zur Druckansicht

private Anzeige schalten

Media-Center

Banater Post

Wie Tanzen Sprachbarrieren überwindet

Beim gemeinsamen Abendessen kamen die Jugendlichen des Kreisverbandes Esslingen mit den Gästen aus dem Banat ins Gespräch.

Gastgeber und Gäste fanden über das Tanzen, ihre gemeinsame Leidenschaft, schnell zueinander und hatten viel Spaß dabei.

Die Gäste aus dem Banat wurden von Wendlingens Bürgermeister Steffen Weigel höchstpersönlich im Rathaus empfangen. Zur Erinnerung entstand das Gruppenfoto auf den Rathaustreppen. Fotos: Ines Szuck

Jugendaustausch bei der Trachtentanzgruppe Esslingen/Wendlingen (Teil 1)

Schwäbische Maultaschen, Schloss Ludwigsburg, Daimler, Döner, Tanzen und Kultur scheinen im ersten Moment nichts miteinander gemeinsam zu haben und doch sind es wichtige Bestandteile eines erfolgreichen Jugendaustausches.

Als im Herbst 2015 die Frage an den Kreisverband Esslingen herangetragen wurde, ob man sich vorstellen könne, eine Trachtentanzgruppe aus dem Banat im Rahmen eines Jugendaustausches als Gäste aufzunehmen, war die Aufregung zunächst groß. Denn das hieß, dass so einiges vor-bereitet werden musste. Innerhalb kürzester Zeit mussten Übernachtungsmöglichkeiten gefunden und gebucht, Ausflugsziele recherchiert, Führungen organisiert und nicht zuletzt Helfer eingeplant werden. Zudem galt es, passende Räumlichkeiten zu finden – mit Küche, Bühne und genügend Platz, um beim gemeinsamen Banater Kulturabend neben den knapp 70 Mitwirkenden auch noch rund 200 Gäste unterbringen zu können. Es gab also unendlich viel zu tun und der Tag der Ankunft der Gäste rückte immer näher.

Und dann war es endlich soweit: Am 11. Mai traf der Bus nach langer Fahrt im Treffpunkt Stadtmitte in Wendlingen ein. Alle hatten schon ganz gespannt auf die Ankunft der Gäste aus der alten Heimat gewartet: die „Warjascher Spatzen“, die „Billeder Heiderose“ und Paare der „Rosmareiner“ aus Temeswar mit ihren Leitern und Betreuern. Diese waren zwar müde und hungrig, aber glücklich endlich angekommen zu sein. Nach einer herzlichen Begrüßung und einem Willkommensgruß des Kreisvorsitzenden Herbert Volk konnte der Hunger endlich gestillt werden. Es gab eine typisch schwäbische Spezialität, „Maultaschen in Brühe mit Kartoffelsalat“, ein kleines Willkommensgeschenk der Stadt Wendlingen an die Gäste aus dem Banat. Nachdem alle satt und die ersten zarten Kontakte geknüpft waren, machten sich die Gäste auf zu ihren Unterkünften. Für die nächsten drei Nächte boten die Jugendherbergen in Stuttgart Schlaf- und Rückzugsmöglichkeiten.

Nachdem die Zimmer bezogen waren, wollte es sich die Esslinger Jugend nicht nehmen lassen, den Gästen ein bisschen was von Stuttgart zu zeigen. Gemeinsam marschierten sie los, ihr erstes Ziel war der Hauptbahnhof. Die Gäste sollten schließlich wissen, weshalb es in Stuttgart so viele Baustellen gibt. Dort zog vor allem ein schnell ein- und wieder ausfahrender ICE die Aufmerksamkeit der Jungs auf sich. „Einfach weil es sowas bei uns nicht gibt“, erklärte einer lachend. Bevor es nach einem Spaziergang durch die Königstraße, Stuttgarts Einkaufsmeile, ein abschließendes kühles Getränk im Biergarten auf dem Schlossplatz gab, gönnten sich alle noch einen ordentlichen „deutschen“ Döner. Gefragt nach dem Grund, antworteten alle, wie aus einem Munde: „Weil der hier richtig gut ist und schmeckt, mit ordentlich Fleisch, Salat und Soße. Nicht so wie bei uns.“

Der nächste Morgen begann für alle sehr früh. Denn gemeinsam ging es nach Ludwigsburg zur Schloss-besichtigung. Eine knappe Stunde wurden die Jugendlichen durch die Räumlichkeiten geführt und ihnen dabei die eine oder andere Anekdote erzählt. Besonderer Aufmerksamkeit erfreute sich der Toilettenstuhl der Königin. Auf den ersten Blick eine normale Sitzgelegenheit, offenbarte er seine wahre Bestimmung erst nachdem das dicke Kissen entfernt wurde, denn darunter befand sich ein Eimer. Da der Großteil der Jugendlichen gar nicht oder nur wenig Deutsch verstand, die Führung jedoch auf Deutsch stattfand, mussten die Gruppen- und Tanzleiter Monica Lazea, Hansi Müller und Edith Singer sowie Erwin Wogh als Übersetzer einspringen. Gar nicht so einfach, immer die richtigen Worte zu finden… Erwin Wogh übernahm als Vertreter des Kreisverbandes übrigens während des gesamten Aufenthalts der Gäste deren Betreuung, begleitete sie bei Ausflügen und stand stets mit Rat und Tat zur Seite.

Lange verweilen konnte man jedoch nicht in Ludwigsburg, denn am Nachmittag mussten alle pünktlich zurück in Wendlingen sein. Bürgermeister Steffen Weigel wollte nämlich die Gäste aus dem Banat höchstpersönlich in seiner Stadt willkommen heißen. Nach kurzer Begrüßung ließ es sich die Gruppe aus dem Banat nicht nehmen, dem Bürgermeister für seine Worte und den herzlichen Empfang zu danken und ihm ein kleines Präsent zu überreichen. Nachdem sich die Gäste aus dem Banat ins Goldene Buch der Stadt eingetragen hatten, gab es vom Bürgermeister höchstpersönlich eine Führung durch das Wendlinger Rathaus. Der Besuch endete mit einem gemeinsamen Erinnerungsfoto auf der Rathaustreppe.

Danach ging es zum katholischen Gemeindezentrum, wo Koch Siggi Göbl und seine beiden Helferinnen in der Zwischenzeit ihres Amtes gewaltet hatten. Bei deftigem Gulasch, Spätzle und Salat konnten sich alle erst einmal so richtig stärken. Das Essen schien geschmeckt zu haben, denn die Teller waren am Ende so sauber, dass man sich das Spülen fasst hätte sparen können. Die Jubelrufe für das Küchenteam sprachen zudem ihre eigene Sprache.

Apropos Sprache: Gab es zunächst Bedenken, wie sich die Jugendlichen aus dem Banat mit jenen aus Deutschland verständigen würden, da die einen gar nicht oder nur vereinzelt deutsch und die anderen nicht rumänisch sprechen konnten, so wurden diese Bedenken spätestens in diesem Moment zerstreut. „Die Gespräche beim Essen waren, als würde man mit Freunden sprechen. Wir haben uns über die Schule unterhalten, wie der Schulalltag hier und dort so ist, über die Tanzproben. Außerdem haben wir von Stuttgart und über den Ausflug nach Ludwigsburg gesprochen“, erzählt Ann-Kathrin ganz begeistert. Man habe relativ schnell herausbekommen, wer von den Jugendlichen deutsch und wer englisch konnte. „So hat man sich dann halt auch gleich so ein bisschen an diese gehängt, kam mit ihnen ins Gespräch und darüber dann auch mit den anderen“, fügt Janice hinzu. Die Rolle des Vermittlers und heiß begehrten Übersetzers übernahm Alex. Der 16-Jährige war ja erst vor drei Jahren gemeinsam mit seinen Eltern von Deutschland nach Rumänien ausgewandert. „Und wenn gar nichts mehr ging, haben wir einfach Hände und Füße zu Hilfe genommen. Wenn man sich verstehen will, klappt das schon“, ergänzt Anna die Ausführungen von Ann-Kathrin und Janice. Und wie sie das wollten!

Den Abend nutzten die Kinder und Jugendlichen zum gemeinsamen Tanzen, eine Leidenschaft, die alle miteinander verband und auch ohne Worte funktionierte. „Beim Tanzen ist die Sprache völlig egal“, befindet Anna, während Ann-Kathrin hinzufügt: „Tanzen ist eine andere, ja ganz eigene Sprache, da reicht es schon, wenn man sich einfach anschaut und lacht. Da muss man nicht viel sagen. Die Jungs sind gekommen, haben uns eingeladen und dann haben wir einfach Walzer und Polka miteinander getanzt.“ Doch nicht nur die Jugendlichen des Kreisverbandes waren ganz angetan von der Offenheit der Gäste aus dem Banat, auch die Jungs und Mädels aus Rumänien hatten einen Narren an den Mitgliedern der Esslinger Tanzgruppe gefressen. Besonders angetan waren sie von den Kindern. „Das war total cool. Die Mädels aus Rumänien haben sich einfach die Kinder geschnappt und mit ihnen getanzt“, erzählt Janice begeistert. „Für unsere Kinder war das auch etwas total Neues und sie fanden das super spannend. Auch wenn sie hinterher todmüde ins Bett gefallen sind.“

Doch wenn’s am schönsten ist, muss man bekanntlich aufhören. Denn so schön der Abend auch war, am nächsten Morgen mussten alle wieder früh aus den Federn. Die Kinder und Jugendlichen der Esslinger Tanzgruppe mussten zur Schule und für die Gäste aus Rumänien ging es ins Daimler-Werk nach Sindelfingen. Dort stand die Besichtigung der Fertigung der neuen E-Klasse, vom Presswerk bis zur Endmontage an. Besonders die Jungs waren hin und weg und bedauerten es sehr, dass das Fotografieren im Werk verboten war. Nichtsdestotrotz wird dieser Besuch allen noch lange in Erinnerung bleiben, denn wer hat schon mal die Gelegenheit, bei Daimler hinter die Kulissen zu schauen. Ein Dank an dieser Stelle an Erwin Wogh, der diese Besichtigung als ehemaliger Daimler-Mitarbeiter und dank seiner immer noch guten Beziehungen überhaupt ermöglicht hat.