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Banater Post

Erschütternde Zeitzeugenberichte als Mahnung

Anna Müller aus Albrechtsflor bei ihrer Deportation in die Sowjetunion vor siebzig Jahren...

... und heute als 91-Jährige.

Magdalena und Michael Schicht mit ihrer in der Deportation geborenen Tochter Gertrud im Jahr 1949. Einsender der Fotos: KV Roth-Schwabach

Der Kreisverband Roth-Schwabach organisierte zusammen mit dem Gerhardsforum Banater Schwaben am 28. März eine Gedenkveranstaltung anlässlich des 70. Jahrestages der Deportation der Deutschen aus Südosteuropa in die Sowjetunion. Davon betroffen waren bekanntlich auch abertausende Banater Schwaben. Die beiden Vorträge von Dr. Walther Konschitzky und Dr. Franz Metz sowie die literarische Lesung mit Gertrud Laub wurden durch Erlebnis-berichte von Zeitzeugen ergänzt. Die Veranstaltung endete mit einem von Monsignore Andreas Straub zelebrierten Gedenkgottesdienst.

Zunächst stand das von Magdalena und Michael Schicht erlittene Schicksal im Vordergrund. Kreisvorsitzende Angela Schmidt hatte im Vorfeld das Eheepar interviewt und dessen Geschichte aufgezeichnet. Magdalena Schicht, geborene Gross, stammt aus Sackelhausen, Michael Schicht kommt aus Deutschbentschek. Die beiden hatten sich in Russland kennengelernt, wurden ein Paar und kehrten als Familie mit einem Kind nach Hause zurück. Am schlimmsten seien der ständige Hunger wie auch die Läuse und Wanzen gewesen, wussten beide zu berichten. Kaum ein Jahr zuhause, währenddessen das Ehepaar versuchte, wieder Fuß zu fassen, wurde es erneut verschleppt, diesmal in die Bărăgan-Steppe. Sie hätten nie aufgegeben und ihr Leben immer gut zu meistern versucht, so Magdalena und Michael Schicht. Mittlerweile sind die beiden seit 65 Jahren miteinander verheiratet und leben heute in Schwabach.

„893 Tage weit weg von zu Hause. Erinnerungen an die Zeit der Verschleppung in die Sowjetunion, 15. Januar 1945 – 26. Juni 1947“ nannte Friedrich Eberle (Liebling) seinen erschütternden Bericht über das in der Deportation Erlebte. Es waren düstere Zeiten, in denen die Würde eines Menschen nichts zählte, Zeiten, die von Nöten und Ängsten, von Ungerechtigkeit und Willkür geprägt waren. Die geschilderten Erlebnisse und Eindrücke haben das Publikum bewegt und nachdenklich gestimmt.

Der Fotograf, Publizist und Verleger Dr. Walther Konschitzky veranschaulichte anhand von eindrucksvollen Fotos und Berichten die gesamte Tragik des Deportationsgeschehens. Er wies auf die Aufarbeitung der Russlanddeportation mittels Erlebnisberichten und wissenschaftlichen Publikationen hin sowie auf die Maßnahmen, die zur Wiedergutmachung dieses großen Unrechts ergriffen wurden. Der Referent zeigte zahlreiche Bilder von Gedenkveranstaltungen und Denkmälern, die die Erinnerung an die Deportation wachhalten und mahnen sollen, dass so etwas nie wieder geschieht. Die auf ein breites Wissen gestützte Präsentation war sehr beeindruckend. Einen tiefen Eindruck von dem, was die Verschleppten erleiden und erdulden mussten, vermittelt auch das Liedgut aus der Zeit der Russlandverschleppung, worüber der Musikwissenschaftler Dr. Franz Metz referierte. Lieder wie „Tief in Russland bei Stalino“, „Mensch, hast du ein Leid zu tragen“, „Leise sinkt der Abend nieder“ oder „Heute in der Nacht“ widerspiegeln das große Leid der Deportierten, ihre Gefühle und Empfindungen, ihr Heimweh und ihre Hoffnung, bald nach Hause, zu den Lieben, zurückkehren zu können.

Die 91-jährige Zeitzeugin Anna Müller, geborene Schordie, erzählte über die Aushebung der zur Deportation bestimmten Personen in ihrem Heimatort Albrechtsflor, über die beschwerliche Fahrt in Viehwaggons bis Russland, über die unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen im Lager Dneprodserschinsk. Das Schlimmste seien die mangelnden hygienischen Verhältnisse im
Lager, das Ungeziefer und die völlig unzureichende Ernährung gewesen, zumal es täglich Sauerkraut- und Gurkensuppe zu essen gab. Anna Müller berichtete von der schweren Arbeit, die sie beim Abladen des Schutts aus den Waggons oder als Handlangerin beim Wiederaufbau zerstörter Fabriken leisten musste. Ab 1948 sei die Arbeit entlohnt worden, doch von dem kargen Lohn mussten die Deportierten ihre Verpflegung und Unterkunft bezahlen.

Anschließend las Gertrud Laub, geborene Rabong, aus ihrem kürzlich erschienenen historischen Roman „Namenlos in der Fremde“. Die aus Orzydorf stammende und in Berlin lebende Autorin erzählt die
Deportationsgeschichte ihres Vaters, der als 17-Jähriger verschleppt wurde und fünf grausame Jahre in ukrainischen Abeitslagern verbringen musste – Jahre, die von Fronarbeit, Hunger und Not, Entbehrungen und Erniedrigungen geprägt waren.

Peter Fuhro (Morawitza/Reschitza/ Schwabach) war 1945 erst zehn Jahre alt, kann sich aber noch genau an die Flucht im Herbst 1944 erinnern. Sein Großvater packte den Einspänner und die Familie flüchtete zusammen mit den Dorfbewohnern in die 18 Kilometer entfernte Stadt Werschetz. Etwa 200 Fuhrwerke begaben sich von dort über Jugoslawien, Ungarn und Österreich bis in den Böhmerwald. Ein Teil der Flüchtlinge blieb in Österreich, ein anderer in Bayern, wo sie auf Bauernhöfe verteilt wurden. Im Sommer 1945 traten sie den Rückweg an; allen Hab und Gutes beraubt, erreichten sie im August 1945 wieder ihr Dorf Morawitza.

Matthias Schmalz aus Saderlach erzählte im Interwiev mit Anni Fay, wie er während des Krieges nach Deutschland gekommen ist, um hier auf Wunsch seiner Eltern für zwei Jahre die Ackerbauschule zu besuchen. Als Volksdeutscher wurde er jedoch zur Waffen-SS einberufen. Nach einem Jahr Wehrdienst wurde er dann nach Stralsund einberufen, bekam dort eine Ausbildung und kam danach zur deutschen Armee. Er wurde schwer verwundet und wog bei einer Größe von 1,80 Metern nur noch 48 Kilogramm. Zwei Jahre später kehrte er wieder nach Saderlach zurück.

Das Gedenken an die Russlanddeportation in Schwabach war eine Veranstaltung wider das Vergessen. Es war ein Tag des Erinnerns, Gedenkens und Mahnens, an dem die Opfer dieser Katastrophe – die wenigen noch lebenden wie auch die vielen, die nicht mehr unter uns weilen – im Mittelpunkt standen.