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Banater Post

Grenzgänger zwischen den Welten

Katharina Kilzer und Walter Roth moderierten, wie schon beim Heimattag 2014, die Lesung mit Banater Autoren. Fotos: Oleg Kuchar

Siegfried Chambre las aus seinem Roman „Auf und davon“.

Franz Heinz trägt sein Essay „Bukarest – Düsseldorf, einfach“ vor. Foto: Oleg Kuchar

Freunde Banater Literatur kamen bei der Lesung mit den Schriftstellern Franz Heinz und Siegfried Chambre auf ihre Kosten. Foto: Oleg Kuchar

Auch beim Heimattag 2016 bekam die Literatur aus der Feder von Banater Autoren wieder ihren Platz. Franz Heinz und Siegfried Chambre lasen unter dem Motto „Grenzgänger“ aus ihren Werken. Die Moderatoren Katharina Kilzer (Jahrmarkt) und Walter Roth (Bruckenau) betonten die Vermittlerrolle der Autoren als Grenzgänger: „Sie thematisieren Flucht, Migration, die Suche nach Identität“, so Katharina Kilzer.

Franz Heinz, geboren 1929 in Perjamosch, war Kulturredakteur der Tageszeitung „Neuer Weg“ in Bukarest. Er veröffentlichte mehrere Prosabände und war Mitarbeiter der deutschsprachigen Hörfunk- und Fernsehprogramme. Er verließ Rumänien 1976 und lebt heute in Düsseldorf. Das Weggehen und das Ankommen – oder auch das Nichtankommen – sind seine Themen. Im Motto des Heimattages 2016, „Wir schreiben unsere Geschichte fort“, fand er sich als Autor wieder, stellte aber auch bescheiden fest: „Heimat fortzuschreiben, das ist eine große Aufgabe.“ Franz Heinz veröffentlichte Prosa, Hörspiele, Gedichte und Essays. Zuletzt erschienen sind von ihm der Roman „Kriegerdenkmal 1914 – Hundert Jahre später“ und der Gedichtband „Unpatriotische Heimsuchungen“.

Heinz, dessen literarisches Werk mehrfach ausgezeichnet wurde, las vor allem aus seinem Essay „Bukarest – Düsseldorf, einfach“ (in voller Länge nachzulesen weiter unten). Es ist eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit der Aussiedlung, eine sehr persönliche Antwort auf die Frage nach dem Zustandekommen der Entscheidung, die Heimat zu verlassen. Treffend beschreibt er die widersprüchlichen Emotionen: „Nie vorher fühlte ich mich freier als in dem Augenblick, in dem das Flugzeug vom rumänischen Boden abhob. Dabei war alles, was bindet, mit diesem Land verknüpft.“ Der Essay beschreibt aber auch in treffenden Worten, die wohl vielen Landsleuten aus der Seele sprechen, wie es nach der Ankunft in Deutschland weitergeht. Beschreibt das Bemühen, den „Kindern eine Heimat zu finden, ohne die alte zu vergessen“. Er schildert das Hin- und Hergerissensein zwischen dem Wunsch, in Deutschland so zu sein wie alle anderen und dem Wunsch, seine Identität zu bewahren. Franz Heinz zieht nach 40 Jahren in Deutschland die melancholische Bilanz einer gelungenen Integration, die ihren Preis hat: „Wir verabschieden uns von uns selbst.“

Siegfried Chambre, 1961 in Wiesenhaid geboren, ist 1981 aus Rumänien geflohen und lebt seit 1984 in der Schweiz. Er ist als selbstständiger Autor, Werbetexter und Journalist tätig. Sein erster Roman „Auf und davon oder der Traum vom roten Flugzeug“ ist eine autobiographische Schilderung seiner Flucht aus Rumänien. Auch in seiner Romantrilogie „Im Kreis der schwarzen Maulbeere“ setzt sich Siegfried Chambre mit seiner Banater Herkunft auseinander. Der Roman „Auf und davon oder der Traum vom roten Flugzeug“, aus dem Chambre vortrug, entstand auf den Vorschlag eines Schweizer Verlagslektors hin, der der Meinung war, eine solche Biographie tauge als Stoff für einen Roman.

Siegfried Chambre nahm die Zuhörer zunächst mit in seine Jugendzeit und las eine Szene vor, die alle Zuhörer zum Schmunzeln brachte: Ein Spuckwettbewerb unter Klassenkameraden findet ein unrühmliches Ende, denn gerade als die Spucke des Ich-Erzählers mitten auf dem Porträt Ceauşescus landet, kommt der Lehrer (und Schuldirektor!) ins Klassenzimmer. Der Junge wird am Ohr ins Büro des Direktors geschleift und angebrüllt.

Als junger Erwachsener versucht Chambre dann, über die grüne Grenze aus Rumänien zu fliehen, ein Grenzgänger im wortwörtlichen Sinne also. Er wird dreimal geschnappt. Bei der Schilderung seiner fehl-
geschlagenen Fluchtversuche ersparte Siegfried Chambre seinen Zuhörern nichts: keinen Schlag, keinen Tritt, keine Demütigung. Unerbittlich arbeitet er sich in seinem Roman an seiner Erinnerung entlang und gibt den Blick frei auf die schwärzesten Abgründe des damaligen rumänischen Staatswesens.

So beschreibt der Autor, wie er und seine Freunde festgenommen, verhört und gefoltert werden. Ein Freund wird mit einer Eisenstange geschlagen. Später sitzt der Ich-Erzähler in Haft, und die Erinnerung an schon durchlittene Qualen vermischt sich mit der Realität des Gefängnisalltags: Er wird immer wieder nach Namen von Helfern gefragt, auf Hände und Fußsohlen geschlagen. Ungeschönt schildert Chambre auch die katastrophalen Verhältnisse im Gefängnis: „Ich dachte, dass hier Ratten und Menschen sehr ähnlich sind: Sie sind immer gejagt, gehetzt und auf der Suche nach etwas Essbarem.“

An eine Brieffreundin in der Schweiz, zu der nur gelegentlich ein Brief hinausgeschmuggelt werden konnte, schreibt Chambre vor seinem vierten Fluchtversuch einen Abschiedsbrief: Er geht davon aus, dass er eine erneute Inhaftierung nicht überleben würde. Trotzdem riskiert er den Fluchtversuch, der diesmal gelingt. Doch seine Gedanken drehen sich weniger um die Gefahr, in der er schwebt, sondern darum, dass sein Dorf aufgegeben und die Bewohner zwangsumgesiedelt werden sollen. Der Obstgarten ist schon abgeholzt, der Friedhof soll umgeackert werden. So wird dem Fliehenden sogar die Erinnerung an die Heimat der Kindheit genommen.