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Banater Post

Die Vorfahren lebten im Banat – meine Eltern zogen von dort weg ...

Schülerwettbewerb des Landesverbandes Bayern

Als der Landesvorstand Bayern vor einem Jahr zu einem Aufsatzwettbewerb zu diesem Thema aufrief, gab es viel Lob von der älteren Generation, aber wenig Reaktion von der Generation, die wir eigentlich erreichen wollten. Von den Kindern und Jugendlichen, die schon in Deutschland geboren wurden, aber doch in der einen oder anderen Form über ihre familiären Bindungen hinaus mit ihren Landsleuten verbunden sind. Das war zumindest unsere Annahme. Nicht berücksichtigt hatten wir, dass Aufsatzschreiben nicht „in“ ist, wie uns auf Nachfrage oft bestätigt wurde, und dass die junge Generation über eine Verbandszeitung, die sich vor allem an die ältere Generation wendet, nur schwer erreichbar ist.

Was bedeutet es für junge Menschen, die in Deutschland geboren sind oder als Kleinkinder nach Deutschland kamen, dass ihre Vorfahren im Banat lebten, dass ihre Eltern von dort aussiedelten? Was bedeutet es für sie, wenn sie in ihrer Familie nicht die Dialekte der Region hören, in der sie heute leben, sondern jene aus dem Banat? Was bedeutet es für sie, wenn die Erinnerungen und die Erfahrungen ihrer Großeltern, ganz anders sind als die ihrer Schulkameraden? Wie gehen Kinder und Jugendliche aus unseren Reihen mit den Lebenswegen der Vorfahren und Eltern um? Was bedeutet es für sie, dass die Vorfahren im Banat lebten, dass die Eltern von dort wegzogen?

Das waren die Fragen, die wir gestellt haben, und es sind allen Klagen zum Trotz auch aufschlussreiche, überzeugende und ehrliche Antworten eingegangen. Eine ganz besondere Antwort auf die Ausschreibung hatten die Schüler der Banater Trachtengruppe Nürnberg gefunden. Sie organisierten eigens einen Projekttag zu dem Thema mit Wissensvermittlung, kreativen Bausteinen und Reflexionen zum Projekt, dem mehrere interessante Aufsätze folgten. Das Ergebnis des Projekttages konnte sich sehenlassen. Ein Ringbuch mit vierzig Seiten, bunt illustriert und voller Informationen darüber, was es für junge Leute bedeutet, einer banatschwäbischen Familie zu entstammen. Sandra Hirsch, Katharina Probst und Melanie Kling hatten den Projekttag organisiert.

Überzeugt hat das offene und ehrliche Bemühen der Schüler, Antworten auf die gestellten Fragen zu finden. Obwohl die jüngere Generation angesprochen wurde, verraten die Antworten viel über den Umgang mit diesem „Anderssein“ in der jeweiligen Familie. Wurde es anfänglich oft als Nachteil gedeutet, verkehrte es sich in einer offenen Auseinandersetzung damit oft in eine Position der Stärke. Im Folgenden werden die Aufsätze von zwei Teilnehmerinnen am Wettbewerb veröffentlicht. In der nächsten Ausgabe der Zeitung wird der Projekttag der Schüler der Nürnberger Trachtengruppe vorgestellt.

»Wahnsinn, wie langlebig diese Verbindungen sind«

Die Banater Schwaben, was bedeutet das eigentlich für uns, für die jüngere Generation? Darüber machte ich mir ein paar Gedanken und wollte diese kurz festhalten.

Eigentlich hatte jeder von uns eine ganz normale Kindheit mit sozialen Kontakten zu seinen Freunden, mit denen man eingeschult wurde, oder etwa die Kinder aus der Nachbarschaft, aus der Umgebung, in der man wohnt. Unsere Sozialisation und das Großwerden verlief dennoch etwas anders. Ein gravierender Unterschied war der etwas exotisch klingende Dialekt in der Alltagskommunikation. Oftmals dachte ich mir, dass meine Familie „anders“ spricht als die anderen, konnte es aber erst mal nicht richtig zuordnen, bis ich dann erfahren habe, dass meine Eltern gar nicht ursprünglich aus Deutschland kommen, sondern aus dem Banat. Das als Kind erklärt zu bekommen, ist ein bisschen merkwürdig, wenn man bedenkt, dass es von den Eltern aus heißt, Deutsche zu sein, aber nicht aus Deutschland zu kommen, und dann noch der Dialekt? Natürlich gewöhnt man sich an ein paar merkwürdige Wörter – nur der Unterschied zu unserer Generation ist, dass wir eben auch mit Bayern, Franken Schwaben und mehr, aufgewachsen sind und „Schwowisch“ passiv zwar gut verstehen, es aber normalerweise nicht aktiv einsetzen und benutzen.

Das schönste als Kind waren immer die Treffen der Eltern mit Bekannten, die zum Teil auch etwas weiter weg wohnten, die man gar nicht so oft trifft und sieht und die Kinder im gleichen Alter hatten. Man traf sich zwar nur selten, aber man kannte sich scheinbar gut. Vor allem das Spielen und die Begegnungen waren immer schön und hinterließen tiefe Eindrücke.

Irgendwann überlegt man auch, welche Unterschiede es zwischen uns und den anderen gibt, in kultureller Hinsicht und auch in der Tradition. Alte Fotos, die man gezeigt bekommt, auf denen Trachten zu sehen sind, kombiniert mit Tänzen, die man in unserer Generation gar nicht kennt: Gelebt wird auf bayerisch, mit Lederhose und Dirndl.

… und es ist schön zu wissen, immer willkommen zu sein und aufgenommen zu werden in den Kreis der Banater Schwaben

Kirchweihfeste und Heimattreffen: Man denkt natürlich als Kind nicht daran, auf welchen Hintergrund dies beruht, warum sich alle immer wieder so gerne treffen, begegnen und so viel Erzählstoff parat haben. Man bekommt immer wieder gesagt, wem man denn ähnlich schaue, irgendwelchen verstorbenen Vorfahren oder welche genetische Seite der Eltern sich dominant bei einem durchgesetzt hat. Aber es ist offensichtlich, dass man von Allen gekannt bzw. erkannt wird, selber jedoch den Überblick verliert, wer wer ist und in welcher Beziehung man zueinander steht.

Komisch, aber spannend allemal ist es auch, mit den Eltern mal ins  Banat zu fahren und zu begreifen, dass dies mal ihr Zuhause war. Irgendwelche Gassennamen, die man noch nie gehört hat, die aber durch und durch Deutsch sind. Eine deutsche Schule, Häuser, in denen die Eltern einst lebten, Örtlichkeiten, wo sie ihre Jugend verbrachten. So gesehen eine sehr schöne Erfahrung für die Eltern, wenn man sieht, wie toll sich die damalige Zeit für sie darstellt, jeden gekannt zu haben und noch immer zu kennen. Der Bekanntenkreis ist auch eine Sache für sich. Wahnsinn, wie langlebig diese Verbindungen sind und wie lange sie halten. Wenn einem die Eltern euphorisch erzählen, mit wem sie einst hier und dort gewesen sind, sei es eine Mitgliedschaft in einer Band oder nur irgendwelche Tanzabende, Partys, Hochzeiten und Ausflüge – Tatsache ist, dass dieser Hintergrund einem ein Leben lang begleitet und man sich einer großen Familie zugehörig fühlt.

Wir Kinder haben ja dieses Schema schon vorgelebt bekommen, und wenn man insgeheim mal darüber nachdenkt, pflegen wir diese Kontakte unserer Generation ja irgendwie weiter, und es ist schön zu wissen, immer willkommen zu sein und aufgenommen zu werden in den Kreis der Banater Schwaben.

Laura Pommersheim, 21 Jahre alt, geboren in Hamburg, aufgewachsen in Ingolstadt

»Als ich es erfuhr, da brach für mich die halbe Welt zusammen …«

Als ich mit ungefähr acht Jahren erfuhr, dass meine Eltern und Großeltern, ja eigentlich meine Vorfahren, nicht von hier, sondern aus Jahrmarkt, aus dem Banat kommen, brach für mich die halbe Welt zusammen, da ich mir plötzlich wie eine Ausländerin – warum weiß ich heute nicht mehr – und natürlich unsagbar dumm vorkam. Dumm, weil ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht bemerkt hatte, dass meine Eltern anders waren als die meiner Freunde. Ich schämte mich damals sehr, dass meine Eltern im Ausland geboren und aufgewachsen sind. Doch nach genauerem Überlegen und nach vielen tröstenden Worten meiner Eltern fiel mir auf, dass das, was mir bis jetzt noch nicht aufgefallen war, kein Wunder war, da man den Unterschied zu den Eltern meiner Freunde auch nur auf den zweiten Blick bemerken konnte: Meine Eltern sprachen nämlich nicht den in unserem Dorf üblichen ausgeprägten bayerischen Dialekt, sondern ihren eigenen Dialekt aus dem Banat. So kannte auch keiner eine Familie Streitmatter in unserem kleinen Dorf, wo jeder jeden kennt, aber auch in den Geschichten der Eltern erkannte ich bei genauerem Hinhören kleine Unterschiede: Die Eltern und Großeltern meiner Freunde bewirtschafteten Felder, meine Familie den eigenen Garten.

… jetzt weiß ich erst, wie gut es mir in Deutschland geht

Da ich nach längerer Zeit feststellte, dass mich nur sehr selten jemand auf die Herkunft meiner Eltern ansprach und auch, dass nie jemand böse deswegen war, begann ich, mich mit der für mich neuen Situation einer – mit meinen damaligen Augen gesehen – „Ausländerin“ anzufreunden. Zwei Jahre darauf, als ich zehn Jahre alt und somit in der 5. Klasse war, fanden meine Eltern, dass es an der Zeit war, mir ihre Heimat Jahrmarkt zu zeigen. Dort sah ich die wunderschöne Kirche des Ortes, den dort sehr bekannten Brunnen, den Friedhof, wo mein Uropa begraben ist, und natürlich auch die Häuser, in welchen sie aufgewachsen sind. Natürlich könnte ich mir nicht mehr vorstellen, dort unten zu leben, aber dadurch, dass ich gesehen habe, wie meine Eltern früher lebten und wie die Menschen dort auch heute noch leben, weiß ich erst, wie gut es mir in Deutschland geht.

Nach dem Besuch in Rumänien dachte ich mir, dass die Eltern meiner Freunde zwar besser als meine Eltern aufwuchsen, aber im Nachhinein sehe ich das nicht so tragisch, denn ich glaube, selbst wenn meine Eltern sehen, wie sie hier in Deutschland von Anfang an hätten leben können, würden sie trotzdem die Kindheit und Jugend im Banat vorziehen. Das betonen sie auch heute immer wieder.

Ich glaube, dass ich alleine dadurch, gesehen zu haben, wie es dort unten ist, mich heute, insgesamt fünf Jahre nach dem Tag, an dem ich erfuhr, dass meine Eltern aus dem Banat kommen, mich in Bayern, in meinem Ort und auch unter meinen Freunden nicht mehr schämen möchte, weil meiner Meinung nach das Banat der Heimatort meiner Eltern ist, so wie eben Bayern der Heimatort der Eltern meiner Freunde ist. Schließlich schämen sich meine Freunde auch nicht für die Heimat ihrer Eltern, Bayern, also tue ich das auch nicht mehr.

 Vanessa Streitmatter, 14 Jahre alt, Großmehring bei Ingolstadt