher als diese – besonders verehrungswürdig und gehöre zu deren Glaubensschatz auch in der neuen Heimat.

Pontifikalamt mit Bischof Wilhelm Schraml

„Mit bewegter Anteilnahme“ habe er, so begann der ehemalige Passauer Bischof Wilhelm Schraml seine wuchtige Predigt, das Buch des Jesuitenpaters Wendelin Gruber „In den Fängen des roten Drachen – Zehn Jahre unter der Herrschaft Titos“ gelesen. Es dokumentiere „das unaussprechliche Martyrium Tausender von Donauschwaben“. Der moralische Abgrund, der sich angesichts dieser Gräueltaten auftut, lasse uns die Macht des „Herrschers dieser Welt“ geradezu mit Händen greifen: „Er vermag die Gewissen zu verführen durch die Lüge, durch die Verachtung der Würde und des Rechts der Menschen, durch den dämonischen Kult von absoluter Herrschaft und Willkür. Es bleiben übrig: Elend und Not, Qual und Folter, Verderben und Tod.“ Gott musste weichen, damit totalitäre Ideologien, der Ungeist der Tyrannei eines Hitler, eines Stalin oder Tito auf den Thron kamen und die Welt in Flammen setzten. Macht, die sich auf sich selbst begründe, sei kreuzgefährlich, durch sie werde die Erde getränkt mit einem Meer von Blut und Tränen. „Wer Gott einmal getötet hat, der tut sich erschreckend leicht, auch die Menschen zu töten.“ Die Geschichte der Welt sei immer auch die Geschichte des mensch-
lichen Herzens, und das verblendete und verkehrte Herz sei die Gefahr für die Welt.

Auf die „prophetische Predigt“ Pater Grubers am Vorabend des Festes Mariä Verkündigung am 24. März 1946 im Todeslager Gakowa bezog sich Schraml, als er dieser Verblendung das Jawort Marias entgegensetzte, Mutter des Erlösers zu werden. Sie habe gewusst, dass sie damit neben dem Mann der Schmerzen auch die Schmerzensmutter sein würde, und niemals ihr Jawort rückgängig gemacht. Mit diesem zugleich kleinsten und schönsten, aber auch schwersten Wort habe Werk und Geschichte unserer Erlösung durch den Mensch gewordenen Sohn Gottes begonnen. Marias Ja wurde zur „strahlenden Morgenröte unseres Heils“. Wenn es einer Begründung bedürfe für unsere Liebe zu Maria, liege sie darin, dass sie durch ihr Ja zur Partnerin des unfassbaren Werkes der Liebe und Barmherzigkeit Gottes zu uns Menschen wurde. Dieses Jawort müssen auch wir uns immer wieder neu erringen. „Wer ja zu Gott sagt, der erfasst seine rettende Hand. Sie mag schwer sein, aber sie ist die Hand, die uns hält und trägt und nicht loslässt, so lange wir sie halten in unserem Ja.“ Die Donauschwaben, schloss Schraml, hätten sowohl in der alten wie in der neuen Heimat Zeugnis für ihren Glauben abgelegt und täten es hier erneut vor der Gnadenmutter von Altötting.

Musikalisch mitgewirkt haben während der Messe die fein gestimmte Donauschwäbische Singgruppe aus Landshut unter Leitung von Reinhard Scherer mit ergreifenden Einlagen wie „Ich bete an die Macht der Liebe“, „Die Himmel rühmet“ oder „Wenn ich ein Glöcklein wär’“. Am Ende spielte an der Treppe zum Hochaltar die Banater Blasmusik der HOG Sanktanna unter Leitung von Josef Wunderlich vor dem Ausmarsch der 1500 Besucher das Totengedenken mit „Ewige Nacht“ und „Ich hatt’ einen Kameraden“. An der Orgel war Johanna Kowatschewitsch aus Altötting.

Nach einem halbstündigen Marienliedersingen in der Basilika zelebrierte Monsignore Andreas Straub die Marienandacht und beendete die 57. donauschwäbische Gelöbniswallfahrt nach Altötting um 15 Uhr mit dem sakramentalen Segen und der Weihe der von den Pilgern erworbenen Andachtsgegenstände.