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Banater Post

Erlebte und gelebte Geschichte

Erlebte und gelebte Geschichte, wie sie sich in der vor kurzem erschienenen Anthologie „,Jein, Genossen!‘ Rumäniendeutsche erzählen. Vom Zweiten Weltkrieg bis zum Fall des Eisernen Vorhangs“ niederschlägt, ist kein Ersatz für die wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte der deutschen Minderheit im kommunistischen Rumänien. Das von Hans Fink und Hans Gehl herausgegebene und im Verlag des Münchner Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas erschienene Erinnerungsbuch kann und will keine erschöpfende Darstellung der Verhältnisse im kommunistisch regierten Rumänien sein. Trotz der darin vereinten siebzig Aufzeichnungen und Berichte und seines Umfangs von rund 700 Seiten gibt das Buch nur Ausschnitte der Wirklichkeit wieder. Und trotzdem ist es ein besonderes und für die Rekonstruktion historischer Sachverhalte bedeutsames Buch.

Erstens spannt es den Bogen vom Zweiten Weltkrieg bis zur Aussiedlung und zum Versuch, in Deutschland Fuß zu fassen. Es bietet unter Einbeziehung sämtlicher deutscher Siedlungsgruppen einen allgemeinen Überblick über eine ganze geschichtliche Epoche und unterscheidet sich dadurch von anderen Erinnerungsbüchern, die sich auf ein Ereignis wie die Russland-Deportation und die Bărăgan-Verschleppung beziehen oder auf eine bestimmte Kleingruppe beschränken.

Das Erinnerungsbuch zeigt zweitens facettenreich auf, wie die Deutschen in Rumänien nach dem Zweiten Weltkrieg unter Hammer und Sichel gelebt haben. Die durch ihre große Unmittelbarkeit und ihren breiten Informationsgehalt bestechenden Zeitzeugenberichte bieten ein umfassendes Panorama der Lebens- und Arbeitswelt in einem diktatorisch regierten Staat, der durch ein ausgeklügeltes System von Maßnahmen seine Bürger in ihrer freien Entfaltung hinderte.

Drittens sind in diesem Band Banater Schwaben und Berglanddeutsche, Siebenbürger Sachsen, Sathmarer Schwaben, Oberwischauer Zipser und Deutsche aus Bukarest versammelt. In den Beiträgen wird gezeigt, wie trotz der widrigen Zeitumstände nach dem Zweiten Weltkrieg Wege gesucht und gefunden wurden, um eine Kooperation zwischen den räumlich getrennt siedelnden Gruppen zu ermöglichen. Verbindendes Element waren die frustrierenden Erfahrungen als deutsche Minderheit und das Bestreben, die kulturelle Identität zu bewahren.

Viertens kommen unterschiedliche Gesellschaftsgruppen zu Wort – Menschen, die in der Landwirtschaft beziehungsweise in der Industrie gearbeitet haben, ebenso Handwerker, Lehrer, Ärzte, Forscher, Schriftsteller, Journalisten, Künstler, Geistliche und Funktionäre. Dadurch wird sichergestellt, dass die verschiedensten Lebens- und Arbeitsbereiche beleuchtet werden und die Sichtweisen von Menschen aus unterschiedlichen Milieus zur Geltung kommen.

„Wer begreifen will, wie das war, muss wissen, wie es funktionierte“ – unter diesem Titel hatte Johann Lippet anlässlich des fünfzigjährigen Bestehens des Temeswarer Deutschen Staatstheaters, dessen Dramaturg er war, Einblicke in Abläufe des Theaterbetriebs in den 1980er Jahren gewährt. Auch der vorliegende Band vermittelt eindringlich, wie das Leben der Rumäniendeutschen im Kommunismus funktionierte. Die Autoren gehen nicht nur auf das der Gruppe widerfahrene Unrecht in Form von Deportation, Enteignung, Verfolgung und Ausgrenzung ein oder darauf, wie die deutsche Minderheit im Besonderen von Zwangs- und Unterdrückungsmaßnahmen betroffen wurde. Deutlich wird auch, wie die Menschen ihre Existenz unter dem Druck der Diktatur zu bewältigen trachteten, wie sie sich unter schwierigen Umständen behaupteten, sei es als Gruppe, sei es als Individuen, welche Rolle Eigeninitiativen spielten oder welche Leistungen sie in der Produktion, in der Forschung und im Kulturleben erbrachten. Dabei werden oft Tatsachen benannt, wie man sie so bisher nicht kannte. Es werden Vorfälle geschildert, über die man seinerzeit, wenn überhaupt, nur unter vorgehaltener Hand erzählte. Ein besonderes Thema des Buches bilden die ungewöhnlichen Fluchtgeschichten von Personen, die ein hohes Risiko eingingen, um durch illegalen Grenzübertritt dem Herrschaftssystem Ceauşescus zu entkommen.

Indem es Erinnerungen der Erlebnisgeneration bündelt und deren Sichtweisen auf die Verhältnisse im kommunistischen Rumänien artikuliert, wendet sich das vorliegende Buch sowohl an jene, die diese Zeit aus eigenem Erleben kennen, als auch und vor allem an deren Nachkommen, die das Privileg genießen, in einer freien demokratischen Gesellschaft zu leben. Historikern und Sozialwissenschaftlern gibt es eine wertvolle Quellensammlung an die Hand, die es ihnen unter Heranziehung anderer Quellengattungen ermöglicht, auf die Rumäniendeutschen während des Kommunismus bezogene Sachverhalte zu rekonstruieren.   

„Jein, Genossen!“ Rumäniendeutsche erzählen. Vom Zweiten Weltkrieg bis zum Fall des Eisernen Vorhangs. Herausgegeben von Hans Fink und Hans Gehl. München: IKGS Verlag, 2014. 707 Seiten. ISBN 978-3-942739-03-0. 39,50 Euro. Zu beziehen über verlag@ikgs.de