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Banater Post

Je größer der Baum, desto stärker die Wurzel

In seinem neuen Buch zieht Ioan Holender Bilanz. Der langjährige Direktor der Wiener Staatsoper erinnert sich an seine musikalischen Erfolge ebenso wie an seine Kindheit und Jugend in Rumänien. Holender wurde am 18. Juli 1935 in Temeswar geboren. Das tägliche Leben im Umfeld mehrerer Sprachen und Kulturen war prägend für seine Entwicklung. Als er dreizehn Jahre alt war, wurde die Essig- und Marmeladenfabrik seines Vaters verstaatlicht, die Villa seines Groß-vaters mütterlicherseits enteignet. Dennoch glaubte Holender, wie damals viele seiner Altersgenossen im Alter zwischen sechzehn und zwanzig Jahren, an die Alternative des Sozialismus, begeisterte sich für den Aufbau einer neuen Welt. Als Sohn eines „Ausbeuters“ war ihm der Hochschulzugang eigentlich versperrt. Um dennoch einen Studienplatz zu bekommen, arbeitete Holender nach Abschluss der Technischen Mittelschule ein Jahr als Hilfsarbeiter in den Temeswarer Elektrizitätswerken bei der Straßenbahn. Am Polytechnischen Institut studierte er dann fünf Semester Maschinenbau, Fachrichtung Dampfmaschinen. Seine Leidenschaft galt aber damals schon der Oper. An der Temeswarer Studentenrevolte von 1956 nahm Holender aktiv teil. Bei der eindrucksvollen Versammlung von über zweitausend Studenten am 30. Oktober 1956 sprach er über die „Ursache der herrschenden vorrevolutionären Stimmung“ und verlangte die Veröffentlichung der studentischen Forderungen in der Presse. Wegen diesen „schwerwiegenden Abweichungen von der proletarischen Moral“ wurde Holender im Februar 1957 exmatrikuliert. Als deklarierter „Klassenfeind und Saboteur des Aufbaus der neuen sozialistischen Gesellschaft“ sah er für sich keine berufliche Zukunft mehr. Er durfte nicht studieren, nicht arbeiten, lediglich ein Halbtagsjob als Tennislehrer wurde ihm zugestanden. Dann tat sich plötzlich eine neue Möglichkeit auf: Auf dem Temeswarer Corso erfuhr Holender von der Ausreisemöglichkeit für Juden nach Israel. 1958, nach ihrer Freilassung aus einem Arbeitslager am Schwarzen Meer, verließen Großvater und Onkel zusammen mit der Mutter Rumänien Richtung Wien. Am 14. Januar 1959 stieg Ioan Holender mit seinem Vater „mit gebrochenem Herzen und zutiefst deprimiert“ in den Zug. „Die Ausreise war meine Rettung, doch fühlte ich, dass meine Wurzeln abgeschnitten wurden.“ Holender landete „als ein gestrandeter, seiner Umgebung entrissener und an der Erreichung seiner beruflichen Ziele gewaltsam verhinderter junger Mensch am Wiener Westbahnhof“.

Bevor er ein Gesangsstudium am Konservatorium aufnehmen konnte, arbeitete Holender als technischer Zeichner in einer Drahtfabrik, als Statist, Regieassistent und Regisseur. Von 1962 bis 1966 war er als Opernbariton und Konzertsänger tätig. Höhepunkt seiner Karriere als Bariton war der Gastauftritt 1966 an der Temeswarer Oper. Sieben Jahre nach seiner Ausreise eine emotional überwältigende Erfahrung: „Nur wer längere Zeit in seinem Geburtsland lebte, bevor er es verließ, um dann irgendwann zurückzukommen, kann nachvollziehen, kann verstehen, was ich bei meiner ersten Rückkehr in meine Heimatstadt empfunden habe.“ 1967 wechselte Holender die Seiten: Er trat in die Theateragentur Starka ein und machte aus der traditionellen Schauspieleragentur die größte Künstler- und Sängeragentur Österreichs. 1988 wurde er zum Generalsekretär in der Direktion der Wiener Staatsoper berufen. Von 1992 bis 2010 schließlich leitete der „hergelaufene Rumäne“ die Staatsoper als deren Direktor, so lange und so erfolgreich wie kein anderer vor ihm. Holender zeichnet in seinen Erinnerungen auch spannende Porträts von Persönlichkeiten wie Carlos Kleiber, Riccardo Muti, Plácido Domingo und Anna Netrebko. Die Geschehnisse hinter den Kulissen der Oper beschreibt er in erfrischender Offenheit. Dieses Buch ist nicht nur für jene eine unterhaltsame Lektüre, die verstehen wollen, wie der Opernbetrieb funktioniert.

Ioan Holender ist ein Musterbeispiel transkultureller Identität. Neben seiner im Jahr 2001 im Wiener Böhlau-Verlag erschienenen Autobiographie „Von Temesvar nach Wien – Der Lebensweg des Wiener Staatsoperndirektors“, in der seine Kindheits- und Jugendjahre noch breiteren Raum einnehmen, belegt auch das neue Buch Holenders Bekenntnis zu seinen rumänischen, jüdischen und ungarischen Wurzeln. Aber „die prägende und wichtigste Identität, die geblieben ist und alles überlebt hat, ist die rumänische Identität. Sie ist bis heute für mich bestimmend“. Ioan Holender ist Ehrenbürger seiner Heimatstadt. 2011 wurde er zum Botschafter Temeswars für die Unterstützung der Kandidatur der Stadt als Europäische Kulturhauptstadt ernannt.

Ioan Holender: Spuse, traite, dorite. Amintiri [Gesagtes, Erlebtes, Ersehntes. Erinnerungen]. Iasi: Verlag der Universität »Alexandru Ioan Cuza« 2011. 288 Seiten. ISBN 978-973-640-653-9. Zu beziehen über den rumänischen Buchhandel, z. B. beim Erasmus-Büchercafé buechercafe.ro).