zur Druckansicht

private Anzeige schalten

Media-Center

Banater Post

Ein Tag für Stefan Jäger in Ingolstadt

Das Jahr 2012 ist ein Stefan-Jäger-Jubiläumsjahr in doppelter Hinsicht: Der Geburtstag des Künstlers jährt sich nämlich zum 135. Mal, sein Todestag zum 50. Mal. Ihm zu Ehren veranstaltete das Hilfswerk der Banater Schwaben zusammen mit dem Landesverband Bayern unserer Landsmannschaft am 28. April ein Symposium und eine Ausstellung in Ingolstadt. Über 200 Teilnehmer aus nah und fern konnte Peter Krier, der Initiator und Organisator der Veranstaltung, im Banater Seniorenzentrum Josef Nischbach begrüßen, darunter den Bundesvorsitzenden der Landsmannschaften der Banater Schwaben, Peter-Dietmar Leber, die Kultur-referentin für Südosteuropa am Donauschwäbischen Zentral-museum Ulm, Dr. Swantje Volkmann, den Ehrenvorsitzenden des Hilfswerks der Banater Schwaben, Helmut Schneider, den stellvertretenden Bundesvorsitzenden und Vorsitzenden des Kreisverbandes Ingolstadt der Landsmannschaft, Hans Metzger, die stellvertretende Vorsitzende des Landesverbandes Bayern, Helmine Buchsbaum, sowie Vertreter der Heimatorts-gemeinschaft Hatzfeld.

Stefan Jäger, der Schwaben-maler, genieße neben dem Schwabenbischof Augustin Pacha und dem Schwabendichter Adam Müller-Guttenbrunn eine besondere Verehrung in unserer Volksgruppe, unterstrich Peter Krier bei der Eröffnung des Symposiums. In seinen Bildern habe er uns die längst untergegangene Welt der Banater Schwaben bewahrt und uns allen ein Stück unverlierbare Heimat auf den Weg durch die Welt mitgegeben. Symposium, Aus-stellung und der in Kürze er-scheinende Katalog seien eine Hommage an den beliebten Künstler und der Versuch, die Erinnerung an die Heimat im Gedächtnis unserer Gruppe zu verankern.

Es gebe keinen Maler, der Alltags- und Festtagskultur der Banater Schwaben so umfassend und nachdrücklich dargestellt hat wie Stefan Jäger, stellte Peter-Dietmar Leber in seinem Grußwort fest. Jedes Skizzenblatt und jedes Bild stehe für einen kleinen Ausschnitt unseres Seins im Banat, das sich in einer Gesamtschau zu einem einzigartigen Bild verdichtet. Jägers Kunst ebne uns heute einen Weg zurück, zur Region und zu den Quellen, „nicht um die Welt von gestern zu finden, die es nicht mehr gibt, sondern um sie zu verstehen“.

Die Reihe der Vorträge eröffnete der aus Hatzfeld stammende Historiker Walter Tonta (Ulm). Mittels einer gelungenen Power-Point-Präsentation zeichnete er den Lebensweg des 1877 in Tschene geborenen und 1962 in Hatzfeld verstorbenen Malers nach, der seine akademische Ausbildung in Budapest erhielt und zeitlebens ausschließlich von der Malerei lebte. Seine bescheidene und anspruchslose Lebensführung war in jungen Jahren der materiellen Not des Elternhauses gezollt (aufgrund eines Armutszeugnisses erließ ihm die Kunsthochschule zeitweilig die Schultaxen), später war sie durch seine Entscheidung bedingt, sein Brot als freischaffender Künstler zu verdienen. Infolgedessen gab es, in Abhängigkeit von der Auftragslage und den jeweiligen politischen Rahmen-bedingungen, gute und schlechte Zeiten, wobei zu letzteren die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg zu zählen sind, als der Altmeister sein Dasein unter ärmlichen Verhältnissen fristen musste. Erst 1957, zu seinem 80. Geburtstag, wurde ihm im Zuge der Verleihung des Arbeitsordens II. Klasse eine Ehrenpension zuerkannt. Obwohl das 1910 enthüllte Einwanderungsbild Jäger mit einem Schlag bekanntgemacht hatte, nahm man zu Lebzeiten des Malers kaum Notiz von seinem Werk. Heute sei uns bewusst, so der Referent abschließend, welch unermesslicher Schatz Stefan Jäger seinen Banater Schwaben hinterlassen hat.

Die Kunsthistorikerin Dr. Annemarie Podlipny-Hehn (Temeswar) widmete sich sodann dem weniger bekannten Skizzenwerk des Malers, das sozusagen als dessen Tagebuch betrachtet werden kann. Auf Blätter verschiedener Größe und unterschiedlicher Papier-qualität festgehalten, in Bleistift, Tusche oder Aquarell ausgeführt, sind die Skizzen auf den vielen Wanderungen und Reisen des Malers inmitten der Natur oder des Banater Volkslebens aus unmittelbarem Erleben entstanden. Die Referentin, die sich schon seit Jahrzehnten mit dem Werk Jägers befasst, wies mittels einer repräsentativen Auswahl von Reproduktionen auf die breitgefächerte Thematik der Skizzen hin. Mit den sparsamsten künstlerischen Mitteln, durch wenige Umrisse und Farbflächen, und dem Blick für das auch oftmals  schriftlich festgehaltene Detail gelinge es Jäger, so Podlipny-Hehn, ein wirklichkeitsgetreues Bild der banatschwäbischen Welt wiederzugeben. Dergestalt seien Jägers Skizzen „eine schwäbische Ethnografie von großem dokumentarischen Wert“.

Hans Hausenstein-Burger aus München wagte eine künstlerische Gesamtanalyse des Werkes von Stefan Jäger, in deren Mittelpunkt er das Einwanderungsbild rückte. Es sei „ein erzählendes Werk, das in einfacher, schlicht realistischer Sprache den Anfang unserer Geschichte schildert“, ein Bild, bei dem alles stimme: Aufbau, Komposition und Farbgebung. Hausenstein-Burger, selbst Bildender Künstler, beleuchtete kritisch den Umgang mit dem Maler und die Rezeption seines Oeuvres. Das in seiner Thematik auf das ländliche, volkstümliche Geschehen bezogene und einem strengen Realismus verpflichtete Werk sei vom akademischen Kunstbetrieb weitgehend ignoriert worden, wovon auch die kaum wahrnehmbare Präsenz bei Ausstellungen zeugt. Die schwierigen Lebensumstände des Malers werfen ein bezeichnendes Bild nicht nur auf den Kunstbetrieb, sondern auch auf unsere Gruppe. Jäger sei, so das Fazit, ein „seltsamer Eremit (gewesen), der wie eine emsige Raupe am seidenen Faden seiner Gruppe hing und in seinem Kokon weitergesponnen hat, ohne sich von seinen widrigen Verhältnissen, geschweige denn von den wechselnden politischen Konstellationen aufhalten zu lassen“. Heute stehe man staunend „vor den schillernden Flügeln dieses entpuppten Schmetterlings“. 

Norbert Schmidt (Dortmund) näherte sich Stefan Jäger aus der Perspektive der spätimpressionistischen Genremalerei – wobei unter Spätimpressionismus nicht eine der Nachformen zu verstehen ist, die mit den Sammelbegriffen Post- oder Neoimpressionismus bezeichnet werden – und stellte ihm zwei deutsche Maler vergleichend zur Seite: den Impressionisten Max Liebermann (1847–1935) und den Genremaler Heinrich Zille (1858–1929); Künstler, die – wie Jäger – ihrem Malstil und ihrer Thematik treu geblieben sind. Liebermann, der sich vom „Maler der armen Leute“ zum Maler des Bürgertums und der mondänen Welt wandelte, ohne aber dabei die kleinen Leute aus dem Auge zu verlieren, wandte sich, wie auch Jäger, nicht brüsk vom Stil der Väter ab, sondern benutzte vielmehr die Errungenschaften des Impressionismus zur Belebung seiner Kunst. Zille war ein Genremaler, was auch auf Jäger zutrifft. Während der eine die ungeschönte Wirklichkeit im Berlin der Gründerjahre (das Berliner „Milljöh“) zeichnete, malte der andere das banatschwäbische Milieu. „Wir Banater Schwaben dürfen es als Stern-stunde unseres Kulturlebens empfinden, dass uns ein Dokumentarist vom Range Jägers beschieden war“, resümierte Schmidt.

„Arbeit, Glauben, Feste und Alltag der Banater Schwaben in den Gemälden von Stefan Jäger“ lautete der Titel des Bildvortrags von Josef Koch (Spaichingen). Jäger hat, wie kein zweiter Künstler, die Banater Landschaft und seine schwäbischen Landsleute in ihrer Lebens- und Arbeitswelt genau beobachtet und anschließend mit meisterlich geführtem Bleistift oder Pinsel für die Nachwelt in unzähligen Skizzen und Gemälden festgehalten. Anhand von etwa neunzig Reproduktionen aus dem Stefan-Jäger-Archiv von Dr. Peter Fraunhoffer veranschaulichte der Vortragende die Themenwahl des Malers und die Vielfalt der künstlerischen Motive. Sei es die Banater Heide, die Dorfstraße und die Kirche, der Bauernhof und die gute Stube, seien es die landwirtschaftlichen Arbeiten, die Sitten, Bräuche und Feste der Menschen und ihre Trachten, die spielenden Kinder oder die Jugendlichen beim Tanz – Jäger habe, so Koch, alle relevanten Aspekte des gesellschaftlichen Lebens der Banater Schwaben und ihr natürliches Umfeld auf Papier oder Leinwand verewigt und damit der Nachwelt erhalten.

Nikolaus Horn (Ingolstadt) widmete sich in seiner Bildpräsentation mit dem Titel „Geliebt, behütet, frei, glücklich. Kinder in der Malerei Stefan Jägers“ einem ausgewählten thematischen Bereich aus dem Schaffen des Künstlers. Das Kind diene „sowohl als selbständiger, bildwürdiger Gegenstand wie auch als künstlerisches Motiv zur Ergänzung der Bildaussage“, schickte der Referent voraus. Jäger stelle Kindergestalten in typischen Situationen dar, sowohl in Beziehung zu den Erwachsenen (im Elternhaus, bei den Großeltern, mit der Tauf-patin, bei Festen) als auch zu Gleichaltrigen (Geschwister oder Nachbarskinder). In letzterem Fall bevorzuge er das Gruppenbild mit drei Kindern, das im Bildaufbau und in der Haltung ein oft wiederkehrendes Schema erkennen lässt. Liebevoll gestaltete der Meister in unzähligen Bildern das bunte Treiben der Kinder beim Spiel. Deren Körperhaltung und Bewegung sowie das Zusammenspiel von Farbe, Licht und Schatten lassen die Welt des Kindes in ihrer Natürlichkeit und Sorglosigkeit erscheinen. Der Künstler stellt sie, ebenso wie die Welt der Erwachsenen, als eine heile, friedliche, idyllische Welt dar.

Die im Anschluss an das Symposium im Hildegardis-Saal eröffnete Ausstellung zeigt rund 120 Originalbilder und Skizzen, die ausschließlich aus Privatbesitz zur Verfügung gestellt wurden. Peter Krier dankte den über vierzig Leihgebern, denen diese ansehnliche, repräsentative Schau zu verdanken sei und wies daraufhin hin, dass jedes Bild seine eigene Geschichte und für den Besitzer einen besonderen Wert habe. Einige waren Hochzeits- oder Geburtstagsgeschenke, andere wiederum haben die Verbannungszeit im Baragan überstanden. Viele Jäger-Bilder sind mit ihren Besitzern den Weg aus dem Banat nach Deutschland gegangen, ob über die Grenze geschmuggelt oder legal ausgeführt, wovon der Dreieckstempel des Banater Museums auf der Rückseite zeugt. Hier werden sie wie ein Vermächtnis an die nächste Generation weitergegeben. Die Ausstellung ist bis zum 30. Mai täglich von 9 bis 17 Uhr geöffnet und kann nach Anmeldung bei der Hausverwaltung besichtigt werden (Peisserstr. 66, 85053 Ingolstadt, Telefon 0841 / 96435400).

Als Begleitbuch zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit rund 160 Reproduktionen (sämtliche in der Ausstellung gezeigten Bilder und Skizzen, dazu noch 45 Reproduktionen aus der Sammlung von Dr. Peter Fraunhoffer) sowie den Vorträgen des Symposiums. Der Katalog kann beim Heimattag zu Pfingsten in Ulm erworben oder beim Hilfswerk der Banater Schwaben unter der oben angegebenen Rufnummer zum Preis von 15 Euro (einschließlich Porto und Versand) bestellt werden.

Der Stefan Jäger gewidmete Tag fand einen würdigen Abschluss mit einer Gedenkveranstaltung am Denkmal im Hof des Senioren-zentrums. In einer kurzen An-sprache würdigte Peter-Dietmar Leber den Maler, der sich voll und ganz seiner Kunst und seinen Landsleuten hingegeben hat. Mit dem Symposium und der Aus-stellung sei man dem Menschen Stefan Jäger und der Einordnung seines Werkes einen Schritt nähergekommen. Umrahmt wurde die Feier vom Chor der Banater Seniorengemeinschaft unter der Leitung von Nikolaus Huss und von Nikolaus Kreidl an der Trompete.