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Banater Post

Besondere Ehrenbezeugung für einen Banater Schwaben

Bürgermeister Norbert Büscher, Fritz Wilhelm und Alfred Haas, Wilhelms Nachfolger im Amt des Mucher Bürgermeisters (von links), enthüllen das neue Straßenschild. Auf der unterhalb des Schildes angebrachten Tafel steht: „Direktor der Realschule Much von 1957-1985, Bürgermeister der Gemeinde Much von 1975-1994, Ehrenbürger der Gemeinde Much seit 1995“. Quelle: www.mein-much.de

Fritz Wilhelm bedankt sich für die Ehrung. Quelle: www.mein-much.de

Es war ein besonderes Ereignis in Much, einer 15000 Einwohner zählenden Kleinstadt im Rhein-Sieg-Kreis, als am 25. Januar d. J. das Namensschild der zur Realschule führenden Straße enthüllt wurde. Etwa 150 Bürger der Stadt und mehrere Presseleute hatten sich eingefunden, als Bürgermeister Norbert Büscher zusammen mit dem geehrten Altbürgermeister Fritz Wilhelm die Tafel mit der Bezeichnung „Fritz-Wilhelm-Straße“ enthüllte. Die Stadt Much ehrte damit ihren besonders verdienstvollen Bürger Fritz Wilhelm, indem sie die zur Realschule – sozusagen zu „seiner“ Schule – führende Straße nach ihm benannte. Außergewöhnlich ist diese hohe Ehrenbezeugung auch dadurch, dass sie zu Lebzeiten erfolgt ist.

Diese besondere Ehrung hat sich der aus dem Banat stammende Fritz Wilhelm im Dienste der Stadt, ihrer Bürger und ihres Gemeinwesens reichlich verdient. Wilhelm war 28 Jahre lang Leiter der Mucher Realschule. Der Mathematik- und Biologielehrer war damals, als man ihm die Leitung der Schule anvertraut hatte, mit 34 Jahren der jüngste Realschulleiter in Nordrhein-Westfalen. In dieser Zeit wurde die Schule modernisiert und erweitert. Hatte sie bei seiner Berufung 169 Schüler, lernten bei seiner Pensionierung über 600 Schüler hier. Man sagt, jeder zweite Mucher sei Wilhelms  Schüler gewesen. Seine ehemaligen Schüler reden voller Achtung über ihn und  beschreiben ihn als sehr geschickten Pädagogen und einfühlsamen Lehrer.

Wilhelms breites öffentliches Engagement, seine Geradlinigkeit und Zuverlässigkeit, sein Wissen und Können machten ihn bekannt und beliebt bei seinen Mitbürgern, so dass er gar nicht nein sagen konnte, als man ihm 1975 das Amt des Bürgermeisters der Stadt Much anbot. Die Mucher wählten den mittlerweile geschätzten Schulrektor zum ehrenamtlichen Bürgermeister ihrer Stadt, ein Amt, das er 20 Jahre lang ausübte. Die Stadt nahm in dieser Zeit eine sehr gute Entwicklung. Es entstanden ein Gewerbe- und ein neues Siedlungsgebiet, das Schulzentrum wurde ausgebaut, der Wohnungsbau machte Fortschritte. Die Stadt wuchs von 8000 auf beinahe  14000 Einwohner, ihre Wirtschaft erfuhr eine rasante Entwicklung und auch im Sozialbereich wurde viel geleistet. Wilhelm schaute auch „über den Tellerrand“, wie er sagte, und so wurden auf seine Initiative hin die Partnerschaften mit der französischen Gemeinde Doullens und der brandenburgischen Gemeinde Groß Köris ins Leben gerufen.

Vielfältig war Wilhelms ehrenamtlicher Einsatz. Er wirkte als Leiter des Volksbildungswerkes, als Vorsitzender des örtlichen Tennisclubs, war im Kirchenvorstand tätig, ist Mitglied mehrerer Vereine und wirkt bis heute im Seniorenverein mit. Fritz Wilhelm war auch politisch engagiert. Er war lange Zeit Vorsitzender des CDU-Ortsvereins und gehörte auch regionalen Gremien an. Als Anerkennung seines erfolgreichen Wirkens hat ihn die Stadt Much 1995, als bisher einzigen, mit der  Ehrenbürgerschaft ausgezeichnet. Schon 1974 war ihm in Anerkennung seiner besonderen Leistungen die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen worden.

Die alteingesessenen Bürger von  Much nennen sich „Mücher“, während die Zugezogenen „nur“ Mucher sind. Fritz Wilhelm ist Mucher, er bekennt sich aber zu seinen Banater Wurzeln. Geboren wurde er 1923 in Gottlob in einer Lehrerfamilie, die Großeltern waren Bauern. Als Kind und Jugendlicher genoss er die räumlich große Freiheit der Banater Heide und das damals unbekümmerte Dorfleben. Andererseits wurde er in der Lehrerfamilie zu Fleiß, Ordnung und Geradlinigkeit erzogen. 1939 zog die Familie nach Temeswar, wo der Vater eine Stelle bei der schwäbischen „Agraria“-Genossenschaft annahm. Fritz war damals schon Gymnasiast. Er besuchte die Katholische Lehrerbildungsanstalt, bestand 1941 die Lehramtsprüfung und trat mit viel Begeisterung seine erste Lehrerstelle in Maria Radna an. Nach einem Jahr wechselte er zur Ackerbauschule nach Wojteg, doch dann donnerten schon die Kanonen.

Wilhelm wurde Soldat. Als er nach einer Verwundung zur Genesung in einem Lazarett in Dresden war, hatte er großes Glück. Während eines kurzen Freigangs nach Berlin wurde das Lazarett an jenem unglücklichen 13. Februar 1945, wie ganz Dresden, durch Bomben der Alliierten in Schutt und Asche gelegt. Keiner seiner Kameraden hat überlebt. Und er hatte damals ein weiteres Mal Glück, denn er lernte dort seine spätere Frau Ilse kennen, die als Flakhelferin nach Berlin gezogen war.

Nach der Entlassung aus der Gefangenschaft verschlug es Wilhelm nach Oberbayern, wo er bei einem Bauern Unterkunft und Arbeit fand. Zu seiner aus dem Banat geflüchteten Familie fand er wieder Kontakt, allein sein Bruder Walter war ins Banat zurückgekehrt und wurde 1951 in die Bărăgan-Steppe verschleppt. Von ihm erfuhr die Familie, wie sich die Situation im Banat entwickelt hatte, ein Zurück gab es nicht mehr. Man überlegte gemeinsam und suchte nach Wegen, um den Verschleppten zu helfen.

Fritz Wilhelm fand auch seine Ilse wieder und entschied sich, zu ihr ins Bergische Land zu ziehen. Es wurde eine glückliche Ehe, die bis zu ihrem Tod 2002 währte. Der Ehe entstammen ein Sohn und zwei Töchter. Wilhelm ist vierfacher Großvater und zweifacher Urgroßvater. Nachdem er in Nordrhein-Westfalen ein Zusatzstudium abgeschlossen hatte, wurde er 1952 zum Leiter der Realschule  in Much berufen.

Dem Banat und seinen Landsleuten blieb Fritz Wilhelm stets verbunden. Er war einer der frühesten Mitglieder unserer Landsmannschaft, Vater Jakob Wilhelm zählte zu deren Gründungsmitgliedern. Über die Entwicklung unserer Gemeinschaft ist er stets unterrichtet, mit viel Interesse liest er nach wie vor die „Banater Post“. Gleich nach der politischen Wende organisierte er mit viel Elan Hilfen für die Landsleute im Banat und brachte mehr als zwanzig Lkw-Ladungen mit Hilfsgütern dorthin. Besonders hilfreich für uns erwiesen sich die von ihm vermittelten Kontakte zu Dr. Horst Waffenschmidt, dem damaligen Parlamentarischen Staatssekretär im Bundesministerium des Inneren (BMI) und Aussiedlerbeauftragten der Bundesregierung. Auf diesem Wege kamen die ersten und bis heute andauernden Hilfen des BMI für die in der Heimat verbliebenen Landsleute voran.

An die Enthüllung der Straßentafel schloss sich ein Empfang der Stadt Much in der Mensa der Realschule an. Bei dieser Feierstunde ergriffen zahlreiche Gäste das Wort, um Fritz Wilhelm zu seiner Würdigung zu gratulieren. Bürgermeister, Landrat, Weggefährten aus Schule, Politik und Verwaltung waren gekommen. Die Glückwünsche der Landsmannschaft überbrachte mit einem Buchgeschenk der Berichterstatter. Auch mehrere Banater aus der Umgebung wohnten der Feier bei. Umrahmt wurde die Feststunde vom Shanty-Chor „överm Diech“ aus Sommerhausen. Der Gefeierte, noch geistig rüstig, ließ es sich nicht nehmen, zum Abschluss der Feier nochmals selbst zum Mikrofon zu greifen. Der 93-Jährige bedankte sich für die Ehrung und für die Glückwünsche bei all seinen Freunden und Weggefährten. Er sei dankbar, dass sein Leben, trotz mancher Rückschläge, so verlaufen sei, sagte Wilhelm. Obwohl er nun in einem Heim in Siegburg lebe, sei er immer noch interessiert und informiert über alles, was in Much geschehe. Er sei immer noch Mucher, und zwar einer mit starken Banater Wurzeln.

So dürfen wir auch auf diesem Wege unserem Landsmann zu dieser besonderen Auszeichnung herzlich gratulieren. Fritz Wilhelm ist, soweit uns bekannt, der bisher einzige Banater Schwabe, nach dem eine Straße in Deutschland benannt wurde. Wir wünschen ihm weiterhin Gesundheit und Wohlergehen.